Lieber Luther

Lieber Luther
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Mittwoch, 21. Mai 2014

Mut zum Wort

Lieber Luther,
das Leben ging weiter. Nachdem Jesus endgültig zu seinem Vater zurückgekehrt war, waren die Jünger auf sich selbst gestellt. Es war niemand mehr da, der erklärt hätte, was unklar war und geklärt hätte, worüber keine Einigkeit herrschte. Die göttliche Wahrheit musste fortan über Menschen vermittelt und ausgelegt werden. Wenn Jesus, seine Lehre, schon in Frage gestellt wurde, wie schwierig war es erst für die Jünger, eine Bresche für den christlichen Glauben durch Heiden- und Judentum zu schlagen. Eine unendlich schwere Aufgabe. Jesus hat die Jünger beauftragt: Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes (Mt 28, 19).
Die Jünger nahmen den Auftrag an. Allerdings wäre es blauäugig zu glauben, dass mit Jesu Tod der schwelende Konflikt zwischen Jesu Lehre und den jüdischen Geistlichen mit einem Schlag beendet gewesen wäre. Mitnichten. Jesu war nur der Erste, der in seinem Namen verfolgt und getötet wurde, viele folgten. Der Konflikt verschärfte sich noch mit der Kunde von Jesu Auferstehung. Das wurde als weitere Provokation angesehen.
Einerseits verstanden viele Menschen das Zeichen der Auferstehung, die göttliche Botschaft dahinter. Sie trieb die Menschen in Scharen den Jüngern zu, öffnete sie für den Glauben an Christus. Natürlich war das den jüdischen Glaubenshütern weiterhin ein Dorn im Auge, bedrohlich für ihre Autorität. Jetzt soll dieser Jesus auch noch auferstanden sein.
Andererseits gab es auch viele, die zweifelten, so wie heute auch.
Als Jesus noch körperlich auf der Erde weilte, gab er den Jüngern schon Mut: sorgt euch nicht, ihr werdet dem Volk predigen, was ihr predigen sollt, ich lege euch das Wort durch den Heiligen Geist in euern Mund. Da Jesus wusste, dass einer die Führung übernehmen musste, gab er Petrus die Rolle. Er war die Autorität, die anerkannt wurde und so war es auch Petrus, der die Richtung vorgab (Apg 2, 14 ff): Es ist in der Schrift verheißen, dass Christi Seele nicht dem Tode überlassen wird und sein Fleisch die Verwesung nicht sieht. Wir Jünger können bezeugen, dass dies so eingetreten ist, wir haben den Auferstandenen gesehen. Er ist nun, wie es geschrieben steht, durch die Rechte Gottes erhöht, er hat den Heiligen Geist von seinem Vater empfangen und ihn wiederum über uns ausgegossen. "So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht hat". Deshalb tut Buße, lasst euch taufen zur Vergebung eurer Sünden, dann werdet auch ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn das ist euch und allen, die Gottes Ruf folgen, verheißen.
In der Nachfolge Jesu tat auch Petrus Zeichen und Werke, die nicht jeder vermag. Das Volk war beeindruckt und das war Sinn und Zweck der Sache. Gottes Geist wirkte mit. Die geistlichen Würdenträger waren, wie schon bei Jesus, pikiert: Wie konnten diese ungebildeten Menschen all dies reden und bewirken? Sie mussten verschwinden, wobei sie, wie schon bei Jesus, die große Zahl der Anhänger fürchteten (Apg 4,21). Deshalb gingen sie durchtrieben Schritt für Schritt vor, schüchterten die Apostel ein, indem sie sie stäupten (Apg 5, 40) und aus der Stadt vertrieben. Mit Stephanus wurde ein erstes tödliches Fanal gesetzt. Er war angesehen, voll großem Glauben, wundertätig und voller Weisheit. Mit seiner Verurteilung konnte man ein Zeichen setzen. Nach dem gleichen Rezept wie Jesus, wurde er verleumdet und schließlich gesteinigt (Apg 6-7). Jakobus starb als nächster (Apg 12, 2). Das Wunder war, sie verzagten nicht, ließen sich weder einschüchtern noch beirren, räumten das Feld nicht.
Lieber Luther, wieso erzähle ich das alles? Wir sind beim heutigen Predigttext angelangt. Paulus, der über den Heiligen Geist die Mission hatte, insbesondere Gottes Wort unter die Heiden zu bringen, ist in Athen angekommen. Dort herrschen die griechischen Götter und Paulus ist zornig über das Maß der Abgötterei dort. Er versucht, die philosophisch gebildeten Griechen mit ihren Mitteln zu schlagen: Er sagt, auf einem eurer Altäre habe ich gelesen: Dem unbekannten Gott. Ich sage euch, wer der euch unbekannte Gott ist (Apg 17, 23). Er wohnt weder in euren Tempeln, noch bedarf er eurer. Die goldenen, silbernen und steinernen Bilder, die ihr gemacht habt, sind falsche Götterbilder. Gott hat bisher eure Unwissenheit übersehen, aber nun fordert er von euch Buße. Ihr werdet einst, nach eurer Auferstehung, vor Gott stehen und er wird euren Glauben ansehen (Apg 17, 22-31).
Was passierte, liebe Luther? Als die wohlgebildeten Griechen die Botschaft von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten sie über Paulus. Buße? Das entsprach nicht derepikurischen Lebensphilosophie der maximalen irdischen Glückseligkeit. Leben nach dem Tod? Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir sind, ist der Tod noch nicht da; aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.
Kommt uns das nicht, lieber Luther, bekannt vor? Paulus und die Athener damals, die sauertöpfischen christlichen Mahner, die wagen, daran zu erinnern, dass es auch ein Leben und eine Verantwortung für sein Leben nach dem Tod gibt, heute. Das will unsere körperorientierte Wellness- und Spaßgesellschaft nicht wirklich hören. Sich mit dem Tod und unserer Eigenverantwortung für unser Leben nach dem Tod auseinandersetzen? Muss das sein? Haben unsere Prediger den gleichen Mut, die gleiche Unverzagtheit, die gleiche Geradlinigkeit und Klarheit in der Botschaft wie die Apostel und Jünger? Wagen sie unbequem zu sein? Oder ziehen sie sich auf die Wellness konforme Botschaft "Gott ist die Liebe" zurück? Da kann man weder anecken noch etwas falsch machen. Die Jünger waren mutiger, konsequenter, einsatzbereiter, haben eine Mission und eine Berufung verspürt, der sie persönliche Belange, bis hin des eigenen Lebens, unterstellt haben. Freiwillig und aus eigener Glaubensüberzeugung. Dietrich Bonhoeffer ist ein jüngeres Beispiel für solch einen Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Was lernen wir also, lieber Luther, aus dem heutigen Predigttext? Wir sollten uns an den Aposteln und Jüngern ein Beispiel nehmen: Durchhalten, nicht verzagen, nicht klein beigeben, sich nicht verstecken, unermüdlich sein in der Botschaft, im Wort, in der Predigt, nicht nach dem Mund reden, sich nicht einschüchtern lassen, wahrhaftig sein im Wort, auch wenn es nicht gern gehört wird. Anecken, wenn es sein muss. Auferstehen aus dem nichtssagenden Schlaf.
Ich weiß wohl, lieber Luther, auch Mut gehört dazu, Löwenmut, wie ihn die Apostel vorgelebt haben. Heute wird man, zumindest in unseren Breitengraden, zwar nicht mehr den Löwen vorgeworfen, wenn man von der Auferstehung nach dem Tod und unserer eigenen Verantwortung für unser Leben nach dem Tod spricht, aber ein Shitsturm kann einen trotzdem treffen. Sehen wir auf die Apostel und Jünger und lernen wir bei ihnen, haben wir Mut zum wahren Wort.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 10. Februar 2013

Rosinenpicken


Lieber Luther
Beim heutigen Evangelium (Mark 8, 31-38) stutzt man.
Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Cäsarea Philippi. Er ist neugierig, was man so über ihn redet und so fragt er seine Jünger: Sie sagen, du seist Johannes der Täufer oder Elia oder ein Prophet.
Und was denkt ihr? Petrus ist mutig und sagt: Du bist Christus!
Und was macht Jesus. Er "bedroht" sie, dass sie niemand etwas sagen sollen.
Er erklärt ihnen, dass der Menschensohn viel werde leiden müssen, dass er verurteilt und getötet werden wird, aber nach drei Tagen auferstehen werde.
Wiederum Petrus wagt Widerworte. Jesus wendet sich um, sieht seine Jünger an und j"bedroht" Petrus: "Gehe hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist."
Und weiter: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangelium willen, der wird es behalten.
Da hat Jesus aber starke Geschütze gegen Petrus aufgefahren. Zuerst bedroht er seine Jünger, dann herrscht er Petrus an. Letzteren nennt er sogar "Satan". Welch ein Affront gegen Petrus, seinen späteren Fels.
Es ist nicht das erste und einzige Mal, dass Jesus auffahrend ist. Seiner Mutter gegenüber, aber auch anderen, insbesondere den Pharisäern gegenüber. Als sie mit Argusaugen verfolgen, ob er etwa am Sabbat heile, sah er sie an mit "Zorn" (Mark 3, 5). Ein anderes Beispiel ist die Demütigung der Frau am Jakobsbrunnen. Es ließen sich noch viele andere Beispiele aufzählen.
Nein, so wollen wir unseren Jesus gar nicht. Darüber schweigt man gerne hinweg. Das passt nicht in das Bild des Guten und Sanftmütigen.
Machen wir es da nicht wie Petrus: Rosinenpicken?
Wieso fährt Jesus Petrus so an? Weil er nur die Wunder und das Wunderbare sehen will, nicht aber das Kreuz, nicht aber das Leid, bis hin zur Bereitschaft, sein Leben zu geben, um Jesus und des Evangeliums willen. Dieser unbequemen Wahrheit will sich Petrus nicht stellen.
Jesus rührt an ein Tabuthema. Den Tod hat man schon damals lieber totgeschwiegen. Ja, Jesus ist der Christus. Was von ihm bei den Propheten geschrieben steht, müsste auch Petrus wissen. Er müsste wissen, wie das endet. Davor verschließt er aber die Augen. Er will lieber am Leben festhalten. Als der Hahn das dritte Mal gekräht hat, ist dies offensichtlich.
"Menschlich" nennt Jesus das und er hat recht damit. Der Mensch hält gern das Leben fest. Die schwere Seite der Medaille, die das Christsein immer einschließt, ignoriert er gern. Gottes Liebe nimmt man gern, nicht aber Jesu Leiden und das Kreuz. Deshalb hat Petrus Jesus Zorn getroffen.
So ist es auch mit Jesus. Man will ihn nur als den Sanftmütigen, den Guten, den Geduldigen, den Liebenden. Der Zornige, der Aufbrausende, der Demütigende, der Rechthaberische, der gegenüber den Pharisäern Unerbittliche, den wollen wir nicht sehen. Das sind wir selbst. Von einer Lichtgestalt wie Jesus wollen wir das nicht sehen. Da wollen wir nur das, was wir denken, es sei die Zuckerseite.
Wieso eigentlich nicht? Er ist der Menschensohn, Mensch. Andersherum hat Gott uns nach seinem Ebenbild geschaffen und Gott ist im Alten Testament oft zornig, sehr sogar. Wieso wollen wir den Zorn als etwas nicht Göttliches ausschließen? Antwort: Passt nicht in unser Zuckerhasen-Bild.
Jesus ist durch das Leid des Kreuzes gegangen, durch den Spott, die Geißelung, das Verlassenwerden von seinen Jüngern. Er ist durch die Demütigung, den körperlichen Schmerz, den seelischen Abgrund gegangen. Er hat den Menschen in all seinen unmenschlichen Zügen selbst durchlitten. Er war Mensch. Er wurde menschlich geboren und ist menschlich gestorben. Deshalb durfte er auch zornig, aufbrausend und menschlich (nicht göttlich) ungerecht sein. Es war seine Bestimmung, Mensch in seiner ganzen Bandbreite zu sein. Das war der göttliche Wille. Ansonsten wäre er unglaubwürdig, seine Mission gescheitert.
Ist das enttäuschend? Keinesfalls, ganz im Gegenteil. Es bringt ihn uns näher, macht es uns leichter ihm nachzufolgen. Er zeigt, dass Mensch Mensch sein darf, mit all seinen Schwächen. Er hatte sie auch.
Indem wir Jesus sein lassen, was er war ? menschlicher Gottessohn ? bringen wir ihn uns näher als wenn wir ihn auf einen Sockel heben und ihn damit von uns wegheben. Nein, ich glaube, das hätte er nicht gewollt. Ich glaube, das ist nicht Gottes Wille. Er wollte uns eindrücklich einen vor Augen bringen, der unseresgleichen ist, einer der es uns ermöglicht, mit ihm zu ziehen, mit ihm Schritt zu halten, mit ihm zu gehen, ein Menschensohn eben, ein göttliches Ebenbild in Menschengestalt wie wir. Und er wollte uns sagen: So wie dieser Sohn durch das Kreuz gegangen ist, so müsst auch ihr durch das Kreuz gehen. Tut es ihm nach.
Jesus hält das seinen Jüngern unerbittlich unter die Nase, ob sie es hören wollen oder nicht. Seht, das ist es, was meine Nachfolge ausmacht, das Kreuz.
Und: Das gilt bis auf den heutigen Tag. Rosinenpicken ist eben nicht.
Ich gebe zu, lieber Luther, ich wage mich da wieder einmal weit vor. Ich hatte nicht die Zeit, deine Werke zu durchstöbern, um zu sehen, ob du dich um das Thema auch herumgedrückt hast. Wenn ja, gebe ich Dir hiermit eine Steilvorlage, die du gerne kontern kannst. Ich bin, wie immer, sehr disputierfreudig.
Herzliche Grüße
Deborrah