Lieber Luther

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Sonntag, 10. Mai 2015

Vaterunser (10) - Gottes Demokratie

Lieber Luther,
ein benediktinischer Pater hat einmal vor ein paar Jahren ganz abfällig zu mir gesagt: Das ist nichts, das ist Gefasel, das ist Larifari, ganz als sei es der letzte Dreck. Die Rede war von einem Kernbestandteil des Vaterunsers:
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen.
Dieser abfällige Ton hat mich getroffen, so, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Ich habe aber nicht gegengehalten, es einfach so stehen lassen. So will ich heute nachholen, was ich damals versäumt habe.
Das Vaterunser beginnt mit der Bitte: Dein Reich komme, dein Himmelreich komme. Es endet mit: Denn dein ist das Reich, der Anerkenntnis, dass das Reich, um das wir eingangs bitten, auch Gottes Reich ist. Bitternötig. Unser Alltag wird vom Reich des Verführers regiert. Gottes Reich, wer mag dafür Werbung machen? Anscheinend noch nicht einmal jeder Benediktiner. Scheint ein bisschen altmodisch, vom "Reich" zu sprechen. Klingt ein bisschen anstößig, erinnert irgendwie an das Tausendjährige Reich, klingt nach Herrschaft, nach Unterordnung, nach Bedrückung. Der moderne Mensch ist mehr für Demokratie, für Mitsprache, für Mitentscheidung, dafür, dass wir abwählen können, was uns nicht passt. Jedenfalls in der Theorie. Gottes Reich wird gern als Despotie empfunden oder abgelehnt. Unter dieses Joch wollen wir uns nicht begeben. Soweit der neuzeitlich aufgeklärte Mensch. Doch sieht er bei aller Aufklärung auch klar? Gottes Reich ist ein Reich, das er wählen kann oder auch nicht. Gott, lässt uns die Wahl, er stellt sich zur Wahl.
Rückblende. Sein Volk hat Gott als ein brüderliches Volk geschaffen. Die Menschenhändel können Menschen mit weisen Richtern schlichten, das ist Menschensache, nicht Gottessache. Diesen göttlichen Gesellschaftsentwurf der Mitmenschlichkeit unter Brüdern hat der Mensch nicht angenommen. Er wollte einen König über sich gesetzt wissen, freiwillig schuf er ein Oben und Unten. Saul wurde zum ersten irdischen König in Gottes Volk, auch zum ersten König in Gottes Volk, der scheiterte. David rückte an seine Position, nach vielen Machtkämpfen. Mit der neu geschaffenen Position des Königs hielt der irdene Machtkampf Einzug in Gottes Volk, der Kampf um die Krone.
Das sind die Kategorien, in denen Mensch denkt. Macht, Herrschaft, deren Durchsetzung mit Waffengewalt, inklusive Definitionshoheit dessen, was zu Recht und Gesetz deklariert wird und von denen, die unter dieser Herrschaft stehen, unter Androhung von Strafe, anerkannt werden muss. So funktioniert menschliche Macht und Herrschaft in den verschiedenen menschlich geschaffenen Reichen. So hat Mensch dies von Gott herbeigebettelt und selbst ins Werk gesetzt. Gott, denkt Mensch, muss auch so funktionieren.
Kronen, die vom Kopf fallen können: Wer hätte gedacht, dass das prächtige Tyrus je fallen könnte (Jes 23, 8). Sage dem König und der Königin: Setzt euch herunter, den die Krone der Herrlichkeit ist euch von eurem Haupt gefallen (Jer 13, 18).
Die Krone der Herrlichkeit. Sie kann sichtbar sein oder auch nicht. Auch unsichtbare Kronen können vom Kopf fallen: Er hat meine Ehre mir ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen (Hiob 19, 9). Hiob kennt das Davor und das Danach, welchen Unterschied es macht, sie auf dem Kopf zu haben oder nicht. Nur Demut führt zur Krone der Herrlichkeit.
David, der Geliebte, der Gottesknecht, begreift das (1.Chr 29, 11-16):
Gelobt seist du, HERR, Gott Israels, unseres Vaters, ewiglich. Dir, HERR, gebührt die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Dank. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht über alles zum Obersten. Reichtum und Ehre ist vor dir; Du herrscht über alles; in deiner Hand steht Kraft und Macht; in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen. Nun, unser Gott, wir danken dir und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit. Was bin ich? Was ist mein Volk? Was vermögen wir aus uns selbst heraus?
Jesus war in diesem Gottverständnis gegründet. Deshalb bildet es den Rahmen des Vaterunsers: Denn dein ist das Reich, die Kraft, die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Ich, mein Vermögen, ist gering vor dir, Gott. Verglichen mit deiner Herrlichkeit bin ich nur ein Bettler. David, der Hirte, der zum König wurde, wurde nur zum auch von Gott gesalbten König, weil er Gott gegenüber demütig war, sich nicht von seinem weltlichen Reichtum und seiner weltlichen Macht korrumpieren ließ – bis auf einmal, als er seine Macht ausspielte, aus irdischem Begehren einen Mord beging, und dies dann auch bitter bezahlen musste. Jesus wurde zum alle überragenden von Gott gesalbten König, weil er sich nie von der Welt korrumpieren ließ, was immer sie ihm antun wollten, andichten wollen. So spricht der Herr HERR: Tue weg den Hut und hebe ab die Krone! Denn es wird weder Hut noch die Krone bleiben; sondern der sich erhöht hat, der soll erniedrigt werden, und der sich erniedrigt hat, soll erhöht werden (Hes 21, 31).
Gottes Reich ist ein Wortreich. Es besteht nicht aus Macht und Herrschaft wie menschliche Reiche. Und wenn wir Gottes Reich so denken, ist das die Projektion der Funktionsweise menschlicher Reiche auf Gott, auf das Himmelreich. Wenn wir Gott als einen Despoten denken, der seinen Willen mit aller physischen Gewalt und seiner Allmacht durchsetzen will, projizieren wir menschliche Herrschaftsformen in all ihrer Menschenverachtung auf Gott. Wir denken uns Gott bösartig, herrschsüchtig, selbstsüchtig. Wir haben nicht kapiert, dass – wie in vielen Vaterunser-Folgen dargelegt – das Göttliche nur im Menschen zum Durchbruch kommen kann. Gott lässt den menschlichen Willen gewähren, wie lange es auch dauern mag, den menschlichen Willen mit dem göttlichen in Einklang zu bringen, seine Schöpfung heim zu führen in sein gelobtes Land, in das Paradies, in sein Himmelreich.
Gottes Reich funktioniert nicht nach Gewalt und Herrschaft, es beruht auf Freiwilligkeit, freiwilliger Umkehr, freiwilliger Reue, auf Gewaltverzicht und Brüderlichkeit. Es ist das Gegenteil von Despotie, es beruht auf Langmütigkeit und ewiger Bereitschaft zur Verzeihung, auf Friede zwischen Mensch und Gott. Das ist der göttliche Entwurf seines Reiches, seines Friedensreiches. Seine Macht ist die Macht, warten zu können, bis der letzte, der umkehren will, zu ihm in innerem und äußerem Frieden umgekehrt ist. Er wartet, auf den der umkehren will. Wer nicht umkehren will, den lässt er, lässt ihm seinen Willen und lässt ihn dann, seiner Wahl folgend, auch im Tod sterben. Er lässt ihn in die Grube fallen, wie es sein expliziter Wille ist. Leben nach dem Tod ohne Gottes Atemhauch und ohne menschlichen Willen gibt es nicht.
Gott schuf die Menschen als göttliche Menschen, er gab ihnen seinen Atemhauch, so dass sie ihn als Gott in seiner Kraft und Herrlichkeit erkennen können. Er gab den Menschen einen eigenen Willen, den er sie leben lässt, auch wenn sie sich anstatt für das Leben, freiwillig für das Sterben entscheiden. Zwischen der Masse der Unverständigen findet er genug Verständige, durch die er sprechen kann und durch die er Menschen, die das wollen, zu ihm sammeln kann.
Jakob Israel steht für sein Volk an sich, dafür, dass es Erben gibt, Mose für deren Aufbruch und den langen Weg der Gott untreu seienden Erben zurück in das verheißene Land, ins Paradies, ins Himmelreich. David steht für dieses Reich. An ihm ist gezeigt, wie der Weg über die Weide zur Krone zu gewinnen ist. Jesus steht für Gottes Wort, unkorrumpierte Nachfolge und Demut, reine Sohnschaft, Jesus ist DER Gottessohn, DAS Gotteskind, derjenige, in dem sich Gott unverfälscht spiegelt, in dem er in Klarheit und Wahrheit spricht und handelt. Deshalb spricht Jesus von sich auch immer als "Menschensohn". Wie Jesus sieht ein Gotteskind als Mensch aus, Gott als reines wahres Ebenbild im Menschen. Uns zum Vorbild und zur Nachfolge, um auch uns zur reinen freiwilligen absoluten Kindschaft zu bringen, bis hin und durch die letzte Klärung hindurch, ob wir dem Willen Gottes folgen wollen oder nicht. Auch die letzte Klärung beruht auf dem freien Willen, auf der freien Entscheidung, ob man sich für Gott und das Leben, oder gegen Gott und den Tod entscheiden will. Es ist in den Willen des Menschen gelegt, Gott nachzufolgen. Gottes Wille zur Verzeihung und seine Freude über jeden Umkehrer ist bis zuletzt sicher. An was es mangelt, ist der menschliche Wille, am beidseitigem gleichgerichteten Willen.
Deshalb ist auch die Vorstellung, lieber Luther, Gott sitze auf einem Thron, völlig abwegig. In der Offenbarung und auch im Alten Testament ist immer nur vom "Stuhl" die Rede. Die Krone tragen andere: Und um den Stuhl waren vierundzwanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen (Offenb 4, 4). Es sind Kronen der Herrlichkeit Gottes, derjenigen, die sie gewonnen haben. Der Gott folgende Mensch ist die Krone Gottes. Die Krone gewinnen heißt, eins mit dem göttlichen Willen zu werden, ganz in Gott aufzugehen: Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Hut in der Hand deines Gottes (Jes 62, 3). Du wirst zur Zier für Gott: Schaut her, mit diesem Menschen kann ich mich schmücken, er ist eine Zier in meinem Himmelreich. Die Krone gewinnen heißt, Anteil am Reich Gottes zu haben.
Wir beten, lieber Luther, dein Reich komme, dein Wille geschehe, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, damit Gottes Wille zu unserem Willen werde, damit Gottes Reich auf Erden werden kann, damit wir Anteil an Gottes Reich und Herrlichkeit in Ewigkeit gewinnen. Allein darum geht es Gott, und damit Jesus, und damit sollte es auch uns alleine darum gehen. Das Vaterunser ist die Bitte, trägt die Hoffnung, auch wir mögen in diese göttliche Reinheit und Wahrheit eines Morgens finden, und sei es in der Ewigkeit. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Montag, 6. April 2015

Wortreich

Lieber Luther,
was hat Jesus gedacht? Wofür stand er? Was waren seine Grundüberzeugungen? Wie sieht er sich selbst? Hat er seine Person so in Vordergrund gestellt, wie wir das tun? Ist das nicht ein großes Missverständnis? Die Antwort lässt sich erschließen.
Die Bergpredigt ist immer eine gute Quelle der Erkenntnis. Gleich der erste Satz der Bergpredigt ist eine Grundsatzerklärung Jesu. Sein Manifest des Glaubens. Von Königsherrschaft und vom Reich Gottes ist die Rede. Schon sein erstes Statement enthält alle Zutaten, aus denen ihm später ein Kreuz gezimmert wird. Er sagt:
Von Gott gesegnet und endgültig in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen werden diejenigen, die sich beugen vor Gottes Wind, das heißt diejenigen, die vor Gott demütig sind. Sie werden Anteil haben an der Königsherrschaft des jenseits aller Materie Allumfassenden, an dem, was Matthäus bildlich das "Himmelreich" nennt. Wie ist das anzustellen? Wie kann man dieses Himmelreich gewinnen?
Jesus beruft sich oft, so auch in der Bergpredigt, auf die Propheten der alten Schrift. Sie sind seine geistige Heimat. Der "Himmel" als Bild für Gottes Wohnung ist nicht neu. David erkennt, dass der HERR ihm, seinem irdischen gesalbten König, hilft, ihn aus seinem "heiligen Himmel" erhört, erkennbar durch die Heilstaten seiner Rechten. Er wirkt allein durch seinen Namen, durch seine Stimme, durch das, was er durch seine ausgewählten Diener - Propheten in der Regel - verkünden lässt. Wer anderes denkt fällt, wer dem folgt, wird stehen und aufrecht bleiben. Deshalb: HERR, du KÖNIG, erhöre uns am Tag unseres Rufens (Ps 20, 7-10).
Gott spricht von Anbeginn von "seinem Volk", er ist der König dieses Volkes. Das Volk ist von Anbeginn als eine brüderliche Gemeinschaft angelegt. Deshalb sagt Gideon: Ich will nicht Herr sein über euch, und auch mein Sohn soll nicht Herr über euch sein, sondern der HERR soll Herr über euch sein (Ri 8, 23). Aber, die Menschen sind intrigant und machtbesessen. Die Mutter Abimelechs hetzte das Volk auf, er kaufte "lose und leichtfertige" Männer und schon fanden sich welche, die ihn zum König machten. Jotham, der jüngste Sohn Gideons, versucht sie aufzuhalten (Ri 9, 9-15):
Die Bäume baten den Ölbaum, dass er König über sie sei. Der Ölbaum lehnt ab, er sagt, ihr schätzt mein Öl, das Götter und Menschen preisen. Ihr müsstet das Fett lassen, damit ich über den Bäumen schwebe. Dann fragten sie den Feigenbaum. Soll ich etwa meine Süßigkeit lassen, damit ich über den Bäumen schwebe? antwortet der Feigenbaum. Dann fragten sie den Weinstock. Der entgegnet: Soll ich meinen Most lassen, der Götter und Mensch fröhlich macht, damit ich über den Bäumen schwebe? Da sprachen die Bäume zum Dornbusch: Komm, sei du unser König. Und der Dornbusch sprach: Ist's wahr, dass ihr mich zum König salbt über euch, so kommt und vertraut euch unter meinen Schatten; wo nicht, so gehe Feuer aus dem Dornbusch und verzehre die Zedern Libanons.
Der Dornbusch- König gibt nichts, was der Mensch so liebt, das Fette, Süße und Gesellige. In der Geschichte ist der Dornbusch die letzte Wahl der Menschen. Erst ist das Üppige, das Füllige, das Fette, das pralle Leben gefragt. Der Dornbusch hat auf den ersten Blick nichts Attraktives zu bieten, nur Dornen und seinen Schatten. Die falschen Könige, die zuerst gefragt sind, dagegen wohl. Was sie bieten, darauf will der Mensch nicht verzichten. Das Volk, das den König sucht, widersteht den Versuchungen des prallen Lebens nicht. Deshalb lieber einen anderen König suchen. Bei dem man scheinbar billiger wegkommt. Aber, weit gefehlt: Der Dornbusch-König fordert. Er fordert nichts materielles, er fordert inwändiges: Vertrauen. Wenn ihr mich zu eurem König macht und kein Vertrauen zu mir habt, sagt der Dornbusch, dann wird Feuer von mir ausgehen und die Zedern des Libanons verbrennen. Er fordert Vertrauen und bietet Schutz und einen Zufluchtsort. Kein Konsumgut, Lebens-gut. Aber: Ihr müsst mich wahrhaftig zu eurem König machen, Lippenbekenntnisse reichen nicht. Wenn ich nur ein Schein-König für euch bin, werdet ihr an eurer Scheinheiligkeit verbrennen. So kommt, sagt der Dornbusch, ihr müsst wahrhaft zu mir kommen, freiwillig.
Gott allein ist König, ein Mensch vermag solchen Schutz nicht zu geben. Er braucht den Schatten Gottes: Behüte mich wie ein Augapfel, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel heißt es in Psalm 17, 8. Jesus ist Dornbusch für uns. Wie erklärt er uns Gottes Königsherrschaft? Sie ist wie ein Senfkorn. Wenn es auf die Erde gesät wird, ist es der kleinste Same (sperma), doch wenn es gesät ist, geht es auf und wird größer als alle Kräuter und es treibt große Zweige, so dass unter ihren Schatten die Vögel des Himmels ihren Platz finden (Mk 4, 30-32). Jotham und Jesus erklären in ähnlichen Bildern die Königsherrschaft Gottes.
Das Volk verlangt trotz alledem nach einem König und bringt es vor Samuel: Gib uns einen König, der uns richte. Samuel will das nicht und betet. Gott antwortet ihm: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht soll König über sie sein. Sie gehorchen nur anderen Königen, sie gehorchen nur ihrer eigenen Stimme. Doch bezeuge ihnen und verkündige ihnen das Recht des Königs, der über sie herrschen wird (1.Sam 8, 5-22):
Er wird euch dienstbar machen und euch vor sich her treiben, er wird euch eure Söhne nehmen und für sich in den Krieg schicken, ihr werdet seine Äcker bebauen müssen, er wird eure Töchter zu Dienstmägden machen, er wird eure besten Äcker, Weinberge und Ölgärten nehmen und denen geben, die ihm willfährig sind. Ihr werdet Steuern zahlen müssen und von ihm abhängig sein. Wenn ihr euch dann über EUREN König beklagt, so werde ich euch nicht hören.
All das schreckte das Volk nicht, sie wollten nicht auf Samuel hören, sondern bestanden darauf, ihren eigenen König zu haben: …, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe. Der HERR sprach zu Samuel: Gehorche ihrer Stimme und mache ihnen einen König. Und Samuel sprach: Geht hin, ein jeglicher in seine Stadt.
Es hört sich an, wie ein weiterer Sündenfall. Das Volk verwirft Gott als Richter und als denjenigen, der für es in den Streit zieht. Sie tauschen tatsächlich Gott, den weltumspannenden König, gegen ein Menschlein. Sie wollen nicht von Gott gerichtet werden, sondern von einem irdischen Richter. Sie begreifen noch nicht einmal, als Samuel die Konsequenzen aufzeigt, dass sie sich verkaufen, sich versklaven, sich abhängig machen von menschlicher Willkür. Sie gehen sehenden blinden Auges in ihr Unglück. Die irdenen Könige, die kommen werden, Saul, David und alle folgenden, bis auf den heutigen Tag, werden es so machen, wie vorausgesagt.
Aber: Gott gibt die Fäden nicht aus der Hand: Denn siehe, der HERR hat einen König über euch gesetzt (1.Sam 12, 13-18). Er mischt mit und lässt sein Volk nicht. Er gibt ihm immer und jederzeit die Chance umzukehren und auf ihn zu hören. Wenn nicht, soll das Volk seinen Willen haben, es wird darunter immer welche geben, die auf ihn hören und seine Saat weitertragen. Gehorcht, sagt Samuel, seht die großen Zeichen, die Gott tut. Ist nicht Weizenernte? Ich will den HERRN anrufen, dass er es donnern und regnen lassen soll, dass ihr innewerdet, welch großes Übel ihr vor den Augen des HERRN getan habt, als ihr euch einen König erbeten habt. Und Gott ließ donnern und regnen.
Jesus beginnt seine Bergpredigt mit dem, was ihm am wichtigsten ist: die Königsherrschaft Gottes, Gottes Reich. Er fängt an, wieder geradezurücken, was Samuel nicht vermocht hat: Das Volk wieder dazu zu bringen, Gottes Königsherrschaft anzuerkennen: Von Gott gesegnet und endgültig in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen werden diejenigen, die sich beugen vor Gottes Wind, das heißt diejenigen, die ihn als ihren König anerkennen. Sie werden Anteil am Reich des allumspannenden Königs haben.
Lieber Luther, das ist Jesu Programm. Jesus sät das Senfkorn Wort, er errichtet die Gottesherrschaft neu, indem er wieder Gottes Reich über jegliches irdische Reich, über jeden irdischen König und Götzen setzt. Jesus sät das Senfkorn Wort, er erzählt kraftvoll von Gott. Er will den Menschen die Gottesherrschaft, das Himmelreich, wieder schmackhaft machen, sie dazu bewegen, die irdischen Könige und Götter zu lassen, ihm darin nachzufolgen, Gott allein zu folgen.
Gottes Reich ist das Wort, ist logos. Für die Erzväter, für Mose, Samuel, David, Salomon, Elia, Jesaja, Jeremia, Hiob, Hesekiel, um nur die Prominentesten zu nennen, war das selbstverständlich. Außer ihnen gab es noch viele, zu denen Gott geredet hat, die sein Wort erkannt und weitergetragen haben. Jesus steht in dieser Reihe. Auch in seinem Verständnis der Anerkenntnis der Königsherrschaft Gottes. Er hat sich immer nur als Sohn, Knecht, Hirte verstanden, seinem himmlischen Königs-Vater gegenüber ohne Ausnahme demütig und gehorsam. Er war Wortdiener, er hatte niemals einen Anspruch, König zu sein. Oberste Autorität war für ihn Gott allein, sein Wort.
Geschichte wiederholt sich, fast bis ins Detail. Auch Glaubensgeschichte. Etwa 1000 Jahre nach Samuel gibt es wieder ein Volk, das nach einem König verlangt. "König der Juden" steht über Jesu Kreuz. Wieder ist es das Nichthörenwollen dessen, der das Wort Gottes verkündet. Sie verwerfen den Eckstein zu Gottes Reich. Gott könnte genauso wie zu Samuel zu Jesus gesagt haben: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht soll König über sie sein.
Nach der Johannesversion fragt Pilatus Jesus (Joh 18, 33-38): Bist du der König der Juden? Jesus antwortet logischerweise: Mein Reich unterliegt nicht dieser Weltordnung, sonst hätten diejenigen, die mich auf dem Weg begleiten, um den Sieg gekämpft. Will heißen: In dem Königreich, von dem ich spreche, braucht man nicht um den Sieg zu kämpfen. Man hat, so man Gottes Wort folgt, Anteil daran.
Pilatus hakt nochmals nach: Bist DU dann doch ein König? Jesus hatte vorher schon auf diese Frage eine Gegenfrage gestellt? Fragst du das von dir aus oder haben dir das andere ins Ohr geflüstert? Bin ich denn Jude, wehrt Pilatus ab. Nun also nochmals ein Versuch: Bist DU mit deinem Reich jenseits dieser Welt dann doch ein König? Jesus sagt: Das sagst DU, ich aber sage: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die WAHRHEIT (der Gottesherrschaft) Zeugnis ablege. Jeder, der wahrhaftig ist, der an Gottes Reich teilhat, hört meine Stimme, da er auf das Wort, das ich geredet habe, hört. Pilatus fragt: Was ist Wahrheit? Er gehört also offensichtlich nicht dazu.
Lieber Luther, Jesus ist der Dornbuschkönig, die Dornenkrone haben sie ihm symbolträchtig aufs Haupt gesetzt. Diese Dornenkrone hat er mit Überzeugung getragen. Seine Botschaft war: Vertraut mir, ich vertraue Gott. Gott allein ist unser König. Sein Reich ist das Wort. Ich bin gekommen, um diese Botschaft zu erneuern, um euch zu sagen, wie ihr an Gottes Reich Anteil haben könnt. Ich lasse durch das Wort, das ich predige, Gottes Reich wachsen, ich lege das Saatkorn. Es ist ganz einfach, Anteil an Gottes Reich zu gewinnen: Hört auf das Wort! Nur das kann euch vor dem Verderben retten. Ich vermag es nicht, was immer die Sündentheologie fabuliert, das vermag nur das Wort meines Vaters. Das Himmelreich ist ein Wortreich!
Herzliche Grüße
Deborrah