Lieber Luther

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Montag, 6. April 2015

Wortreich

Lieber Luther,
was hat Jesus gedacht? Wofür stand er? Was waren seine Grundüberzeugungen? Wie sieht er sich selbst? Hat er seine Person so in Vordergrund gestellt, wie wir das tun? Ist das nicht ein großes Missverständnis? Die Antwort lässt sich erschließen.
Die Bergpredigt ist immer eine gute Quelle der Erkenntnis. Gleich der erste Satz der Bergpredigt ist eine Grundsatzerklärung Jesu. Sein Manifest des Glaubens. Von Königsherrschaft und vom Reich Gottes ist die Rede. Schon sein erstes Statement enthält alle Zutaten, aus denen ihm später ein Kreuz gezimmert wird. Er sagt:
Von Gott gesegnet und endgültig in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen werden diejenigen, die sich beugen vor Gottes Wind, das heißt diejenigen, die vor Gott demütig sind. Sie werden Anteil haben an der Königsherrschaft des jenseits aller Materie Allumfassenden, an dem, was Matthäus bildlich das "Himmelreich" nennt. Wie ist das anzustellen? Wie kann man dieses Himmelreich gewinnen?
Jesus beruft sich oft, so auch in der Bergpredigt, auf die Propheten der alten Schrift. Sie sind seine geistige Heimat. Der "Himmel" als Bild für Gottes Wohnung ist nicht neu. David erkennt, dass der HERR ihm, seinem irdischen gesalbten König, hilft, ihn aus seinem "heiligen Himmel" erhört, erkennbar durch die Heilstaten seiner Rechten. Er wirkt allein durch seinen Namen, durch seine Stimme, durch das, was er durch seine ausgewählten Diener - Propheten in der Regel - verkünden lässt. Wer anderes denkt fällt, wer dem folgt, wird stehen und aufrecht bleiben. Deshalb: HERR, du KÖNIG, erhöre uns am Tag unseres Rufens (Ps 20, 7-10).
Gott spricht von Anbeginn von "seinem Volk", er ist der König dieses Volkes. Das Volk ist von Anbeginn als eine brüderliche Gemeinschaft angelegt. Deshalb sagt Gideon: Ich will nicht Herr sein über euch, und auch mein Sohn soll nicht Herr über euch sein, sondern der HERR soll Herr über euch sein (Ri 8, 23). Aber, die Menschen sind intrigant und machtbesessen. Die Mutter Abimelechs hetzte das Volk auf, er kaufte "lose und leichtfertige" Männer und schon fanden sich welche, die ihn zum König machten. Jotham, der jüngste Sohn Gideons, versucht sie aufzuhalten (Ri 9, 9-15):
Die Bäume baten den Ölbaum, dass er König über sie sei. Der Ölbaum lehnt ab, er sagt, ihr schätzt mein Öl, das Götter und Menschen preisen. Ihr müsstet das Fett lassen, damit ich über den Bäumen schwebe. Dann fragten sie den Feigenbaum. Soll ich etwa meine Süßigkeit lassen, damit ich über den Bäumen schwebe? antwortet der Feigenbaum. Dann fragten sie den Weinstock. Der entgegnet: Soll ich meinen Most lassen, der Götter und Mensch fröhlich macht, damit ich über den Bäumen schwebe? Da sprachen die Bäume zum Dornbusch: Komm, sei du unser König. Und der Dornbusch sprach: Ist's wahr, dass ihr mich zum König salbt über euch, so kommt und vertraut euch unter meinen Schatten; wo nicht, so gehe Feuer aus dem Dornbusch und verzehre die Zedern Libanons.
Der Dornbusch- König gibt nichts, was der Mensch so liebt, das Fette, Süße und Gesellige. In der Geschichte ist der Dornbusch die letzte Wahl der Menschen. Erst ist das Üppige, das Füllige, das Fette, das pralle Leben gefragt. Der Dornbusch hat auf den ersten Blick nichts Attraktives zu bieten, nur Dornen und seinen Schatten. Die falschen Könige, die zuerst gefragt sind, dagegen wohl. Was sie bieten, darauf will der Mensch nicht verzichten. Das Volk, das den König sucht, widersteht den Versuchungen des prallen Lebens nicht. Deshalb lieber einen anderen König suchen. Bei dem man scheinbar billiger wegkommt. Aber, weit gefehlt: Der Dornbusch-König fordert. Er fordert nichts materielles, er fordert inwändiges: Vertrauen. Wenn ihr mich zu eurem König macht und kein Vertrauen zu mir habt, sagt der Dornbusch, dann wird Feuer von mir ausgehen und die Zedern des Libanons verbrennen. Er fordert Vertrauen und bietet Schutz und einen Zufluchtsort. Kein Konsumgut, Lebens-gut. Aber: Ihr müsst mich wahrhaftig zu eurem König machen, Lippenbekenntnisse reichen nicht. Wenn ich nur ein Schein-König für euch bin, werdet ihr an eurer Scheinheiligkeit verbrennen. So kommt, sagt der Dornbusch, ihr müsst wahrhaft zu mir kommen, freiwillig.
Gott allein ist König, ein Mensch vermag solchen Schutz nicht zu geben. Er braucht den Schatten Gottes: Behüte mich wie ein Augapfel, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel heißt es in Psalm 17, 8. Jesus ist Dornbusch für uns. Wie erklärt er uns Gottes Königsherrschaft? Sie ist wie ein Senfkorn. Wenn es auf die Erde gesät wird, ist es der kleinste Same (sperma), doch wenn es gesät ist, geht es auf und wird größer als alle Kräuter und es treibt große Zweige, so dass unter ihren Schatten die Vögel des Himmels ihren Platz finden (Mk 4, 30-32). Jotham und Jesus erklären in ähnlichen Bildern die Königsherrschaft Gottes.
Das Volk verlangt trotz alledem nach einem König und bringt es vor Samuel: Gib uns einen König, der uns richte. Samuel will das nicht und betet. Gott antwortet ihm: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht soll König über sie sein. Sie gehorchen nur anderen Königen, sie gehorchen nur ihrer eigenen Stimme. Doch bezeuge ihnen und verkündige ihnen das Recht des Königs, der über sie herrschen wird (1.Sam 8, 5-22):
Er wird euch dienstbar machen und euch vor sich her treiben, er wird euch eure Söhne nehmen und für sich in den Krieg schicken, ihr werdet seine Äcker bebauen müssen, er wird eure Töchter zu Dienstmägden machen, er wird eure besten Äcker, Weinberge und Ölgärten nehmen und denen geben, die ihm willfährig sind. Ihr werdet Steuern zahlen müssen und von ihm abhängig sein. Wenn ihr euch dann über EUREN König beklagt, so werde ich euch nicht hören.
All das schreckte das Volk nicht, sie wollten nicht auf Samuel hören, sondern bestanden darauf, ihren eigenen König zu haben: …, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe. Der HERR sprach zu Samuel: Gehorche ihrer Stimme und mache ihnen einen König. Und Samuel sprach: Geht hin, ein jeglicher in seine Stadt.
Es hört sich an, wie ein weiterer Sündenfall. Das Volk verwirft Gott als Richter und als denjenigen, der für es in den Streit zieht. Sie tauschen tatsächlich Gott, den weltumspannenden König, gegen ein Menschlein. Sie wollen nicht von Gott gerichtet werden, sondern von einem irdischen Richter. Sie begreifen noch nicht einmal, als Samuel die Konsequenzen aufzeigt, dass sie sich verkaufen, sich versklaven, sich abhängig machen von menschlicher Willkür. Sie gehen sehenden blinden Auges in ihr Unglück. Die irdenen Könige, die kommen werden, Saul, David und alle folgenden, bis auf den heutigen Tag, werden es so machen, wie vorausgesagt.
Aber: Gott gibt die Fäden nicht aus der Hand: Denn siehe, der HERR hat einen König über euch gesetzt (1.Sam 12, 13-18). Er mischt mit und lässt sein Volk nicht. Er gibt ihm immer und jederzeit die Chance umzukehren und auf ihn zu hören. Wenn nicht, soll das Volk seinen Willen haben, es wird darunter immer welche geben, die auf ihn hören und seine Saat weitertragen. Gehorcht, sagt Samuel, seht die großen Zeichen, die Gott tut. Ist nicht Weizenernte? Ich will den HERRN anrufen, dass er es donnern und regnen lassen soll, dass ihr innewerdet, welch großes Übel ihr vor den Augen des HERRN getan habt, als ihr euch einen König erbeten habt. Und Gott ließ donnern und regnen.
Jesus beginnt seine Bergpredigt mit dem, was ihm am wichtigsten ist: die Königsherrschaft Gottes, Gottes Reich. Er fängt an, wieder geradezurücken, was Samuel nicht vermocht hat: Das Volk wieder dazu zu bringen, Gottes Königsherrschaft anzuerkennen: Von Gott gesegnet und endgültig in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen werden diejenigen, die sich beugen vor Gottes Wind, das heißt diejenigen, die ihn als ihren König anerkennen. Sie werden Anteil am Reich des allumspannenden Königs haben.
Lieber Luther, das ist Jesu Programm. Jesus sät das Senfkorn Wort, er errichtet die Gottesherrschaft neu, indem er wieder Gottes Reich über jegliches irdische Reich, über jeden irdischen König und Götzen setzt. Jesus sät das Senfkorn Wort, er erzählt kraftvoll von Gott. Er will den Menschen die Gottesherrschaft, das Himmelreich, wieder schmackhaft machen, sie dazu bewegen, die irdischen Könige und Götter zu lassen, ihm darin nachzufolgen, Gott allein zu folgen.
Gottes Reich ist das Wort, ist logos. Für die Erzväter, für Mose, Samuel, David, Salomon, Elia, Jesaja, Jeremia, Hiob, Hesekiel, um nur die Prominentesten zu nennen, war das selbstverständlich. Außer ihnen gab es noch viele, zu denen Gott geredet hat, die sein Wort erkannt und weitergetragen haben. Jesus steht in dieser Reihe. Auch in seinem Verständnis der Anerkenntnis der Königsherrschaft Gottes. Er hat sich immer nur als Sohn, Knecht, Hirte verstanden, seinem himmlischen Königs-Vater gegenüber ohne Ausnahme demütig und gehorsam. Er war Wortdiener, er hatte niemals einen Anspruch, König zu sein. Oberste Autorität war für ihn Gott allein, sein Wort.
Geschichte wiederholt sich, fast bis ins Detail. Auch Glaubensgeschichte. Etwa 1000 Jahre nach Samuel gibt es wieder ein Volk, das nach einem König verlangt. "König der Juden" steht über Jesu Kreuz. Wieder ist es das Nichthörenwollen dessen, der das Wort Gottes verkündet. Sie verwerfen den Eckstein zu Gottes Reich. Gott könnte genauso wie zu Samuel zu Jesus gesagt haben: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht soll König über sie sein.
Nach der Johannesversion fragt Pilatus Jesus (Joh 18, 33-38): Bist du der König der Juden? Jesus antwortet logischerweise: Mein Reich unterliegt nicht dieser Weltordnung, sonst hätten diejenigen, die mich auf dem Weg begleiten, um den Sieg gekämpft. Will heißen: In dem Königreich, von dem ich spreche, braucht man nicht um den Sieg zu kämpfen. Man hat, so man Gottes Wort folgt, Anteil daran.
Pilatus hakt nochmals nach: Bist DU dann doch ein König? Jesus hatte vorher schon auf diese Frage eine Gegenfrage gestellt? Fragst du das von dir aus oder haben dir das andere ins Ohr geflüstert? Bin ich denn Jude, wehrt Pilatus ab. Nun also nochmals ein Versuch: Bist DU mit deinem Reich jenseits dieser Welt dann doch ein König? Jesus sagt: Das sagst DU, ich aber sage: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die WAHRHEIT (der Gottesherrschaft) Zeugnis ablege. Jeder, der wahrhaftig ist, der an Gottes Reich teilhat, hört meine Stimme, da er auf das Wort, das ich geredet habe, hört. Pilatus fragt: Was ist Wahrheit? Er gehört also offensichtlich nicht dazu.
Lieber Luther, Jesus ist der Dornbuschkönig, die Dornenkrone haben sie ihm symbolträchtig aufs Haupt gesetzt. Diese Dornenkrone hat er mit Überzeugung getragen. Seine Botschaft war: Vertraut mir, ich vertraue Gott. Gott allein ist unser König. Sein Reich ist das Wort. Ich bin gekommen, um diese Botschaft zu erneuern, um euch zu sagen, wie ihr an Gottes Reich Anteil haben könnt. Ich lasse durch das Wort, das ich predige, Gottes Reich wachsen, ich lege das Saatkorn. Es ist ganz einfach, Anteil an Gottes Reich zu gewinnen: Hört auf das Wort! Nur das kann euch vor dem Verderben retten. Ich vermag es nicht, was immer die Sündentheologie fabuliert, das vermag nur das Wort meines Vaters. Das Himmelreich ist ein Wortreich!
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 8. September 2013

Glauben

Lieber Luther,
vor mir liegt ein Senfkorn. Ich habe es vom heutigen Sonntagsgottesdienst mitgebracht. Es ist klein, trotzdem habe ich es nicht verloren. Was hat es mit diesem Senfkorn auf sich?
"Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer! so wird er euch gehorsam sein." (Luk 17, 5-6).
Die Predigt fand ich schön und zunächst eingängig und konsistent. Die Apostel hätten gar nicht den Glauben gemeint, Glaube könne man nicht stärken. Glaube sei eine Beziehung zu Gott, hieß es da. Gott, Jesus an sich sei Glaube.
Die Fragen sind erst hinterher gekommen. Kann man Glauben wirklich nicht stärken, mehren, vertiefen? Widerspruch hat sich in mir geregt, deshalb, lieber Luther, musst du wieder herhalten.
Glaube besteht sicher auch in einer "Beziehung" zu Gott. Aber gerade Beziehungen muss man pflegen, man kann sie stärken, man kann sie auch schwächen, man kann sie beenden, sich nicht entwickeln lassen oder ihnen auch den Todesstoß versetzen. Beziehungen sind fragil und immer in Gefahr, die Beziehung zwischen Menschen, aber auch zu Gott.
Für Jesus kam die Frage der Apostel nicht überraschend, er kannte das schon: Wieso ist euer Glaube so klein, kommt es postwendend zurück. Der Kleinglaube der Apostel war bei Jesus oft Gegenstand seiner Belehrungen. Sie, die "Glauben" in die Welt tragen sollten, zu stärken, gehörte zum Kern der Mission Jesu, seine Apostel, seine Nachfolger, zu lehren undauf seine Nachfolge vorzubereiten.
Zunächst: Was ist Glaube? Sich über etwas zu verständigen, das so abstrakt und individuell ist wie Glaube, ist schwierig. Wie äußert sich Glaube? Eine allgemeingültige Antwort gibt es hier nicht, es gibt wahrscheinlich so viele individuelle Ausprägungen, wie es gläubige Menschen gibt. Deshalb gibt es wohl "den" Glauben nicht, sondern nur Glaube.
Wenn man anfängt auszusortieren, scheint zumindest klar zu sein, dass es Menschen gibt, die glauben und Menschen die nicht glauben – egal um welche Religion es sich handelt. Glaube ist also etwas, das an das Individuum, an den Menschen, an den jeweiligen Menschen, an den Einzelnen, dich, mich gebunden ist oder auch nicht. Glauben tut man oder eben nicht. Insofern ist das nichts, das man selbst beeinflussen kann. Glauben, glauben können an sich, ist zunächst eine göttliche Gnade. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass man niemand einen Vorwurf machen kann, wenn er nicht glaubt. Gott weiß, dass erst am Ende der Zeit alle glauben werden. Insofern sieht er das wahrscheinlich wesentlich unaufgeregter als die Gläubigen, die die Zahl der Ungläubigen bejammern.
Wäre noch die Frage, ob man den Glauben durch fromme Übungen, durch Gebete, durch Bibellesen herbeibeten kann. Sicher nicht, das bewirkt eher das Gegenteil und endet im schlechten Fall in Psychosen. Man kann sich auf die Suche nach Gott machen, im Idealfall in und mit guter Begleitung, und er wird sich sicher finden lassen, aber auf seine Weise und nicht wie wir uns das idealisiert ausmalen.
Wie man aber glaubt, wenn man glaubt, in welcher Sicherheit, in welcher Tiefe, in welcher Unangefochtenheit, in welcher Stärke, mit welcher Berge versetzender Kraft, darin besteht ein Unterschied. Der Weg im Glauben ist lang, steinig und schmerzhaft. Man sollte sich das nicht so vorstellen, dass man eine Erleuchtung hat, wie Paulus, und dann ist man Apostel. So ist das sicher nicht. Glaube ist auch Arbeit, um Glaube muss man ringen, im Glauben ist man Anfechtungen ausgesetzt, Glaube muss man pflegen und gießen, sonst wächst das Senfkorn nicht. Glauben muss man erfahren, erleben, jeden Tag. Es ist auch notwendig, seinen Glauben immer wieder zu hinterfragen, damit man nicht für Glauben hält, was am Ende Aberglauben ist. Aber genau das stärkt den Glauben und lässt einem im Glauben wachsen. Es ist die Anfechtung, nicht selbstgerechte Gewissheit. Selbst Jesus ist in seinem Glauben in der Wüste angefochten worden. In dem Fall hat die Seele Fastenzeit. 
Wenn die Jünger ihren Glauben klein fanden und gerne darin bestärkt werden wollten, ist das etwas, was für Menschen normal ist. Sie – und wir - sind nicht wie Jesus, sie sind nicht Gott, sie sind schwach und können nur versuchen, stärker zu werden. Sie bitten den um Hilfe, der allein helfen kann. Es zeugt von gesundem Realismus, dass sie sich ihrer Schwäche – auch im Glauben – bewusst sind, mit Jesus als Gallionsfigur jeden Tag vor Augen sowieso.
Im Glauben hat man eine Beziehung zu Gott, man vertraut sich Gott an, bekennt sich zu Gott, wirft sich ihm in die Arme, redet mit ihm, sitzt mit ihm zu Tisch. Dass die Jünger einen solchen Glauben, eine solche Glaubensbeziehung, hatten, steht außer Frage. Das ist, was Mensch aus sich heraus vermag: Sein Vertrauen in Gott setzen, an Jesus glauben und ihm nachfolgen. Das ist, was Jesus in seiner Brotrede gemeint hat. Das ist sozusagen der Glaubensalltag.
Das ist aber nicht das, was Jesus wirklich in Frage stellte mit diesem Senfkorn-Vergleich. Jesus meint hier einen ungleich größeren Glauben, einen Glauben, der Berge versetzen kann oder eben Maulbeerbäume.
Deutlicher wird dies bei der Heilung des Fallsüchtigen: Die Jünger versuchen nach dem Vorbild Jesu zu heilen, schaffen es aber nicht. Jesus herrscht sie an: "Ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen? Die Jünger fragen, wieso ihnen nicht gelungen sei, zu heilen. Die Antwort ist eindeutig: Wegen eures Kleinglaubens, "denn wahrlich ich sage euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Hebe dich weg von hier dorthin! Und er wird sich hinwegheben und nichts wird euch unmöglich sein." (Matth 17, 17 ff). Jesus ist fast am Ende seines Weges und seine Jünger haben immer noch nicht den Glauben, der heilen lässt, sie sind kleingläubig. Das Beispiel, als Petrus über das Meer gehen will und versinkt, sagt nichts anderes (Matth 14, 30-31).
Es geht also um einen Glauben, der Dinge vermag, die außerhalb der menschlichen Möglichkeiten liegen, Berge oder Bäume versetzen allein, aus Glaube. Übers Meer gehen. Nichts wird euch bei diesem Glaube unmöglich sein, so sagt Jesus. Da stehen wir ganz klein vor unserer Angst. Das trauen wir uns dann doch nicht zu. Das Vertrauen in dieses Wort ist nicht groß genug, dass wir genug Vertrauen zu uns hätten, dem zu glauben.
In der Elberfelder Übersetzung bitten die Apostel Jesus auch , MEHRE uns den Glauben, das heißt: Gib zu dem Glauben, den wir schon haben, noch das Stück Glaube hinzu, das uns heilen, das uns andere heilen, das Berge versetzen, übers Meer gehen lässt. Es ist hier von einer Glaubensgröße die Rede, die uns – mich jedenfalls – erschauern lässt. Trauen wir uns das zu? Oder muss sich unser Glaube nicht doch noch mehren, stärken? Glauben wir Jesus und gehen los, gegen jeglichen Verstand, gegen jegliches Naturgesetz? Es gibt Menschen, die das können, es ist nicht unmöglich.
Was sagt uns die Symbolik des Senfkorns? Es gibt annähernd 400 Gattungen von Senf. Senf ist also nicht gleich Senf. Senf ist ein Kreuzblütler, das ist schon eine Symbolik an sich. Es gibt Arten, die als Wildpflanzen und auf Schutt wachsen, wild, unkultiviert, nicht domestiziert. Es gibt aber auch Arten, die als Nutzpflanzen, als Gemüse-, Würz-, Arznei- oder Futterpflanzen dienen. Auch hier, wie kürzlich schon vergleichbar bei dem Baumverweis, wird auf die Vielartigkeit in Gottes Reich, in dem Fall im Bild des Senfs, des Senfkorns, hingewiesen.
Das Senfkorn muss gesät werden, gehegt und gepflegt. Es kann unter Dornen fallen, auf Fels oder auf unfruchtbaren Boden, wie im Gleichnis vom Sämann beschrieben. Nur wenn das Senfkorn auf fruchtbaren Boden fällt, wächst und gedeiht es, so wie es bei Markus beschrieben ist, als die Jünger fragen, wie das Reich Gottes zu beschreiben ist und Jesus antwortet:
Es ist wie ein Senfkorn, das, wenn es auf die Erde gesät wird, kleiner ist als alle Arten von Samen, die auf der Erde sind. Wenn es aber ausgesät ist, geht es auf und wird größer als alle Kräuter und es treibt große Zweige, so dass unter seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können (Mar, 4, 30 ff).
So wird aus etwas, was zu Beginn das Kleinste ist, am Ende das Größte. Das Senfkorn ist der Glaube. Aber: Das Senfkorn braucht Zeit, sich zu entwickeln, zu wachsen, und es braucht die entsprechende Umwelt, damit es überhaupt wachsen kann. So ist es mit den Jüngern: Ihr Glaube ist zwar schon aus dem Senfkorn gewachsen, treibt und wächst, aber er hat noch nicht die Größe, dass er den Vögeln des Himmels eine Wohnung geben könnte. Er ist noch nicht so groß, dass er für andere eine heilsame Kraft sein kann, dass er Maulbeerbäumen gebieten könnte und sie gehorchen würden.
Der Maulbeerbaum steht hier als Symbol für den Menschen. Das Charisma der Jünger ist noch nicht so groß, dass sie die Menschen bewegen könnten, gar heilen. Der Maulbeerbaum galt als Symbol der Klugheit, als der Weiseste der Bäume. Wenn Jesus sagt: Wenn ihr nur so viel Glauben habt wie der kleinste aller Samen, das Senfkorn, dann vermögt ihr die Weisesten der Menschen aus ihrer Verhaftung zu lösen und sie würden "gehorchen", d.h. sie würden Jesu Wort nachfolgen. Seine Apostel und Prediger würden mehr können, als sie nur aus sich heraus vermögen. Jesus formuliert hier die Glaubensvoraussetzungen, die es – noch nicht zu diesem Zeitpunkt, aber später – den Aposteln doch noch möglich machte, größer als sie selbst zu sein, zu heilen, ohne zu wissen wie, das Wort in die Welt hinauszutragen, ohne in ihrer Mission zu scheitern.
Wie viel Zeit, wie viel Lernen notwendig ist, um zu so einem Glauben zu gelangen, hat Jesus in dem Weg gezeigt, den er mit den Aposteln gegangen ist. Es war ein hartes Stück Arbeit für ihn, in ihnen ihren Glauben so wachsen zu lassen, so zu mehren, so zu stärken, dass sie die Glaubensstärke hatten, die notwendig war, um die Botschaft in die Welt hinaus zu tragen und die Leiden, die ihnen dabei auferlegt waren, mit Demut zu tragen. Das konnten sie nur durch eine innere Stärke, zu der sie erst gelangen mussten. Ihr Senfkorn musste erst zu einem Heilkraut mit großen Ästen wachsen, in denen andere Geschöpfe sich bergen konnten.
Jesu redet in diesem Senfkornbild von der Zukunft: Wenn ihr so viel Glauben habt …. Ja, lieber Luther, bis wir so viel Glauben haben, dass im Vertrauen auf diesen Glauben auch das scheinbar Unmögliche möglich wird, dass wir über uns hinauswachsen können, wir unsere (Selbst-)Beschränkungen, unser uns Nichtzutrauen, hinter uns lassen können, wir Berge versetzen könnten im Glauben, das wird sicher noch dauern. Jedenfalls bei mir. Ich werde das Senfkorn aufheben, als Ansporn. Ob wir, lieber Luther, jemals Berge versetzen können?
Herzliche Grüße
Deborrah