Lieber Luther

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Dienstag, 30. Dezember 2014

Fehlende Herberge - Tödliche Reise

Lieber Luther,
die Geschichte von der fehlenden Herberge spielt nicht in Bethlehem, hat aber einige Gemeinsamkeiten. Sie wurde schon im Ersten Testament erzählt. Es klingt fast, als hätte sich die Lukaserzählung Teile dort ausgeliehen. Aber nur ausgewählte Teile. Es liest sich wie ein Krimi, mit tödlichem Ausgang (Richter 19, 1- 30). Genauso wie die Geschichte Jesu.
Ein Mann, ein levitischer Fremdling, wohnte am Rande des Gebirges Ephraim. Er hatte ein Kebsweib, d.h. eine Nebenfrau aus Bethlehem, heute würde man sagen, eine Geliebte. Nebenfrauen waren zu der Zeit üblich. Nachdem sie, wie du, lieber Luther, übersetzt, mit ihm gehurt hatte, ist sie zurück nach Bethlehem in ihr Elternhaus geflohen. Die Nebenfrau scheint den Mann verlassen zu haben.
Er zieht mit zwei Eseln und Knecht hinter ihr her, um sie zurückzuholen. Der Mann ist gekommen, um freundlich mit ihr zu reden, aber die Frau führt ihn zum Vater, welcher über sein Erscheinen erfreut zu sein scheint. Er bewirtet den Schwiegersohn wie es Brauch ist und nötigt ihn Tag für Tag zu bleiben. Fünf Tage ließ sich der Mann aufhalten und auch am 5.Tag versuchte ihn sein Schwiegervater weiter festzuhalten: Siehe der Tag hat sich geneigt und es will Abend werden, bleibe über Nacht. Du kannst noch morgen früh deines Weges ziehen. Hier hast du Herberge. Lass dein Herz guter Dinge sein.
Doch der Mann will sich nicht weiter aufhalten lassen. So nimmt er Frau und Esel und zieht los, obwohl es schon Nachmittag ist und es bald dunkel wird. Etwa 10 km weiter, nahe der Stadt Jebus, dem damaligen Jerusalem, schlug der Knecht vor, dort  zu übernachten. Der Mann lehnt ab. In der „Fremden Stadt“ will er nicht übernachten.  Die Stadt war noch „fremd“, weil der Stamm der Jebusiter dort noch wohnte, denn die Kinder Benjamin hatten die Jebusiter, die in Jerusalem wohnten, nicht vertrieben (Richter 1, 21).
Als sie etwa 8 km weiter gezogen waren, ging die Sonne endgültig unter und es war kein weiterkommen ohne Licht. Sie erreichten die Stadt  Gibea , eine Stadt der Kinder Israel. Hier dachten sie, könnten sie sich sicher fühlen.  Aber es kam ganz anders.
Sie mussten ihr Quartier auf der Straße aufschlagen. Die Benjaminiter wollten sie nicht beherbergen. Da kam ein alter Mann des Weges, der gebürtig auch vom Gebirge Ephraim war und folglich selbst ein Fremder in der Stadt.  Der alte Mann „hob seine Augen auf“ (der Ausdruck wird im AT verwendet, wenn Gottes Geist aus jemandem spricht) und fragt: Wo willst du hin, wo kommst du her? Antwort: Wir reisen von Bethlehem in Juda an den Rand des Gebirges Ephraim. Da komme ich her. Ich bin gen Bethlehem gezogen und ziehe jetzt zum Hause des HERRN, und niemand will mich beherbergen. Wir haben alles bei uns, Stroh, Futter für die Esel, Brot und Wein für mich, deine Magd (= die Nebenfrau) und den Knaben.  Wir liegen keinem auf der Tasche.
Da antwortete der alte Mann: Es soll dir wohlergehen. Alles was dir fehlt findest du bei mir. Er führte sie ins Haus und gab den Eseln Futter, sie wuschen ihre Füße, aßen und tranken miteinander.  Und ihr Herz war guter Dinge.
Dann nimmt die Geschichte eine tragische Wendung:
Es kamen böse Buben aus der Stadt, umringten das Haus, klopften an die Tür und forderten von dem alten Mann: Bringe den Mann heraus, der in dein Haus gekommen ist, damit wir ihn erkennen. In der Bibel wird das Wort verwendet, um Geschlechtsverkehr zu umschreiben. Im Klartext heißt das also: Das Gesindel, das sich eingefunden hatte,  wollte den fremden Mann vergewaltigen.
Der alte Mann ist in Not, er hatte dem Mann Wohlergehen in seinem Haus versprochen und so schlägt er ein Tauschgeschäft vor: nehmt stattdessen meine Tochter, sie ist noch Jungfrau, und die Nebenfrau des Mannes. Ich bringe sie heraus. Die mögt ihr zu Schanden machen und mit ihr tun, was euch gefällt. Aber vergreift euch nicht an dem Mann. Jedoch der Pöbel wollte den Mann. Da ergriff der Mann seine Geliebte und zwang sie hinaus. Die Rotte vergewaltigte sie und trieb die ganze Nacht ihren Mutwillen an ihr; als der Morgen rot anbrach ließen sie sie gehen.
Die Frau schleifte sich vor die Tür des Hauses, in dem der Mann übernachtete. Sie lag da, bis es licht wurde. Als der Mann morgens aus der Tür trat um weiterzuziehen, lag da seine Nebenfrau, die Hände auf der Schwelle. „Steh auf, und lass uns ziehen“. Aber sie antwortete nicht. Er lud sie auf den Esel, machte sich auf und zog in seinen Ort. Da nahm er ein Messer und zerstückelte sie in zwölf Teile und sandte sie an alle Grenzen Israels.
Wer das sah, sprach: Solches ist nicht geschehen und nicht gesehen, seit die Kinder Israel aus Ägypten gezogen sind, bis auf diesen Tag. Denkt darüber nach, gebt einen Ratschlag, und macht diesen bekannt.
Lieber Luther, erst einmal schaudert man, dem ersten Reflex folgend, zusammen.  Das führt dazu, dass man die vielschichtige Botschaft übersieht. Worin besteht sie? Hat diese Geschichte etwas mit Weihnachten zu tun? Lieber Luther, die Antwort lässt sich nicht in einem Satz zusammenfassen. Nicht nur die Kinder Israel, auch ich muss erst nochmals darüber nachdenken. Morgen vielleicht mehr!
Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 30. August 2014

Sex, Crime & Rubikon

Lieber Luther,
manchmal sind die Auslassungen aussagekräftiger, als das, was dasteht. So ist es mit dem Predigttext dieser Woche. Er besteht nämlich aus Auslassungen (2.Sam 12, 1-10, 13-15a). Zweieinhalb Verse, die es in sich haben, fehlen. Warum?
David ist ein demütiger Mann. Er geht Gottes Wege, auch wenn sie meistens nicht sehr bequem sind. Es geht auf und ab in seinem Leben. Vom Hirten, zum Helden, zum Krieger, zum König, zum Verfolgten, zum Geschlagenen, zum Enttäuschten, zum Müden und immer Diener des HERRN. Er arbeitet dort, wo Gott ihn hinstellt. Aber, wo Stärke ist, ist auch Schwäche. Das gilt auch für David.
Er stolpert, wie später auch sein Sohn Salomon, über eine Frau. Er ist in der Beziehung kein Kind von Traurigkeit. Seine Vielweiberei ist in der Bibel bezeugt. Eines Tages wirft er nicht nur sein Auge auf die Frau eines anderen, schlimmer noch, er lässt ihren Mann ermorden. Er übertritt dabei zweifach Grenzlinien: Er begeht einen Diebstahl, indem er dem anderen die Frau stiehlt und er mordet auch noch dafür. Er bricht, wie ein Dieb in der Nacht, in den Schafstall des anderen ein und nimmt auf Grund seiner Machtfülle, was ihm nicht gehört.
Die Frau, Bathseba, widerstrebt, sie ist eigentlich mit ihrem Mann zufrieden, aber David respektiert das nicht. Er respektiert auch nicht, dass der Mann sein treuer Diener ist, der für ihn in den Krieg gezogen ist und sein Leben riskiert. Dann der absolute Fauxpas: David schickt den Mann des Objektes seiner Begierde durch seinen Heerführer dorthin, wo keiner überlebt. David stiehlt nicht nur die Frau, er liefert auch noch den treuen und loyalen Anhänger aus Eigennutz ans Messer (2.Sam 11). Szenen, die das Leben schreibt.
Der Prophet Nathan weißt David in einem Bild auf sein Fehlverhalten hin. Ein Reicher bekommt einen Gast und will ihm kein eigenes Schaf "zurichten", sondern nimmt hierfür das Schaf des Armen. Das Schaf ist die Frau, der Gast Davids Begierde. David erkennt, dass dies Unrecht ist, aber nicht, dass er selbst es ist, der Unrecht getan hat. So sagt es ihm Nathan. David erkennt was er selbst nicht erkannt hat und erschrickt in den Tiefen seiner Seele: Ich habe gesündigt wider den HERRN. Nathan antwortet: Ja, was antwortet Nathan?
So hat auch der HERR deine Sünde "weggenommen"; du wirst nicht sterben. So übersetzt du, lieber Luther. Dass dieses "weggenommen" nicht so ganz in den Zusammenhang passt, ist dir sicherlich auch aufgefallen. Nathan hat nicht die Vollmacht für Gott von Sünden freizusprechen. Woher kommt diese Aussage plötzlich? Kein Prophet spricht in der Bibel von Sünden frei. Es ist, lieber Luther, ein Übergang gemeint. "Abar" steht im Hebräischen für Übergang von einem Flussufer zum anderen. Es ist gemeint: Du – David - bist vom Weg des Herrn abgewichen und hast den Rubikon zur Sünde überschritten, aber, ich halte dir die Treue, du wirst auch in dem Land jenseits des Sündenflusses nicht für mich sterben.
Das ist die Kernaussage der ganzen Geschichte, die Kernbotschaft. Diese Zusage Gottes, dass er, sofern wir bereuen und umkehren, uns nicht vor seinen Augen sterben lässt. Auch wenn wir wie David den Rubikon überschreiten. Auch wer noch so heilig ist, wie David, sündigt. Jeder sündigt. David ist uns ein Trost und ein Vorbild, wie wir damit umzugehen haben. An David können wir uns festhalten.
Dieses Herzstück der Geschichte fehlt im Predigttext und damit bin ich bei den oben angesprochenen Auslassungen. Sind sie zu eingebettet in das Leben, das oft alles andere als feinfühlig daherkommt? Angst vor Klartext? Die kennt Nathan nicht.
Als Konsequenz prophezeit er: Die Folge deines Fehlverhaltens ist, dass von deinem Haus das Schwert, das du gegen Uria erhoben hast, in alle Ewigkeit nicht lassen soll, weil du von meinem Weg abgewichen bist. Die böse Tat fällt auf den, der sie verübt hat, selbst zurück. Der Mensch, der – meist unwissend und blind - gegen sich selbst wütet und sich selbst zerstört, ungeachtet der Folgen für seine Kinder und die Nachwelt. Nun soll von deinem Haus nicht lassen das Schwert ewiglich. Gott verhindert nicht, Gott greift nicht ein, Gott lässt Mensch gegen sich selbst wüten. So ist es bis heute. Mag jemand widersprechen? Nichts zu lernen? Wieso muss man das auslassen? Worin besteht der Unterschied in menschlichem Verhalten zwischen vor 2000 Jahren und jetzt?
Und weiter prophezeit Nathan: Siehe ich will Unglück über dich erwecken aus deinem eigenen Hause und will deine Weiber nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er bei deinen Weibern schlafen soll an der lichten Sonne" (2.Sam 12, 10-11).
Das klingt herbe. Da haben die betreffenden Kirchenoberen – moralinsauer - wahrscheinlich gedacht: Das lassen wir lieber auch weg. Noch mehr sexuelle Ausschweifung ist an dieser Stelle der Gemeinde nicht zuzumuten. Ist es das? Haben sie da nicht – ganz Mann - mehr auf die nackten Tatsachen geschielt als auf die Botschaft, mehr Fleisch als Geist vor Augen, blind gegenüber der Realität?
Was Nathan ankündigt, passiert tatsächlich, das lernt man, wenn man ein paar Kapitel weiter liest, es erwächst Unglück aus dem eigenen Haus: Einer von Davids Söhnen, Absalom, verschwört sich gegen ihn, putscht und tut, was heute noch aktuell in solchen Situationen weltweit passiert: Er vergewaltigt die Frauen seines Vaters auf Anraten eines übergelaufenen Beraters (2.Sam 16, 21-23). Nicht aktuell? Warum stehen in der Bibel solche Greueltaten? Bibel ist Mensch wie er leibt und lebt. Bibel zensiert das Leben nicht. In der Bibel stehen die Greueltaten der Menschen, die sich in den 2000 Jahren seither nicht geändert haben. Wer will den ersten Stein auf diese Bibelstelle werfen?
Um was geht es also? Zum einen um Sex, um machtmissbräuchlichen, erzwungenen Sex, um Vergewaltigung als Kriegswaffe. Um männliche Gewalt, die Frauen aufgezwungen wird. Das dies nicht dem Gebot der Nächstenliebe entspricht, bedarf keiner Erläuterung. Es geht aber auch um Diebstahl, um das An-sich-Denken auf Kosten des anderen, das Stehlen der Wohlfahrt des anderen, um das Hintanstellen der Interessen des Nächsten, selbst wenn dieser einem freundlich gewogen ist und einen unterstützt. Es geht um die Heimlichkeiten, die Ränke, die geschmiedet werden, um seine eigenen Ziele zu erreichen: Denn du hast es heimlich getan; ich aber will dies tun vor dem ganzen Israel und an der Sonne." (2.Sam 12, 12). Alles kommt irgendwann ans Tageslicht, wird von der Sonne beschienen und muss diesen Schein aushalten.
Jesus formuliert es so: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer nicht zur Tür eingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder (Joh10, 1). Und es geht um die Konsequenzen: Gehe ich mit schlechtem Beispiel voran, gehen andere nach und ich kann mich nicht beklagen, auch nicht über die Kinder. David hat sich nie über Absalom beschwert, im Gegenteil, er hat schwer getrauert um dieses verlorene Kind und ist ihm immer wieder entgegen gegangen, oft zu eigenen Lasten. Auch das zum Lernen.
Lieber Luther, man hätte das Abscheuliche auch, wie der Predigttext es tut, verschweigen können. Damit wir uns damit nicht befassen müssen. Wieso tut es die Bibel nicht: Weil sie sonst ihren Zweck verfehlen würde. Damit wir an ihr unsere eigenen Greueltaten erkennen und am Beispiel lernen. Man schaue auf die Kriege und Vergewaltigungen in dieser Welt. Wer meint, Vielweiberei sei in unseren Breitengraden abgeschafft, schaut auf das Gesetz, nicht auf das Leben und die nackten Tatsachen. David hat sich Gott und dem Leben mit allen Konsequenzen demütig gestellt wie es ist. So sollten wir es auch halten.
Herzliche Grüße
Deborrah