Lieber Luther

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Sonntag, 28. Dezember 2014

Durchbrecher

Lieber Luther,
wie schon angesprochen: Jesus ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in Bethlehem geboren, nichts, außer die Lukasgeschichte, bringt seine Geburt damit in Verbindung. Ob die Jungfrauengeburt so zu nehmen ist, wie sie genommen wird, ist sehr die Frage. Den Kindermord hat es nicht gegeben, die peniblen römischen Historiker hätten es nicht übersehen. Die Flucht aus Ägypten ist aus einem Missverständnis des Propheten Hosea geboren. Eine Fülle ist zu sagen zu Jesu Geburt und was aus der Bibel zu verstehen ist. Es passt unmöglich in einen Blog. So denke ich, dass es ein Zyklus werden wird. Wie meistens, weiß ich noch nicht, wohin mich das führt. Viel beschäftigt mich und drängt mich, es in Schriftform zu fassen, da es hilft, die Gedanken zu strukturieren.
Die frühen Christen hatten ihr Fundament im Judentum, in der Schrift, so wie sie überliefert war. Auch die Evangelisten standen in dieser über ein Jahrtausend langen Tradition. Vieles war selbstverständlich, was uns heute nicht mehr selbstverständlich, ja fremd erscheint. Das ein oder andere wurde auch vergessen, weil es keiner mehr erzählt hat oder den Zusammenhang hergestellt hat.
Jesus stand fest auf dem Fundament des Alten Testamentes. Ich komme, sagt er, nicht das Gesetz zu brechen, sondern ihm zum Durchbruch zu verhelfen: Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen (Mt 5, 17). Die alles entscheidende Frage stellt er selbst, nachdem ihm die Schriftgelehrten eins um andere Mal versuchen, ihn herauszufordern: Wie steht es im Gesetz geschrieben? WIE liest du? (Lk 10,26). Das macht den Unterschied zu ihm und der herkömmlichen Lehre: Jesus liest anders als die Schriftgelehrten, er legt anders aus, er belehrt sie. Sie ziehen dabei den Kürzeren, sie machen gegen ihn keinen Stich, was sie sehr gegen ihn aufbringt. Verletzte Eitelkeit. Was erlaubt sich dieser Mensch?
Jesus durchbricht ihre Denkmechanismen und Regeln, die sich im Laufe der Jahrhunderte so eingeschliffen haben, dass sie keiner mehr wirklich hinterfragt hat, etwas für Gottes Gesetz ausgegeben wird, was ursprünglich nur dazu gedacht war, die mosaische soziale Gemeinschaft in eine Ordnung zu bringen, das Zusammenleben in größeren Menschengruppen ermöglicht.
Jesus ist der Durchbrecher, der beim Prophet Micha angekündigt ist (Micha 2, 1-13): Ich will aber dich, Jakob, versammeln …; ich will sie wie Schafe miteinander in einen festen Stall tun und wie ein Herde in ihre Hürden, dass es von Menschen tönen soll. Es wird ein Durchbrecher vor ihnen herauffahren; sie werden durchbrechen und zum Tor ausziehen; und ihr König wird vor ihnen her gehen und der HERR vornean. Der HERR ist in diesem Verständnis Gott, nicht Jesus.
Der Geburt des Durchbrechers erinnern wir uns an Weihnachten. Er hat viele rituelle Regeln, die von Menschenhand mit Berufung auf Mose gesetzt wurden, durchbrochen. Aber nicht mit dem Ziel, sie aufzuheben, sondern sie wieder auf ihren Kern zurückzuführen. Missbrauch aufzudecken und den Glauben an Gott, der in Regeln zu ersticken drohte, zu befreien von den ihn einschnürenden Vorschriften. Er hat keine Scheu, Tabus zu brechen, wie etwa in der Sabbatfrage. Er fragt nicht lange, er durchbricht sie. Er zieht mit seiner Lehre aus dem Tempeltor hinaus, auf die Straße, durchbricht jegliche Sperre, auch die eigene Angst. Er ist kein Tempelprediger, sondern ein Straßenprediger. Er kommt zum Volk und das Volk läuft ihm zu. Er bringt seine Lehre auf den langen Marsch durch die Jahrtausende.
In der Nachfolge ziehen seine Schüler in die Welt und verkünden in den Evangelien seine Lehre. Ausschließen will ich hier ausdrücklich Paulus, der seine eigene Lehre verkündet. Dass er damit auch Jesu Lehre verbreitet, liegt in seiner Mission. Das ist sicher kein Zufall. Jesus steht fest im Alten Testament, er pariert jeden Einwand gekonnt, Paulus hat sich dagegen vom Christenhasser zu einem Judenhasser entwickelt und alles verdammt, was in dieser Tradition steht. Dass sich die Kirchenlehre stark auf Paulus gründet, sollte Anlass zum Nachdenken geben. Er folgt damit nicht Jesu Lehre.
Jesus hat nicht nur Zäune niedergerissen, er hat neue Einfriedungen gebaut und die Herde neu gesammelt. Er hat ihr damit neue Sicherheit gegeben. Viele Gleichnisse handeln von Hirtenund von (verlorenen) Schafen. Er hat befreit, Eingrenzungen niedergerissen, gleichzeitig aber eine neue religiöse Heimat, einen neuen Schafstall, errichtet, neu eingegrenzt, einen neuen Schutzraum geschaffen, für Mensch und Gott, frei von Altlasten und Ballast.
Lieber Luther, mit Blick auf den Zustand der Kirchen und ihrer Lehren, auch mancher irrigen, mag man seufzen und uns Jesus im Heute wünschen. Einen der erklärt, zurecht rückt, korrigiert, verwirft. Jesus, seine Lehre, ist nur vor dem Hintergrund des Alten Testamentes zu verstehen. Er war fest in diesem Fundament verankert. Alle Bilder kommen von dort. Er hat sie gekannt und wie alten Wein in neue Schläuche gegossen, so wie bei der Hochzeit von Kanaanbeschrieben. Sie steht nicht umsonst zu Beginn von Jesu Wirkungsgeschichte bei Johannes.
Lieber Luther, mein Weihnachtszyklus fängt gut an. Ich habe etwas ganz anderes geschrieben, als ich im Sinn hatte. Weil es so schön passt und eines meiner Lieblingslieder im Gesangbuch ist (EKG 66), hänge ich den Text noch an. Die Verse, denen ich nicht zustimmen kann, habe ich ausgelassen. Bis demnächst!
Herzliche Grüße
Deborrah
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude
1) Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide;
Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählet's den Heiden:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.
2) Jesus ist kommen, nun springen die Bande,
Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden;
er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
bringet zu Ehren aus Sünde und Schande;
Jesus ist kommen, nun springen die Bande.
5) Jesus ist kommen, der König der Ehren;
Himmel und Erde, rühmt seine Gewalt!
Dieser Beherrscher kann Herzen bekehren;
öffnet ihm Tore und Türen fein bald!
Denkt doch, er will euch die Krone gewähren.
Jesus ist kommen, der König der Ehren.
7) Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden:
komme, wen dürstet, und trinke, wer will!
Holet für euren so giftigen Schaden
Gnade aus dieser unendlichen Füll!
Hier kann das Herze sich laben und baden.
Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.
8) Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.
Hochgelobt sei der erbarmende Gott,
der uns den Ursprung des Segens gegeben;
dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod.
Selig, die ihm sich beständig ergeben!
Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.
9) Jesus ist kommen, sagt's aller Welt Enden.
Eilet, ach eilet zum Gnadenpanier!
Schwöret die Treue mit Herzen und Händen.
Sprechet: wir leben und sterben mit dir.
Amen, o Jesu, du wollst uns vollenden.
Jesus ist kommen, sagt's aller Welt Enden.

Sonntag, 24. August 2014

Weisheit, Gerechtigkeit und Recht

Lieber Luther,
an Salomon kommt man nicht vorbei, ohne sich mit seiner Weisheit zu beschäftigen. Von so einem weisen Mann muss doch etwas zu lernen sein. Aber was? Um sich Salomons Weisheit zu nähern, muss man sich zunächst mit den Rahmenbedingungen beschäftigen.
Salomon war jung, als er seinen Vater David als König beerbte und es muss ihm etwas bange vor der Größe der Herausforderung gewesen sein. So betet er zu Gott und dieser erscheint ihm in einem Traum. Folgender Dialog entwickelt sich (1.Kön 3, 7-14):
Ich bin ein junger Mensch und weiß weder meinen Ausgang noch meinen Eingang, sagt Salomon. Gib deinem Knecht ein gehorsames Herz, dass er dein Volk richten möge und verstehen, was gut und böse ist. Den wer vermag dein mächtiges Volk zu richten?
Und Gott antwortet: Weil du das von mir erbittest und nicht bittest um ein langes Leben, Reichtum oder die Seele deiner Feinde, sondern um Verstand, damit du gerecht richten kannst, so sei es dir gewährt. Ich habe dir ein weises und verständiges Herz gegeben, das einzigartig unter den Menschen ist und auf ewig sein wird. Weder vor noch nach dir, wird jemand so weise sein wie du. Und dazu gebe ich dir Reichtum und Ehre, so dass kein König, der zu deiner Zeit lebt, mit dir an Pracht und Herrlichkeit vergleichbar ist. Wenn du auf meinen Wegen gehst, meine "Sitten" und meine Gebote hältst, wie dein Vater David, so will ich dir ein langes Leben geben.
Da kann nichts mehr schiefgehen, denkt man zunächst. Sein Reichtum mehrt sich wie fast von selbst, er baut prachtvolle Bauwerke, seine Weisheit und sein Ansehen wird sprichwörtlich, über die Grenzen seiner Herrschaft und über die Jahrtausende hinweg. Das fordert heraus, wie die Episode mit der Königin von Saba zeigt. Kann ein Mensch wirklich so weise sein (1.Kön 10, 1-13)?
Die Königin von Saba ist gekommen, um Salomon mit Rätseln herauszufordern. Sie muss aber schnell feststellen, dass weder das Gesagte noch das Ungesagte vor Salomon verborgen bleibt: Deine Weisheit und dein Gut übertrifft alle Beschreibungen. Glückselig die Menschen, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören. Gepriesen sei der HERR, dein Gott, der Wohlgefallen an dir hat und dich auf den Thron Israels gesetzt hat, damit du Recht und Gerechtigkeit übst.
Salomon ist der Inbegriff der Weisheit. Seine Mission ist, von Gottes Weisheit zu künden. Er ist nur der Übermittler dessen, was Gott in seinen Mund gelegt hat. Er soll uns sagen, die Quelle von Gottes Gesetz, seinem Recht, seiner Gerechtigkeit, seines Gerichts ist seine Weisheit. Sie kennt alles, ihr ist nichts fremd. Sie ist frei von einfachem Schwarz-Weiß-Denken. Salomon erzählt, was gerecht richten vor Gott heißt. Gott hat es ihn erkennen lassen.
Wenn man die Weisheitssprüche Salomons liest, versteht man, dass das, was vor Gott Recht und rechtschaffen ist, beileibe nicht auf die 10 Gesetzestafeln Moses passen, sich auf 10 Allgemeinsätze reduzieren lässt. Wer dieses glauben machen will, verfällt in den Fehler der Pharisäer, den Jesus anprangert: Er missbraucht das Wort und macht es aus eigenen Interessen zu Schul- und Lehrsetzungen, die den Menschen verpflichtet anstatt befreit. Jesus ist massiv dagegen angegangen. Die 10 Gebote gehen auf (oder unter) in Gottes Recht, sie sind nicht das, was unter Recht und Gerechtigkeit im Tenor der Bibel, nicht in Einzel(teil)sätzchen – um bei der Rechtssprache zu bleiben – gemeint ist. Was Gott unter Recht und Gerechtigkeit versteht, ist nicht nur, aber im Zusammenhang in der Hauptsache, von Salomon überliefert. Gottes Recht ist – im Gegensatz zum menschlich gesetzten Recht – nur in Verbindung mit Gerechtigkeit zu denken, gegründet in Gottes allesverstehender Weisheit.
Lieber Luther, die Weisheitssätze Salomons lehren uns: Gott richtet wesentlich differenzierter als manche Theologie. Gott schaut das Leben an und setzt in den Kontext, er urteilt nicht lebensfern. Die von Salomon überlieferte Weisheit erweitert den Horizont und befreit uns in das Vertrauen auf Gottes Gericht, in das Vertrauen auf Gottes Weisheit, aus der heraus er, Jesus Christus, gerecht richtet und richten wird. So wie zu Salomon alle Welt freiwillig kommt, um seine Gerechtigkeit zu sehen, hierfür steht die Königin von Saba, so sollen wir freiwillig zu Jesus kommen, der auf Gottes Thron und Richtstuhl sitzt, und dessen Weisheit und Gerechtigkeit sehen, ihm und seiner Gerechtigkeit vertrauen. Sie übersteigt, davon zeugt Salomon, jegliche menschliche Weisheit, denn siehe, Jesus ist mehr als Salomon (Mt 12, 42).
Salomon steht aber auch dafür, dass menschliche Weisheit nicht heißt, dass Mensch auch immer weise handelt. Auch Salomon stolpert, wie so manch anderer auch in der Bibel und jetzt, über seine Lust. Er baut nicht nur, worauf er Lust hat, er nimmt sich auch die Frauen, auf die er Lust hat. Wie so oft, hilft da bei Salomon auch alle Weisheit und alle Gottesfürchtigkeit nicht. Fleisch siegt auch bei ihm über jeglichen Verstand. Angelegt ist das schon zu Anfang: Er wandelte nach den Sitten seines Vaters David, "nur dass er auf den Höhen opferte und räucherte" (1.Kön 3, 2). Er folgte nämlich nicht gänzlich dem HERRN, wie sein Vater David (1.Kön 11,1-13), baute dem Namen Gottes zwar einen glänzenden Tempel, aber ging auf fremd. Wie konnte das geschehen?
In der Bibel steht lapidar: Aber der König Salomon liebte viele ausländische Weiber. Wie bei allem, übersteigt Salomon auch hier alle Vorstellungskraft: Von 700 "vornehmen" Frauen und 300 weiteren Geliebten ist die Rede. Die andersgläubigen Frauen verführten ihn dazu, den fremden Göttern zu opfern. Eva wurde ihrem Namen gerecht und Adam ließ sich willig verführen. Bei Salomon scheint die Verführbarkeit zur Abgötterei eine Alterserscheinung gewesen zu sein, heutzutage würde man sagen: Midlife Crisis oder aber – wahlweise - Demenz. Wenn Gott etwas nicht mag, dann Abgötterei, die Vielweiberei ist ihm egal, fleischliche Belanglosigkeit, solange er die Frauen versorgt. Abgötterei, oft in der Bibel als Hurerei bezeichnet, ist das einzige, für das er keine Toleranz und kein Verständnis aufbringt. Die gesamte Bibel zeugt davon, von dem EINEN Gott, der darum bettelt, dass wir ihn allein als unseren Gott (an)erkennen, unseren mit ihm geschlossenen Bund halten und ihm treu sind. Salomon sollte die Konsequenzen seiner Untreue, des Bruchs seines Bundes mit Gott, erfahren.
Salomon hat den Frauen seine Treue zu Gott geopfert. Er, den Gott mit Weisheit und Reichtum gesegnet hat, hat diesen Segen mit Füßen getreten. Er hat in all seiner Weisheit nicht erkannt, dass er den falschen Weg einschlägt. Gott gibt zu erkennen: Weil du meinen Bund und meine Gebote nicht gehalten hast, will ich das Königreich von dir reißen und deinem Knecht geben. Nicht dir, aber deinem Sohn wird dies geschehen. Ich will ihm aber einen Stamm lassen, nicht deinetwegen, sondern deines Vaters David wegen, auf dass David, mein Knecht, vor mir eine Leuchte habe auf all seinen Wegen in der Stadt Jerusalem, die ich mir erwählt habe, dass ich meinen Namen in ihr aufrichte. (1.Kön 11, 36). Alles musste so geschehen, damit etwa 1000 Jahre später Jesus in die Stadt Davids einziehen konnte. Die Weisheit Gottes hat alles schon vorher bedacht.
Lieber Luther, Salomon hat beinahe alles, was sein Vater über Jahrzehnte hart und mit viel Entbehrungen erkämpft hatte, verspielt. Er konnte in Weisheit zwar die anderen richten, aber bei sich selbst war er betriebsblind. Das muss ihn in seinen Grundfesten erschüttert haben.  Keine Weisheit hat ihn vor dem entscheidenden Fehler bewahrt. Er hat das von Gott verliehene Königtum für sein persönliches Vergnügen leichtfertig verschenkt. Gott hat ihn daraufhin von Thron über ganz Israel gestoßen, das Königreich war aus seiner Hand genommen. Demut und Gottvertrauen war gefragt, Dürre nach der Fülle.
Lieber Luther, Weisheit bewahrt nicht vor Einfalt, Verstand nicht vor Unverstand, Gottes Herrlichkeit nicht vor Selbstherrlichkeit. Salomon, der über den Dingen geschwebt hat, musste feststellen, dass auch er nur ein fehlbarer Mensch ist. Das hat ihn verändert. Er wurde vom gerechten Richter, vom bewunderten König, zum Prediger. Die Welt sollte von ihm und dem, was er über die Weisheit gelernt hat, lernen. Weisheit, wo fängst du an und wo sind deine Grenzen? Das war die Frage, die ihn fortan beschäftigte. Zu welchem Ergebnis ist er gekommen? Davon nächstens mehr.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 9. März 2014

HERRlichkeit

Lieber Luther,
wenn man die Exodus –und Levitikus-Kapitel in der Bibel liest, die kapitellangen Beschreibungen, wie das Heiligtum zu bauen ist und wann welche Speis-, Trank-, Sündopfer etc in welcher Weise darzubringen sind, dann fragt man sich, sagt mir das heute noch etwas? Insbesondere die Kapitel über die Opfer triefen vor Blut. Manch einen wird es angeekelt verschütteln, wenn er das liest. Wieso steht das in der Bibel? Wieso in der Ausführlichkeit?
Lange hatte ich Zweifel. Aber, es ist wie immer mit der Bibel, nachdem ich Kapitel um Kapitel an mir vorbeiziehen habe lassen, ist mir im Lichte des Morgens heute morgen doch der Sinn aufgegangen.
Blenden wir zurück. Es herrscht eine Hungersnot über große Landstriche hinweg. In Ägypten waltet zum Segen aller der verkaufte Joseph. Also zieht das Haus Jakob unter der Protektion Josephs zu den Ägyptern, um nicht zu verhungern, als Fremdlinge in die Fremde. Über die Jahre vermehren sich die Hebräer stark, Ägypten überfremdet nach dem Empfinden des neuen Pharaos. Natürlich hat Gott seine Finger im Spiel. Er will zeigen, dass er der HERR ist und so kommt es zum Machtkampf, den natürlich Gott gewinnt. Schließlich, verzichtet der Pharao auf die Arbeitskraft der Hebräer und lässt sie aus Ägypten gehen.
Was war der Sinn der Übung, wieso hat Gott dem Pharao das Verständnis verschlossen und warum mussten die zehn Plagen über Ägypten kommen? Gott erklärt es Mose: Ich bin der HERR und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott; aber mein Name HERR ist ihnen nicht offenbart worden (2.Mose 6, 2). Es geht darum, dass Gott zwar als Gott bekannt ist, aber seine Herrschaft und Herrlichkeit ist noch nicht etabliert in dieser Welt, es ist bisher nur Einzelnen bekannt, was er vermag. Bis dahin hatte Gott noch kein Volk, er hatte ein Haus.
Deshalb erklärt Gott Mose weiter: Ich will euch annehmen zum Volk und will euer Gott sein, dass ihr erfahren sollt, dass ich der HERR bin. Er will sein Volk sammeln und es in sein gelobtes Land führen, er will sein Volk aus den Beschwernissen führen, es erlösen durch seinen ausgestreckten Arm und große Gerichte (2.Mose 6, 6-7). Gott will durch Zeichen, Wunder und Taten zeigen, dass er der HERR ist, er will seine HERRschaft und seine HERRlichkeit aufrichten. Er tritt aus dem Haus Jakob heraus und wird Gott des ganzen Volkes Jakob, das der Hausgröße entwachsen ist. Gott macht sich offenbar als HERRscher seines Volkes.
Vor diesem Hintergrund ist auch das Weitere zu verstehen. Eine solch große Menschenzahl ist nicht mehr wie ein Haus zu führen, es bedarf der verbindlichen Regeln des Zusammenlebens, aber auch der verbindlichen Regeln des Lebens mit Gott. Ganz offensichtlich wird das, als Mose, wie von Gott befohlen, für 40 Tage auf den Berg Sinai steigt. Was sich dann abspielt, ist kaum zu glauben. Aaron, der von Gott erwählte Priester, der zurückgeblieben war, der Stellvertreter Moses, mit aller Autorität ausgestattet, baut auf Verlangen des Volkes ein goldenes Kalb, um es anzubeten. Aaron hat nicht die Kraft und Einsicht, gegenzuhalten und das zu verhindern (2.Mose 32, 1-6). Es ist offensichtlich, dass Regeln her müssen, um Gott Gott sein zu lassen. Genau dashalb hat er auch Aaron das Kalb bauen lassen: Die Natur des halsstarrigen Volkes Gottes sollte sichtbar und gebrandmarkt werden.
Gott hat das schon vorhergesehen. Alles, was er Mose auf dem Berg hat verstehen lassen, ist darauf gerichtet, das Wesentliche "mit dem Finger Gottes" auf zwei steinerne Tafeln geschrieben. Als Gott gewahr wird, dass sein Volk in Moses Abwesenheit schon von ihm abgefallen ist, schickt er Mose vom Berg, um Gott wieder Gehör zu verschaffen. Als Mose sieht, was passiert ist, zerbricht er vor Zorn die Gesetzestafeln (2.Mose 32, 19). Den Zorn Gottes hatte er vorher schon umgebogen. Er hatte vor Gott für sein Volk gefleht, und – was sehr selten ist – Gott ließ sich von Mose umstimmen: Also gereute den HERRN das Übel, das er drohte seinem Volk zu tun (2.Mose 32, 14).
So macht sich Mose unverzüglich daran, durch Regeln und Riten eine Ordnung aufzubauen, die das Volk offensichtlich brauchte, um einigermaßen friedlich zusammenzuleben und glauben zu können. Es brauchte sichtbare Zeichen auch der Gottesherrschaft. Um zu verhindern, dass das Volk goldene Kälber baut und falsche Götter anbetet, baute er als sichtbares Heiligtum die Bundeslade, das Priestertum wurde eingeführt, mit Aaron als erstem Priester, quasi eine Standesordnung errichtet. Die Priester sollten sichtbar Priester sein, mit prächtiger Ausstattung an Gewändern Gottes HERRlichkeit repräsentierend, herausgehoben vom Volk, ernährt durch die dargebrachten Speiseopfer. Dann wurden Opferriten eingeführt, die in allen Einzelheiten beschrieben sind, zur Versöhnung von den Sünden und den Missetaten des Volkes.
Diese so Blut triefenden Opfer haben es in sich, lieber Luther. Es lohnt sich sehr, hinter die Oberfläche zu schauen. Davon will ich dir – damit ich dir heute die Zeit nicht zu lange stehle - morgen berichten. Vor dem beschriebenen Hintergrund werden sie verständlich und haben auch heute noch eine Aussage und Botschaft und auch eine Verbindung zu Jesus.
Lieber Luther, apropos Botschaft, aber da sage ich dir sicher nichts Neues: Es geht – wie ich schon öfter geschrieben habe – auch in diesem Bibelabschnitt ganz und gar nicht um einen Historienbericht, es geht darum, verständlich zu machen, zu verbildlichen, was der Kern des christlichen Glaubens, des Glaubens an unseren Gott ist. In den Mosekapiteln soll uns verständlich gemacht werden, was "Gottes HERRschaft" heißt. Wie sollten wir es auch sonst wissen?
Herzliche Grüße
Deborrah