Lieber Luther

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Sonntag, 10. August 2014

Hirten

Lieber Luther,
Jeremia war ein großer Prediger des Unbequemen, ein Prophet, der Könige und Priester, ihre Gottesferne und ihre Irrlehren anprangerte. Er predigte, was keiner hören wollte und ist dafür von denjenigen, die sich auf den Schlips getreten fühlten, so an den Rand gedrängt worden, verfolgt und verspottet, dass er darüber nicht mehr froh wurde. Dennoch hat er seinen Auftrag erfüllt, immer wieder, hat keinem nach dem Mund geredet, die unbequeme Botschaft wohl gescheut, aber nicht ausgelassen.
Jeremia hat sich vor allem mit den Herrschenden angelegt. Vergebliche Mühe, vergebliches Leiden, sie haben nicht auf ihn gehört, auch die Hirten nicht, bis auf den heutigen Tag (Jeremia 23):
Weh euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umbringt und zerstreut, spricht der HERR. Ihr vertreibt, anstatt zu hüten und für sie zu sorgen. Deshalb will ich euch heimsuchen, um eures bösen Wesens willen. Ich will diejenigen, die zerstreut sind, selbst sammeln und auf meine Weide bringen. Dort sollen sie wachsen und sich vermehren. Ich will Hirten über sie setzen, die kein Unrecht mehr an meinen Schafen tun. Ich will einen erwecken, der für Recht und Gerechtigkeit auf Erden sorgen wird. Sein Name wird sein: Der HERR unsrer Gerechtigkeit. Er wird euch gerecht machen. Ich sage das und werde das tun, wider alle eure Reden und Predigten!
Das Land ist voll Ehebrecher und Hurerei, voller Menschen, die den Bund mit mir brechen, ihr Treueversprechen, das sie mir gegeben haben, hintanstellen, mich hintergehen. Ihr Leben ist böse und ihr Tun taugt nicht vor meinen Augen. Beide, falsche Propheten und Priester, sind Knechte des Bösen, die auch in meinem Haus zu finden sind.
Sie gehen auf einer schiefen Ebene, die sie unweigerlich ausgleiten und nach unten rutschen lässt. Ich will Unglück über sie kommen lassen, spricht der HERR, im Jahr ihrer Heimsuchung. Sie brechen den Bund mit mir und verbreiten Lügen. Sie stärken die Boshaften, auf dass ja keiner umkehre und sich zu mir bekehre. Sie bewohnen Sodom und Gomorra, das Reich des Verführers. Ich will sie mit Galle tränken, da sie mit ihrer falschen Rede und Heuchelei das Volk verführen. So spricht der HERR: Gehorcht nicht den Worten dieser falschen Propheten, sie betrügen euch, denn sie predigen, was sie in ihren dunklen Herzen sehen, nicht was aus dem Mund des HERRN kommt.
Sie beschwichtigen diejenigen, die mich nicht achten: "Der HERR hat's gesagt, es wird euch wohl gehen," und all denen, die sich nach ihren eigenen Vorstellungen richten, sagen sie: "Es wird kein Unglück über euch kommen." Wie anmaßend seid ihr! Ich frage euch: Wer ist von euch im Rat der Gerechten vor dem HERRN gestanden? Wer von euch hat sein Wort gesehen, vernommen und gehört?
Siehe es wird ein Ungewitter kommen, das auf sie regnen wird. Gottes Zorn über diese Untaten wird nicht nachlassen, bis sein Wille geschehen ist. Am Ende werdet ihr es wohl begreifen müssen und erfahren. Ich habe die falschen Propheten weder gesandt noch mit ihnen geredet. Das hält sie nicht davon ab, in ihrem eigenen Kaffeesatz zu lesen. Wären sie bei meinem Wort geblieben und hätten sie es dem Volk gepredigt, so wäre das Volk nicht davongelaufen, sondern hätte sich zu mir bekehrt. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, oder auch ein Gott, der über allem steht und alles sieht? Meinst du etwa, vor mir könne jemand sein wahres Wesen verbergen? Bin ich nicht die Fülle, die Himmel und Erde umfasst?
Ich höre die falschen Prediger sehr wohl, die vorgeben, in meinem Namen zu sprechen, die sich eigene Geschichten ausdenken, anstatt sich an mein Wort zu halten und damit bewirken, dass mein Volk meinen Namen vergisst. Der Träumer soll träumen, wer aber mein Wort hat, der predigt recht. Wer mich recht erkennt, zeigt denjenigen, die meiner bedürfen, was mein Recht ist (Jer 22, 16). Es ist wie mit Stroh und Weizen: Wie bringe ich die Frucht in die Scheuer, anstatt Stroh, das unter meinem Wort verbrennt? Versetzt mein Wort nicht Berge? Darum siehe, ich werde den falschen Predigern, die einander gegenseitig in Ammenmärchen übertrumpfen, aber nicht mein Wort verkünden, einmal zeigen, was mein Recht ist. Sie verführen mein Volk mit ihren Lügen und verantwortungslosen Reden. Sie sind kein Nutzen, sondern Schaden.
Wenn ihr gefragt werdet, was die Last des Herrn sei, dem sagt: Ihr seid die Last des Herrn, ich will euch deshalb abwerfen. Wer mein Recht und meine Gerechtigkeit als Last ansieht, den will ich heimsuchen. Der HERR sagt: Nennt mein Recht und meine Gerechtigkeit nicht mehr "Last des HERRN". Denn ihr werdet nach eurem Wort gemessen. Einem jeden wird sein Wort eine "Last" sein, weil ihr die Worte des lebendigen Gottes verdreht.
Und was antwortet ihr den falschen Propheten und Predigern: Weil ihr meine Worte "Last des HERRN" nennt, obwohl hier geschrieben steht, ihr es lesen könnt, dass ihr das lassen sollt, deshalb will ich euch hinwegnehmen und von meinem Angesicht verwerfen, euch zur ewigen Schmach und Schande.
Lieber Luther, kennen wir diese Wehe-Rufe über die Hirten nicht von Jesus? Sind sie nicht wie seine Wehe-Rufe über die Pharisäer und Schriftgelehrten? Er sagt auch, ich bin nicht gekommen zu trennen, sondern das Wort der Propheten zu erfüllen. Er kann zwischen Berufspropheten und berufenen Propheten unterscheiden.
Oder, lieber Luther: Gilt das überlieferte Wort vielleicht gar nicht mehr? Ist ja Altes Testament, interessiert uns nicht mehr? Es waren nur die alten Hirten gemeint, nicht die jetzigen. Oder: Jesus hat alles aufgehoben, was Gott vorher durch die Propheten gesprochen hat? Oder: Mit der Taufe hebt sich alles vorher von Gott Gesprochene auf, insbesondere die Teile, die von Recht, Gesetz und Geboten, Verpflichtungen, zu haltendem Bund verkünden? Oder: Was getauft ist, ist Christ per se, egal was er treibt und tut und wie gottlos er auch im Herzen ist? Oder: Alles hinweggefegt durch Paulus? Der selbsternannte Apostel bekommt das Gewicht von Gottes Wind, bläst das von den Propheten überlieferte Wort Gottes und Jesu Wort in den Evangelien mit seiner Theologie hinweg? Oder, der Gipfel: Hirten und Schafe meinen eine landwirtschaftliche Betätigung? Alles schon von Berufsgeistlichen gehört. Jeremia gibt Orientierung.
Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 16. November 2013

Feigenbaum und Feigenblatt

Lieber Luther,
gute Nachrichten hören wir gern, schlechte weniger. Wenn man uns gibt, nehmen wir gern, doch Verpflichtungen eingehen, davor scheuen wir zurück. Verpflichtung heißt, man betrachtet fortan etwas als seine Pflicht, heißt, setzt sich für etwas ein, steht für etwas, steht jemandem bei, auch wenn man sich selbst zurückstellen muss. Verpflichtung ernst genommen, ist ein Versprechen, sich in die Pflicht nehmen zu lassen für etwas.
Von Gott nehmen wir gern, lassen uns aber weniger gern von ihm in die Verpflichtung nehmen. Wir sehen das gern als Einbahnstraße, als einseitigen Bund. Gott ist in der Pflicht uns zu lieben, uns zur Hilfe zu eilen, uns zu heilen. Dieser Gott wird überwiegend von den Kanzeln gepredigt. Gott als der (einseitig) Liebende, der den Menschen liebt, was immer er tut. Alles andere ist unpopulär. Wer will sich schon in die Pflicht für Gott nehmen lassen? Wollen wir die eh schon kleine Zahl der Kirchgänger auch noch verschrecken mit lästigen Verpflichtungen?
Warnungen, gegen den Mainstream gerichtet, werden seit jeher nicht gern gehört. Gott und auch Jesus haben uns viele Warnungen geschickt. Jeremia hat sich damit abgequält, Gottes Warnungen zu überbringen, war Gottesknecht und hat unter dieser Last schwer geächzt. Trotzdem hat er nicht geschwiegen. Die Zugvögel, die keinen festen Ort kennen, finden an ihren Ort zurück und wissen, wann es Zeit ist, heimzukehren. Wenn selbst Vögel das wissen, die kein Gehirn zum Nachdenken haben – oder gerade deswegen -, warum kann und tut der Mensch das nicht? Und keiner bereut. Sie wenden sie weiter ab, laufen weg vor mir, wie ein Wildpferd, das sich von mir bedroht fühlt. Man hört aus diesen Worten, wie Gott über seine Schöpfung stöhnt und Jeremia, als Überbringer der schlechten Botschaft, mit ihm (Jer 8, 4-7).
In Jeremias Tempelrede ist klar benannt, was Gott von uns fordert: Denn nur, wenn ihr eure Wege und eure Taten wirklich gut macht, wenn ihr wirklich Recht übt untereinander, gerecht seid zu euch selbst und zueinander, niemanden unterdrückt, kein Leben vernichtet, keine anderen Götter nachlauft, nur dann will ich bei euch wohnen (Jer 7, 5-7). Das sind Pflichten, die Gott von uns einfordert. Gott sagt zu Jeremia: Stell dich in das Tor des Hauses des Herrn und sage das ganz laut, auch zu den Wortverdrehern, die dort berufsmäßig das Wort auslegen. Priester und Propheten gehen mit Lügen um, predigen meinen Frieden und es ist doch nicht Friede (Jer 8, 10-11). Ich bin mit euch nicht im Frieden und ihr nicht mit mir. Lasst euch nicht einlullen von falschen Versprechungen. Keine Trauben sind am Weinstock und keine Feigen am Feigenbaum, das Blatt ist verwelkt: Frucht- und leblos werdet ihr vergehen, wenn ihr so weitermacht (Jer 8, 13).
Szenenwechsel. Etwa 600 Jahre später. Markus 13. Wieder geht es um Gottes Tempel. Wieder die gleiche Mahnung, wie eine Dublette: Passt auf, seid wachsam, lasst euch nicht von falschen Propheten verführen, die unter meinem Namen getarnt euch falsche Götter unterjubeln. Wenn ihr von Kriegen hört, so geschieht das, weil die Menschen nicht auf mich hören wollen, aber es ist nicht das Ende. Es wird sich Nation gegen Nation erheben, es wird Erdbeben geben, Hungersnöte, sie werden sich gegenseitig umbringen, sich gegenseitig bedrücken. Leben wie es ist, seit es Menschen gibt.
Deshalb ist es wichtig, dass ihnen das Evangelium gepredigt wird. Wieso? Wer das liest, höre: Damit die Menschen wissen, dass sie umkehren können, sie die Möglichkeit haben, sich auf meinen heiligen Berg zu retten, solange noch Zeit ist. Es ist ein Ort ohne irdische Güter, deshalb braucht man dort nichts Materielles. Betet, dass es nicht Winter ist in euch, eure Seele nicht kalt und ohne Nahrung ist, wenn ihr dies lest.
Jedoch, alle Menschen sind mit menschlichen Irrtümern belastete Menschen. Deshalb wird, wenn ihr die äußeren und inneren Gräuel und Verwüstungen, die ihr angerichtet habt, ungeschönt sehen werdet, eure Bedrängnis größer sein, als im Augenblick der Untat. Deshalb hat Gott die Zeit, wenn es gilt, dies einzusehen, verkürzt. Sonst würde er keinen Menschen mehr zu sich zurück bringen können, solange würde diese Selbstschau dauern. Alle werden dann Auserwählte sein, alle werden dann heimgeführt sein, und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit. Deshalb lernt vom Feigenbaum: Wenn sein Zweig schon weich geworden ist und Blätter hervortreibt, ist der Winter vorbei, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. Der Feigenbaum ist bereit, Frucht zu treiben.
Der Bogen zu Jeremia ist geschlagen. Jesus erklärt in Markus 3 etwas komprimierter was 600 Jahre zuvor Gott Jeremia aufgetragen hat zu sagen (Jes 7-8) und alles ist bei beiden zusammengefasst im Bild des Feigenbaumes. Der Feigenbaum steht für den Anfang des Menschen uns das Ende. Der Feigenbaum ist die erste Pflanze, die namentlich in der Bibel erwähnt wird. Adam und Eva machten sich einen Schurz aus Feigenblättern, um ihre Blöße zu decken (1. Mose 3, 7). So meint es auch Jesus in seiner Rede: Wenn ihr euch dereinst mit euren eigenen Schandtaten auseinandersetzen müsst, kann kein Feigenblatt mehr eure Blöße decken. Eure eigene Wahrheit zu sehen, vom Baum dieser Erkenntnis zu essen, wird euch schlimmer ankommen, als alle Untaten, die ihr im Laufe des Lebens verübt habt.
Die Botschaft ist in beiden Texten gleich: Gottes Volk hört nicht auf seine Stimme, hält nicht, was er ihnen aufgetragen hat, verpflichtet sich nicht ihm gegenüber auf sein Recht, sondern tut beständig Unrecht, hört auf die falschen Propheten und Götter und folgt keiner Mahnung zur Umkehr. Deshalb bleibt der Feigenbaum bei Jeremia und bei Jesus ohne Frucht, die Blätter sind verwelkt (Matth 21, 18-22). Kein Feigenblatt vermag dies vor Gott zu verbergen, jetzt nicht und nicht, wenn wir sterben. Aber, Jesus gibt Hoffnung. Der Feigenbaum bleibt nicht unfruchtbar. Wenn die Zweige weich geworden sind, Hartherzigkeit und Hartleibigkeit aufgeweicht sind, dann erwacht der Feigenbaum wieder zum Leben, treibt Blätter, danngrünt der Feigenbaum wieder und trägt Frucht.
Lieber Luther, die Bibel steckt voller Überraschungen. Mit dieser Wendung habe ich zu Anfang nicht gerechnet. Jeremia und Jesus erzählen die gleiche Geschichte, verwenden die gleichen Bilder, haben die gleiche Botschaft. Beide Texte sind Predigttext für diesen und nächsten Sonntag, einmal in der alttestamentlichen und einmal in der neutestamentlichen Version. Doppelt hält besser, bleibt wenigstens zu hoffen. Ihr bringt keine Frucht, sagt Jeremia und sagt Jesus, ihr lebt und handelt nach euren eigenen Maßstäben, nicht nach meinen. Bezeichnend auch, dass beide Predigttexte die Textstellen, in denen es um die Verpflichtung der Menschen auf Gottes Recht geht, umschiffen, die Konsequenzen verschweigen. Die ganze Sündentheologie ist zwar obsolet, aber das heißt nicht, dass wir Narrenfreiheit haben in dem, was wir tun. Wir sind dafür verantwortlich, jeder persönlich. Eines Tages wird uns der Spiegel vorgehalten und wir müssen für uns selbst einstehen. Gott nimmt uns in die Pflicht und an dieser Stelle werden wir nicht ausweichen können, wie noch im diesseitigen Leben. Ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht. Wie sagte doch Jesus? Wer dies liest, merke auf (Mark 13, 14), ihr habt es in eigenen Händen. Wieder eine (ungehörte) Warnung.
Nicht nur Jeremia kündigt an, dass vor Gott eines Tages eine Abrechnung kommt, ein Abwiegen und Abwägen. Auch Jesus sagt nicht, Mensch, ihr könnt tun und lassen was ihr wollt, könnt Unrecht tun, unterdrücken, morden, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen hat, Gott liebt euch, was immer ihr tut, ob ihr seine Gebote beachtet oder nicht. Jesus sagt, wie Jeremia, sehr drastisch, folgenlos wird euer Tun nicht bleiben, ihr werdet kein Feigenblatt haben, um das zu verdecken. Aber auch das wird vorüber gehen, die Zeit, die ihr das aushalten müsst, ist verkürzt. Dann wird aus dem Holz des Feigenbaums Leben wachsen.
So hören wir zu, lieber Luther, stehen zu unserer Verpflichtung, sind achtsam und wachsam, auch wenn uns hin und wieder vor Müdigkeit die Augen zuzufallen drohen. Jeremia hat auch nicht aufgegeben.
Herzliche Grüße
Deborrah