Lieber Luther

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Montag, 12. Januar 2015

Wort - Erfahrungen

Lieber Luther,
 Geschafft! Ich habe tatsächlich in einem Jahr die gesamte Bibel gelesen, das Neue Testament zweimal, Wort für Wort, mit zwei Tagen Verzug. Schon vor zwei Tagen hat mich das mit großer Euphorie erfüllt, wie zwei Schritte bis Weihnachten.
 Gelesen habe ich nach einem festen Bibelleseplan, mit einer Bibel App, das macht einen örtlich unabhängig. Ich habe nach dem Leseplan von Robert Roberts gelesen, im Durchschnitt jeden Tag vier Bibelkapitel aus dem Alten und Neuen Testament.
 Für den Leseplan bin ich voller Bewunderung. Unglaublich, wie sich die einzelnen Tageskapitel aus verschiedenen Bibelbüchern thematisch zusammengefügt haben, mit dem absoluten Highlight am Ende, den 10 prophetischen Büchern des Alten Testamentes, Hiob und der Offenbarung. Es ist wie der krönende Abschluss, die Zusammenfassung und die Gesamtsicht. Man kann nochmals anhand dieser Bücher nachprüfen, ob – was da steht – mit dem übereinstimmt, was man selbst verstanden hat. Und manches versteht man auch erst ganz am Ende, wenn es einem dann wie Schuppen von den Augen fällt.
 Wer die Bibel im Zusammenhang liest, anstatt verschenweise, ausschneidend und verkürzend, zensierend, dem erschließt sich der Kontext und Zusammenhang in anderer Weise. Es eröffnen sich ganz andere Horizonte, die sich in einer Inselsicht nicht weiten können.
 Die Bibelsprache ist eine Sprache in Bildern, wer die Bilder nicht versteht, versteht den Inhalt nicht. Je weiter man fortschreitet, desto mehr versteht man die Querverweise und die gemeinsame und abweichende Bildsprache und – natürlich – den gemeinsamen Inhalt, die Botschaft hinter dem Bild. Man kommt auch kuriosen Fehlinterpretationen auf die Spur, wie mir zuletzt bei der Offenbarung klar wurde. Haben diejenigen, die von dem Weib, das mit der Sonne bekleidet ist und einen Sohn gebiert, predigen, wirklich den Zusammenhang verstanden? Wenn sie auf Maria verweisen, was üblicherweise geschieht, sicher nicht. Dazu schreibe ich dir sicher noch einmal.
 Klar wird einem dabei auch, dass man, sofern man sich nicht aus eigener Anschauung ein Bild macht, immer auf die Interpretation der anderen angewiesen ist und hier liegt die Wurzel vielen Übels begraben. Ich bin mir nicht sicher, ob jeder Pfarrer oder Priester die Bibel wirklich mindestens einmal von vorne bis hinten im Zusammenhang gelesen hat. Ich würde das erwarten, habe aber meine Zweifel. Dann könnten sie keinen solchen Unsinn verzapfen, den sie teilweise verzapfen. Sie sind oft selbst wie Blinde, die im Nebel stochern. Aber auch das ist nichts wirklich Neues. Sowohl im Ersten wie im Zweiten Testament wird dies häufig angeprangert, Jesus ist ein prominenter Vertreter davon. Geändert hat sich daran nichts, wieso auch? Mensch hat sich nicht geändert. Deshalb hat die Schrift ihre universale Gültigkeit behalten. Nichts ist veraltet.
 Die Personen, Bilder und Symbole sind Container für die Botschaft, sie stehen nicht für sich als Person oder Ereignis, sondern als Träger der Botschaft. Für die Bibelschreiber war das noch klar. Der heutige im Eigenverständnis höchst gebildete  Bibelleser oder auch –ausleger schreit, das könne alles nicht sein, Historie und Wissenschaft sprächen dagegen. Wie kann ein Elia oder Jesus in einer Wolke gen Himmel fahren? Was, wenn Jesus nicht in Bethlehem geboren wurde? Von keiner fleischlichen Jungfrau? Gebildet ungebildet, verbildet, falsche Götterbilder. Ein damaliger Bibelschreiber würde über so viel Analphabetismus nur den Kopf schütteln. Nichts verstanden zwischen A und O, nur die Buchstaben gesehen, den Sinn des Satzes nicht verstanden.
 Deshalb ist es gut, dass die Bibelhistoriker Stück für Stück ans Tageslicht befördern, dass historisch in der Bibel recht wenig haltbar ist. Das gilt auch für Jesus. Das begrüße ich sehr. Das ist ein Fortschritt. Damit man endlich aufhört, die Personen als Personen zu sehen, den Kopf schüttelt über die Menschen im AT, sich über sie erhebt und doch die Unverständigkeit auf der eigenen Seite ist. Was, wenn die Ereignisse so gar nicht stattgefunden haben, real? Fällt dann der ganze Gottes- und Jesusglaube zusammen? Wenn Schaf nicht Schaf ist, und die Schafschur als landwirtschaftliches Ereignis nie stattgefunden hat?
 Gut, dass die Wissenschaft eifrig weiter forscht, um den Realfetischisten diesen Zahn langsam hoffentlich endgültig zu ziehen. Die Religionswissenschaft frisst ihre Religionskinder, die auf die eigene Propaganda hereingefallen sind. Gut so und heilsam für den Glauben, vielleicht, je nachdem, auch für die Kirche. Ihr Lieben, was macht ihr, wenn die Wissenschaft euer Realgebäude langsam ganz aushöhlt, dann habt ihr nur noch ein Skelett, das noch nicht einmal mehr zusammenhält. Über unbefleckte Empfängnis braucht man dann gar nicht mehr diskutieren, das erledigt sich konkludent. Darauf spekulieren, dass diese Realität wenigstens den Anhängern verborgen bleibt? Das wäre eine tödliche Strategie. Es besteht ein gewisser (Wissenschafts-)Druck, diese veränderten Realitäten langsam anzuerkennen, sich von der Vordergründigkeit in die Hintergründigkeit zu bewegen, von der Oberflächlichkeit weg in die Tiefe, sonst laufen wegen fehlender Glaubwürdigkeit auch noch die Letzten Anhänger weg. Auf deren Dummheit und Ungebildetheit würde ich lieber nicht spekulieren. Entweder Kirche begreift es oder auch dieses Thema erledigt sich irgendwann von selbst. Jedenfalls als Volkskirche.
 Die Gleichnisse von Jesu Lehren lassen sich nur vor dem Alten Testament und seiner Symbolsprache verstehen. Jesus war ein jüdischer Mensch, seine Botschaft fest im Alten Testament verankert. Wer sie aus diesem Zusammenhang herausreißt und durch eigene Lehren ersetzt, lehrt von Gott, es ist aber nicht Jesu Lehre, es ist eine eigene. Die christliche Lehre ist deshalb in weiten Teilen paulinisch, aber nicht jesuanisch. Jakobus und Petrus sind näher an der Lehre Jesu als Paulus.
 Die fehlende Verankerung der paulinischen Lehre in Jesu Lehre und im alttestamentarischen Wort verschärft das Lehrproblem der Kirchen. Deshalb greift man es lieber nicht auf. Es wäre eine große Herausforderung, da dies ein großes Fragezeichen hinter die gesamte Lehre der katholischen und evangelischen Kirchen setzen würde, mit Gefahr des Legitimationsverlustes inklusive. Der moderne Mensch lässt sich nicht mehr mit leeren Sprüchen abspeisen und für dumm verkaufen. Er ist nicht mehr so ungebildet wie die paulinischen oder auch – lieber Luther, du würdest mir sicher Recht geben, der lutherischen Zuhörer. Christ ist heutzutage emanzipiert von Kirche. Er traut sich, auch ohne Kirche zu glauben. Der kirchliche Alleinerklärungsanspruch wird von den Menschen nicht mehr einfach geschluckt. Die Menschen drehen sich einfach weg und gehen ihre eigenen Wege. Macht das einen Unterschied in ihrer Stellung zu Gott? Sicherlich nicht.
Deshalb, wieso sich nicht selbst um ein Verstehen bemühen. Direkt in der Bibel. Aus eigener Anschauung und eigenem Verstehen. Das Bibelbuch liest sich meistens spannend wie ein Krimi. Es geht mir heute noch so wie von Anfang an: Bibel lesen, sich Bibel erarbeiten, erfüllt mich voller Energie, füllt mich bis oben an, inspiriert mich, bewegt mich, wühlt mich auf, klärt mich, bringt mir Ruhe, Frieden und Kraft. Jeden Tag ein bisschen mehr Verstehen, jeden Tag mehr Einsicht, jeden Tag ein anderes Aha-Erlebnis. Wir sind ein Gefäß, in das das Wort einfließen kann und soll. Wir müssen nur das Gefäß öffnen. Ich kann jeden nur ermuntern, es einmal zu probieren. Ich wäre bei Vielem noch auf einem anderen Dampfer, hätte ich nicht das ganze Wort mit eigenen Augen und eigenem Verstand gelesen.
 Lieber Luther, ich habe die Bibel in deiner Übersetzung von 1912 gelesen, für mich immer noch das Beste, was es an Bibelübersetzung gibt. Das Einfühlsamste. In dieser Übersetzung ist die richtige Balance zwischen Wörtlichkeit und Sinnlichkeit getroffen. Bei dir kommt an erster Stelle der Sinn und da bist du, was das Verständnis anbelangt, nach wie vor unübertroffen. Und hin und wieder, wenn ich um den Sinn ringe, schaue ich auch in der Übersetzung von 1534 nach, da die dir noch ein Stück näher ist.
 Eigentlich wollte ich ja weiter über Weihnachten schreiben, na ja, morgen ist auch noch ein Tag!
 Herzliche Grüße
Deborrah

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Warum glauben Menschen an Gott?

Lieber Luther,
zu deiner Zeit war – unabhängig, ob die Menschen in die Kirche gingen oder nicht – Glaube noch fest verankert in den Menschen. Dieser Anker ist in weiten Teilen der westlichen Kultur längst verloren gegangen, verschüttet worden. Die Menschen erkennen, sehen ihn nicht mehr, sie treiben ankerlos im Strom der Zeit. Viele Menschen können nicht mehr einfach glauben, sie fragen nach "Beweisen" für Gott. Warum glauben Menschen an Gott? Der gläubige Mensch wird hinterfragt, als ob er irgendetwas hätte oder nicht hätte, das der wissenschaftlichen Erklärung, des Beweises bedarf.
Mensch denkt, es besteht nur, was er mit seinen sieben Sinnen begreifen und mit seinen selbstgestrickten Denkmodellen nachvollziehen, "beweisen" kann. Heute erklären und beweisen wir die Welt so, und wenn das wissenschaftlich überholt ist, beweisen wir sie eben anders. Wir beweisen, wie und was wir gerade vermögen oder eben nicht. Heute ist die Erde eine Scheibe, morgen eine Kugel. Psychologisch-soziologisch-historisch-naturwissenschaftliche Erklärungsversuche sind nichts als begrenzte Versuche, die die Zeit nicht überstehen und Glaube als Ganzes nicht erklären können, so wenig wie sie den Menschen als Ganzes erklären können. Wenn noch nicht einmal Mensch, der irden fassbar ist, in seinem ganzen Sein konsistent "beweisbar" ist, wie wollen wir Gott "beweisen"? Hierin sind dem Menschen in seiner ihm innewohnenden Beschränktheit natürliche Grenzen gesetzt.
Gott braucht keinen Beweis in diesem menschlich wissenschaftlichen Sinn, auch nicht im historischen Sinn. Er zeigt sich in einem und wirkt im Alltag erlebbar. Die Bibel erzählt davon, in Gleichnissen, Bildern, wahren Begebenheiten. Wer in der Bibel Historie sucht und nicht Gott, verfehlt die Botschaft. Glauben hat keinen Beweis, Glauben braucht keinen wissenschaftlichen Beweis oder Begründung. Glauben braucht Weisheit und Verstand. Wer einen Beweis braucht, glaubt nicht.
Die Frage, warum Menschen glauben, ist eine Frage nach dem Grund. Sie meinen, alles was existiert, müsse einen nachvollziehbaren Grund haben, fassbar, beweisbar sein. Diese Frage stellen typischerweise Menschen, die nicht glauben. Sie fragen aber nicht, wieso glaube ich nicht, sondern, wieso gibt es Menschen, die glauben. Sie suchen die Antwort beim anderen anstatt bei sich selbst. Sie kehren die Beweislast um, als ob Glaube eine Rechtfertigung brauche, eine Begründung, Nichtglaube aber nicht. Sie denken, wenn diejenigen, die an Gott glauben, es nicht so beweisen können, dass ich das auch glaube, dann glaube ich nicht, dass Gott da ist, existiert. Wer glaubt wird dann gerne schnell in die Ecke und in eine Schublade gesteckt, ganz so als leide der Gläubige unter einer Krankheit. Aber vielleicht ist es ja gerade umgekehrt?
Menschen, die glauben, brauchen für sich keine Rechtfertigung für den Glauben. Für Menschen, die glauben, stellt sich die Frage, wieso sie glauben, nicht, weil Gott sich ihnen gezeigt hat. Gott ist da, Gott leitet und begleitet. Gott wohnt im GRUND ihrer Seele. Sie spüren diesen Grund. Sie erkennen ihn als den einzigen Grund. Aus diesem Grunde glauben sie.
Für Menschen, die glauben, ist Gott an sich ganz natürlich vorhanden. Es scheint eher so zu sein, das für diejenigen, die nicht glauben, diejenigen die glauben, ein Stein des Anstoßes sind. Sie stoßen auf Menschen, die sich hierin grundlegend von ihnen unterscheiden. Sie sehen anders, denken anders, haben andere Werte. Das stößt die Gedanken beim Nichtgläubigen an. Gott eckt an und fordert heraus, zeigt ihm seine menschlichen Denk-, Seh-, Erfahrungs-Grenzen auf. Gott fordert ihn auf, sich aufzuschließen und ihm die Tür zu öffnen. Er kommt gern, wenn man sie aufmacht.
Lieber Luther, eigentlich brauchen wir uns nicht über Glauben zu unterhalten. Du weißt was das ist, ich weiß es. Es gibt aber viele Menschen, die es nicht wissen. Die Frage ist, kann man "beweisen", dass Gott existent ist? Gotteserfahrung ist Erfahrungswissen, keine Wissenschaft. Deshalb können wir nur erzählen, was wir erfahren haben, was Glauben im Alltag heißt, ganz subjektive Gotteserfahrung, nicht pseudo-objektiver Gottesbeweis. Ich denke, mehr vermag der Prediger nicht, mehr ist uns nicht gegeben und nicht aufgetragen. Die Tür zu Gott suchen, muss jeder selbst, dann hilft er auch, sie aufzumachen. 
Ich weiß, dass deine Tür schon sperrangelweit aufsteht. Die Tage werden kühler. Pass auf, dass du dir keinen Zug holst.
Herzliche Grüße
Deborrah