Lieber Luther

Lieber Luther
Posts mit dem Label Saulus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Saulus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 9. April 2015

Vaterunser (3) - Wie im Himmel, so auf Erden

Lieber Luther,
wie hat Jesus getickt? Das ist die Frage, die mich beschäftigt. Je mehr ich mich in das Wort hineinbegebe, desto mehr entdecke ich, wie schon unsere Bibelübersetzungen Interpretationen enthalten, die den Blick auf das ursprüngliche wahre Wort verdecken, weil sie theologiegeleitet sind. Es will die Religion verkauft werden, nicht das Wort, nicht Jesus. Wenn man ihn andererseits auf seinem Banner führt, ist das eine Missbrauch der Person Jesu. Ich will Jesus verstehen, das Wort, nicht die Theologen und ihre Theo-Logien, auch nicht Paulus, der eine der Wurzel des Übels ist. Wie ist Ostern, das Ostergeschehen mit Jesu Tod und Auferstehung zu verstehen? Ein Kern christlicher Lehre? Ich nähere mich anhand des Vaterunsers. Heute Teil 3:
Wie im Himmel so auf Erden. Dein Wille, o Gott, so beten wir, geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Oder, auf Erden wie im Himmel, wie du, lieber Luther übersetzt? Macht das einen Unterschied? Der Wille Gottes äußert sich im Menschen, in den Menschen, die Gottes Wort und seine Stimme hören, in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen. Jesus hat nichts anderes getan, als Gottes Willen. Er hat Gottes Willen auf die Erde gebracht, vorgelebt. Für ihn hat gegolten: Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Jesus ist 100% Gottes Wille. Ihr sollt vollkommen sein, genau wie euer Vater im Himmel (Mt 5, 48). Die Messlatte liegt, im wahrsten Sinne des Wortes, hoch. Oder kommt das Himmelreich zu uns bzw. ist schon da?
Sollte Gott in Wahrheit auf Erden wohnen? fragt Salomon Antwort suchend im Gebet bei der Einweihung seines Tempels: Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es denn dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich zum Gebet deines Knechtes, höre das Lob und das Gebet, und wenn du es hörst, mögest du gnädig sein in deiner Wohnung im Himmel (1.Kön 8, 27-32).
Salomon sagt, höre das Lob und Gebet. Jesus sagt: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Wer da bittet, der nimmt, wer da sucht, der findet, wer da anklopft, dem wird (der Schafstall, das Himmelreich oder die Erkenntnis) aufgetan. Wenn der Sohn den Vater um Brot bittet, würde er ihm einen Stein geben? Wenn er ihn um einen Fisch bittet, würde er ihm eine Schlange geben? (Lk 11, 9-13). Jesus gibt Brot und Fisch (= Wortspeise) in Fülle, die Körbe sind immer gefüllt, wie viele auch an seinem Tisch sitzen. Wenn ihr euren Vater im Himmel bittet, wird er euch den Heiligen Geist geben, sagt er. Und dieser treibt dann das Böse aus, so dass ihr das Gute schaffen könnt.
Daran erinnert euch, sagt Jesus, wenn ihr an meinem Tisch sitzt, und Brot und Wein, Wort und Geist, zu euch nehmt. Das ist das Hochzeitsmahl des HERRN mit euch. Schreib: Glückselig, vollständig in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen, sind diejenigen, die zum Abendmahl, wörtlich: "Hochzeitsmahl" des Lammes berufen sind. Und er sprach zu mir: dies sind WAHRHAFTIGE Worte Gottes. Und ich fiel auf die Knie und wollte ihn anbeten. Und er sprach: Tu es nicht. Ich bin dein und deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben (= sein Wort hören), Mitknecht. Bete Gott an! Gott hat die Herrschaft angetreten (Offenb 19, 6-10).
Blut oder Wein, Leib oder Brot , ist Jesu Gabe an den Menschen (Mk 14, 22-24): Dankt und esst, was ich euch gegeben habe. Esst mein Wort, das aus meinem Mund gekommen ist, gedenkt der Werke, die mein Gott dienstbarer Leib gewirkt hat, der Leib, der sowohl die Wohnung Gottes ist, als auch die Wohnung des Menschen auf der Erde, der Leib, an dem Gott wirkt, und aus dem Gott wirkt. Esst meinen Leib, dass er euren Leib stärke, auf dass er ein genauso starker Leib werde wie meiner. Ein Leib, aus dem Gott wirken kann, ein Gott ausstrahlender Leib. Esst meinen Leib, ihr werdet die Kraft brauchen, esst meine Werke, damit ihr Werke ausscheidet, die wie meine Werke sind: WAHRlich, WAHRLich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater (Joh 14, 12).
Und nahm den Kelch, dankte und sprach: Dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird (Mk 14, 24). Wirklich? Und da sind wir wieder bei einer fatalen Übersetzungssünde, auf der die gesamte Sündentheologie fußt: ekcheo heißt eben nicht vergießen, sondern aus-, herausgießen.
Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch auf den Altar gegeben, dass eure Seelen damit versöhnt werden. Denn das Blut ist die Versöhnung, weil das LEBEN in ihm ist (3.Mose 17, 11). Des Leibes LEBEN, die SEELE des Fleisches (Elberfelder), ist im Blut, nicht Jesu Tod! Jesus sagt nicht, ich lasse meinen leiblichen Körper für euch massakrieren, damit ihr fein raus seid. Er spricht nicht von seinem leiblichen Körper, der interessiert ihn nicht, das ist nicht sein Thema. Er spricht von seinem geistlichen Körper. Es geht um weit Größeres, es geht um diatheke, das ist im klassischen Griechisch die Verfügung, die jemand hinsichtlich seines bevorstehenden Todes macht, eben ein Testament, so wie wir das Wort auch gebrauchen. Genau das tut Jesus hier. Er verfügt über sein Erbe. Sein Erbe ist nicht, dass er sein Blut für uns vergießt, das macht überhaupt keinen Sinn, das ist mit keiner Silbe gemeint. Sein Blutvergießen, warum auch immer, vererbt man nicht. Sein Vermögen ist, Gottes Wort in einer Person, in sich, vom Himmel auf die Erde gebracht zu haben, 100% authentisch. Da er wusste, dass er in die Höhle des Löwen gegangen ist und der Löwe ihn fressen würde, war die Frage, wie er seinen vom Geist uninspirierten Brüdern begreiflich machen könnte, wie man Gottes Wort direkt von der Quelle bezieht. Er greift auf die üblichen Bilder zurück. Deshalb sagt er, esst mich, meinen Leib, trinkt mein Blut, meinen Geist. In mir ist Gott, wenn ihr mich esst und trinkt, esst ihr den Vater.
In einem Testament vermacht man den Begünstigten das, was für einen am Kostbarsten ist. Jesu vermacht seinen Leib im Bild des Brotes zur Stärkung unserer Werke und sein Lebenselixier im Bild des Weines, den Heiligen Geist Gottes. Dass es werde wie im Himmel so auf Erden. Für Jesus war sein Leib nicht das Kostbarste was er hat, das ist absurd.
Lieber Luther, Dass es werde wie im Himmel, so auf Erden. Deshalb lädt Jesus zum Hochzeitsmahl. Wenn man diese Einladung als einen Leichenschmaus für unsere Sünden verkauft, ist das eine völlige Verfälschung dessen, was Jesus hier gefeiert hat. Jesus hat uns den Schlüssel zum Himmelreich in die Hand gegeben. Anstatt die Gebrauchsanleitung zum ewigen Leben, die Jesus hier gibt, wird Jesu Opfertod gefeiert: Für uns gegeben, zur Vergebung der Sünden. Gut gemacht, Jesus, ich bin fein raus. Das ist eine Gebrauchsanleitung zur Verfehlung des ewigen Lebens, die direkt aus der Rezeptküche des Verführers kommen könnte.
Wie kann das passieren? Wie kann man eine ganze Religion auf so einer verfälschten Lehre aufbauen? Eigentlich ist es ganz einfach zu erklären. Das Meiste fußt auf Paulus. Paulus war studierter Pharisäer und später selbsternannter Jünger. Paulus ist Saulus geblieben. Das ist nicht nur seinem persönlichen (Fehl-)Verhalten zu entnehmen, das schonungslos und doch folgenlos in den Paulusbriefen festgehalten ist. Er hat die Lehre, die er aus dem Judentum kannte, die Opferriten aus dem Alten Testament, die Tieropfer zur Sühne für die Sünden der Menschen, einfach auf Jesus angewendet und mit viel Brimborium überhöht. Aus Tieropfern wird ein Menschenopfer. Ich habe gestern davon berichtet. Dass das schon die alten Propheten als heidnisch angeprangert haben, scheint er verpasst zu haben. Zur Ablenkung schlägt er auf Mose und die Propheten ein, auf die sich Jesus ausdrücklich immer bezieht. Im Nebeln ist Paulus gut. Und so lässt er mit viel unnachvollziehbaren Setzungen und Behauptungen Jesus den Opfertod sterben, mit einer Argumentation, die wirr ist. Dass Jesus zwar von seinem Tod, aber nicht vom Opfertod gesprochen hat, stört ihn dabei nicht. Paulus geht es um seine Lehre, nicht um Jesu Lehre.
Aber wie einen guten Gott erklären, der dann seinen Sohn opfert? Das war Paulus Hauptschwierigkeit. Wirklich erklären konnte er es plausibel nicht. Er hat Spekulationen und babylonische Gedankentürme in der kompliziertesten Sprache der gesamten Bibel aufgebaut, die bis heute Potemkinsche Dörfer sind. Nach dem Motto, wird schon keiner merken. Die Masse der Hörer ist ungebildet, sie sind nicht in der Lage, die komplizierten Konstrukte und die Inkonsistenzen zu durchschauen. Immer schön wortreich mit langen Sätzen nebeln, dann begreift hoffentlich auch niemand, dass das, was ich sage, nicht wirklich einen Sinn macht, weil ich nicht wirklich eine Erklärung habe. 
Lieber Luther, das hat gut geklappt. Sein Plan ist aufgegangen. Paulus hatte den Vorteil, dass er studierter Pharisäer war, gebildet. Im Gegensatz zu vieler seiner Zuhörer, die er missioniert hat. Sie waren auf das angewiesen, was er ihnen erzählt hat. Lesen konnten Wenige, Bücher gab es keine und Internet zur eigenen Meinungsbildung war noch nicht erfunden. Es viel ihm leicht, seinen Zuhörern ein X für ein U vorzumachen, und wenn sich Widerstand bildete, wie etwa in Ephesus, wurde er aggressiv. Ich habe mehrfach davon berichtet. Er hatte, durch seine vielen Briefe, die er und seine Anhänger durch die Gegend schickten, ein Auslegungsmonopol. Er kannte Jesus nicht persönlich und war gegenüber den wahren Jüngern Jesu beratungsresistent.
Später, als alle führenden Köpfe der Jesusbewegung von den Herrschenden eliminiert waren, verzettelten sie sich die Nachfolger in verschiedenste Auslegungsrichtungen. Es musste schnell (und unkritisch) gehandelt werden, um die Christliche Kirche, wie sie sich inzwischen nannte, zusammenzuhalten und auf einen verbindlicher Lehrkanon zu verpflichten. Es ging um das Überleben der christlichen Kirche als Organisation und damit um Macht und Einfluss. Paulus war mit seinen Schriften omnipräsent. Er bot sich an. Da hatte man schnell etwas bei der Hand, das man als Grundlage nehmen konnte. Arme Sünder kann man bei der Stange halten, mit viel Teufel garniert, lässt sich daraus eine Abhängigkeit von der Kirche basteln. Auf die Machtposition der kirchlichen Vorsteher hatte Paulus schon geachtet. Was von der Lehre her nicht passt und in die Suppe spuckt, wird aussortiert und kommt nicht in den Kanon.  Es ist wie heute: Der Lauteste wird gehört, ob es wahrhaftig ist, was er vertritt, oder nicht. Derjenige, der das Macht- und Intrigenspiel am besten beherrscht, gewinnt. Die paulinische Lehre war ein wohlfeiles Mittel zum Zweck des christlichen Kirchenbaus. Dass sie Jesus das Wort im Mund umdreht, störte nicht, solange sie dem machtsichernden Zweck diente.
Die Konsequenzen für die heutigen Kirchen: Das müssen sie selbst entscheiden. Die Sündentheologie ist nicht umsonst die Achillesferse der christlichen Kirchen. Nicht umsonst ist so viel Böses aus ihr entstanden. Falsches kann nie Gutes hervorbringen. Ihre Lehre ist eine Irrlehre. Es ist nicht umsonst, dass die Gläubigen den Kirchen davonlaufen. Die WAHRHEIT wird sich Bahn brechen, wie lange die Vertuschungsbemühungen auch andauern. Für Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag. Seine WAHRHEIT wird sich durchsetzen.
Lieber Luther, dass es werde wie im Himmel, so auf Erden. In diese Nachfolge ruft Jesus uns. Das ist sein Vermächtnis und seine Aufforderung an uns. Das WAHRHAFTIGE Bitten und Beten ist der Schlüssel zum Heiligen Geist, Brot und Wein die Symbole hierfür. Er, das Ebenbild Gottes, hat uns alles gegeben, alles gesagt, alles übermittelt, dass wir es ihm nachtun können, dass es auf Erden werden kann, wie im Himmel. Jedoch: Der Mensch, jeder Einzelne, ist weit weg, von der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit Jesu. Das sind unsere Stolpersteine. Mehr davon morgen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 21. September 2014

Saulus Paulus

Lieber Luther,
Jesus sagt: Der Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten (Lk 9, 56). Paulus schreibt: Ich schreibe euch Korinthern lieber all mein Missfallen an euch, damit ich, wenn ich zu euch komme, nicht die Schärfe brauchen muss nach der Macht, welche mir der HERR, zu bessern und nicht zu verderben, gegeben hat (2.Kor 13, 10). Mal sehen, wie Paulus das anfängt.
Ich bin, lieber Luther, weiter mit Paulus beschäftigt, ihm auf der Spur, nicht so recht wissend, wo mich das am Ende hinführt. Ich hatte dir schon von meinen Irritationen über den 1.Korintherbrief geschrieben. Was bringt auf der Spurensuche nun der 2.Korintherbrief? Weitere Irritationen, um es vorwegzunehmen. Was Paulus schreibt, bedarf der Einordnung in seinen Lebenszusammenhang.
Saul berichtet von seiner Berufung, er habe eine Stimme gehört, die zu ihm sagte: Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken (Apg 9, 5; 26, 14). Was heißt das? Der Stachel, der in Sauls Fleisch steckte, war seine Vergangenheit als unerbittlicher Christenverfolger, als Werkzeug der Hohenpriester gegen die Christen. Ananias hatte seine Zweifel, als er Saul sehend machen soll. Gott sagt ihm: Er ist mein auserwähltes Rüstzeug, dass er meinen Namen vor die Heiden, Könige und Kinder Israels trage. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen (Apg 9, 15-16).
Saul fing an von Jesus zu predigen. Die Menschen liefen entsetzt von ihm weg, er war nicht authentisch für sie. Saul wusste aber aufzutreten. In Damaskus „trieb er die Juden in die Enge“, so dass das erste Mordkomplott, von dem berichtet wird, gegen ihn geschmiedet wurde (Apg 9, 25). Die Jünger retteten ihn in einer Nacht und Nebel-Aktion und brachten ihn aus der Stadt. Danach ging er nach Jerusalem und wollte sich den Jüngern anschließen. Die lehnten ihn jedoch ab, da sie ihm schlichtweg nicht glaubten, was er erzählte. Zu phantastisch, um wahr zu sein. Auch in Jerusalem machte er sich schnell Feinde, etwa unter den Griechen, so dass auch sie ihn sogleich an den Kragen wollten.
So komplementierten ihn die Jünger schließlich aus Jerusalem hinaus und brachten ihn auf den Weg Richtung Tarsus, seiner Heimatstadt: So hatte nun endlich die ganze Gemeinde in Judäa, Galiläa und Samarien wieder Frieden (Apg 9, 25-31). Die Apostel scheinen froh gewesen zu sein, diesen Unruhestifter, der überall nur aneckte, wieder los zu sein. Ein weiteres Detail ist hier zu erfahren, das für Saulus Paulus entscheidend ist: Er predigte „frei“ (Apg 9, 28). Was heißt das?
Paulus duldete, wie bereits festgestellt, neben seiner Lehre keine andere, auch nicht die der anderen Apostel. „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht“. Gemeint sind vor allem die „hohen“ Apostel. Er wirft ihnen vor, dass sie das – sein - Evangelium verkehren. „Ich tue euch aber kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.“ Gott habe ihn, so Saul, von Mutterleib an durch seine Gnade berufen, weshalb er seinen Sohn in ihm offenbare, dass er ihn durchs Evangelium unter den Heiden verkündigen sollte. Unter den Umständen, so erklärt er, sei es nicht notwendig gewesen, sich über das Evangelium mit „Fleisch und Blut“ zu besprechen. Deshalb sei er auch nicht gen Jerusalem gezogen, zu denen, „die vor mir Apostel waren“. Petrus habe er 15 Tage lang gesehen, ansonsten keinen der anderen Apostel, außer Jakobus (Gal 1). Worin die Gnade von Mutterleibe an besteht, ein unerbittlicher Christenverfolger zu sein, bleibt dabei Sauls Geheimnis. Saul fühlt sich vor Gott Jesus gleich. In ihm lebt Jesus weiter. Was er vor sich weg- und hinzuargumentiert, überzeugt seine Mitbrüder jedoch wenig.
Die von Jesus benannten „hohen“ Apostel haben das Treiben des Paulus misstrauisch beäugt, haben wohl auch Kundschafter ausgeschickt, um ihn zu beobachten. Aber ein Saul lässt sich nicht beirren. Er will den Apostelkollegen auch „nicht eine Stunde“ untertan sein. Und was ist schon Reputation: Von denen aber, die das Ansehen hatten, welcherlei sie weiland – zu Jesus Zeiten – gewesen sind: daran liege ihm nichts. Ihm sei das Evangelium an die Heiden gleich vertraut wie Petrus das Evangelium an die Juden. Schließlich hätten Jakobus, Kephas und Johannes ihm die rechte Hand geschüttelt und seien mit ihm übereingekommen, dass er zu den Heiden, sie aber zu den Juden gingen. Er scheint nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass sie ihn einfach loshaben wollten.
In Antiochien, so rühmt sich Paulus, habe er sich gegen Petrus gestellt, der – der jüdischen Lehre gemäß – sich nicht mit den Heiden an den Tisch gesetzt hätte. Das sei Heuchelei, und der (böse) Petrus habe auch noch seinen getreuen Barnabas zu dieser Heuchelei verführt. Wahrscheinlich war Paulus der einzige, der Petrus Verhalten als Heuchelei angesehen hat. Was folgt ist ein weiterer Ausbruch gegen das Judentum, verbunden mit einer scharfen Abgrenzung zu den „hohen“ Aposteln und deren Lehre, deren Respekt gegenüber der jüdischen Lehre und dem „Gesetz“, gipfelnd in der finalen Behauptung: Denn so durch das Gesetz Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben (Gal 2). Das ist die paulinische Logik der Lagerbildung, einfachstes Schwarz-Weiß-Malen. Fast bin ich geneigt, ihn als Demagogen aus eigener Herrlichkeit zu bezeichnen. Das „Gesetz“ ist einer der Hauptreibungspunkte von Saulus Paulus. Und natürlich die „hohen“ Apostel, die meinen sie seien etwas Besseres als er. Da haben sie aber die Rechnung ohne ihn gemacht.
2.Korinther 11 ist eine Hasstirade gegen die „hohen“ Apostel. Saulus Paulus qualifiziert sie ab und rückt ihre Lehre in die Nähe des Teuflischen. Nur seine Lehre sei richtig, da er mit göttlichem Eifer lehre, und dagegen die (hohen falschen fleischlichen) Apostel verführten wie die Schlange Evas: Denn ich achte, ich sei nicht weniger, als die „hohen“ Apostel sind. Auch wenn er nicht der Rede (Jesu) kundig sei, so sei er doch nicht unkundig der Erkenntnis (2. Kor 11, 2-6). Wieso hört ihr andere Predigten, fragt er die Korinther. Wollt ihr mich damit erniedrigen und euch erhöhen? Ich habe euch (mein) Evangelium umsonst verkündigt, Zeitverschwendung. Ihr habt damit anderen die Zeit gestohlen, die stattdessen meine Predigt hätten hören können, setzt er die Korinther weiter unter Druck. Dasselbe Verhaltensmuster, von dem oben unverhohlen die Rede ist: Er hat nicht nur die Juden, sondern auch die Korinther in die Enge getrieben.
Oft fällt bei Saulus Paulus das Wort „Ruhm“, sein Ruhm. Nein, er wolle sich nicht rühmen, aber … , so das Strickmuster seiner Schreibe. So spricht er vom Ruhm, der ihm in den Ländern Achajas nicht verstopft werden soll (2.Kor 11, 20). Sein Tun rechtfertigt er so: Was ich aber tue und tun will, das tue ich darum, dass ich die Ursache abschneide denen, die Ursache suchen, dass sie rühmen möchten, sie seinen wir. Denn solche falsche Apostel und trügliche Arbeiter verstellen sich zu Christi Aposteln. Das sei auch kein Wunder, denn der Satan selbst verstelle sich schließlich zum Engel des Lichts. Deshalb sei es auch nicht schwer, wenn sich seine Diener als Prediger der Gerechtigkeit verstellten. „Ich sage abermals, dass nicht jemand wähne, ich sei töricht; wo aber nicht, so nehmet mich als einen Törichten, dass ich mich auch ein wenig rühme. .. Sintemal viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. Denn ihr vertragt gern die Narren, dieweil ihr klug seid“ (2.Kor 11, 12-18).
Wenn Saulus Paulus in Fahrt war, war er nicht mehr zu bremsen. Er hat sich so richtig in Rage geschrieben: Sind sie (die „hohen“ Apostel) Hebräer? Ich auch. Sind sie Israeliter? Ich auch. Sind sie Abrahams Same? Ich auch! Sind sie Diener Christi? Ich bin’s wohl mehr: Ich habe mehr gearbeitet, mehr Schläge erlitten etc., ich habe, ich bin , ich habe … (2.Kor 11, 22-28). Und übrigens, zwar ist mir das Rühmen nichts nütze, so will ich doch noch von den Erscheinungen und Offenbarungen reden … (2.Kor 12, 1-6). Und damit ich nicht überheblich werde, ist mir der Pfahl ins Fleisch gegeben, der Engel des Satans, der mich mit Fäusten schlägt. Er habe zwar dreimal den Herrn angefleht, dass er von ihm weiche, aber Gott habe zu ihm gesagt, er solle sich mit seiner Gnade begnügen, denn seine Kraft sei in den Schwachen mächtig (2.Kor 12, 7-9). Was heißt das nun, lieber Paulus? Du hast den Teufel in dir?
Er sei zwar, so Saulus Paulus, unter all dem Rühmen zum Narren geworden, aber – damit die Schuldigen auch gleich benannt sind – dazu habt ihr Korinther mich gezwungen, den eigentlich sollte ich von euch gelobt werden, da ich nicht weniger bin als die „hohen“ Apostel. Ich habe die Zeichen und Wunder eines Apostels bei euch bewirkt, mit Geduld, mit Wundern, mit Taten. Was beschwert ihr euch eigentlich? Ich gebe mich hin für eure Seelen, ich liebe euch, werde von euch aber weniger geliebt. Ich habe euch nicht beschwert (d.h. bin euch nicht auf der Tasche gelegen), „sondern die weil ich tückisch bin, habe ich euch mit Hinterlist gefangen“ (2.Kor 12, 16). Ihr Korinther, ihr braucht nicht glauben, dass ich mich vor euch verantworten müsste. „Wir reden in Christo vor Gott; aber das alles geschieht, meine Liebsten, euch zur Besserung“. (2.Kor 12, 19). Der Pluralis Majestatis, den Paulus gern benutzt, entspricht seinem Selbstbild. Ich fürchte, fährt er fort, wenn ich zu euch komme, wird es nichts geben als Hader, Neid, Zorn, Zank, Afterreden, Ohrenblasen, Aufblähen, Aufruhr und mein Gott würde mich bei euch demütigen und ich müsste das Leid tragen über viele, die zuvor gesündigt und nicht Buße getan haben, für deren Unreinheit, Unzucht und Hurerei (2.Kor 12, 20-21). Paulus trägt das Leid für viele … so sieht er sich, auf einer Stufe mit Jesus, Selbsterhebung.
Lieber Luther, das reicht erst einmal für heute. Ich habe genug. Ich könnte noch viele Seite mit anderen Textstellen füllen. Je mehr ich mich diesem Saulus Paulus nähere, desto mehr erschrecke ich. Hätte Jesus so ein Verhalten in seiner Umgebung geduldet? Niemals! Er hat Petrus aus nichtigerem Anlass zusammengefaltet. Was hätte er wohl zu Paulus gesagt?
Zeitensprung. Was wir heute über Menschen gesagt, die von sich auch sagen, der Heilige Geist habe zu ihnen geredet? Was würden wir zu einem Paulus heute sagen? Würden wir ihn für zurechnungsfähig halten? Würden wir ihn ernst nehmen? Würden wir seine Lehre als einen Glaubenspfeiler installieren? Würden wir eine solche Lehre rein aus dem göttlichen Off einer einzigen Person von der Kanzel lassen? Einen, der nicht wie Jesus auf das Alte Testament baut, sondern sich dagegen abgrenzt? Der es nicht für nötig hält, sich mit denen, die Jahre von Jesus direkt gelehrt wurden, ihn jeden Tag erlebt haben, die von ihm für ihren Apostelberuf ausgesucht und vorbereitet wurden, ausbilden zu lassen, sich aber dennoch auf Jesus beruft. Wieso, ist nicht so richtig erkenntlich. Eigentlich braucht er ihn in seiner Lehre gar nicht, er stört eher, bringt ihn in Erklärungsnot.
Lieber Luther, Paulus hat mit den ihm vom Heiligen Geist übermittelten eigenen Erkenntnissen ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Schrift. Deshalb hat das, was er lehrt, nicht viel gemein mit dem, was in den Evangelien steht, außer, dass der Heilige Geist, ein gekreuzigter Jesus und Gott in seiner Lehre vorkommen. Würden wir diesen Mann heute nicht – vielleicht mit Recht – für einen Verrückten halten? Oder als einen Esoteriker? Lieber Luther, ich weiß, dass du sehr auf Paulus baust. Bei mir wankt inzwischen das Paulusgebäude bedrohlich. Ich fange an, nicht mehr zu begreifen, wieso Paulus in der kirchlichen Lehre der Rang eingeräumt wurde, den er hat. Er hat ja nichts verheimlicht, was er schreibt ist – millionenfach – unter die Menschen gebracht. „Es wird dir schwer werden, gegen den Stachel zu lecken“, sagt Gott zu Saulus. Bei Gott ist alles vorhergedacht.
Herzliche Grüße
Deborrah