Lieber Luther

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Sonntag, 20. September 2015

Das Neue Testament: Antisemitisch, frauenfeindlich, homophob?

Lieber Luther,

ich will nahtlos an meinen letzten Brief anknüpfen, an die These Ehrmanns, dass das Neue Testament ein gefährliches, frauenfeindliches, antisemitisches und homophobes Buch ist. Es ist natürlich so gekommen, wie es schon vorauszusehen war: Schon allein, wenn man sich der These stellt, die ja nicht so weit hergeholt ist, wenn man die Texte neutral liest, wird einem Unglauben unterstellt, wird gerichtet, mit dem Finger gezeigt, ganz unchristlich Christus im Munde führend. Aber ist es nicht eine Chance nachzudenken und Antworten zu finden, die in unsere Zeit passen? Ich will mich der These stellen, ich finde es herausfordernd, spannend. Zerbröckelt der Glaube unter den Erkenntnissen der Wissenschaft und lässt er sich wirklich nur verteidigen, indem man anfeindet, negiert und in bewährter paulinischer Tradition ausgrenzt? Nein! Die These hilft im Gegenteil zu klären, sich selbst zu klären, aufzuklären, Antworten zu finden, wo vermeintlich rechtglaubende Christen nur abkanzeln oder betreten schweigen. Sie hilft, den Glauben zu bekennen.

Die Bibel ist zunächst nichts als ein Text. Texte werden von Menschen für Menschen geschrieben. Das gilt für Altes wie Neues Testament genauso wie für jeden anderen Text. Dabei ist sowohl der Schreiber als auch der Leser nicht unabhängig von seiner sozialen, gesellschaftlichen und politisch konkreten Lebenswelt zu denken. Er schreibt und liest unter dem Einfluss seiner Realität, welche von Krieg, Flucht, Armut, Ungerechtigkeit, Ungleichverteilung, Hungersnot, Verfolgung, Verschleppung, Unterdrückung, Familienverhältnissen, Kinderlosigkeit, aber auch Wohlstand, Macht, Besitz, Herrschaftsdenken geprägt sein können. Der Schreiber schreibt zu einem gewissen Zweck, im Hinblick auf eine konkrete oder auch abstrakte Leserschaft. Er beabsichtigt mit dem Text etwas zu bewegen und das beeinflusst die Art, wie er schreibt, seine Wortwahl, die Art wie er seinen Text aufbaut und gestaltet. Ein Roman ist anders strukturiert als ein Gedicht, benutzt anderes Vokabular, einen anderen Satzbau. Jeder Schreiber hat seine persönliche Motivation, wieso er schreibt. Nicht zu vergessen: sein jeweiliger Bildungs- und Erfahrungshintergrund. All das fließt in einen Text ein. Es ist die unerzählte Geschichte hinter jeder Geschichte, auch die Geschichte hinter jeder biblischen Geschichte.

Ein salomonischer Text, der dem reichen König zugeschrieben wird, kommt zum Beispiel völlig anders daher als einer von Jeremia, der buchstäblich im Dreck lag und von einem Gefängnisloch ins andere geschleppt wurde. Er ist anders geschrieben, anders aufgebaut, benutzt ein anderes Vokabular, erzählt eine andere Geschichte, stellt unterschiedliche Dinge heraus und in den Mittelpunkt. Und doch haben sie eines gemeinsam: Beide Texte erzählen vom Glauben, wie der Glauben das Leben verändert oder verändern sollte.

Das gleiche gilt für das Neue Testament. Die Evangelien berichten über Jesu Leben. Wer sie aufgeschrieben hat, weiß man nicht wirklich zuverlässig, nur sicher, dass es keine direkten Jünger Jesu waren. Alle haben von dem, was sie schreiben, eine bestimmt Auffassung, interpretieren, ordnen ein, was sie aus ihren schriftlichen und mündlichen Quellen herauslesen, wollen eine Botschaft transportieren. Sie unterscheiden sich dadurch in Nichts von den Schreibern des Alten Testaments.

Das gilt zunächst auch für Paulus und die Schreiber in seiner Nachfolge. Der Unterschied bei Paulus ist, dass er eine neue Religion, einen neuen Glauben schafft, der Jesus zum Gott macht, aus dem Glauben an Gott einen abgeleiteten Glauben an Jesus schafft, einen Glauben, der Jesus für seine Zwecke der Abgrenzung vom Judentum nutzt. Es ist keine Theologie über Gott, sondern eine Theologie über Jesus. Damit steht er schon damals ziemlich unter Rechtfertigungsdruck. Aus Selbstrechtfertigung wird Rechtfertigung durch Glauben. Wir nicht glaubt wie ich das lehre, ist nicht gerechtfertigt vor Gott, wird als ungläubig aussortiert. Kein langes Federlesen.  Paulus kreiert ein Konzept der Trennung von Glauben und Werke, das auch seine Werke und seine Schreibe rechtfertigt, und das oft nicht dem eigenen Anspruch standhält. Er erfindet eine Theorie der Vergebung der Sünden allein durch Jesu Kreuzestod und Auferstehung, und stellvertretende Sündenvergebung durch die kirchlichen Würdenträger. Das sichert die eigene Machtbasis. Er begründet eine Religion, bei der nicht mehr Gott, sondern Jesus – stellvertretend für Gott – im Mittelpunkt steht, und dessen Stellvertreter wiederum das ernannte Kirchenpersonal ist. Aus direktem Zugang zu Gott wird Stellvertretung, und Stellvertretung der Stellvertretung.

Das paulinische Gedankenkonstrukt ist bis heute ein wackeliges Gebäude, das bei der geringsten Belastung in Erklärungsnot gerät und einzustürzen droht, nur zu retten durch neue gewagte Hilfskonstruktionen, die genauso auf tönernen Füßen stehen. Die paulinische Theologie setzte sich als „christlicher“ Glaube durch, weil diese Lehre bei den „Heiden“ kommuniziert und verbreitet wurde. Bei den Juden kam Paulus nicht so gut an. Deshalb wandte er sich den „Heiden“ zu, die ihm theologisch nichts entgegenzusetzen hatten, er hatte quasi das Monopol der christlichen Lehre, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass sie sich durchsetzte, da diese „Heiden“ die Klasse stellten, die die damalige Welt beherrschten. Paulus war, im Gegensatz zu Jesus, ein hochgebildeter Mann. Er wollte nicht umsonst mit aller Macht nach Rom. Er kannte als Pharisäer die Machtspielchen, er wusste, wenn die Mächtigen gewonnen waren, hatte er gewonnen.

Die eigentlichen Gegner des Paulus waren die echten Apostel, die Jesus gekannt hatten, und seiner Lehre nicht folgten, wie er offen zugibt. Die echten Apostel waren einfache Menschen der untersten Schicht wie Jesus selbst. Jesus war ihr in jüdischer Tradition predigender Lehrer. Paulus, der Jesus nie getroffen hatte, kannte Jesus nur vom Hörensagen und aus Erzählungen anderer. Die echten Apostel nahmen ihn nicht für voll, was sein stark ausgebildetes Ego kränkte. Es wäre wirklich interessant, Paulus mit heutigen Methoden psychiatrisch begutachten zu lassen. Was wollen die dummen analphabetischen ehemaligen Fischer ihm, dem theologisch gebildeten Pharisäer, über Glauben erzählen? Ihnen wollte er es zeigen. Er war ihnen bildungsmäßig hoch überlegen und das spielte er erfolgreich aus. Er predigte seine eigene Lehre und ein Evangelium frei von Jesu Wort. Er konnte schreiben, so gebildet, dass ihm kaum einer gedanklich folgen konnte und reden, so aggressiv, dass er Aufruhr verursachte und wo immer er auftauchte. Geschickt stellte er alle, die seiner Lehre nicht folgten, in die Ecke der Ungläubigen, so wie es seinem Beispiel folgend heute noch geschieht.

Paulus legte damit den Grundstein für eine Religion über Jesus, eine Religion, die Glauben mit der paulinischen Theologie gleichsetzt. Es klingt absurd, aber es wird jemand in den Mittelpunkt einer Religion gestellt, der selbst das nicht glaubt, was ihm später mündlich und schriftlich angetextet und antheologisiert wird. Aus Glaube an Gott wird christliche Religion über Jesus und breitet sich, als es die Religion der Herrschenden wird, über den Erdball aus. Das eigentlich konstituierende des Erfolges der christlichen Religion war ihre Verheiratung mit den Mächtigen und Herrschenden.

Noch abstrakter als das paulinische Gedankengebäude ist der Ansatz des Johannesevangeliums, das etwa 100 Jahre n.Chr. entstanden ist, unter den philosophisch-hellenistischen Einflüssen des Schreibers. Es führt das Gedankengebäude eines Jesus als fleischgewordenen göttlichen Logos ein.

Welch ein Gegensatz zu der Einfachheit Jesu. Jesus war ein fest im Judentum verankerter Wanderprediger, der die Tora gut kannte. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen, gehörte zur untersten Schicht einer von den Römern geknechteten und ausgebeuteten Bevölkerung, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass er weder lesen noch schreiben konnte. Wer sollte ihm, dem armen Bauernjungen, das beigebracht haben? Vor diesem Hintergrund predigte er von einem Gott, der ihm und seinesgleichen, den Armen der Ärmsten, den Kranken und Benachteiligten, Hoffnung auf ein besseres Leben gibt. Er predigte an gegen die soziale Ungerechtigkeit, gegen die politischen, gesellschaftlichen und religiösen Unterdrücker gleichermaßen, brach ein Wort für die Vergessenen und Ausgebeuteten, für die unterste Schicht, der er angehörte, ganz in der Tradition alttestamentarischer Prediger, wie etwa Jeremia. Von der paulinischen Theologie, Gebildet- und Eingebildetheit, Weltläufigkeit und Lehre trennten ihn Welten.

Jesus hatte eine apokalyptische Weltsicht, d.h. er ging von einem Gericht am Ende der Zeit aus. Ob er das Ende bald kommen sah oder nicht, ist m.E. obwohl für die kritischen Historiker von Wichtigkeit, völlig unerheblich. Es ändert nichts daran, dass er davon ausging, dass der Mensch für das, was er tut, sich eines Tages verantworten muss. Er wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, sich selbst als Gott zu erhöhen. Das wäre für ihn Blasphemie gewesen. Oder sich als jemand zu sehen, der zum Zweck der Sündenerlösung der gesamten Menschheit stellvertretend für die gesamte Menschheit von den Römern – von Gott so gewollt – ans Kreuz genagelt wird. Er wäre auch nicht auf die Idee gekommen, Glaube und Werke voneinander zu trennen. Der Mensch war für ihn ein im Glauben handelnder Mensch, einer der Gottes Willen tut. Davon zeugt alles, was von ihm berichtet wird. Alles, was Jesus später zugeschrieben und aus ihm gemacht wurde, hat nicht er zu vertreten und würde er auch nicht vertreten, sondern die jeweiligen Textschreiber und Religionsbegründer.

Jesus wäre nicht auf die Idee gekommen, gegen die Juden zu hetzen. Er war selbst Jude. Er prangerte das Unwesen an, aber nicht das Judentum an sich, das sein sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Hintergrund war. Jesus wäre auch nicht auf die Idee gekommen, frauenfeindlich zu agieren. Es waren Frauen, die ihn unterhielten und durchfütterten. Viele Jüngerinnen waren in seinem Gefolge, wenngleich die patriarchal denkenden Schreiber des Neuen Testaments das möglichst vertuschen wollten, aber nicht ganz konnten. Das ist ein starkes Indiz für die wichtige Rolle der Frauen in Jesu Leben, die nicht immer zu verheimlichen war, wie sehr sich die Schreiber auch bemühten, dies zu vertuschen.

Frauen kommen in vielen Gleichnissen und Geschichten Jesu vor und sie spielen meist eine wesentlich bessere Rolle als die Männer. Jesus war nicht frauenfeindlich, die Schreiberlinge waren frauenfeindlich, allen voran Paulus, der insgesamt offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zu Frauen und jeglicher Sexualität hatte. Er und die Verfechter der neu erfundenen Religion, die unter seinem Namen schrieben, machten die persönliche paulinische Einstellung und Disposition zu Judentum, Frauen und Sexualität zum Dogma, dem erstaunlicherweise bis heute die katholische Kirche folgt. Eigentlich ist das unfassbar. Oder vielleicht auch nicht. Es waren ausschließlich Männer, deren Schriften den Weg in die Bibel fanden, es waren Männer, die diese Dogmen aufstellten und es waren ausschließlich Männer, die die Kanonisierung der Bibel vornahmen.

Lieber Luther, ja, Teile der Texte, die den Weg in die Bibel gefunden haben, sind von frauenfeindlichen, sexualitätsgestörten, rassistischen antisemitischen Schreibern verfasst. Das sind die persönlichen Hinterlassenschaften der Schreiber. Die Bibel ist das meistgelesene Buch der Welt. Wie lesen diese vielen Leser die Bibel, wie wirkt sich, was sie lesen, auf ihr Leben aus? Ist die Bibel das wahre Wort Gottes? Ist die Bibel trotzalledem ein Glaubensdokument für mich? Viele Fragen, die noch offen sind. Demnächst weiter.

Herzliche Grüße
Deborrah.

Donnerstag, 9. April 2015

Vaterunser (3) - Wie im Himmel, so auf Erden

Lieber Luther,
wie hat Jesus getickt? Das ist die Frage, die mich beschäftigt. Je mehr ich mich in das Wort hineinbegebe, desto mehr entdecke ich, wie schon unsere Bibelübersetzungen Interpretationen enthalten, die den Blick auf das ursprüngliche wahre Wort verdecken, weil sie theologiegeleitet sind. Es will die Religion verkauft werden, nicht das Wort, nicht Jesus. Wenn man ihn andererseits auf seinem Banner führt, ist das eine Missbrauch der Person Jesu. Ich will Jesus verstehen, das Wort, nicht die Theologen und ihre Theo-Logien, auch nicht Paulus, der eine der Wurzel des Übels ist. Wie ist Ostern, das Ostergeschehen mit Jesu Tod und Auferstehung zu verstehen? Ein Kern christlicher Lehre? Ich nähere mich anhand des Vaterunsers. Heute Teil 3:
Wie im Himmel so auf Erden. Dein Wille, o Gott, so beten wir, geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Oder, auf Erden wie im Himmel, wie du, lieber Luther übersetzt? Macht das einen Unterschied? Der Wille Gottes äußert sich im Menschen, in den Menschen, die Gottes Wort und seine Stimme hören, in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen. Jesus hat nichts anderes getan, als Gottes Willen. Er hat Gottes Willen auf die Erde gebracht, vorgelebt. Für ihn hat gegolten: Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Jesus ist 100% Gottes Wille. Ihr sollt vollkommen sein, genau wie euer Vater im Himmel (Mt 5, 48). Die Messlatte liegt, im wahrsten Sinne des Wortes, hoch. Oder kommt das Himmelreich zu uns bzw. ist schon da?
Sollte Gott in Wahrheit auf Erden wohnen? fragt Salomon Antwort suchend im Gebet bei der Einweihung seines Tempels: Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es denn dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich zum Gebet deines Knechtes, höre das Lob und das Gebet, und wenn du es hörst, mögest du gnädig sein in deiner Wohnung im Himmel (1.Kön 8, 27-32).
Salomon sagt, höre das Lob und Gebet. Jesus sagt: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Wer da bittet, der nimmt, wer da sucht, der findet, wer da anklopft, dem wird (der Schafstall, das Himmelreich oder die Erkenntnis) aufgetan. Wenn der Sohn den Vater um Brot bittet, würde er ihm einen Stein geben? Wenn er ihn um einen Fisch bittet, würde er ihm eine Schlange geben? (Lk 11, 9-13). Jesus gibt Brot und Fisch (= Wortspeise) in Fülle, die Körbe sind immer gefüllt, wie viele auch an seinem Tisch sitzen. Wenn ihr euren Vater im Himmel bittet, wird er euch den Heiligen Geist geben, sagt er. Und dieser treibt dann das Böse aus, so dass ihr das Gute schaffen könnt.
Daran erinnert euch, sagt Jesus, wenn ihr an meinem Tisch sitzt, und Brot und Wein, Wort und Geist, zu euch nehmt. Das ist das Hochzeitsmahl des HERRN mit euch. Schreib: Glückselig, vollständig in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen, sind diejenigen, die zum Abendmahl, wörtlich: "Hochzeitsmahl" des Lammes berufen sind. Und er sprach zu mir: dies sind WAHRHAFTIGE Worte Gottes. Und ich fiel auf die Knie und wollte ihn anbeten. Und er sprach: Tu es nicht. Ich bin dein und deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben (= sein Wort hören), Mitknecht. Bete Gott an! Gott hat die Herrschaft angetreten (Offenb 19, 6-10).
Blut oder Wein, Leib oder Brot , ist Jesu Gabe an den Menschen (Mk 14, 22-24): Dankt und esst, was ich euch gegeben habe. Esst mein Wort, das aus meinem Mund gekommen ist, gedenkt der Werke, die mein Gott dienstbarer Leib gewirkt hat, der Leib, der sowohl die Wohnung Gottes ist, als auch die Wohnung des Menschen auf der Erde, der Leib, an dem Gott wirkt, und aus dem Gott wirkt. Esst meinen Leib, dass er euren Leib stärke, auf dass er ein genauso starker Leib werde wie meiner. Ein Leib, aus dem Gott wirken kann, ein Gott ausstrahlender Leib. Esst meinen Leib, ihr werdet die Kraft brauchen, esst meine Werke, damit ihr Werke ausscheidet, die wie meine Werke sind: WAHRlich, WAHRLich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater (Joh 14, 12).
Und nahm den Kelch, dankte und sprach: Dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird (Mk 14, 24). Wirklich? Und da sind wir wieder bei einer fatalen Übersetzungssünde, auf der die gesamte Sündentheologie fußt: ekcheo heißt eben nicht vergießen, sondern aus-, herausgießen.
Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch auf den Altar gegeben, dass eure Seelen damit versöhnt werden. Denn das Blut ist die Versöhnung, weil das LEBEN in ihm ist (3.Mose 17, 11). Des Leibes LEBEN, die SEELE des Fleisches (Elberfelder), ist im Blut, nicht Jesu Tod! Jesus sagt nicht, ich lasse meinen leiblichen Körper für euch massakrieren, damit ihr fein raus seid. Er spricht nicht von seinem leiblichen Körper, der interessiert ihn nicht, das ist nicht sein Thema. Er spricht von seinem geistlichen Körper. Es geht um weit Größeres, es geht um diatheke, das ist im klassischen Griechisch die Verfügung, die jemand hinsichtlich seines bevorstehenden Todes macht, eben ein Testament, so wie wir das Wort auch gebrauchen. Genau das tut Jesus hier. Er verfügt über sein Erbe. Sein Erbe ist nicht, dass er sein Blut für uns vergießt, das macht überhaupt keinen Sinn, das ist mit keiner Silbe gemeint. Sein Blutvergießen, warum auch immer, vererbt man nicht. Sein Vermögen ist, Gottes Wort in einer Person, in sich, vom Himmel auf die Erde gebracht zu haben, 100% authentisch. Da er wusste, dass er in die Höhle des Löwen gegangen ist und der Löwe ihn fressen würde, war die Frage, wie er seinen vom Geist uninspirierten Brüdern begreiflich machen könnte, wie man Gottes Wort direkt von der Quelle bezieht. Er greift auf die üblichen Bilder zurück. Deshalb sagt er, esst mich, meinen Leib, trinkt mein Blut, meinen Geist. In mir ist Gott, wenn ihr mich esst und trinkt, esst ihr den Vater.
In einem Testament vermacht man den Begünstigten das, was für einen am Kostbarsten ist. Jesu vermacht seinen Leib im Bild des Brotes zur Stärkung unserer Werke und sein Lebenselixier im Bild des Weines, den Heiligen Geist Gottes. Dass es werde wie im Himmel so auf Erden. Für Jesus war sein Leib nicht das Kostbarste was er hat, das ist absurd.
Lieber Luther, Dass es werde wie im Himmel, so auf Erden. Deshalb lädt Jesus zum Hochzeitsmahl. Wenn man diese Einladung als einen Leichenschmaus für unsere Sünden verkauft, ist das eine völlige Verfälschung dessen, was Jesus hier gefeiert hat. Jesus hat uns den Schlüssel zum Himmelreich in die Hand gegeben. Anstatt die Gebrauchsanleitung zum ewigen Leben, die Jesus hier gibt, wird Jesu Opfertod gefeiert: Für uns gegeben, zur Vergebung der Sünden. Gut gemacht, Jesus, ich bin fein raus. Das ist eine Gebrauchsanleitung zur Verfehlung des ewigen Lebens, die direkt aus der Rezeptküche des Verführers kommen könnte.
Wie kann das passieren? Wie kann man eine ganze Religion auf so einer verfälschten Lehre aufbauen? Eigentlich ist es ganz einfach zu erklären. Das Meiste fußt auf Paulus. Paulus war studierter Pharisäer und später selbsternannter Jünger. Paulus ist Saulus geblieben. Das ist nicht nur seinem persönlichen (Fehl-)Verhalten zu entnehmen, das schonungslos und doch folgenlos in den Paulusbriefen festgehalten ist. Er hat die Lehre, die er aus dem Judentum kannte, die Opferriten aus dem Alten Testament, die Tieropfer zur Sühne für die Sünden der Menschen, einfach auf Jesus angewendet und mit viel Brimborium überhöht. Aus Tieropfern wird ein Menschenopfer. Ich habe gestern davon berichtet. Dass das schon die alten Propheten als heidnisch angeprangert haben, scheint er verpasst zu haben. Zur Ablenkung schlägt er auf Mose und die Propheten ein, auf die sich Jesus ausdrücklich immer bezieht. Im Nebeln ist Paulus gut. Und so lässt er mit viel unnachvollziehbaren Setzungen und Behauptungen Jesus den Opfertod sterben, mit einer Argumentation, die wirr ist. Dass Jesus zwar von seinem Tod, aber nicht vom Opfertod gesprochen hat, stört ihn dabei nicht. Paulus geht es um seine Lehre, nicht um Jesu Lehre.
Aber wie einen guten Gott erklären, der dann seinen Sohn opfert? Das war Paulus Hauptschwierigkeit. Wirklich erklären konnte er es plausibel nicht. Er hat Spekulationen und babylonische Gedankentürme in der kompliziertesten Sprache der gesamten Bibel aufgebaut, die bis heute Potemkinsche Dörfer sind. Nach dem Motto, wird schon keiner merken. Die Masse der Hörer ist ungebildet, sie sind nicht in der Lage, die komplizierten Konstrukte und die Inkonsistenzen zu durchschauen. Immer schön wortreich mit langen Sätzen nebeln, dann begreift hoffentlich auch niemand, dass das, was ich sage, nicht wirklich einen Sinn macht, weil ich nicht wirklich eine Erklärung habe. 
Lieber Luther, das hat gut geklappt. Sein Plan ist aufgegangen. Paulus hatte den Vorteil, dass er studierter Pharisäer war, gebildet. Im Gegensatz zu vieler seiner Zuhörer, die er missioniert hat. Sie waren auf das angewiesen, was er ihnen erzählt hat. Lesen konnten Wenige, Bücher gab es keine und Internet zur eigenen Meinungsbildung war noch nicht erfunden. Es viel ihm leicht, seinen Zuhörern ein X für ein U vorzumachen, und wenn sich Widerstand bildete, wie etwa in Ephesus, wurde er aggressiv. Ich habe mehrfach davon berichtet. Er hatte, durch seine vielen Briefe, die er und seine Anhänger durch die Gegend schickten, ein Auslegungsmonopol. Er kannte Jesus nicht persönlich und war gegenüber den wahren Jüngern Jesu beratungsresistent.
Später, als alle führenden Köpfe der Jesusbewegung von den Herrschenden eliminiert waren, verzettelten sie sich die Nachfolger in verschiedenste Auslegungsrichtungen. Es musste schnell (und unkritisch) gehandelt werden, um die Christliche Kirche, wie sie sich inzwischen nannte, zusammenzuhalten und auf einen verbindlicher Lehrkanon zu verpflichten. Es ging um das Überleben der christlichen Kirche als Organisation und damit um Macht und Einfluss. Paulus war mit seinen Schriften omnipräsent. Er bot sich an. Da hatte man schnell etwas bei der Hand, das man als Grundlage nehmen konnte. Arme Sünder kann man bei der Stange halten, mit viel Teufel garniert, lässt sich daraus eine Abhängigkeit von der Kirche basteln. Auf die Machtposition der kirchlichen Vorsteher hatte Paulus schon geachtet. Was von der Lehre her nicht passt und in die Suppe spuckt, wird aussortiert und kommt nicht in den Kanon.  Es ist wie heute: Der Lauteste wird gehört, ob es wahrhaftig ist, was er vertritt, oder nicht. Derjenige, der das Macht- und Intrigenspiel am besten beherrscht, gewinnt. Die paulinische Lehre war ein wohlfeiles Mittel zum Zweck des christlichen Kirchenbaus. Dass sie Jesus das Wort im Mund umdreht, störte nicht, solange sie dem machtsichernden Zweck diente.
Die Konsequenzen für die heutigen Kirchen: Das müssen sie selbst entscheiden. Die Sündentheologie ist nicht umsonst die Achillesferse der christlichen Kirchen. Nicht umsonst ist so viel Böses aus ihr entstanden. Falsches kann nie Gutes hervorbringen. Ihre Lehre ist eine Irrlehre. Es ist nicht umsonst, dass die Gläubigen den Kirchen davonlaufen. Die WAHRHEIT wird sich Bahn brechen, wie lange die Vertuschungsbemühungen auch andauern. Für Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag. Seine WAHRHEIT wird sich durchsetzen.
Lieber Luther, dass es werde wie im Himmel, so auf Erden. In diese Nachfolge ruft Jesus uns. Das ist sein Vermächtnis und seine Aufforderung an uns. Das WAHRHAFTIGE Bitten und Beten ist der Schlüssel zum Heiligen Geist, Brot und Wein die Symbole hierfür. Er, das Ebenbild Gottes, hat uns alles gegeben, alles gesagt, alles übermittelt, dass wir es ihm nachtun können, dass es auf Erden werden kann, wie im Himmel. Jedoch: Der Mensch, jeder Einzelne, ist weit weg, von der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit Jesu. Das sind unsere Stolpersteine. Mehr davon morgen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 22. März 2015

Skandalon

Lieber Luther,

"Wir wollen, dass du uns tust, was wir dich bitten". Wie oft sagen wir das zu Gott, wie oft beten wir das zu ihm? Und was wollt ihr? Wir wollen, dass wir zu deiner Linken und zu deiner Rechten sitzen! Jesus sagt: Ihr wisst nicht, was ihr bittet.

Das ist bis heute so, lieber Luther. Schon die Übersetzungen des Bibeltextes, um den es geht, Mk 10, 35-45, passen in diesen Tenor. Ihr wisst nicht, was ihr bittet, weil ihr immer noch nicht versteht, was ich sage. Man hört Jesus förmlich aufstöhnen. Der Text, so wie er deutsch da steht, verstellt völlig, was Jesus den Jüngern eigentlich sagen wollte. Man hat den Eindruck, es ist einfach nachgeplappert, was einer einmal falsch vorgeplappert hat. Das entdeckt man erst, wenn man sich der Mühe unterzieht, sich den Text Wort für Wort zu erschließen. Dann bekommt er einen ganz anderen Sinn, der absolut konsistent zu Jesu Selbstverständnis ist, aber nicht unbedingt zu dem passt, was Jesu hier zugeschrieben ist. Es ist hinzu – geschrieben, verfälscht. Wieso? Jesus erklärt es im heutigen Predigttext.

Ihr wisst nicht, was ihr bittet, sagt Jesus. Ihr bittet mich, dass ich euch zu meiner Rechten und Linken setze. Habt ihr denn noch nicht begriffen, dass ich das nicht kann? Zu seiner Rechten und Linken setzt mein Vater, wen er will, diejenigen, die er auserwählt. Es ist nicht in menschliche Hand gegeben, auch nicht in meine. Diejenigen nehmen dort ihren Platz ein, für die er bereitet ist, die Gott erweckt, damit sie seinen Willen tun. Wenn sie zu ihm heimkehren, werden sie dort sitzen.

Jesus fragt, könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Gemeint ist eigentlich der Wein, nicht der Kelch, da man einen Kelch nicht trinken kann, sondern nur aus einem Kelch. Könnt ihr den Wein trinken, den ich trinken werde? Die Jünger sind voller Selbstüberschätzung: Ja, können wir. Könnt ihr euch taufen lassen mit der Taufe mit der ich getauft werde? Die Jünger antworten auch hier voller Selbstüberschätzung und ohne jegliche Demut: Ja, können wir. Sie haben noch nicht einmal bemerkt, dass Jesus von der Zukunft spricht: die Taufe, mit der ich getauft w-e-r-d-e. Jesus spricht nicht von einer irdischen Taufe, seiner Taufe durch Johannes. Jesus spricht von seinem Eintauchen in die göttliche Sphäre, von seiner Rückkehr zum Vater, er der das Ebenbild des Vaters ist, vom Eintauchen in den väterlichen Geist.

Jesus sagt nicht: ihr könnt den Wein trinken wie ich, oder getauft werden, wie ich. Weil sie es eben nicht können, weil sie nicht Auftrag, Reinheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und schon gar nicht die Erkenntnis Gottes haben, wie Jesus. Jesus ist von Gott gesetzt. Sie wollen sich Jesus gleich machen, völlig verkennend, dass sie nicht seine Größe und Herrlichkeit haben. Demut sieht anders aus. Sie ordnen sich nicht ihm unter, wie Jesus seinem Vater, sie ordnen sich ihm selbst bei.

Jesus sagt a-b-e-r: Ihr werdet z-w-a-r den Wein trinken und wie ich in Gottes Herrlichkeit eintauchen, ob ihr es so tut, wie ich, oder ob ihr zu seiner Rechten oder Linken sitzen werdet, steht mir nicht zu, euch zu geben. Steht mir nicht zu, euch zu geben. Meine Lieben, so sieht Demut aus! Begreift es doch. Ihr bittet mich, euch zu meiner Linken und Rechten sitzen zu lassen. Ist das Demut? Ist das Demut, wenn ihr die Ersten sein wollt, diejenigen, die oben sitzen zu richten? Wenn ihr das Sagen haben wollt? Ihr wollt den Ehrenplatz am Kopf der Hochzeitstafel, ihr wollt nicht die Hochzeitsgäste bedienen. Ihr wollt euch nicht selbst hintanstellen.

Jesus hatte ihnen gerade gesagt, dass er für das, was er predigt, einstehen werde, dass er dafür seinen Kopf hinhalten werde und dass er wisse, was auf ihn zukomme, das ihn aber nicht vom Predigen abhalten könne. Und was tun seine Nachfolger? Sie wollen ihre Schäfchen ins Trockene bringen und noch kurz vor Torschluss etwas für sich herausholen. Ihr habt nicht begriffen, um was es mir geht, sagt Jesus. Ihr durchblickt nicht, um was ihr mich eigentlich bittet! Jesus ist kurz angebunden in seiner Antwort.

Aber, es kommt noch schlimmer. Nicht genug, dass sich Johannes und Jakobus völlig vergaloppiert haben mit ihrem Egoismus, sie stecken damit auch noch die anderen Jünger an. Sie reagieren "unwillig" über die zwei Brüder, die vorgeprescht sind und sehen ihre Felle schon davonschwimmen, eifersüchtig auf die anderen zwei, die sich in Position bringen wollen. So erklärt Jesus ihnen – ja, was erklärt er ihnen?

Übersetzt ist: ihr wisst, dass die weltlichen Fürsten herrschen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. Aber so soll es nicht unter euch sein. Wer unter euch groß werden will, der soll euer Diener sein und wer unter euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein. Denn auch der Sohn der Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Wie bitte? Wer sich die Mühe macht, die Bedeutung der griechischen und hebräischen Wörter, die übersetzt wurden, nachzulesen, wird sein Aha-Erlebnis haben. Fangen wir beim "Lösegeld" an, lieber Luther, du übersetzt gar "Bezahlung". Das hat Jesus aber gar nicht gesagt. Lytron ist der Preis für den Loskauf von Gefangenen, mit dem sie aus ihren Banden gelöst und frei gemacht werden. Es geht um das Lösen der irdischen Bande, um Nachfolge. Es geht nicht um einen Blutpreis, um die Sündenbande zu lösen, wie die Übersetzung suggeriert.

In Mt 16, 13 ff fragt Jesus seine Jünger: Was sagen sie denn, wer der Sohn der Menschen sei, was denkt ihr? Petrus sagt: du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Jesus antwortet: Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles, was DU auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was DU auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein. Jesus sagt: Ich gebe euch den Schlüssel zum Himmelreich selbst in die Hand, aber was ihr daraus macht, liegt bei euch selbst. Was ihr auf Erden tut, wird im Himmel für euch bereitet sein.

Zwischen den Jüngern ist ein Machtkampf ausgebrochen. Wer wird der Führer nach Jesus sein? Sie verteilen schon die Felle, solange Jesus noch unter ihnen ist. Wenn sie ihn tatsächlich gefangen nehmen und kreuzigen,wie viele schon vor ihm, die auch gepredigt haben, wer wird dann unser Anführer? Es geht um den sehr irdischen Streit untereinander, wer der Größte, Beste, Geliebteste ist. Bei Lukas steht es in dieser Deutlichkeit (Lk 22, 24 ff). Wer ist der Größte? Derjenige der zu Tisch sitzt oder der dient? Ich bin unter euch wie ein Diener, sagt Jesus. Das gilt auch für euch: Der Größte unter euch sei wie der Jüngste, wie das Kind, ohne EIGENES Recht, und der, dem gegeben ist, das Wort zu führen, sei der Dienende (diakoneo). Oder in Mk 9, 35: So jemand will der Erste sein, so soll er der Letzte sein und aller Knecht. Seid demütig.

Wer ist der Größte im Himmelreich? fragen die Jünger Jesus (Mt 18, 4 ff): Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie ein Kind, antwortet Jesus, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich selbst erniedrigt, ist der Größte im Himmelreich. Weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt, weh dem Menschen, der Anstoß erregt. Wehe dem Menschen, der sich selbst erhöht. Hacke dir eher selbst einen Arm ab, bevor du das tust, bevor dein Auge zum Fallstrick wird, reiße es aus, sonst landest du im Höllenfeuer. Hinter jedem, den du Geringer als dich selbst erachtest, sieht dich Gott an.

Das Ärgernis, der Anstoß, ist Skandalon, der Auslöser einer Falle, an dem ein Köder befestigt ist, die zuschnappt, sobald sie berührt wird. Es ist die Ego-Falle, welche heißt: Macht, Führung, Unterdrückung, Hochmut, wer ist der Erste, derjenige, der das Sagen hat. Das Ärgernis ist die Verführung, das Schaffen der Gelegenheit, die zu einem Verhalten führt, das die betreffende Person ruiniert. Wer wird der Wort-Führer nach Jesus? Das vorhersehbare Machtvakuum ist der Verführer. Und es finden sich welche, die es schließen wollen.

Jesus sagt: Wer die Kleinen und Geringen zu Fall bringt, der kommt zu Fall. Wer anderen Menschen Fallen baut, Gruben, in die sie fallen, der kommt zu Fall. Deshalb hacke lieber deine Hand ab, bevor du dies tust. Haltet euch davon fern, denn soweit soll es bei euch nicht kommen. Werdet nicht wie die Regenten der Nation, werdet nicht wie die Könige dieser Welt, nicht wie die Pharisäer, nicht wie die Eigennützigen. Sucht nicht euren Vorteil. Euch ist durch mich das Wort gegeben, ich öffne euch das Verständnis, ihr seid Knechte Gottes. Erster kann nur werden, wer ein Knecht Gottes (doulos) ist. An mir ist euch gezeigt, was ein Knecht ist, deshalb bin ich da, folgt mir in diese bedingungslose Gottes-Knechtschaft. Ordnet euren Willen dem Willen Gottes unter. Seid Diener wie ich, seid ein Diakoneo, einer, der bei Tisch bedient.

Der gedeckte Tisch ist aber Gottes Gabentisch, das was er dir gibt. Psalm 23: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Das ist der Wein, um den es geht, das ist die Macht, die zählt, das ist der Tisch, an dem ihr dienen sollt. Ich bin gekommen, nicht um bedient zu werden, sondern, um euch zu helfen, eure Bande zu lösen, eure irdischen Bande, eure Ego-Bande, durch das Wort und die Erkenntnis, die ich bringe. Ich gebe nicht mein Leben für euch, sondern ich bin euer Diakoneo, euer Diener, um euch, die ihr am Tisch des HERRN sitzt, mit dem Wort zu dienen, bringe das Leben zu euch durch das Wort. Ich gebe Gott meine Stimme (hebr. napas) und euch durch das Wort, Gotteskraft und Lebendigkeit. Ich bin der Mittler. Ich hauche euch Gottes Atem ein. Ich bin der Träger des Lebens (psyche).

Lieber Luther, das ist in der Botschaft ein gewaltiger Unterschied zu dem, was du übersetzt hast und auch in anderen Übersetzungen mehr oder minder steht. Du hast ziemlich menschlich gedacht, so wie Jesus absolut nicht gedacht hat, wogegen er sich immer gewandt hat. Oder eben nicht mehr nachgedacht, sonst wäre aufgefallen, dass das so nicht sein kann, wie es übersetzt ist. Jesus war einzig auf das Göttliche ausgerichtet, nicht auf menschliche Befindlichkeiten. Es geht ihm hier schon gar nicht um weltliche Macht oder das Dienen zwischen oder Unterwürfigkeit unter Menschen. Unterwürfigkeit unter Menschen war ihm fern. Er war Gott allein gegenüber unterwürfig und demütig. An vielen Stellen des Evangeliums ist das gezeigt. Deshalb sagt er hier im Klartext: Lasst eure Machtkämpfe, haltet euer Ego in Zaum, dient nicht euch und nicht den Menschen, dient das Wort, dient Gott allein, dient nur an seinem Tisch, sonst werdet ihr nie zu den Ersten und Größten im Himmelreich zählen. Übt Demut, das könnt ihr noch nicht.

Verschafft Gott recht nach seinem Recht, nicht nach eurem! Der Sonntag Judika hat nicht umsonst seinen Namen. Lieber Luther, um die Schrift zu verstehen, war es heute notwendig sich durch das übersetzte Wort hindurch zu kämpfen, Übersetzungs- und Theologieballast abzuwerfen. Die Übersetzungen verfälschen das Wort, das muss ich hier leider festhalten, auch deine. Sie sind der Sündentheologie geschuldet, der Ego-Falle, in die die potentiellen Nachfolger getappt sind, um sich in Position zu bringen. Petrus, Paulus, Jakobus, wer ist der Wortführer? Jesus ist nicht für unsere Sünden gestorben. So ist es nicht. Ihr wollt eure Schäfchen ins Trockene bringen, so wie Johannes und Jakobus. Jesus hat gesagt, das steht mir nicht zu, aber ihr maßt es euch an?

Jesus hat einzig für das Wort gelebt, um Gott eine Stimme und ein Gesicht zu verleihen. Jesus ist logos, kein Selbstmörder und keiner, den Gott mit Selbstmordauftrag geschickt hat. Er hat ihn geschickt, obwohl er wusste, dass sie ihm nicht glauben werden, dass sie ihn töten werden. Er hat das Wort über den Menschen gesetzt. Das ist die Botschaft, die Gott uns durch Jesus gegeben hat. Das Wort steht über dem Menschen. Der Mensch diene dem Wort.

Wenn Paulus meint, er und wir seien Heilige, denen Jesus einen Sündenfreibrief ausgestellt hat, nur weil wir getauft sind, dann maßt er sich an, was sich Jesus nicht angemaßt hat. Gleich wie Johannes und Jakobus. Jesus sagt, Taufe sagt nicht, dass wir automatisch zur Rechten und Linken Gottes landen. Die Theologen sagen, wie Johannes und Jakobus, wir wollen, dass du für unsere Sünden stirbst, so dass wir uns zu deiner Rechten und Linken setzen können. Ihr wisst nicht, was ihr bittet, ihr wisst nicht, was ihr lehrt, sagt Jesus. Das Wort ist über den Menschen gesetzt!

Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 21. September 2014

Saulus Paulus

Lieber Luther,
Jesus sagt: Der Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten (Lk 9, 56). Paulus schreibt: Ich schreibe euch Korinthern lieber all mein Missfallen an euch, damit ich, wenn ich zu euch komme, nicht die Schärfe brauchen muss nach der Macht, welche mir der HERR, zu bessern und nicht zu verderben, gegeben hat (2.Kor 13, 10). Mal sehen, wie Paulus das anfängt.
Ich bin, lieber Luther, weiter mit Paulus beschäftigt, ihm auf der Spur, nicht so recht wissend, wo mich das am Ende hinführt. Ich hatte dir schon von meinen Irritationen über den 1.Korintherbrief geschrieben. Was bringt auf der Spurensuche nun der 2.Korintherbrief? Weitere Irritationen, um es vorwegzunehmen. Was Paulus schreibt, bedarf der Einordnung in seinen Lebenszusammenhang.
Saul berichtet von seiner Berufung, er habe eine Stimme gehört, die zu ihm sagte: Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken (Apg 9, 5; 26, 14). Was heißt das? Der Stachel, der in Sauls Fleisch steckte, war seine Vergangenheit als unerbittlicher Christenverfolger, als Werkzeug der Hohenpriester gegen die Christen. Ananias hatte seine Zweifel, als er Saul sehend machen soll. Gott sagt ihm: Er ist mein auserwähltes Rüstzeug, dass er meinen Namen vor die Heiden, Könige und Kinder Israels trage. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen (Apg 9, 15-16).
Saul fing an von Jesus zu predigen. Die Menschen liefen entsetzt von ihm weg, er war nicht authentisch für sie. Saul wusste aber aufzutreten. In Damaskus „trieb er die Juden in die Enge“, so dass das erste Mordkomplott, von dem berichtet wird, gegen ihn geschmiedet wurde (Apg 9, 25). Die Jünger retteten ihn in einer Nacht und Nebel-Aktion und brachten ihn aus der Stadt. Danach ging er nach Jerusalem und wollte sich den Jüngern anschließen. Die lehnten ihn jedoch ab, da sie ihm schlichtweg nicht glaubten, was er erzählte. Zu phantastisch, um wahr zu sein. Auch in Jerusalem machte er sich schnell Feinde, etwa unter den Griechen, so dass auch sie ihn sogleich an den Kragen wollten.
So komplementierten ihn die Jünger schließlich aus Jerusalem hinaus und brachten ihn auf den Weg Richtung Tarsus, seiner Heimatstadt: So hatte nun endlich die ganze Gemeinde in Judäa, Galiläa und Samarien wieder Frieden (Apg 9, 25-31). Die Apostel scheinen froh gewesen zu sein, diesen Unruhestifter, der überall nur aneckte, wieder los zu sein. Ein weiteres Detail ist hier zu erfahren, das für Saulus Paulus entscheidend ist: Er predigte „frei“ (Apg 9, 28). Was heißt das?
Paulus duldete, wie bereits festgestellt, neben seiner Lehre keine andere, auch nicht die der anderen Apostel. „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht“. Gemeint sind vor allem die „hohen“ Apostel. Er wirft ihnen vor, dass sie das – sein - Evangelium verkehren. „Ich tue euch aber kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.“ Gott habe ihn, so Saul, von Mutterleib an durch seine Gnade berufen, weshalb er seinen Sohn in ihm offenbare, dass er ihn durchs Evangelium unter den Heiden verkündigen sollte. Unter den Umständen, so erklärt er, sei es nicht notwendig gewesen, sich über das Evangelium mit „Fleisch und Blut“ zu besprechen. Deshalb sei er auch nicht gen Jerusalem gezogen, zu denen, „die vor mir Apostel waren“. Petrus habe er 15 Tage lang gesehen, ansonsten keinen der anderen Apostel, außer Jakobus (Gal 1). Worin die Gnade von Mutterleibe an besteht, ein unerbittlicher Christenverfolger zu sein, bleibt dabei Sauls Geheimnis. Saul fühlt sich vor Gott Jesus gleich. In ihm lebt Jesus weiter. Was er vor sich weg- und hinzuargumentiert, überzeugt seine Mitbrüder jedoch wenig.
Die von Jesus benannten „hohen“ Apostel haben das Treiben des Paulus misstrauisch beäugt, haben wohl auch Kundschafter ausgeschickt, um ihn zu beobachten. Aber ein Saul lässt sich nicht beirren. Er will den Apostelkollegen auch „nicht eine Stunde“ untertan sein. Und was ist schon Reputation: Von denen aber, die das Ansehen hatten, welcherlei sie weiland – zu Jesus Zeiten – gewesen sind: daran liege ihm nichts. Ihm sei das Evangelium an die Heiden gleich vertraut wie Petrus das Evangelium an die Juden. Schließlich hätten Jakobus, Kephas und Johannes ihm die rechte Hand geschüttelt und seien mit ihm übereingekommen, dass er zu den Heiden, sie aber zu den Juden gingen. Er scheint nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass sie ihn einfach loshaben wollten.
In Antiochien, so rühmt sich Paulus, habe er sich gegen Petrus gestellt, der – der jüdischen Lehre gemäß – sich nicht mit den Heiden an den Tisch gesetzt hätte. Das sei Heuchelei, und der (böse) Petrus habe auch noch seinen getreuen Barnabas zu dieser Heuchelei verführt. Wahrscheinlich war Paulus der einzige, der Petrus Verhalten als Heuchelei angesehen hat. Was folgt ist ein weiterer Ausbruch gegen das Judentum, verbunden mit einer scharfen Abgrenzung zu den „hohen“ Aposteln und deren Lehre, deren Respekt gegenüber der jüdischen Lehre und dem „Gesetz“, gipfelnd in der finalen Behauptung: Denn so durch das Gesetz Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben (Gal 2). Das ist die paulinische Logik der Lagerbildung, einfachstes Schwarz-Weiß-Malen. Fast bin ich geneigt, ihn als Demagogen aus eigener Herrlichkeit zu bezeichnen. Das „Gesetz“ ist einer der Hauptreibungspunkte von Saulus Paulus. Und natürlich die „hohen“ Apostel, die meinen sie seien etwas Besseres als er. Da haben sie aber die Rechnung ohne ihn gemacht.
2.Korinther 11 ist eine Hasstirade gegen die „hohen“ Apostel. Saulus Paulus qualifiziert sie ab und rückt ihre Lehre in die Nähe des Teuflischen. Nur seine Lehre sei richtig, da er mit göttlichem Eifer lehre, und dagegen die (hohen falschen fleischlichen) Apostel verführten wie die Schlange Evas: Denn ich achte, ich sei nicht weniger, als die „hohen“ Apostel sind. Auch wenn er nicht der Rede (Jesu) kundig sei, so sei er doch nicht unkundig der Erkenntnis (2. Kor 11, 2-6). Wieso hört ihr andere Predigten, fragt er die Korinther. Wollt ihr mich damit erniedrigen und euch erhöhen? Ich habe euch (mein) Evangelium umsonst verkündigt, Zeitverschwendung. Ihr habt damit anderen die Zeit gestohlen, die stattdessen meine Predigt hätten hören können, setzt er die Korinther weiter unter Druck. Dasselbe Verhaltensmuster, von dem oben unverhohlen die Rede ist: Er hat nicht nur die Juden, sondern auch die Korinther in die Enge getrieben.
Oft fällt bei Saulus Paulus das Wort „Ruhm“, sein Ruhm. Nein, er wolle sich nicht rühmen, aber … , so das Strickmuster seiner Schreibe. So spricht er vom Ruhm, der ihm in den Ländern Achajas nicht verstopft werden soll (2.Kor 11, 20). Sein Tun rechtfertigt er so: Was ich aber tue und tun will, das tue ich darum, dass ich die Ursache abschneide denen, die Ursache suchen, dass sie rühmen möchten, sie seinen wir. Denn solche falsche Apostel und trügliche Arbeiter verstellen sich zu Christi Aposteln. Das sei auch kein Wunder, denn der Satan selbst verstelle sich schließlich zum Engel des Lichts. Deshalb sei es auch nicht schwer, wenn sich seine Diener als Prediger der Gerechtigkeit verstellten. „Ich sage abermals, dass nicht jemand wähne, ich sei töricht; wo aber nicht, so nehmet mich als einen Törichten, dass ich mich auch ein wenig rühme. .. Sintemal viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. Denn ihr vertragt gern die Narren, dieweil ihr klug seid“ (2.Kor 11, 12-18).
Wenn Saulus Paulus in Fahrt war, war er nicht mehr zu bremsen. Er hat sich so richtig in Rage geschrieben: Sind sie (die „hohen“ Apostel) Hebräer? Ich auch. Sind sie Israeliter? Ich auch. Sind sie Abrahams Same? Ich auch! Sind sie Diener Christi? Ich bin’s wohl mehr: Ich habe mehr gearbeitet, mehr Schläge erlitten etc., ich habe, ich bin , ich habe … (2.Kor 11, 22-28). Und übrigens, zwar ist mir das Rühmen nichts nütze, so will ich doch noch von den Erscheinungen und Offenbarungen reden … (2.Kor 12, 1-6). Und damit ich nicht überheblich werde, ist mir der Pfahl ins Fleisch gegeben, der Engel des Satans, der mich mit Fäusten schlägt. Er habe zwar dreimal den Herrn angefleht, dass er von ihm weiche, aber Gott habe zu ihm gesagt, er solle sich mit seiner Gnade begnügen, denn seine Kraft sei in den Schwachen mächtig (2.Kor 12, 7-9). Was heißt das nun, lieber Paulus? Du hast den Teufel in dir?
Er sei zwar, so Saulus Paulus, unter all dem Rühmen zum Narren geworden, aber – damit die Schuldigen auch gleich benannt sind – dazu habt ihr Korinther mich gezwungen, den eigentlich sollte ich von euch gelobt werden, da ich nicht weniger bin als die „hohen“ Apostel. Ich habe die Zeichen und Wunder eines Apostels bei euch bewirkt, mit Geduld, mit Wundern, mit Taten. Was beschwert ihr euch eigentlich? Ich gebe mich hin für eure Seelen, ich liebe euch, werde von euch aber weniger geliebt. Ich habe euch nicht beschwert (d.h. bin euch nicht auf der Tasche gelegen), „sondern die weil ich tückisch bin, habe ich euch mit Hinterlist gefangen“ (2.Kor 12, 16). Ihr Korinther, ihr braucht nicht glauben, dass ich mich vor euch verantworten müsste. „Wir reden in Christo vor Gott; aber das alles geschieht, meine Liebsten, euch zur Besserung“. (2.Kor 12, 19). Der Pluralis Majestatis, den Paulus gern benutzt, entspricht seinem Selbstbild. Ich fürchte, fährt er fort, wenn ich zu euch komme, wird es nichts geben als Hader, Neid, Zorn, Zank, Afterreden, Ohrenblasen, Aufblähen, Aufruhr und mein Gott würde mich bei euch demütigen und ich müsste das Leid tragen über viele, die zuvor gesündigt und nicht Buße getan haben, für deren Unreinheit, Unzucht und Hurerei (2.Kor 12, 20-21). Paulus trägt das Leid für viele … so sieht er sich, auf einer Stufe mit Jesus, Selbsterhebung.
Lieber Luther, das reicht erst einmal für heute. Ich habe genug. Ich könnte noch viele Seite mit anderen Textstellen füllen. Je mehr ich mich diesem Saulus Paulus nähere, desto mehr erschrecke ich. Hätte Jesus so ein Verhalten in seiner Umgebung geduldet? Niemals! Er hat Petrus aus nichtigerem Anlass zusammengefaltet. Was hätte er wohl zu Paulus gesagt?
Zeitensprung. Was wir heute über Menschen gesagt, die von sich auch sagen, der Heilige Geist habe zu ihnen geredet? Was würden wir zu einem Paulus heute sagen? Würden wir ihn für zurechnungsfähig halten? Würden wir ihn ernst nehmen? Würden wir seine Lehre als einen Glaubenspfeiler installieren? Würden wir eine solche Lehre rein aus dem göttlichen Off einer einzigen Person von der Kanzel lassen? Einen, der nicht wie Jesus auf das Alte Testament baut, sondern sich dagegen abgrenzt? Der es nicht für nötig hält, sich mit denen, die Jahre von Jesus direkt gelehrt wurden, ihn jeden Tag erlebt haben, die von ihm für ihren Apostelberuf ausgesucht und vorbereitet wurden, ausbilden zu lassen, sich aber dennoch auf Jesus beruft. Wieso, ist nicht so richtig erkenntlich. Eigentlich braucht er ihn in seiner Lehre gar nicht, er stört eher, bringt ihn in Erklärungsnot.
Lieber Luther, Paulus hat mit den ihm vom Heiligen Geist übermittelten eigenen Erkenntnissen ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Schrift. Deshalb hat das, was er lehrt, nicht viel gemein mit dem, was in den Evangelien steht, außer, dass der Heilige Geist, ein gekreuzigter Jesus und Gott in seiner Lehre vorkommen. Würden wir diesen Mann heute nicht – vielleicht mit Recht – für einen Verrückten halten? Oder als einen Esoteriker? Lieber Luther, ich weiß, dass du sehr auf Paulus baust. Bei mir wankt inzwischen das Paulusgebäude bedrohlich. Ich fange an, nicht mehr zu begreifen, wieso Paulus in der kirchlichen Lehre der Rang eingeräumt wurde, den er hat. Er hat ja nichts verheimlicht, was er schreibt ist – millionenfach – unter die Menschen gebracht. „Es wird dir schwer werden, gegen den Stachel zu lecken“, sagt Gott zu Saulus. Bei Gott ist alles vorhergedacht.
Herzliche Grüße
Deborrah

Montag, 8. September 2014

Paulus

Lieber Luther,
dieser Welt Weisheit ist eitel. Salomon hat das gelernt und in Demut angenommen, aber beileibe nicht jeder. Paulus schreibt im Korintherbrief: „Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeglicher aber sehe zu, wie er darauf baue.“ Damit sind wir beim Predigttext für diese Woche (1.Kor 3, 9-15). Und ein paar Sätze später schreibt er: Der Herr weiß der Weisen Gedanken, dass sie eitel sind (1.Kor 3, 20). Er meint aber damit nicht sich, sondern die Korinther.
Aber, so möchte man ihm zurufen, frei von Eitelkeiten bist auch du nicht, lieber Paulus. Du verlangst von anderen, was du selbst nicht hältst. Die Korinther hatten ihre eigenen Ansichten. Paulus hält dagegen: Mein Wort und meine Predigt besteht nicht in vernünftigen Reden menschlicher Weisheit, sondern dient dem Beweis des Geistes und der Kraft, damit – so belehrt er sie – euer Glaube nicht auf Menschenweisheit fußt, sondern auf Gottes Kraft (1.Kor 2, 4).
Was hier zur Sprache kommt und den (griechisch-logisch) gebildeten Korinthern wohl aufgefallen ist: Paulus argumentiert in nicht nachvollziehbaren Pseudologiken. Wenn er seine Rede mit „Sintemalen“ anfängt oder wenn er argumentativ in Schwierigkeiten ist, nicht mehr weiter weiß, deshalb seine typisch suggestiven Fragen im Konjunktiv stellt, ist Vorsicht angebracht. Er stellt etwas als logisch in den Raum, was nicht logisch ist, er führt Scheinbeweise, die – mit fleischlich menschlich beschränkter Weisheit betrachtet – keine Beweise sind.
Deshalb, lieber Paulus, ist man versucht zu sagen, auch wenn es an deinem Ego kratzt, du bist auch nur ein Mensch, der entsprechend seiner Einsicht und mit bestimmter Absicht schreibt. Man kann – und das waren die Korinther, die Epheser und nicht nur sie – auch anderer Auffassung sein, die Schrift anders auslegen, das Überlieferte anders interpretieren. Dagegen hast du mit aller Macht angekämpft. Deine Auslegung hatte zu zählen und sonst nichts. Mit deiner Arroganz hast du viele Widerstände herausgefordert: Keiner „der Obersten dieser Welt“ hat die heimliche, verborgene Weisheit Gottes erkannt, außer dir natürlich, denn: Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist und deshalb lehren wir mit Worten, die der Heilige Geist lehrt.
Mit Bezug auf Jesaja fragt Paulus weiter (1. Kor 2, 7-16): „Wer hat des HERRN Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen?“ und setzt hinzu: Wir aber haben Christi Sinn. Was aber steht bei Jesaja? Wer unterrichtet den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn? Wen fragt er um Rat, der ihm Verstand gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn die Erkenntnis und unterweise ihn den Weg des Verstandes (Jes 40, 13-14). Jesaja redet von der unvergleichlichen und vom Menschen nicht zu fassenden Weisheit Gottes. Paulus reklamiert ganz unbescheiden Gottes Weisheit für sich.
Paulus hatte ein Autoritätsproblem. Petrus, der von Jesus selbst und direkt eingesetzte Hirte, hatte wesentlich mehr Anerkennung als Paulus, der Konvertit, der ehemalige Pharisäer. Petrus war DER Jünger Jesus. Er hatte Jesus herausgefordert, war von ihm belehrt worden und schließlich von Jesus selbst erwählt worden. Da konnte Paulus nicht mithalten. Deshalb wurde er auch immer in Frage gestellt, musste um die Anerkenntnis dessen, was er lehrte, kämpfen. So argumentierte er geschickt: Ich habe den Heiligen Geist, deshalb rede ich auch in Christi Sinn. Wer anderer Meinung ist, ist noch in Sünde und nicht in Christi Sinn (1. Kor 2)
Wer ist Paulus, wer ist Appolos, fragt er? Ich habe gepflanzt, Apollos hat gegossen, Gott hat Gedeihen gegeben. Und dann kommt der Satz aus dem heutigen Predigttext: Ich aber habe den Grund gelegt als weiser Baumeister… (1.Kor 3, 6-10). Welchen Grund hat Paulus gelegt? Jesus Christus. Jesus Christus, der Grund von Paulus gelegt? Da kann man schon irritiert sein. Hat nicht Jesus gepflanzt? Ist nicht Jesus der Eckstein? War nicht Jesus der Baumeister? Was mit Gottes Wille und Wege? War Paulus nicht mehr und nicht weniger ein Arbeiter im Weinberg des Herrn wie jeder andere auch?
Doch, sagt Paulus, um gleich die Regeln des Wettbewerbs zwischen seiner und anderen Auslegungen festzulegen: Jeder wird seinen Lohn nach seiner Arbeit bekommen. Wird jemandes Werk bleiben, da er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen (=verpuffen), der wird Schaden leiden. Und damit die Verhältnisse auch klar sind, setzt er gleich wieder zu einer seiner typischen Fragen an, die den anderen für dumm verkauft: Wisst ihr nicht (ihr beschränkten fleischlich und nicht geistlichen denkenden Korinther), dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? So jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig. Niemand betrüge sich selbst. Welcher sich unter euch dünkt weise zu sein, der werde ein Narr in dieser Welt, dass er möge weise sein (1.Kor 3, 8-19). Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt: Denn dieser Welt Weisheit ist Torheit bei Gott, denn, so Paulus, es steht geschrieben: ‚Die Weisen erhascht er in ihrer Klugheit‘, mit Bezug auf Hiob. Was sagt aber Hiob tatsächlich: Er macht zunichte die Anschläge der Listigen, dass es ihre Hand nicht ausführen kann; er fängt die Weisen in ihrer Listigkeit und stürzt der Verkehrten Rat“ (Hiob 5, 12-13).
Das Verhältnis von Paulus zu den Korinthern war schwierig und belastet. Die Korinther haben ihre eigene Einsicht vom Glauben, die nicht immer Paulus Einsicht ist, und so versucht er sie auf seine Schiene zu bringen. Noch schwieriger war die Beziehung zwischen Paulus und den Ephesern. Wenn es darum ging, seine Position durchzusetzen, war er nicht zimperlich. Er will Kirche bauen, auf seiner Theologie fußend und alles was ihn daran hindert, argumentiert er irgendwie weg, oft suggestiv oder mit einer Argumentation, die nicht wirklich nachvollziehbar ist. Er setzt „Beweise“ in die Welt, die keine Beweise sind, fern ab von dem was in den Evangelien steht, als Setzungen des Heiligen Geistes. Er behauptet, was Jesus nie behauptet hat, jedenfalls steht es so nicht in den Evangelien. Paulus predigt sein eigenes Evangelium.
Paulus ist radikal. Wer ihm nicht folgt, folgt nicht Christus und wird verflucht: So jemand den HERRN Jesus Christus nicht liebhat, der sei anathema, das heißt, der sei verflucht (1.Kor 16, 22). Oder gar: Denn obgleich ihr zehntausend Zuchtmeister hättet in Christo, so habt ihr doch nicht viele Väter, denn ich habe euch gezeugt in Christo Jesu durchs Evangelium (1.Kor 4, 15). Und wehe, steht in unsichtbarer Klammer dahinter, ihr weicht von dem ab, was ich euch befohlen habe (1.Kor 11,17).
Der Brief an die Korinther beginnt mit: Paulus, berufen zum Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes (1.Kor 1,1). In allem was Paulus schreibt, stellt er sich auf einen Sockel, von dem ihn seither niemand mehr gewagt hat auf ein normal menschliches Maß herunter zu holen. Die Petrusbriefe beginnen demütiger: Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi (2.Petr 1, 1) oder bei Jakobus heißt es: Jakobus, ein Knecht Gottes und des Herrn Jesu Christi (Jak 1, 1). Paulus sieht sich als mehr, verpackt das, um nicht ganz unverfroren dazustehen, immer mit einem Satz scheinbarer Demut: Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, darum dass ich die Bildung der Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe vielmehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist (1.Kor 15, 9-10). Ein kurzer Rundumschlag des selbst ernannten Apostels gegen alle von Jesus ernannten Apostel.
Lieber Luther, man kann sich mit Blick auf die Erkenntnisse der heutigen Psychologie so seine Gedanken machen über Paulus. Die Metamorphose vom Saulus zum Paulus ist wohl nur zum Teil geglückt. Genauso verbissen, wie er zuvor die Christen bekämpft hat, so verbissen hat er als Christ für seine Theologie gekämpft. Genauso radikal, genauso unversöhnlich denen gegenüber, die anderer Meinung waren als er, man könnte fast sagen, so wie er als ausgebildeter Pharisäer im Dienste der weltlichen Macht über die Leichen der Christen gegangen ist, so radikal ist er nach seinem Seitenwechsel mit theologisch oder religiös anders denkenden umgesprungen. Seine Sündentheologie passt in dieses Muster der Ausgrenzung, genauso wie seine manchmal buchstäblich an den Haaren herbeigezogenen, logisch kaum nachvollziehbaren Ab- und Ausgrenzungsbemühungen gegenüber dem „Gesetz“.
Also hat Paulus gepredigt und also habt ihr geglaubt (1.Kor 15, 11). Lieber Luther, dieser Paulus hatte Sendungs- und Machtbewusstsein. Er wollte sich und seine Lehre, seine Theologie, seine Auslegung der Beziehung der Menschen zu Gott, durchsetzen. Er geht eigene Wege. Seine Lehre vom Heiligen Geist, seine Sündentheologie, die Kirche als der Leib Christi, seine Lehre von der Auferstehung, alles paulinisch. Auf Jesus kann hiervon so gut wie nichts zurückgeführt werden und wenig auf das Erste Testament. Auch dagegen grenzt er sich ab, während Jesus darauf baut. Er beruft sich so gut wie nie auf ihn oder das, was von ihm erzählt wird.
Lieber Luther, ich muss gestehen, ich lese, wie die Korinther und die Epheser, die paulinischen Texte oft mit einem gewissen Unmut: Zuviel, was nur bei Paulus steht und sonst nirgends in der Bibel. Was er schreibt, wirkt unter den anderen Texten wie ein Fremdkörper, zu viel führt in eine Sackgasse, zu viel was er sich und anderen argumentativ in der Luft hängend zumutet, verkleistert und vernebelt in der umständlichsten Sprache der gesamten Bibel. Es hat viele Monate gedauert, bis dieser Brief zustande gekommen ist, bis ich ihn mir zugetraut habe, weil ich weiß, dass ich mich in ein Wespennest setze. Es ist sicher nicht der letzte Brief, den ich dir über Paulus schreibe, aber der Anfang ist endlich gemacht. Es gibt noch viel über Paulus zu sagen, auch viel Positives, auch wenn das heute noch nicht so richtig zu Wort gekommen ist.
Herzliche Grüße
Deborrah

Mittwoch, 21. Mai 2014

Mut zum Wort

Lieber Luther,
das Leben ging weiter. Nachdem Jesus endgültig zu seinem Vater zurückgekehrt war, waren die Jünger auf sich selbst gestellt. Es war niemand mehr da, der erklärt hätte, was unklar war und geklärt hätte, worüber keine Einigkeit herrschte. Die göttliche Wahrheit musste fortan über Menschen vermittelt und ausgelegt werden. Wenn Jesus, seine Lehre, schon in Frage gestellt wurde, wie schwierig war es erst für die Jünger, eine Bresche für den christlichen Glauben durch Heiden- und Judentum zu schlagen. Eine unendlich schwere Aufgabe. Jesus hat die Jünger beauftragt: Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes (Mt 28, 19).
Die Jünger nahmen den Auftrag an. Allerdings wäre es blauäugig zu glauben, dass mit Jesu Tod der schwelende Konflikt zwischen Jesu Lehre und den jüdischen Geistlichen mit einem Schlag beendet gewesen wäre. Mitnichten. Jesu war nur der Erste, der in seinem Namen verfolgt und getötet wurde, viele folgten. Der Konflikt verschärfte sich noch mit der Kunde von Jesu Auferstehung. Das wurde als weitere Provokation angesehen.
Einerseits verstanden viele Menschen das Zeichen der Auferstehung, die göttliche Botschaft dahinter. Sie trieb die Menschen in Scharen den Jüngern zu, öffnete sie für den Glauben an Christus. Natürlich war das den jüdischen Glaubenshütern weiterhin ein Dorn im Auge, bedrohlich für ihre Autorität. Jetzt soll dieser Jesus auch noch auferstanden sein.
Andererseits gab es auch viele, die zweifelten, so wie heute auch.
Als Jesus noch körperlich auf der Erde weilte, gab er den Jüngern schon Mut: sorgt euch nicht, ihr werdet dem Volk predigen, was ihr predigen sollt, ich lege euch das Wort durch den Heiligen Geist in euern Mund. Da Jesus wusste, dass einer die Führung übernehmen musste, gab er Petrus die Rolle. Er war die Autorität, die anerkannt wurde und so war es auch Petrus, der die Richtung vorgab (Apg 2, 14 ff): Es ist in der Schrift verheißen, dass Christi Seele nicht dem Tode überlassen wird und sein Fleisch die Verwesung nicht sieht. Wir Jünger können bezeugen, dass dies so eingetreten ist, wir haben den Auferstandenen gesehen. Er ist nun, wie es geschrieben steht, durch die Rechte Gottes erhöht, er hat den Heiligen Geist von seinem Vater empfangen und ihn wiederum über uns ausgegossen. "So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht hat". Deshalb tut Buße, lasst euch taufen zur Vergebung eurer Sünden, dann werdet auch ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Denn das ist euch und allen, die Gottes Ruf folgen, verheißen.
In der Nachfolge Jesu tat auch Petrus Zeichen und Werke, die nicht jeder vermag. Das Volk war beeindruckt und das war Sinn und Zweck der Sache. Gottes Geist wirkte mit. Die geistlichen Würdenträger waren, wie schon bei Jesus, pikiert: Wie konnten diese ungebildeten Menschen all dies reden und bewirken? Sie mussten verschwinden, wobei sie, wie schon bei Jesus, die große Zahl der Anhänger fürchteten (Apg 4,21). Deshalb gingen sie durchtrieben Schritt für Schritt vor, schüchterten die Apostel ein, indem sie sie stäupten (Apg 5, 40) und aus der Stadt vertrieben. Mit Stephanus wurde ein erstes tödliches Fanal gesetzt. Er war angesehen, voll großem Glauben, wundertätig und voller Weisheit. Mit seiner Verurteilung konnte man ein Zeichen setzen. Nach dem gleichen Rezept wie Jesus, wurde er verleumdet und schließlich gesteinigt (Apg 6-7). Jakobus starb als nächster (Apg 12, 2). Das Wunder war, sie verzagten nicht, ließen sich weder einschüchtern noch beirren, räumten das Feld nicht.
Lieber Luther, wieso erzähle ich das alles? Wir sind beim heutigen Predigttext angelangt. Paulus, der über den Heiligen Geist die Mission hatte, insbesondere Gottes Wort unter die Heiden zu bringen, ist in Athen angekommen. Dort herrschen die griechischen Götter und Paulus ist zornig über das Maß der Abgötterei dort. Er versucht, die philosophisch gebildeten Griechen mit ihren Mitteln zu schlagen: Er sagt, auf einem eurer Altäre habe ich gelesen: Dem unbekannten Gott. Ich sage euch, wer der euch unbekannte Gott ist (Apg 17, 23). Er wohnt weder in euren Tempeln, noch bedarf er eurer. Die goldenen, silbernen und steinernen Bilder, die ihr gemacht habt, sind falsche Götterbilder. Gott hat bisher eure Unwissenheit übersehen, aber nun fordert er von euch Buße. Ihr werdet einst, nach eurer Auferstehung, vor Gott stehen und er wird euren Glauben ansehen (Apg 17, 22-31).
Was passierte, liebe Luther? Als die wohlgebildeten Griechen die Botschaft von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten sie über Paulus. Buße? Das entsprach nicht derepikurischen Lebensphilosophie der maximalen irdischen Glückseligkeit. Leben nach dem Tod? Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir sind, ist der Tod noch nicht da; aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.
Kommt uns das nicht, lieber Luther, bekannt vor? Paulus und die Athener damals, die sauertöpfischen christlichen Mahner, die wagen, daran zu erinnern, dass es auch ein Leben und eine Verantwortung für sein Leben nach dem Tod gibt, heute. Das will unsere körperorientierte Wellness- und Spaßgesellschaft nicht wirklich hören. Sich mit dem Tod und unserer Eigenverantwortung für unser Leben nach dem Tod auseinandersetzen? Muss das sein? Haben unsere Prediger den gleichen Mut, die gleiche Unverzagtheit, die gleiche Geradlinigkeit und Klarheit in der Botschaft wie die Apostel und Jünger? Wagen sie unbequem zu sein? Oder ziehen sie sich auf die Wellness konforme Botschaft "Gott ist die Liebe" zurück? Da kann man weder anecken noch etwas falsch machen. Die Jünger waren mutiger, konsequenter, einsatzbereiter, haben eine Mission und eine Berufung verspürt, der sie persönliche Belange, bis hin des eigenen Lebens, unterstellt haben. Freiwillig und aus eigener Glaubensüberzeugung. Dietrich Bonhoeffer ist ein jüngeres Beispiel für solch einen Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Was lernen wir also, lieber Luther, aus dem heutigen Predigttext? Wir sollten uns an den Aposteln und Jüngern ein Beispiel nehmen: Durchhalten, nicht verzagen, nicht klein beigeben, sich nicht verstecken, unermüdlich sein in der Botschaft, im Wort, in der Predigt, nicht nach dem Mund reden, sich nicht einschüchtern lassen, wahrhaftig sein im Wort, auch wenn es nicht gern gehört wird. Anecken, wenn es sein muss. Auferstehen aus dem nichtssagenden Schlaf.
Ich weiß wohl, lieber Luther, auch Mut gehört dazu, Löwenmut, wie ihn die Apostel vorgelebt haben. Heute wird man, zumindest in unseren Breitengraden, zwar nicht mehr den Löwen vorgeworfen, wenn man von der Auferstehung nach dem Tod und unserer eigenen Verantwortung für unser Leben nach dem Tod spricht, aber ein Shitsturm kann einen trotzdem treffen. Sehen wir auf die Apostel und Jünger und lernen wir bei ihnen, haben wir Mut zum wahren Wort.
Herzliche Grüße
Deborrah