Lieber Luther

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Samstag, 16. Januar 2016

Nichtsoweiter, Ohrenbläser

Lieber Luther,

Die (falschen) Worte des Ohrenbläsers, der Spruch für den gestrigen Tag, ist mir, wie eigentlich immer, gestern im Leben begegnet. Ich habe einen Text gelesen, einen Vorstellungstext und gedacht: Den kennst du doch. Eine Passage ist mir darin damals schon aufgefallen, weil sie offensichtlich geflunkert war, und nun stand sie schon wieder da.

Nachgeschaut, und tatsächlich, ich bin fündig geworden, ein Griff und ich hatte das Heftchen zur Hand. 2008 geschrieben. Der beinah identische Text, Alter, Frau und Ort ausgewechselt, eiliges Leben, und fertig ist die Laube.

Alte vergilbte Tapeten für neue zu verkaufen, in der Hoffnung oder sogar Erwartung, dass es keiner merkt - wer hat schon so ein langes Gedächtnis - mag arbeitsökonomisch sein, ist aber dennoch Unrecht an den Menschen, an die sie gerichtet sind, sie denken und erwarten, das Gesagte komme aus ehrlichem Herzen und entspreche der Wahrheit und es ist doch nichts als Betrug.

Wer die Sprüche in der Bibel liest, liest viel über wahre und falsche Lippen, über Aufrichtigkeit, die von Herzen kommt und Falschheit. Ein ehrliches, reines Herz belügt die Mitmenschen nicht. Vor Gott, das ist die Botschaft, besteht kein falscher Ohrenbläser, dessen Zunge sich windet wie eine falsche Schlange, damit sie verbirgt, was er wirklich denkt. Es ist Respekt- und Lieblosigkeit dem Mitmenschen gegenüber, ihn unehrlich zu behandeln. Ehrlichkeit heißt nicht, der Katze um den Bart zu gehen, sie heißt auch nicht, das falsche oder ehrliche Herz auf der Zunge tragen. In den Sprüchen ist ein differenzierteres Bild zu finden (nur Sprüche 16-19 im folgenden):

Wer Böses für Gutes vergilt,
von dessen Hause wird das Böse
nicht weichen (Sprüche 17,13)

Will heißen, wem Vertrauen, Offenheit, ehrliche Freude und Zutrauen entgegengebracht wird, und er "belohnt" dieses ehrliche Entgegenkommen mit einer aufgewärmten Botschaft, die schon an andere Menschen gerichtet wurden, der vergilt Gutes mit falschen Lippen:

Der Könige Gräuel ist, Gesetzlosigkeit tun;
Denn durch Gerechtigkeit steht ein Thron fest.
Der Könige Wohlgefallen sind gerechte Lippen;
Und wer Aufrichtiges redet, den liebt er (Sprüche 16, 12-13)
Ein Lügner gibt Gehör der Zunge des Verderbens (Sprüche 17,4)
Wer verkehrten Herzens ist,
wird das Gute nicht finden;
und wer sich mit seiner Zunge windet,
wird ins Unglück fallen (Sprüche 17,20)
Der Mund des Toren wird ihm zum Untergang,
und seine Lippen sind der Fallstrick seiner Seele (Sprüche 18,7)
Besser ein Armer, der in seiner Vollkommenheit wandelt,
als wer verkehrter Lippen und dabei ein Tor ist (Sprüche 19,1)
Ein falscher Zeuge wird nicht schuldlos gehalten werden;
Und wer Lügen ausspricht, wird nicht entrinnen (Sprüche 19, 5),
oder umkommen (Sprüche 19, 9)
Alle Brüder des Armen hassen ihn; wieviel mehr entfernen sich von ihm seine Freunde!
Er jagt Worten nach, die nichts sind (Sprüche 19,7)
Auch wer sich lässig zeigt in seiner Arbeit,
ist ein Bruder des Verderbers (Sprüche 18,8)
Faulheit versenkt in tiefen Schlaf, und eine lässige Seele wird verhungern (Sprüche 19, 15)
Höre auf Rat und nimm Unterweisung an, damit du weise seiest in der Zukunft. (Sprüche 19, 20)
Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge,
und wer sie liebt, wird ihre Frucht essen (Spr 18,21)

Hohe Zeit aufzuwachen!

Ist es verwunderlich, dass so sehr auf ehrliches Reden Wert gelegt wird, bei einem Gott, der sich auf das Wort gründet, das gesprochene, erzählte, verkündete, geschriebene Wort? Ein Gott, dessen Kommunikationsmittel menschliche Sprache ist, muss Wert auf wahres Wort legen, was nicht heißt, dass es immer die gleichen Worte sind in Jahrtausenden. Es geht um das Wort, das aus dem Wort in uns spricht und verstanden wird.

Das, was einem in der Bibel heute begegnet, passt heute ins Leben. Das macht viele, nicht alle, Bibeltexte unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte und auch von Religion. Die Bibel ist ein Weisheitsbuch vom Glauben. Die Weisheit Salomons ist nicht umsonst sprichwörtlich. Sie verweist mitten ins Leben und mitten in unser Scheitern. Auch heute noch.

Und noch ein weiser Spruch ist mir heute begegnet in einem Buch, das die „Neugeburt“ des Heiligen Benedikts beschreibt:

„Kehrtwendungen um 180° sind oft nur eine Illusion, denn unsere Gefühle und unser Verhalten müssen damit Schritt halten. Benedikts Verhalten gleicht einer Flucht. Wovor? Vor den Menschen, aber auch vor der eigenen Geschichte“*

Ein Übergehen und Weiterso bringt einem immer weiter vom rechten Weg ab.

Deshalb: Nichtweiterso!

Ein Verweis dringt bei einem Verständigen tiefer ein, als hundert Schläge bei einem Toren (Spr 17,10).

Herzliche Grüße
Deborrah

*) in: Gabriele Ziegler: Die Wüstenmütter. Weise Frauen des frühen Christentums. Camino. 2015

Montag, 26. Oktober 2015

Bibel - das offenbarte Wort Gottes?

Lieber Luther,

ist das Neue Testament gefährlich, frauenfeindlich, antisemitisch und homophob? So einfach ist die Frage nicht zu beantworten, deshalb muss ich nochmals an meinen letzten Brief anknüpfen. Jeder Text, so auch die biblischen Texte, haben Verfasser, die mit dem Text etwas bewirken wollen. Sie sind in einer bestimmten Zeit und Kultur, mit individuellem Bildungshintergrund des Verfassers, entstanden. Das beeinflusst was und wie sie schreiben. Davon habe ich dir schon geschrieben. Bei der Bibel, Altem und Neuen Testament, handelt es sich um eine Vielzahl solcher Texte, zusammengefasst in „der“ Schrift. Beinhaltet die Schrift das offenbarte Wort Gottes? Damit möchte ich mich heute auseinandersetzen.

Die Bibel ist ein Konglomerat aus Schriftstücken, die über viele Jahrhunderte hinweg produziert worden sind. Die Bibel ist zur Bibel geworden, indem diese verschiedenen Schriftstücke wiederum über Jahrhunderte hinweg letzten Endes kanonisiert und in ein Buch zusammengefasst wurden. Das macht sie an sich noch nicht zu etwas Besonderem. Den Homer‘schen Göttergeschichten ist es ähnlich ergangen oder Grimms Märchen.

Die Bibel wurde erst zur Bibel, indem das, was in ihr steht, durch kirchliche Zuschreibung zum Wort Gottes gemacht wurde. Gott wird zum eigentlichen Autor der Bibel erklärt. Ihr wird dadurch ein Alleinstellungsmerkmal zuerkannt, hinter dem man Gott als unanfechtbare Autorität vermutet. In Wirklichkeit sind es aber kirchliche Amtsinhaber, die diese Texte als Gotteswort postulieren und damit ihre Autorität gleich mit unantastbar machen wollen. Aus vielen Schriften wurde „die“ Schrift, garniert mit „heilig“, was half, die Autorität dieser Schriften zu unterstreichen. In der Bibel ist in keinem Text von „heiliger“ Schrift zu lesen, nur von „Schrift“, womit immer ein ganz bestimmter Text gemeint ist. Von Kirchenpolitik im Sinne von Machtsicherung ist diese angeblich heilige Zuschreibung nicht zu trennen, genauso wenig die Behauptung, dass der Vorgang der Kanonisierung göttlich inspiriert sei.

An die Stelle der traditionellen prophetischen Auslegung des göttlichen Willens im Judentum tritt in christlicher Uminterpretation die Schrift als kodifizierter Wille Gottes. Aus durch Prophetenmund gesprochenem Wort wird eine kodifizierte Buchstabenfolge, über deren Auslegung und Stellenwert bis heute gestritten wird, trotz aller dogmatischer Setzungen, dass sich „die“ Schrift als in sich konsistent selbst auslege.

Um bei der Auslegung der Schrift das Feld nicht Hinz&Kunz zu überlassen, wurde in der frühen Kirche die Auslegungshoheit dem Papst zuerkannt. Luther tat sein Scherflein dazu, um den Wortsinn der jüdischen Texte des Alten Testamentes christologisch umzuinterpretieren. Einzelne Bibeltexte werden ins Feld geführt und mit der ihnen zugesprochenen Autorität der (Schein)Beweis geführt, dass die kirchliche Lehre in ihren dogmatischen Aussagen mit „der“ Schrift und damit dem Wort Gottes übereinstimmt. Dass es „die“ Schrift niemals gegeben hat, fällt unter den Tisch. Der Gesamtzusammenhang und historische Kontext der völlig verschiedenen Texte, die Intention der Schreiber, der Tenor der Glaubenserfahrungen wird der Rechtfertigung der kirchlichen Dogmen geopfert. Theologisch angeleitete Bibelexegese, universal behauptete Verbalinspiration direkt von Gott, stellvertretend für den Rest der Menschheit empfangen.

Ist das von Gott gewollt, dass ich meine Beziehung zu Gott von der herrschenden Lehre bestimmen lasse oder ist es von ihm gewollt, dass ich diese durchschaue? Wieso sollte die kirchliche Position richtig und meine falsch sein? Mit welchem Recht setzt die Kirche mich vor Gott ins Unrecht und sich ins Recht? Kirchenrecht ist nicht Gottes Recht.

Die Bibeltexte insbesondere des Neuen Testaments wurden prägend für das christliche Ethos, für die abendländische Kultur mit ihren Vorstellungen von Gütern, Pflichten und Tugenden. Die Auseinandersetzung zwischen rechter Lehre und Irrlehre vollzieht sich im dogmatisch geleiteten Irrlichtern zwischen der Lehre von der Bibel als Wort Gottes und den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, in deren Spiegel diese Position ad absurdum geführt ist.

Wenn ich mein Bibel- und Christenbild, das mir in Jahrzehnten eingetrichtert wurde, so in Trümmern liegen sehe, frage ich mich, was das in der Konsequenz für mich, meinen Glauben, mein Verständnis der Bibel heißt. Eigentlich ist das einfach: Die Schrift, besser die Schriften, als das nehmen, was sie sind: Als Texte, die von Menschen für Menschen geschrieben wurden, um ihre Glaubenserfahrungen zu bezeugen und Zeugnis abzulegen von dem EINEN Gott. Die Autoren haben ihr jeweiliges Verständnis aufgeschrieben, um die Nachwelt zum Glauben an diesen Gott zu bringen, vor dem Hintergrund ihrer sozialen, kulturellen und politischen Lebenswelt. Es sind Zeugnisse dessen, wie Gott im Leben, in vielen unterschiedlichen Leben, über Jahrtausende, zu erfahren ist. Sie berichten von dem was bleibt, wenn der Mensch, der in seiner Lebenswelt verhaftet ist, geht. Ohne diese Zeugnisse weiß Mensch das nicht, hat nicht das Wissen oder die Erfahrung von diesem Gott, keine Chance sich bei diesem Gott zu bergen.

Zum Verständnis der Schriften braucht man Religion und Kirchen nicht, im Gegenteil, sie behindern und hemmen einen im Glauben, nehmen die eigene Offenheit den Texten, der schon einmal erlebten Glaubenserfahrung gegenüber und begrenzen einen auf die dogmatische Brille, verführen einen, unreflektiert nachzuplappern und die Dogmen nicht zu hinterfragen. Nur, dass man in dem Fall nicht Gott und Jesus folgt, sondern den Kirchenoberen. Es ist wie bei dem Rattenfänger von Hameln. Die Hidden Agenda wird nicht offengelegt, sondern einem von Kanzel, Ritus und Liturgie untergejubelt. Man wird, um es direkt auszudrücken, manipuliert. Man hinterfragt nicht mehr oder nicht mehr viel, da als Wahrheit von Kindesbeinen an vermittelt wird, was nichts als subjektive Setzungen, als dogmengetriebene Auslegungen der Schrift durch die Institution Kirche sind. Wenn man diese Brille absetzt, ist es wie eine Befreiung von einem Korsett, dann versteht man, was es heißt, wenn Jesus sagt: Mein Joch ist leicht. Die eigentliche Herausforderung beim Lesen der Schriften ist, die eigenen Scheuklappen, die einem aufgesetzt wurden, die Seh-, Denk-, Lese- und Handlungsverbote, zu überwinden.

Der Mensch vermag noch nicht einmal „das“ wahre Wort unter allen Menschen zu erkennen, schon gar nicht „das“ wahre Wort Gottes. Auch kein Verschriftlichtes. Jede Wahrheit auf Erden ist menschlich eingeschränkt und hält nur solange, bis jemand diese Wahrheit durch eine andere vermeintliche Wahrheit ersetzt und andere davon überzeugen kann. Unsere Wahrheiten sind zeitlich und sozial begrenzt und sind keine objektiven Wahrheiten, das heißt Wahrheiten, die alle Zeit, alle Kulturen, alle Menschen, alles Sein überdauern. Reine Wahrheit ist allein bei Gott und wir werden sie eines Tages erfahren. Menschen zu Göttern zu machen, ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk. Wenn sich Menschen anmaßen, für Gott für andere Menschen zu entscheiden, erheben sie sich über Gott. Wenn sie aus Jesus etwas machen, was er selbst nie so gesehen hat, dann erheben sie sich über Gott. Wenn sie aus der Schrift das in Text gemeißelte Wort Gottes machen, erheben sie sich über Gott. Gott und sein Wort steht den Menschen nicht zur Disposition und nicht in ihrer Definitionshoheit.

Hat man sich erst einmal vom Kirchen-, Dogmen-, Religionsjoch befreit, ist man frei für seine Beziehung zu Gott. Uneingeschränkt kann man die Bibel- und andere Texte lesen und verstehen, was im eigenen Lebenskontext und –zusammenhang zu verstehen an der Reihe ist. Es gibt darin kein objektives Richtig und Falsch. Alles Lesen ist subjektiv und vom jeweiligen subjektiven Augenblick geprägt. In den Texten, die von Gott zeugen, scheint die Vieldimensionalität Gottes in unser eindimensionales Menschschein. Wie oft man die Bibeltexte auch liest, jedes Mal liest man sie anders, weil sich im Menschsein kein Augenblick wiederholt. Gott erschließt sich im Gesamtkontext dieser Texte im Lichte des eigenen Lebenskontexts, in der eigenen Glaubenserfahrung vor dem Hintergrund der Gesamtglaubenserfahrung. Das Zutrauen, Gott selbst in der Bibel zu erfahren, im Gesamtkontext ihn selbst zu finden, ist uns in zwei Jahrtausenden von den Kirchen genommen worden. Die Definitionsmachtanmaßung der Kirchen hat zur Entmündigung der Gläubigen geführt, aus der sie sich wieder Stück für Stück entwinden müssen. Das braucht seine Zeit. Die Entwicklung ist in vollem Gang.

Nun lieber Luther, beinhalten die Bibeltexte nun „das“ offenbarte Wort Gottes, das Gott den Schreibern in die Feder diktiert hat? Nein, „das“ Wort Gottes kennt nur Gott. Wir hören nur das Echo, das es in uns auslöst. Wenn es Stellen in der Bibel gibt, die gefährlich, frauenfeindlich, brutal, homophob sind, dann zeugen sie vom Verfasser, nicht von Gott. Aber nicht nur, auch vom Leser, der dies so wahrnimmt. Davon nächstes Mal mehr.

Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 8. August 2015

Unfrieden - Jesus weint

Lieber Luther,
der Predigttext für diesen Sonntag (Lk 19, 41-48) macht mich betroffen und ich weiß nicht wirklich wieso. Weil Jesus um uns weint? Weil er mit der Bitte angegangen wird, seine Jünger zu strafen? Zu strafen, weil sie ihm bei seinem Einzug in Jerusalem zujubelten? Zu strafen, weil sie sagen: Gelobt sei, der da kommt In Gottes Namen. Friede sei im Himmel und auf Erden!
Jesus weint um die Fragesteller. Um alle, die nicht im Namen des Herrn zu ihm kommen. Um alle, die nicht erkennen, was den Frieden bringt. Um alle, die nicht erkennen, dass Frieden nicht kommt, solange der Mensch sich auf andere Menschen verlässt. Er weint um diejenigen, die den Frieden unter sich suchen, der Utopie nachrennen, es könne jemals Friede werden unter Menschen ohne Gott, ohne Gottes Frieden.  Er weint um die, die nicht erkennen, dass er die Botschaft ist, die Verkörperung dessen, was Frieden bringt. Dass er zu uns kommt, wir selbst, jeder von uns, die Wohnstatt für seinen Frieden IST, er sich uns nähern will, uns im Blick hat, bei uns ist.
Statt den Blick nauf unser Inneres und Äußeres zu richten, richten wir ihn auf den anderen, zeigen mit dem Finger auf ihn: Strafe ihn, er folgt nicht dem, was ich sage, nicht unserer Botschaft, nicht unserer Lehre, nicht unserer Religion, nicht unserer Theologie. Er ist der Grund für den Unfrieden, nicht ich selbst.
Wenn du doch an diesem Tag, zu dieser DEINER Zeit, heute, jetzt, erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! entgegnet Jesus den sich beklagenden Pharisäern und Schriftgelehrten. Was zum Frieden dient, ist nicht in der Vergangenheit zu suchen und nicht in der Zukunft,  sondern im Jetzt, zu DEINER Zeit, zu DIESER Zeit. Jesus bringt jedem einzelnen die Möglichkeit des Friedens. Sie will nur ergriffen sein. Wenn du die Augen nicht aufmachst, nicht siehst, worin die Botschaft vom Frieden besteht, sie bei anderen suchst, anstatt bei dir selbst, ist es eine verpasste Chance auf Frieden. Für deinen Frieden bist du alleine verantwortlich, er ist in dir zu suchen, weil Gottes Frieden in dir wohnt, wenn du ihn durchdringen lässt.
Denn: Es werden Feinde, Bedränger, Anfechter, Vertreiber kommen oder sind schon da, die dich umringen, dein Sein umfassen, dich bedrohen, dich zu Fall bringen. Selig ist der Mensch, der weiß an welcher Stelle die Räuber eindringen werden, damit er vorsorgen kann, aufstehen, sich sammeln, sich vorbereiten kann auf den Augenblick, wenn sie vor einem stehen, damit sie keine Chance haben, einen zu überwältigen (NHC II, 2, 103). Wer sich nicht wappnet, ist seinen Bedrängern wehrlos ausgeliefert. Wenn ihr mich, meine Botschaft, mein Wort hört, ihm folgt, seid ihr gewappnet, sagt Jesus. Mehr braucht ihr nicht. Warum seht ihr das nicht? Warum setzt ihr euch freiwillig schutzlos euren Feinden aus? Ich würde euch so gerne schützend umarmen.
Jesus weint um uns, weil wir unserer Blindheit mehr vertrauen als seinem Wort. Seine Liebe, seine Zuwendung nicht annehmen. Er weint, weil unsere Herzen erblindet sind.  Öffnet Augen und Herz sagt er: Ich stehe in der Mitte der Welt, erscheine euch in euch. Ihr seid jedoch alle berauscht. Von euch selbst, von den vermeintlichen Reichtümern der Welt, lasst euch kaufen und verführen. Niemand dürstet nach mir. Ich bin klares Wasser, das klare Wasser, das eure Augen zu klären vermag, wenn ihr mich nur an euch heranlassen würdet, wenn ihr zufrieden wärt mit meinem Wasser. Ihr wollt mehr und seid mit weniger zufrieden.
Jesus sagt: Und meine Seele empfindet Schmerz über die Kinder der Menschen, weil sie blind sind in ihrem Herzen und nicht sehen; leer kamen sie in die Welt, suchen in der Welt und werden leer wieder aus der Welt gehen. Sie suchen, aber suchen das Falsche,  suchen nicht meinen Frieden, gehen wie berauscht, nicht klarer Sinne, wie nicht zurechnungsfähig durch die Welt. Wenn sie aber ihren Rausch überwunden haben, werden sie umdenken (NHC II, 2, 28).
All der Unfriede geschieht, sagt Jesus, weil ihr die Zeichen, die ich euch gegeben habe, nicht erkennen wollt, weil ihr euer wahres Zuhause nicht erkennen wollt, weil ihr das Wort, das ich zu euch gebracht und ausgelegt habe, nicht hören wollt, weil ihr euer Herz vor mir verschließt, anstatt es mir zu öffnen,  weil ich euch zwar suche, aber ihr vor mir das Weite sucht.
Lieber Luther, Jesus weint. Er weint um uns, um den Frieden in uns, auf den wir freiwillig verzichten. Öffnen wir unsere Herzen, wappnen wir uns mit dem Wort, damit in uns Friede werde. Jeder kann diesen Frieden finden, egal wie friedlos diese Welt ist. Der Friede in Gott ist unabhängig von dieser Welt. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
PS: NHC; Ursula Ulrike Kaiser/Hans-Gebhard Bethge (Hrsg): Nag Hammadi Deutsch, Studienausgabe. 3.Aufl, 2013. Die Stellen, auf die Bezug genommen sind, stammen aus dem Thomasevangelium.

Sonntag, 31. Mai 2015

Abnabelung

Lieber Luther,
nachdem ich dir über den heutigen Predigttext (Joh 3, 1-11), Jesu Belehrung des Nikodemus, schon zu Himmelfahrt geschrieben haben, finde ich Zeit, das Thema, das mich seit Wochen beschäftigt, weiter zu verfolgen. GEIST, WORT und PREDIGT, das ist die Trinität, über die heute, an Trinitatis, nachgedacht werden sollte, anstatt über Kirchenlehren, die von 3 Personen in einer Person fabulieren.
Nachdem ich mein Bibelleseprojekt abgeschlossen habe, erschließe ich nach und nach andere Schatzkästlein, apogryphe Texte. Und wie es so will kommt mir ein Text unter die Augen, der nahtlos an das anschließt, was ich dir letzte Woche geschrieben habe, es ist der "Brief des Jakobus" aus den Texten aus Nag Hammadi (NHC, 1, 2). Was dort steht, die Botschaft, wird wohl nicht in einen Blog passen. Es lohnt sich in jedem Fall. Es ist ein ganz erstaunlicher Text mit noch erstaunlicher Botschaft.
Zunächst eine Vorbemerkung. Der Text ist nur in einer Abschrift in einem koptischen Dialekt überliefert, mit einigen Lücken. Da ich nicht überraschend diesen Dialekt nicht spreche, stellt sich wieder einmal das Problem der Übersetzungen. Ich habe diesen Text nun in deutscher Übersetzung und 3 verschiedenen englischen gelesen, die deutsche Übersetzung in der Fassung von Hartenstein/Plisch. Es ist, um es vorwegzunehmen, die Schlechteste. Wieso? Die Autoren sagen es selbst: "Für Außenstehende – auch für uns heute – ist die EpJac dagegen oft nicht ohne weiteres verständlich" (Kaiser/Bethge 2013, S.11). Genauso ist übersetzt, ohne Sinn und Verstand oft Buchstaben aneinandergereiht. Ironischerweise – oder auch nicht – ist gerade das das Thema des Jakobusbriefes. Ich empfehle eine der Fassungen der englischen Übersetzung, ich bevorzuge diejenige von Meyer/Barnstone. In der deutschen Übersetzung wurde zudem der Fehler gemacht, in einer heutigen (!) Übersetzung, die von Luthers Übersetzung geprägte Bibelsprache nachahmen zu wollen. Das kann nur misslingen. Die ganze verfehlte Theologie des Tendenzbetriebs evangelische Kirche fließt in die Übersetzung mit ein, anstatt in der heutigen lebendigen Sprache zu übersetzen, was dasteht. Es wäre die Chance einer Korrektur gewesen, was die Bereitschaft voraussetzt, von Irrlehren abzurücken. Das fällt Theologen bekanntlich schwer, auch wenn sie sich dadurch ins Abseits stellen. Aber das nur am Rande, die Wissenschaftlerin geht wieder mit mir durch, weil diese Übersetzung ein einziges Ärgernis ist. Sie will in alt bekannter Manier vertuschen, Kirchenlehren transportieren, anstatt Wortverständnis wachsen lassen. Dass das fehlt, haben die Übersetzer selbst eingeräumt.
Wie schon angedeutet, geht es genau darum in diesem Jakobusbrief, um Geist, Wort, Predigt und geistgeleitete Eigenverantwortung für das Wort. Es ist, als würde uns dort der Spiegel vorgehalten. Deshalb passt dieser Text genau. Zufälle gibt es nicht. Worum geht es? Es ist notwendig, den Text im Zusammenhang zu lesen, nur dann versteht man ihn auch.
Es geht um eine Belehrung, die Jesus seinen noch verständigeren unter den unverständigen Jüngern – Jakobus und Petrus - zugemutet hat. Sie wollen ihre Verantwortung und Aufgabe nicht annehmen, verstehen weder Wort noch das Werk, das von ihnen erwartet wird. So wäscht Jesus ihnen unverblümt den Kopf und tritt sie, die sich sklavisch an ihn klammern, in den Hintern, damit sie endlich in die Gänge kommen, wollen sie das Himmelreich für sich und für andere gewinnen. Ihr seid Prediger, erinnert sie Jesus, redet endlich!
Die beiden Jünger sind jedoch auf einer ganz anderen Ebene unterwegs. Sie fragen ihn, Jesus ist schon gestorben und erscheint ihnen (NHC 1, 2; p.2, 7ff): Hast du uns verlassen und uns selbst überlassen? Nein, ich kehre dorthin zurück, von wo ich gekommen bin. Ihr könnt mit mir kommen, wenn ihr wollt. Die Jünger verstehen das falsch: Befehle es uns, dann folgen wir dir nach.
So geht das nicht, antwortet Jesus. Niemand gewinnt das Himmelreich, indem ich es befehle, sondern in dem ihr vollständig mit dem Geist des Vaters erfüllt seid. Wollt ihr nicht die Fülle haben? Eure Herzen sind trunken, vernebelt. Wollt ihr nicht klar sein, geklärt? Ihr solltet euch schämen. ERINNERT euch, ERINNERT euch von nun an, im Schlafen und Wachen, dass ihr den Menschensohn gesehen und ihm zugehört habt. Schande über euch, dass ihr den Menschensohn gesehen habt, dass ihr es nötig gehabt habt, um zu glauben, mich zu sehen. Segen wird auf denen sein, die glauben ohne dass sie den Menschensohn gesehen, mit ihm gewohnt, mit ihm gesprochen, ihn mit ihren eigenen Ohren gehört haben. Ihnen gehört das Leben.
Versteht, dass er euch geheilt hat, als ihr krank wart, damit IHR regieren möget, die Herrschaft des Geistes, des Vaters, antretet und vertretet auf Erden. Schande auf die, die von ihrer Krankheit genesen sind und sich deshalb befreit fühlen, sie werden wieder in Krankheit verfallen. Segen auf die, die nicht erst krank geworden sind, sondern die Befreiung kannten, bevor sie krank wurden. Ihnen gehört das Himmelreich.
Deshalb sage ich euch, füllt euch mit dem Heiligen Geist an bis an den Rand, lasst nicht auch nur den kleinsten Raum leer, er wird ansonsten gefüllt werden vom Bösen und ihr dient zur Belustigung des Bösen, werdet zum Spielball des Versuchers. Das ist es, was meint: Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde (Mt 5, 30; Mk 9, 43).
Was heißt es aber, sich anzufüllen mit der Fülle? Jesus versucht die Jünger verstehend zu machen. Etwas später sagt er (p.7): Ich habe zu euch in Gleichnissen gesprochen und ihr habt nicht verstanden. Jetzt rede ich zu euch offen und ihr versteht immer noch nicht. Ihr seid selbst eine Parabel als Rahmen für die Gleichnisse, an euch ist offenbart, wie die Sache des Glaubens steht. Nicht nur an meinem Wort, an den Gleichnissen, kann man lernen, auch an euch und eurem Nichtverstehen kann man lernen.
Seid begierig, gerettet zu werden, ohne dass ihr dazu durch Not und Leid gezwungen werdet. Tut es freiwillig, tut es immerzu. Seid SELBST stets eifrig im Glauben, überflügelt mich, wenn möglich. Dafür wird euch der Vater lieben.
Hasst Scheinheiligkeit, Heuchelei, vermeidet, dass das Böse, die Versuchung, euer Ego, in euch Raum bekommt. Es bringt die Scheinheiligkeit und die Heuchelei hervor. Heuchelei, Scheinheiligkeit und Wahrhaftigkeit schließen einander aus.
Lasst das Himmelreich in euch nicht verkümmern. Ihr lasst es wie einen Palmsprössling, nachdem er gekeimt, ausgetrieben, angefangen hat zu grünen, vertrocknen, so dass es nicht weiter wachsen kann. Macht es nicht zu einer Frucht, die sich nur aus einer Wurzel speist. Sie wird geerntet, wird von Hand zu Hand gereicht, schmeckt vielen, aber wie wächst das Himmelreich weiter?
Indem IHR euch füllt. Petrus entgegnet wie so oft auf falscher Spur: Drei mal hast du uns gesagt "seid gefüllt", aber wir SIND gefüllt. Er hat nicht verstanden, um was es Jesus geht. Er hat nicht verstanden, dass er eigentlich schon verstehen müsste, was ihm unverständlich ist, wenn er mit dem Geist angefüllt wäre. Deshalb versucht Jesus ein weiteres Mal, ihn verständig zu machen: Nimm es als Ratschlag, dass du immer darauf achtest, dass du immer bis an den Rand mit dem Geist gefüllt bist. Diejenigen, die das nicht sind, denen es an Geist mangelt, werden nicht gerettet. Wenn der Geist fehlt oder abnimmt, fehlt das Gute in euch. Umgekehrt ist es gut für euch, wenn es des Bösen, der Versuchung mangelt, und gut für euch, wenn ihr nicht erst mit dem Gut des Geistes gefüllt werden müsst. Sobald es eines An- und Auffüllens, eines Ausgießen des Geistes, bedarf, herrscht ein Mangel.
Bei jedem äußert sich der Geistmangel in anderer Weise. Aber der angefüllt wird mit Geist, auf den er ausgegossen wird, der wird es zu einem guten Ende bringen. Darum solltest du anstreben, dass es dir nur dann an Geist mangelt, wenn du DICH SELBST wieder anfüllen kannst, du selbst die sich auftuende Lücke schließen kannst, und angefüllt wirst, wenn es dir an dieser Fähigkeit mangelt, damit du lernst, dich mehr und mehr selbst anzufüllen, lernst, den Geist in dir lebendig zu halten, so dass sich kein Mangel mehr auftut, dass du nicht mehr auf mich angewiesen bist, dass ich dir das Wort erkläre und du mir nur zuhörst. Werde endlich selbständig im Glauben, im Aus- und Einfließenlassen des Geistes, im Hören des Wortes und im Predigen. Sei angefüllt mit dem Geist, aber meide die Vernunft, das Suchen nach Erklärungen. Denke nicht in Ursache und Wirkungen, denn das ist ein Ausdruck der Seele, die fleischgetrieben ist. Das IST Seele. Lass dich nicht von der fleischgetriebenen Seele auffüllen, sondern vom Geist, damit du selbst mit Geist füllen kannst, wo er fehlt. Emanzipiere dich endlich von mir.
Lieber Luther, man sieht Jesus förmlich, wie er seine lethargischen Nachfolger packen und aufrütteln will. Wacht endlich auf! Lebt GEIST, WORT, verständige PREDIGT. Jesus beklagt in diesem "Brief des Jakobus" (NHC 1,2) die Unverständigkeit derer, die als die Stütze seiner Lehre gedacht sind, ihr klammern an ihn als Person, ihre mangelnde Ausgerichtetheit und Geleitetheit von Wort und Geist, ihr Unverständnis des Wortes und Geistes an sich. Er fordert zur Selbständigkeit im Glauben auf, zur Unabhängigkeit von ihm selbst im Denken und im Verständnis. Der Jesus, der in diesem Brief zum Vorschein kommt, ist keiner, der sagt, alles hängt an mir, alles muss auf mich ausgerichtet sein, ihr müsst euch alle an mich hängen, damit ihr das Himmelreich gewinnen könnt. Ganz im Gegenteil. Er versucht seine beiden leitenden Jünger von sich abzunabeln, weil sie es selbst nicht tun, indem er ihnen ein paar unbequeme Wahrheiten ins Stammbuch schreibt. Wie spannend. Davon weiter im nächsten Brief.
Herzliche Grüße
Deborrah
Die deutsche Fassung des Textes stammt aus:Judith Hartenstein/Uwe-Karsten Plisch: Der Brief des Jakobus (NHC 1,2), in: Ursula Ulrike Kaiser/ Hans-Gebhard Bethge (Hrsg): Nag Hammadi Deutsch, Studienausgabe, 3. Auflage, Berlin 2013, S.10-17.

Montag, 25. Mai 2015

Heiliger Geist - Pfingsten

Lieber Luther,
heute ist Pfingsten, das Geistfest der Kirchen. Ich habe mich schon viele Male mit dem Geist beschäftigt. Das Wirken des Geistes Gottes ist ein zentrales Element unseres Gottesglaubens. Pfingsten ist eine Erinnerung daran. Pfingsten findet allerdings als sichtbares Ereignis nur in der Apostelgeschichte statt (Apg 2, 1-47), am 49. Tag nach Ostern, am Tag an dem die Juden Schwuot feiern, den Tag der Offenbarung der Tora an das Volk Israel. Es ist sozusagen ein zu einem christlichen Fest umgemodeltes jüdisches Fest. Anstatt Tora, betrachtet man die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel und Jünger als Initiation der Kirchengründung. Der vorhandene jüdische Feiertag wurde, wie so mancher heidnische, christlich uminterpretiert.
Bei Lukas öffnet Jesus den Jüngern am Ende das Verständnis, damit sie sein Wort und die Schrift in seinem Sinne verkünden konnten (Lk 24, 45-49): Ihr aber seid des alles Zeugen. Und siehe, ich will auf euch senden die Verheißung meines Vaters. Ihr aber sollt in der Stadt Jerusalem bleiben, bis ihr angetan werdet, mit der Kraft aus der Höhe. Der Heilige Geist, die Kraft aus der Höhe ist etwas, das noch kommt. Da in der Regel angenommen wird, dass der Verfasser der Apostelgeschichte der gleiche ist, wie derjenige, der das Lukasevangelium geschrieben hat, findet in der Apostelgeschichte eine Erklärung, was im Lukasevangelium mit offenen Ende stehen bleibt. Natürlich entstanden daraus Fragen: Was ist die "Kraft aus der Höhe" und vor allem: Wann kommt sie? Wie lange haben die Jünger in Jerusalem zu warten? Wie merken sie, dass die Kraft aus der Höhe kommt?
Auch im Johannesevangelium, dem heutigen Predigttext, wird ein direkter Bezug zwischen Wort, Predigt und Geist hergestellt: Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe (Joh 14, 26-27). Auch im Johannesevangelium bleibt offen, wann der Geist denn kommt.
Die Evangelien bei Matthäus und Markus enden mit der Aussendung der Jünger durch den Auferstandenen, um zu predigen und im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und alles zu lehren, was er ihnen gelehrt hat. Der Geist ist schon da, er braucht nicht mehr erst zu kommen. Er wird unterstellt. Aber auch hier wird ein Bezug zur Lehre hergestellt.
Geist und Lehre, Geist und Gottes Wort sind verknüpft. Nur wer den Geist hat, versteht und kann das wahre Wort Gottes lehren. Deshalb auch die eifrigen und eitlen Bemühungen desPaulus, sich und seine Lehre durch den Geist zu rechtfertigen. Paulus war ein Machtmensch, er wusste, worauf es ankommt. Nur der Geist kann die Legitimation bringen.
Das kirchliche Pfingstfest vermischt alle Theologien zu einem unklaren, ungeklärten Brei und ist deshalb auch den Gläubigen schwer zu erklären, wohl verstehen es viele Prediger selbst nicht, was die merkwürdige Kraftlosigkeit, ja Hilflosigkeit, vieler Pfingstpredigten erklärt. Was der Prediger nicht versteht, kann er dem Gläubigen auch nicht glaubwürdig und überzeugend vermitteln. Was meint nun der "Heilige Geist", die Kraft aus der Höhe?
Der Geist ist von Gott ausgeschüttet, schon vor allem menschlichen Anfang: Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der GEIST Gottes schwebte auf dem Wasser (1.Mose 1, 2). Die Schrift fängt mit dem Geist an, die erste Äußerung Gottes, die wir kennen, ist Geist, das Sein von Gottes Geist in der Leere, in der Finsternis, sein Schweben auf dem Wasser. Geist ist Gottesäußerung, Gotteswirken, Gottes-Sein, sein Schweben über den Dingen, Gottes Geist ausgegossen in den leeren, Menschensinn entleerten, nur seienden Himmel und Erde. Geist ist neben dem Wort die wesentliche Äußerung des schöpferischen Aktes Gottes, das, worin sich das Göttliche im Materiellen äußert und vom Materiellen unterscheidet.
Deshalb ist es auch nur logisch, dass Gott, als er den Menschen schafft, ihm seinen Atemhauch, seinen Geist, einhaucht, um ihn zu einem göttlichen Menschen zu machen, der ihn von einem mit Verstand versehenen Tier unterscheidet. Mit dem göttlichen Atemhauch, mit seinem Geist, fließt Göttlichkeit in den Menschen ein. Mit dem Verstand kommt aber auch der Eigenwille des Menschen, der ihn ablenkt von seiner Göttlichkeit, ihn seinen göttlichen Ursprung vergessen lässt. Ich habe dir, lieber Luther, davon erst kürzlich ausführlichst mehrfach im Zugemeiner Auseinandersetzung mit der Schöpfungsgeschichte geschrieben. Ich brauche das hier nicht alles wiederholen.
Es führt summa summarum dazu, dass sich der Mensch von Gott abwendet und den menschlichen Versuchungen nachgibt: Da sprach der HERR: Mein GEIST soll nicht immer in den Menschen streiten, da sie ja auch Fleisch sind (1.Mose 6, 3). Gott anerkennt, dass sein Geschöpf Mensch, solange es Fleisch ist, auch fleischlich getrieben ist. Es ist ein AUCH. Das heißt aber auch implizit, in den einen mag er streiten, in den anderen nicht. Das ist in der Schrift mannigfach verbrieft: Gott hat immer wieder Menschen erwählt, in denen sein Geist für ihn gestritten hat.
Von vielen Menschen ist in der alten Schrift berichtet, dass sie vom GEIST Gottes erfüllt wurden, Joseph etwa (1. Mose 41, 38-39): Pharao sprach: Wie könnten wir einen solchen Mann finden, in dem der GEIST Gottes sei? Weil dir Gott solches alles hat kundgetan, ist keiner so verständig und weise wie du. Das anerkennt einer, der andere Götter hat. Mit Gottes Geist ist immer Weisheit und wahres, gerechtes Wort verbunden, immer auch die Fähigkeit weiszusagen, das heißt mehr als andere in die Zukunft zu sehen, für die Wahrheit Gottes zu streiten. Das bringt unweigerlich mit sich, gegen die zu streiten, in denen der Geist von ihrer menschlich-fleischlichen Getriebenheit verschüttet ist. Den Geist in sich streiten lassen, heißt, sich vor dem Konflikt nicht scheuen. Geistgetriebene Menschen zeugen davon durch Jahrtausende. Geist äußert sich in wahrem Wort, Geist äußert sich in vor Gott rechtem Handeln, in von Gott gesegneten Taten, in der Wahrung seiner Wahrheit, was nicht menschlich getriebene Wahrheit sein muss.
Von den Richtern, von denen im Buch Richter berichtet wird, heißt es immer: "Da kam der GEIST des HERRN auf ihn" (z.B. Ri 3, 10; 6,34; 14, 6). Von David heißt es: Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der GEIST des HERRN geriet über David von dem Tage an und darüber hinaus (1. Sam 16, 13). Gottes Geist hat mit Erwählung zu tun. Alle, von denen berichtet wird, dass Gottes Geist über ihnen ist, sind von Gott "erweckt" worden, erwählt, sein Sprachrohr, sein Zungenschwert, seine Streitaxt im Wort und in der Tat zu sein. Sie waren immer unbeirrbar in ihrem geistgetriebenen Weg, wie sehr sie auch darunter litten. Wie sich das im Einzelnen äußerte, ist unterschiedlich: die einen waren Verkaufte, wie Joseph, andere Streiter wider Willen und doch demütig, wie Mose, Gottgeweihte wie Samuel, Normalbürger wie Hiob oder Jona, Aufsteiger wie David, der vom Hirten zum König wurde, Propheten wie Elia oder Jesaja, meistens alle an der Welt Leidende, wie bei Jeremia kaum erträglich gezeigt. Oder: Jesus.
Jesus lässt sich lückenlos hier einreihen. Jesus bringt aber etwas Neues: Jesus ist GEIST UND WORT, Jesus ist völliger Gottesmensch, das reine Ebenbild Gottes, er ist reine Schöpfung. Die Männer (und Frauen), die in der Alten Schrift den Geist Gottes in sich streiten fühlten, beackerten den Alltag, versuchten Gottes Geist in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld zu Gehör zu bringen. Sie waren Warner vor den Abwegen. Meistens vergebliche Warner.
Jesus ist Mittler zwischen dem nicht geistgetriebenen Menschen und Gott. Er bringt, was bisher nicht vorhanden war: Eine LEHRE von Gott, die in der Alten Schrift fußt, aber als Gotteslehre so nicht vorhanden war: alter Wein in neuen Schläuchen. Sein ganzes Sein war auf das Wort und die Bestätigung des Wortes durch Tat ausgerichtet, Geist getrieben streitend für Gott und sein Wort, völlig aufgehend in seinem Willen, nicht fleisch-, sondern geistgetrieben: Ich bin von oben, ihr aber seid von unten.
Das, was Mose gebracht hat, war keine Gotteslehre, es war eine Ordnung, auch eine soziale Ordnung, um die Menschen erst einmal hinter dem EINEN Gott zu sammeln und zu einer sozialen Gemeinschaft zu machen. Ohne diese Sammlung zu einem Volk Gottes wäre Jesus nicht denkbar. Sein ganzes Sein konnte nur sein nach dieser Sammlung hinter der mosaischen Ordnung, die Voraussetzung war für das, was durch Jesus folgte.
Es hat also, lieber Luther, mit dem Geist, dem manche an Pfingsten so ratlos gegenüber stehen, nichts Geheimnisvolles oder Unerklärliches auf sich. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Joh 1, 1). Das Wort, die Gotteslehre, wurde durch Jesus gebracht, das wahre, geistgetriebene Wort ist Gottes Wortäußerung, übersetzt von Menschen, die sein Wort durch seinen Geist hören. Wer den Geist hat, hört und versteht und diejenigen, lieber Luther, in denen Gottes Geist streitet, können nicht anders als für ihn streiten, wieviel Leid es ihnen auch einbringt. Du kannst ein Lied davon singen. Genau das ist, was in den Evangelien und in der Apostelgeschichte, in welcher Variante auch immer, beschrieben wird. GEIST, WORT und PREDIGT, geistgetriebene Predigt und geisterfülltes Hören, das ist, lieber Luther, Pfingsten.
Geistlgetriebenes Hören und Verstehen kann man nicht erzwingen, aber man kann etwas dafür tun. Die meisten Geistgetriebenen der Bibel hatten ein Vorleben, mit wenig oder ohne Geist. Aber irgendwann erfüllte sie Gottes Geist, sind sie wieder aufgewacht, wurden sie zu Hörenden und Verstehenden und für Gott Streitende. Das kann jedem passieren, wenn er dazu bereit ist. Dann wird die Verschleierung des fleischlich-menschlichen weggezogen und Gottes Geist wird sichtbar, wie er in uns schwebt und wirkt wie auf einem klaren Wasser. So öffne uns, lieber Luther, der Geist das Hören und das Verstehen des Wortes, er mache uns bereit, dafür zu streiten und wandle uns zu einem geistgeklärten Heilwasser.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 10. Mai 2015

Vaterunser (10) - Gottes Demokratie

Lieber Luther,
ein benediktinischer Pater hat einmal vor ein paar Jahren ganz abfällig zu mir gesagt: Das ist nichts, das ist Gefasel, das ist Larifari, ganz als sei es der letzte Dreck. Die Rede war von einem Kernbestandteil des Vaterunsers:
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen.
Dieser abfällige Ton hat mich getroffen, so, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Ich habe aber nicht gegengehalten, es einfach so stehen lassen. So will ich heute nachholen, was ich damals versäumt habe.
Das Vaterunser beginnt mit der Bitte: Dein Reich komme, dein Himmelreich komme. Es endet mit: Denn dein ist das Reich, der Anerkenntnis, dass das Reich, um das wir eingangs bitten, auch Gottes Reich ist. Bitternötig. Unser Alltag wird vom Reich des Verführers regiert. Gottes Reich, wer mag dafür Werbung machen? Anscheinend noch nicht einmal jeder Benediktiner. Scheint ein bisschen altmodisch, vom "Reich" zu sprechen. Klingt ein bisschen anstößig, erinnert irgendwie an das Tausendjährige Reich, klingt nach Herrschaft, nach Unterordnung, nach Bedrückung. Der moderne Mensch ist mehr für Demokratie, für Mitsprache, für Mitentscheidung, dafür, dass wir abwählen können, was uns nicht passt. Jedenfalls in der Theorie. Gottes Reich wird gern als Despotie empfunden oder abgelehnt. Unter dieses Joch wollen wir uns nicht begeben. Soweit der neuzeitlich aufgeklärte Mensch. Doch sieht er bei aller Aufklärung auch klar? Gottes Reich ist ein Reich, das er wählen kann oder auch nicht. Gott, lässt uns die Wahl, er stellt sich zur Wahl.
Rückblende. Sein Volk hat Gott als ein brüderliches Volk geschaffen. Die Menschenhändel können Menschen mit weisen Richtern schlichten, das ist Menschensache, nicht Gottessache. Diesen göttlichen Gesellschaftsentwurf der Mitmenschlichkeit unter Brüdern hat der Mensch nicht angenommen. Er wollte einen König über sich gesetzt wissen, freiwillig schuf er ein Oben und Unten. Saul wurde zum ersten irdischen König in Gottes Volk, auch zum ersten König in Gottes Volk, der scheiterte. David rückte an seine Position, nach vielen Machtkämpfen. Mit der neu geschaffenen Position des Königs hielt der irdene Machtkampf Einzug in Gottes Volk, der Kampf um die Krone.
Das sind die Kategorien, in denen Mensch denkt. Macht, Herrschaft, deren Durchsetzung mit Waffengewalt, inklusive Definitionshoheit dessen, was zu Recht und Gesetz deklariert wird und von denen, die unter dieser Herrschaft stehen, unter Androhung von Strafe, anerkannt werden muss. So funktioniert menschliche Macht und Herrschaft in den verschiedenen menschlich geschaffenen Reichen. So hat Mensch dies von Gott herbeigebettelt und selbst ins Werk gesetzt. Gott, denkt Mensch, muss auch so funktionieren.
Kronen, die vom Kopf fallen können: Wer hätte gedacht, dass das prächtige Tyrus je fallen könnte (Jes 23, 8). Sage dem König und der Königin: Setzt euch herunter, den die Krone der Herrlichkeit ist euch von eurem Haupt gefallen (Jer 13, 18).
Die Krone der Herrlichkeit. Sie kann sichtbar sein oder auch nicht. Auch unsichtbare Kronen können vom Kopf fallen: Er hat meine Ehre mir ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen (Hiob 19, 9). Hiob kennt das Davor und das Danach, welchen Unterschied es macht, sie auf dem Kopf zu haben oder nicht. Nur Demut führt zur Krone der Herrlichkeit.
David, der Geliebte, der Gottesknecht, begreift das (1.Chr 29, 11-16):
Gelobt seist du, HERR, Gott Israels, unseres Vaters, ewiglich. Dir, HERR, gebührt die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Dank. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht über alles zum Obersten. Reichtum und Ehre ist vor dir; Du herrscht über alles; in deiner Hand steht Kraft und Macht; in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen. Nun, unser Gott, wir danken dir und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit. Was bin ich? Was ist mein Volk? Was vermögen wir aus uns selbst heraus?
Jesus war in diesem Gottverständnis gegründet. Deshalb bildet es den Rahmen des Vaterunsers: Denn dein ist das Reich, die Kraft, die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Ich, mein Vermögen, ist gering vor dir, Gott. Verglichen mit deiner Herrlichkeit bin ich nur ein Bettler. David, der Hirte, der zum König wurde, wurde nur zum auch von Gott gesalbten König, weil er Gott gegenüber demütig war, sich nicht von seinem weltlichen Reichtum und seiner weltlichen Macht korrumpieren ließ – bis auf einmal, als er seine Macht ausspielte, aus irdischem Begehren einen Mord beging, und dies dann auch bitter bezahlen musste. Jesus wurde zum alle überragenden von Gott gesalbten König, weil er sich nie von der Welt korrumpieren ließ, was immer sie ihm antun wollten, andichten wollen. So spricht der Herr HERR: Tue weg den Hut und hebe ab die Krone! Denn es wird weder Hut noch die Krone bleiben; sondern der sich erhöht hat, der soll erniedrigt werden, und der sich erniedrigt hat, soll erhöht werden (Hes 21, 31).
Gottes Reich ist ein Wortreich. Es besteht nicht aus Macht und Herrschaft wie menschliche Reiche. Und wenn wir Gottes Reich so denken, ist das die Projektion der Funktionsweise menschlicher Reiche auf Gott, auf das Himmelreich. Wenn wir Gott als einen Despoten denken, der seinen Willen mit aller physischen Gewalt und seiner Allmacht durchsetzen will, projizieren wir menschliche Herrschaftsformen in all ihrer Menschenverachtung auf Gott. Wir denken uns Gott bösartig, herrschsüchtig, selbstsüchtig. Wir haben nicht kapiert, dass – wie in vielen Vaterunser-Folgen dargelegt – das Göttliche nur im Menschen zum Durchbruch kommen kann. Gott lässt den menschlichen Willen gewähren, wie lange es auch dauern mag, den menschlichen Willen mit dem göttlichen in Einklang zu bringen, seine Schöpfung heim zu führen in sein gelobtes Land, in das Paradies, in sein Himmelreich.
Gottes Reich funktioniert nicht nach Gewalt und Herrschaft, es beruht auf Freiwilligkeit, freiwilliger Umkehr, freiwilliger Reue, auf Gewaltverzicht und Brüderlichkeit. Es ist das Gegenteil von Despotie, es beruht auf Langmütigkeit und ewiger Bereitschaft zur Verzeihung, auf Friede zwischen Mensch und Gott. Das ist der göttliche Entwurf seines Reiches, seines Friedensreiches. Seine Macht ist die Macht, warten zu können, bis der letzte, der umkehren will, zu ihm in innerem und äußerem Frieden umgekehrt ist. Er wartet, auf den der umkehren will. Wer nicht umkehren will, den lässt er, lässt ihm seinen Willen und lässt ihn dann, seiner Wahl folgend, auch im Tod sterben. Er lässt ihn in die Grube fallen, wie es sein expliziter Wille ist. Leben nach dem Tod ohne Gottes Atemhauch und ohne menschlichen Willen gibt es nicht.
Gott schuf die Menschen als göttliche Menschen, er gab ihnen seinen Atemhauch, so dass sie ihn als Gott in seiner Kraft und Herrlichkeit erkennen können. Er gab den Menschen einen eigenen Willen, den er sie leben lässt, auch wenn sie sich anstatt für das Leben, freiwillig für das Sterben entscheiden. Zwischen der Masse der Unverständigen findet er genug Verständige, durch die er sprechen kann und durch die er Menschen, die das wollen, zu ihm sammeln kann.
Jakob Israel steht für sein Volk an sich, dafür, dass es Erben gibt, Mose für deren Aufbruch und den langen Weg der Gott untreu seienden Erben zurück in das verheißene Land, ins Paradies, ins Himmelreich. David steht für dieses Reich. An ihm ist gezeigt, wie der Weg über die Weide zur Krone zu gewinnen ist. Jesus steht für Gottes Wort, unkorrumpierte Nachfolge und Demut, reine Sohnschaft, Jesus ist DER Gottessohn, DAS Gotteskind, derjenige, in dem sich Gott unverfälscht spiegelt, in dem er in Klarheit und Wahrheit spricht und handelt. Deshalb spricht Jesus von sich auch immer als "Menschensohn". Wie Jesus sieht ein Gotteskind als Mensch aus, Gott als reines wahres Ebenbild im Menschen. Uns zum Vorbild und zur Nachfolge, um auch uns zur reinen freiwilligen absoluten Kindschaft zu bringen, bis hin und durch die letzte Klärung hindurch, ob wir dem Willen Gottes folgen wollen oder nicht. Auch die letzte Klärung beruht auf dem freien Willen, auf der freien Entscheidung, ob man sich für Gott und das Leben, oder gegen Gott und den Tod entscheiden will. Es ist in den Willen des Menschen gelegt, Gott nachzufolgen. Gottes Wille zur Verzeihung und seine Freude über jeden Umkehrer ist bis zuletzt sicher. An was es mangelt, ist der menschliche Wille, am beidseitigem gleichgerichteten Willen.
Deshalb ist auch die Vorstellung, lieber Luther, Gott sitze auf einem Thron, völlig abwegig. In der Offenbarung und auch im Alten Testament ist immer nur vom "Stuhl" die Rede. Die Krone tragen andere: Und um den Stuhl waren vierundzwanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen (Offenb 4, 4). Es sind Kronen der Herrlichkeit Gottes, derjenigen, die sie gewonnen haben. Der Gott folgende Mensch ist die Krone Gottes. Die Krone gewinnen heißt, eins mit dem göttlichen Willen zu werden, ganz in Gott aufzugehen: Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Hut in der Hand deines Gottes (Jes 62, 3). Du wirst zur Zier für Gott: Schaut her, mit diesem Menschen kann ich mich schmücken, er ist eine Zier in meinem Himmelreich. Die Krone gewinnen heißt, Anteil am Reich Gottes zu haben.
Wir beten, lieber Luther, dein Reich komme, dein Wille geschehe, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, damit Gottes Wille zu unserem Willen werde, damit Gottes Reich auf Erden werden kann, damit wir Anteil an Gottes Reich und Herrlichkeit in Ewigkeit gewinnen. Allein darum geht es Gott, und damit Jesus, und damit sollte es auch uns alleine darum gehen. Das Vaterunser ist die Bitte, trägt die Hoffnung, auch wir mögen in diese göttliche Reinheit und Wahrheit eines Morgens finden, und sei es in der Ewigkeit. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 26. April 2015

Vaterunser (8) - Versuchungen

Lieber Luther,
… und führe uns nicht in Versuchung. Wie oft habe ich schon gehört, Jesus versucht nicht, das wollen wir von unserem guten Jesus nicht hören und nicht sehen. Er will nur das Beste von uns. Stimmt. Deshalb steht es auch im Vaterunser:
Und führe uns nicht in Versuchung.
Korrekt übersetzt heißt es: Und führe uns nicht in die Prüfung. Was meint das?
Das Vaterunser fasst unsere Beziehung zu Gott, deren Anfang und Ende zusammen. Mit dem Anfang, mit adama, habe ich mich schon ausführlich auseinandergesetzt. Was aber mit dem Ende? Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte. Vom Ersten kommen wir, zum Letzten streben wir:
Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der die Tür öffnet und schließt: Ich kenne deine Werke. Ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand schließen kann. Du hast eine kleine Kraft und in dieser mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. Weil du das WORT bewahrt hast, in ihm ausgeharrt hast, werde auch ich dich vor der Prüfung bewahren, die über mein ganzes Volk kommen wird, wenn die Zeit da sein wird, um all diejenigen zu prüfen, die sich bei mir eingemietet haben. Bewahre die Treue zu mir, die du hast, damit dir niemand deinen Sieg über das Böse nehme. Wer die Versuchung überwindet, den werde ich im Hause meines Gottes zu einer Säule machen und er wird nie mehr hinausgehen. Wer ein Ohr hat, der höre (Offenb 3, 7-13).
Diese Bibelstelle entschlüsselt, was mit "und führe uns nicht in Versuchung" gemeint ist. Wenn wir beten, "und führe uns nicht in Versuchung", ist es eine Bitte, dass wir zu denen gehören, denen die Tür (zum Schafstall) geöffnet ist, dass wir zu denen gehören, an denen Gottes Prüfung vorbeigeht. Wie das geht, hat Jesus gezeigt, als er in der Wüste die Prüfung bestand. Sein ganzes Leben und auch sein grausames Sterben war eine einzige Prüfung, uns zur Anschauung, damit wir auch eine Chance haben, unsere eigene Prüfung zu bestehen. Er gibt uns Nachhilfeunterricht, in dem er als Paradebeispiel der Selbstprüfung vorangeht.
Das, was unter "Versuchung" gemeint ist, ist die versuchte Verführung durch uns selbst, die eigenen Götter, die wir über Gottes Wort stellen, unseren bösen Ego-Geister in uns, die allgegenwärtig sind und dauernd gehört werden wollen. Gemeint ist die Prüfung, wie weit wir ihnen widerstehen können, auch unter schlechten Bedingungen und in Nöten, auch wenn sie Quälgeister sind.
Die Geschichte von Hiob ist ein weiteres Anschauungsbeispiel, an dem wir lernen können. Hiob ist der ganzen Welt der Versuchungen ausgesetzt. Aber er bewahrt durch alle Versuchungen, durch allen Hader hindurch, Gottes Wort, bis er durch die Versuchung des eigenen Elendes hindurch, zur Demut gefunden hat. Er stellt sich der Auseinandersetzung seines Inneren mit Gott. Er spürt, dass das Böse in ihm die Oberhand gewinnen will. Das eigene Elend ist unser größter Versucher. Das Wieso Gott? Das: Wenn du nicht so willst wie ich, will ich dich nicht. Genau da entscheidet sich, ob wir auf Gott beharren, auch wenn das Leben sich wie Ausharren anfühlt.
Der Satan beschreibt in der Hiobsgeschichte die Verführung: Haut für Haut, und alles, was ein Mensch hat, lässt er für sein Leben (Hiob 2, 4). Genau das ist die Nagelprobe, um die es geht: Nicht das verführte, irdische, fleischlich-menschlich getriebene Leben, das in den Tod führt, zu leben, sondern das wahre, Gottes Wort getriebene, nicht menschlich fehlgeleitete Leben. Die Versuchung ist, im Leben das vermeintliche Leben über den Tod zu stellen und sich dadurch vom wahren Leben zu trennen und den Tod einzuhandeln. Die Verführung ist, dem inneren Verführer des Augenblickes nachzugeben, einen falschen Wechsel auf die Zukunft einzugehen.
Der Satan ist in uns, ist unser verführter Blick auf die Dinge. Deshalb herrscht Jesus Petrus an: Gehe hinter mich, DU SATAN. Das hat Jesus nicht nur so dahin gesagt, das hat er so gemeint. DU Petrus, DU Mensch, DU SATAN. Du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist. Du denkst, mein Fleisch ist mein Leben und willst mich dazu verführen, dass ich genauso denke und handle, dass ich jetzt, wo es um meine Haut geht, von Gott abrücke, um mein menschliches Fell zu retten. Du willst mich Gott veruntreuen. DU SATAN (Mt 16, 23). Nicht nur Petrus, wir alle sind angesprochen und aufgefordert: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst.
Uns zur Anschauung und zur Lehre treibt Jesus auch böse Geister offenbar aus. Er setzt damit ein sichtbares Zeichen für uns: Die bösen Geister sind in euch, aber ihr könnt sie loswerden, ich habe die Macht, sie auszutreiben, das Wort ist die Macht, die sie austreibt (Mk 3, 22-28). Das Böse bekämpft das Böse nicht, man muss es selbst bekämpfen, an die Kette legen. Selbstdisziplin ist gefragt, nicht Selbstgefälligkeit. Man kann diese Selbstverantwortung nicht auf Gott abwälzen. Wenn wir den Stein von unserem Grab gewälzt sehen wollen, müssen auch wir den Treuebund halten, das heißt, wir müssen einen Beitrag leisten. Er wälzt sich nicht wie aus Zauberhand selbst weg. Gott ist kein Zauberer. Er hat den Menschen nicht nur als Empfänger seiner Wohltaten geschaffen. Auch wenn es gern so gepredigt wird und so bequem ist, es steht so nicht in der Bibel. Die Verantwortung für einen Selbst auf Gott abzuschieben, eigene Verantwortungslosigkeit führt in dem Fall zur Verantwortungslosigkeit anderen gegenüber.
Lieber Luther: Weil DU das WORT BEWAHRT hast. Nur dieser Weg erspart uns den Weg durch die Abschluss-Prüfung. Und wenn wir beten, führe uns nicht in Versuchung, heißt das: HERR, lass mich stark sein, damit ich dem inneren Versucher widerstehen kann. Der Versuchung und der Verführung ist der Mensch von Anfang an und immer ausgesetzt. Sie ist dem Menschen immanent, da er eben mit einem eigenen Willen ausgestattet ist. Dieser verführt ihn, sich zu wichtig und Gott für zu unwichtig zu halten.
Aber, lieber Luther, auch das ist in der Offenbarung nachzulesen: Es ist ein Treuepakt. Wenn wir wie Hiob durch das Böse in uns hindurchgehen, ohne Gott untreu zu werden, ist Gott auch uns treu. Wenn wir sein Wort bewahren und in uns tragen, auch in unserer Dunkelheit, trägt auch er uns durch unsere Dunkelheit, steht zu seinem Bund und seinem Wort zu uns. Nicht untreu zu werden, nicht abzufallen, ihn zu bewahren, ohne Wenn und Aber, das ist die Prüfung. Auch der Verführung nicht zu verfallen, Jesus hätte durch seinen Tod alles für uns gerichtet, uns von jeder Verpflichtung freigesprochen, ist eine Prüfung. Die Prüfung anzunehmen und nicht wegzulaufen vor lauter Prüfungsangst, ist eine Prüfung. Nicht Gott in die Schuhe zu schieben – "du (böser) Gott, führe mich ja nicht in Versuchung" – man sieht den erhobenen Zeigefinger förmlich, ist eine Prüfung. Anzunehmen, dass wir uns selbst prüfen müssen, um zu lernen, um zu wachsen, damit wir erfahren, was verheißen ist: Ich werde dich vor der Endprüfung bewahren.
Der Mensch ist Gott gegenüber gern ein fauler Arbeiter. Manche stecken den Kopf in den Sand, bereiten sich nicht vor oder treten nicht einmal zur Prüfung an. Wer sich nicht freiwillig selbst der Prüfung stellt, hat keine Chance, sich zu verbessern. Unvorbereitet steht man dann vor dem göttlichen Prüfstand. Da hilft auch nicht, noch so oft: Und führe mich nicht in Versuchung, zu beten. Vorbereitung, Tat, Handeln ist anempfohlen, damit wir nicht Nachsitzen müssen und am Ende nicht durch die Prüfung fallen. Dafür hat Jesus unermüdlich geworben. Faulheit vor Gott hat er nicht gekannt.
So beten wir, lieber Luther:
HERR, lass mich nicht davonschleichen, weil ich es gern bequem habe.
HERR, mach mich stark, wappne mich gegen alle Versuche, mich von Dir abzubringen.
HERR, lass mich den Weg durch Deine offene Tür wählen, auch wenn er durchs Dunkel führt.
Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Freitag, 10. April 2015

Vaterunser (4) - Unser täglich Brot gib uns heute

Lieber Luther,
essen muss man jeden Tag. Es fragt sich nur was. Die einen ernähren sich gut, die anderen ungesund, die einen reichlich, die anderen bewusst. Beim Essen scheiden sich die Geister.
Heute, Teil 4 der kleinen Vaterunser Reihe. Es geht um das Brot:
Unser täglich Brot gib uns heute.
Ganz oberflächlich und menschlich leiblich gedacht heißt das: Lieber Gott sorge du dafür, dass ich etwas zu beißen zwischen den Zähnen habe. Ist das so einfach gemeint?
Jesus ist 40 Tage in der Wüste, um dort mit Gott in Berührung zu kommen. Nach 40 Tagen heißt es, hungert ihn. Der Verführer packt den Menschen an der zutiefst menschlichen Seite und denkt, er kann Jesus beim leeren Magen packen. Wenn du Gottes Sohn bist, dann wandle die Steine in Brot, damit du deinen Hunger stellen kannst. Was entgegnet Jesus: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht (Mt 4, 4).
Brot und Wein waren von Anbeginn der Schrift die Bilder für die Gegenwart Gottes. Melchisedek, der König von Salem und Priester Gottes des Höchsten, trägt Abraham Brot und Wein entgegen und segnet ihn: Gesegnet seist du , Abram, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und gelobt sei Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat (1.Mose 14, 18-19). Psalm 110: Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. … Der HERR hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks. Ein Zusammenhang ist unmittelbar vorhanden.
Das aus Ägypten ausziehende Volk hat gehungert, rebelliert und von Mose Nahrung gefordert. Mose hatte nichts zu geben. Man hu? (Das heißt: was ist das?). Mose antwortet: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat (2.Mose 16, 15). Gott hat ihnen das "Was ist das?" geschickt, obwohl sie rebellierten. Mose durfte nicht in das gelobte Land, weil er sich vom Hunger und Durst des Volkes verführen ließ und mit seinem Stab gegen den Felsen schlug, sich dem sozialen Druck gebeugt hat und Gott als Mittel zum Zweck eingesetzt hat. Er hat nicht voll auf Gott vertraut.
Was sagt uns die Geschichte? Und gedenke all des Weges, durch den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat, diese 40 Jahre (Jesus: 40 Tage!) in der Wüste. Damit kund würde, was in deinem Herzen ist, ob du das Wort Gottes halten wirst, auch in der Not. Er prüfte deine Demut, ließ dich hungern und speiste dich mit Man, dass du und deine Väter nie gekannt hattet; auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem MUND des HERRN geht (5.Mose 8, 2-3). Aber: das Volk war nicht demütig, es war zügellos und voller Begierde. Entsprechend ihrer Zügellosigkeit und Begierde übersäte Gott den Boden mit Himmelsbrot. Und wieder jammerte das Volk: Nun aber ist unsere Seele matt; denn unsere Augen sehen nichts als das Man. Mose ruft verzweifelt zu Gott: Warum finde ich keine Gnade vor dir, warum muss ich die Last dieses Volkes tragen? (4.Mose 11, 5-11).
Das Manna schickte Gott solange, bis sein Volk seinen Fuß in das gelobte Land setzte. Sie aßen am Tag nach dem Passah vom Getreide des Landes, das ihnen gegeben war, nämlich ungesäuertes Brot und geröstete Körner. Und das Man hörte auf des andern Tages, da sie des Landes Getreide aßen (Jos 5, 11-12).
Josua, hat Gottes erwähltes Volk in das verheißene Land gebracht. Josua-Jesus (Jesus heißt auf Hebräisch Josua), führt uns in das verheißene Land. Gottes Volk zog 40 Jahre durch die Wüste, Jesu hungerte 40 Tage in der Wüste. Alter Wein in neuen Schläuchen. Jesus greift die Botschaft aus der Alten Schrift, die Bilder, wieder auf, die Parallelen sind unübersehbar. Aber, er setzt eine neue Botschaft dahinter. Jesus ist Demut, er ist 100% Demut: Er widersteht dem Versucher, als er hungert. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Was das wandernde Volk nicht geschafft hat, wo Mose gefehlt hat, ihm die Demut ausgegangen ist, weil seine Langmut vom Volk zu sehr strapaziert wurde: Jesus widersteht dem Versucher, verbildlicht im Hunger. Es versucht Gott nicht, indem er ihn bittet den Stein zu Brot zu machen. Mose hat dagegen mit dem Stab gegen den Felsen gehauen.
Das zeigt sich auch bei der Speisung der 5000. Auch hier eine hungrige Menschenmenge. Jesus vermittelt eine neue Botschaft in den alten Bildern: Alle werden satt, aber nicht übersatt. Während in der Manna-Geschichte ein strenges Verbot galt, das Manna einzusammeln, sagt Jesus: Sammelt die übrigen Brocken, dass nichts umkommt. Von den 2 Fischen und 5 Gerstenbroten wurden 5000 Menschen satt, und von den übrigen Brocken wurden noch 12 Körbe gefüllt. Aber das ist nicht das Entscheidende. Es sind nur Zeichen. Ich habe über die Geschichte in der Version von Joh 6 schon einmal geschrieben, das brauche ich hier nicht alles wiederholen.
Die Kernbotschaft ist: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Ich habe nur das, was mir mein Vatergibt. Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht dass ich meinen Willen tue, sondern den Willen des, der mich gesandt hat (Joh 6, 35-38). Genau deshalb beten wir: Vater unser im Himmel, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. In seiner Brotrede wiederholt er dieses zentrale Kernstück seines Seins.
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist, wer mich isst, gewinnt das ewige Leben. Wer mich isst heißt: Ich bin der Wille Gottes als Mensch, ich setze mich mit meiner ganzen Person ein für das Wort Gottes, ich rücke keinen Millimeter davon ab, denn es geht um euer ewiges Leben. Wie immer sie mich bedrohen. Ich setzte MEIN ganzes LEBEN ein für das LEBEN der Welt. Jesus sagt NICHT mein Tod für die Sünden der Welt, er sagt ich setze mein Leben für das Leben der Welt ein. Ich lebe für das Leben der Welt.
Leben ist Leben. Seines und unseres. Sein Leben ist unser Leben, nicht sein Tod ist unser Leben. Das steht nicht da. Wären hier die Sünden gemeint: Ich gebe mein Fleisch für die Sünden der Welt: Was würde der wichtige, mit WARHlich, WAHRlich, eingeleitete Satz bedeuten?
Wahrlich , Wahrlich ich sage euch: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken. Denn mein Fleisch ist die WAHRE Speise, und mein Blut ist der WAHRE Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt und ich LEBE um des Vaters willen, also: Wer mich isst, der wird auch LEBEN um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist; nicht wie eure Väter das Manna gegessen haben und dann gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird in Ewigkeit leben (Joh 6, 53-58).
Ja, lieber Luther, was würde dieser Satz dann bedeuten, wenn man Fleisch für Haut und Knochen nehmen würde: Ich gebe mein Fleisch, halte meine Haut und Knochen hin, für die Sünden der Welt? Und wir essen die Haut und Knochen dann auch? Sind wir Kannibalen? Wir essen die Sünden der Welt mit? Man kann den ganzen Zusammenhang doch nicht einfach ignorieren und einen Satz herausnehmen und die Bildlichkeit völlig ignorieren. Eigentlich ist das unfassbar.
Das Fleisch steht für das Wort Gottes, es ist eine andere Metapher wie das Brot. Ich bin das Brot. Mein Fleisch ist Brot. Das Brot ist die Wortnahrung, die ich euch gebe. Deshalb esst es! Das Blut steht für den Geist Gottes. Ich habe gestern ausführlich darüber geschrieben, wie das zu verstehen ist. Ich bin das Brot, ich bin die (Wort-)Speise, esst mein Fleisch und Blut, nehmt das Wort in euch auf. Von dieser Nahrung könnt ihr leben. Genau das sagt er auch bei dem, was man letztes Abendmahl nennt. Das heißt es und nichts anderes ist gemeint. Es gibt absolut keinen Grund, etwas anderes hineinzulesen. Jesu Wort, der ganzer Bezug in der Alten Schrift, gibt das nicht her.
Lieber Luther, Brot ist eine zentrale Metapher in der gesamten Schrift. Der Unterschied zwischen Mose und Jesus besteht darin, dass Mose nichts zu geben hatte, Gott hat Manna regnen lassen. Ganz anders Jesus. Jesus gibt sich ganz, Fleisch und Blut, ich bin das Brot. Das ist etwas ganz anderes, es ist viel mehr. Jesus bringt Gott vom Himmel auf die Erde, macht ihn auf der Erde gegenwärtig. Jesus tut 100% den Willen Gottes, das sagt er selbst. Mose war dagegen ein Gott gegenüber fehlbarer Knecht, er hat oft gehadert, wollte den Auftrag gar nicht annehmen. Jesus kannte solche Anfechtung nicht, er fehlte gegenüber Gott nicht, er haderte gegenüber Gott nicht. In der Mosegeschichte steht das Brot für mangelnde Demut, bei Jesus steht sie für 100% Demut. Bei ihm steht es für die WAHRE Nahrung, die WAHRE Wortnahrung. Die Worte, die ich rede, die sind Geist und sind Leben (Joh 6, 63). Jesu Wort!
Herzliche Grüße
Deborrah

Dienstag, 7. April 2015

Vaterunser (1) - Dein Name werde geheiligt

Lieber Luther,
wie gestern bereits geschrieben, sieht Jesus seine Mission darin, von der Wahrheit zu zeugen. Das hat er Pilatus geantwortet, als dieser ihn gefragt hat, ob er ein König sei. Das ist seinTestament. Unter der Wahrheit versteht er, unverrückbar für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit Gottes zu stehen, seine Größe, Zuverlässigkeit und Treue zu seinem Volk. Er steht ein für seinen Vater, den allumspannenden Herrscher, den Anfang und das Ende im Wort und im Leben, den Ausgangs- und Endpunkt, den Kristallisationspunkt von allem, was vom Menschen denkbar ist. Das war sein Credo.
Lieber Luther, ich will heute weiter auf Spurensuche nach dem unverfälschten Jesus gehen, um irgendwann zum wahren Ostergeschehen durchzubrechen. Auf dem Weg dorthin gab es ja schon einige Überraschungen, auch heute, das kann ich dir schon jetzt versprechen.
Jesus Positionen sind eigentlich klar. In Gottes Reich werden diejenigen aufgenommen, die vor ihm demütig sind, ihn als den alleinigen Gott und Herrscher anerkennen. Davon habe ich gestern berichtet. Von diesem Verständnis abgeleitet, erklärt er den Jüngern, wie sie mit diesem Gott in Kontakt kommen können, indem sie beten.
Betet nicht wie die Heuchler, sagt er, die in den Gotteshäusern ((!) so steht es in der Interlinearübersetzung) und auf den öffentlichen Plätzen beten, die ihre Frömmigkeit zur öffentlichen Schau stellen. WAHRlich ich sage euch, sie habe ihren Lohn schon verspielt. Gehe zum Beten in dein innerstes Gemach, verschließe die Tür, und bete mit dem, der Sehend ist im Verborgenen. Bete und plappere nicht wie die Heiden, die meinen, ihres Wortschwalls wegen erhört zu werden. Beschränkt euch auf das Wesentliche, denn Gott weiß schon vorher, um was ihr bitten werdet (Mt 6, 5-15):
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute und
vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern,
und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen,
denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.
Und es kommt noch ein erklärender Zusatz von enormer Wichtigkeit:
Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet,
so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet,
so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.
Vater unser. Von Gott spricht Jesus immer als seinen Vater, er ist für ihn der Vater. Irdische Bindungen spielen für ihn geistlich keine Rolle. Ganz im Gegenteil, sie stören. An einer Stelle sagt er sogar, du musst deine Familie hassen, damit sie dich von deiner Gotteszugewandtheit nicht ablenket oder gerade deswegen (Lk 14, 25-35). Sein Vater ist Gott. Sein irdischer Vater ist, im Gegensatz zu seiner Mutter und seinen Brüdern, in der Bibel so gut wie nicht existent. Das steht jedoch auf einem anderen Blatt und sei hier dahingestellt.
Jesus sagt: Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen und werde die Welt wieder verlassen und zum Vater gehen (Joh 16, 28). Der Vater als A&O, als der Anfang und das Ende, in dem sich alles kristallisiert und klärt. Es ist nicht nur sein Vater, es ist UNSER Vater. Wir sind darin Jesus gleich: Gehe aber hin zu meinen BRÜDERN, sagt er zu Maria von Magdala, und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott (Joh 20, 17). Was Jesus von seinem Vater sagt, gilt für jeden, der Gottwahrhaftig als seinen Vater ansieht und sucht.
Dein Name werde geheiligt: Denn ich will meinen großen Namen, der vor den Heiden entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, heilig machen. Und die Heiden sollen erfahren, dass ich der HERR sei, spricht der HERR HERR, wenn ich mich vor ihnen an euch erzeige, dass ich heilig bin: Ich will euch aus den Ungläubigen holen, sammeln und in euer Land, mein Reich, führen. Ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Abgöttern will ich euch reinigen (Hes, 36, 23-25).
Auf Jesus gewendet heißt das: Gott heiligt sich durch Jesus. Er zeigt den Ungläubigen durch die Zeichen, die er durch ihn bewirkt, dass er der HERR ist. Er sprengt durch ihn reines Wasser auf uns, damit auch wir rein werden und unsere Abgötterei lassen. Jesus, der Hirte, sammelt uns, um uns in Gottes Reich zu führen. Gott wirkt in Jesus, sein Name wird durch ihn geheiligt und umgekehrt wird Jesus durch das Wirken Gottes in ihm geheiligt. Uns ist gezeigt, dass in Gott und in Jesus, in beider Namen, unser Heil ist.
Wie wir Gott heiligen? Ihr werdet das Himmelreich gewinnen, auch wenn die Menschen euren Namen nicht lieben , sie euch ausschließen, schmähen und euren Namen verwerfen, weil ihr für den Namen Gottes eintretet. Freut euch an jenem Tag und hüpft. Denn euer Lohn im Himmel ist groß, nehmt auch die Propheten zum Beispiel, ihnen haben sie es genauso gemacht (Lk 6, 22-23). Tut es mir nach, scheint Jesus zu sagen, meinen Namen werden sie auch verwerfen, ich gehe voran und zeige euch, was es heißt, Gottes Namen zu heiligen.
Dein Reich komme, dein Wortreich. Es heißt, Gottes Reich komme in uns. Alles in uns trete zurück vor seinem Wort. Alles werde leer in uns, dass sein Wort in uns einfließen kann, dass es seinen Platz in uns einnehmen kann. Dein Reich komme heißt, Gott, mache Platz in mir für dich, lass dein Wort in mich einfließen. Jesus lässt alles andere in sich zurücktreten, um Gottes Wort in seiner ganzen Größe in sich Raum zu schaffen. Alles andere interessiert ihn nicht. Er sagt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für seine Schafe (Joh 10, 11).
Beim Nachlesen, habe ich eine kleine Überraschung erlebt. Was mit lässt sein "Leben" übersetzt ist, heißt nämlich im Griechischen "psyche". Wie falsch das interpretiert wird, habe ich neulich schon geschrieben. Dein Reich komme heißt, für Jesus also: ich weiße den Schafen den Weg in den Schafstall, dafür gebe ich meine Stimme: Denn wenn er hat seine Schafe ausgelassen, geht er vor ihnen hin und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme (Joh 10, 4). Es heißt also ganz und gar nicht, wie in der Regel interpretiert und gelehrt wird, er stirbt für die Schafe, ganz im Gegenteil, es heißt, er LEBT AUSSCHLIESSLICH FÜR die Schafe, er stellt sich voll in den Dienst Gottes, in sein Wort. Er sorgt für die Schafe (= Menschen), indem er ihnen das Wort bringt, verirrte Schafe (= Ungläubige) sucht und ihnen den Weg in den Schafstall (=Gottes Reich) weißt.
Das gibt, lieber Luther, vielem einen komplett anderen Sinn als das, was gelehrt und gepredigt wird. Es liegt Jesus fern, das Opferschaf zu sein. Er ist der Hirte der vorangeht, der mit seiner Stimme die Schafe zum Wort ruft und das - und nichts anderes - als seine Lebensaufgabe versteht, der alles andere hinter dieser Berufung zurückstellt. Die vielen Hirtengleichnisse Jesu sagen nichts anderes als: Unser Vater, dein Wortreich komme, ich rufe durch dein Wort deine Schafe, sammle sie unter deinem Wort, damit dein Name durch sie geheiligt werde und sie damit Anteil an dir gewinnen.
Lieber Luther, Jesu ganzes Leben steckt im Vaterunser. Es passt nicht in einen Blog. Morgen der nächste Teil der Spurensuche nach Jesus, der Suche nach dem, für was der Name Jesu wahrhaftig steht, was seine Grundüberzeugungen waren und ob das, was über ihn gelehrt wird, in seiner Lehre eine Grundlage findet oder in vielen Teilen eine Irrlehre ist.
Herzliche Grüße
Deborrah