Lieber Luther

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Sonntag, 15. Februar 2015

Pfarrer Latzel - Eine Mutmachgeschichte

Lieber Luther,
eigentlich dachte ich, ich würde heute mal wieder Zeit finden, über Grundlagen zu schreiben, da ich über den Predigttext von heute schon vor 2 Jahren geschrieben habe, über dasRosinenpicken. Das Thema ist aktueller denn je. Wieso? Obwohl mich die innerkirchlichen Streitigkeiten über Nichtigkeiten eher anöden und ich damit keine Zeit verschwende, bin ich über einen neuen Twitter-Follower über den Streit um den Bremer Pfarrer Olaf Latzel gestolpert. Zufall?
Also habe ich mich informiert. Gelesen, was so über ihn geschrieben wird, wie seine Kirche über ihn herfällt. Aber – vor allem – ich habe mir seine Predigt selbst angehört, Wort für Wort, auch die, über das Gleichnis vom Sämann. Und ich habe mir verwundert die Augen gerieben: Was geschieht hier? Es predigt hier einer, was in der Bibel steht und – anstatt dass sich seine Kirche vor ihn stellt – schlachtet sie ihn mit ab. Ja, sie schlachtet ihn, sie steht ihm nicht bei, sagt nicht, was dieser Mann predigt, ist was in der Bibel steht. Er ist nicht das erste Beispiel:Evangelische Kirche, quo vadis?
Ich gehe davon aus, dass die Mehrzahl derer, die über ihn her schmieren, die Predigt nicht gehört haben, sonst könnten sie keinen solchen Unsinn schreiben. Da ist von Hassprediger die Rede, von Volksverhetzung usw, es ist übelste Verleumdung am Werk. Herr Latzel hat in seiner Predigt ausdrücklich und nachdrücklich hervorgehoben, dass es die Pflicht eines Christenmenschen ist, seinen Nächsten zu lieben, ihm beizustehen, sich um ihn zu kümmern, egal welcher Religion er angehört. Wo ist da die Hasspredigt, die Hassbotschaft, die er angeblich verkündet?
Ist es Hassbotschaft, wenn er sagt, es gibt nur den EINEN Gott, es gibt den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, Jesus, den Christus, so wie es in der Bibel steht? Was, wenn nicht das, soll ein evangelischer Pfarrer predigen? Folgt Jesus nach, hört das Wort, versucht es selbst mit dem Lesen der Bibel, macht euch euer eigenes Bild. Was kann ein evangelischer Pfarrer, für den sein Beruf Berufung und nicht Job ist, wie für die meisten dieser Zunft, anderes predigen?
Worüber kann man sich da empören?
Dass er sagt, wenn ich einen Knochen, das Grabestuch, eine Monstranz oder sonst eine Relique, Amulette, Wuduanhänger, Talismänner und was es sonst noch so gibt, anbete, ist das Götzendienst? Wenn ich zu Maria bete, anstatt zu Christus? Wo in der Bibel steht bitte, dass zu Maria zu beten ist? Jesus würde sicher nicht auf die Idee gekommen sein, das zu lehren. Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Das sind alles Hilfskonstrukte, wenn man streng ist, Götzendienst oder kirchlicher Machterhaltungsdienst, wenngleich ich das nicht so streng sehe. Alles, was hilft, auf Gottes Weg zu kommen, taugt, auch wenn es zunächst wie Fetisch aussieht. Manchmal braucht der Mensch etwas, um sich festzuhalten, damit er weiter gehen kann. Wieso das aber nicht Christus direkt ist, ist die Frage, der man sich stellen muss. Da sind sie wieder, die grundlegend unterschiedlichen Glaubensauffassungen zwischen katholischer und evangelischer Kirche. In Wahrheit ist es aber nicht der Glaube, der differiert, es ist die unterschiedliche Lehre.
Lieber Luther, auf dich bezieht sich die evangelisch-lutherische Kirche, aber sie erschrickt, wenn man heute ausspricht, was der Grund war, wieso es letztendlich zur Abspaltung von der katholischen Kirche kam. Sie erschrickt, wenn man ausspricht, dass sich seither nichts geändert hat. Sie erschrickt, wenn man zu ihren Grundpfeilern steht. Sie erschrickt, wenn man ausspricht, was du vor über 500 Jahren ausgesprochen hast, unter noch sehr viel mehr persönlichem Risiko als das, das heute Pfarrer Latzel eingeht, oder noch vorher Jesus. Wie falsch und heuchlerisch ist diese Kirche und ihre Vertreter und Vertreterinnen! Vertreten sie überhaupt etwas, was in der Schrift steht, oder sind sie nur verständnislos, blind, taub oder Bibel unbelesen? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem zusammen.
Worüber kann man sich empören?
Dass Pfarrer Latzel sagt, wenn ihr Jesus neben eure Buddhas stellt oder in die Reihe der Hindu-Götter einreiht, seid ihr keine wahren Christen?
Dass er sagt, man muss für den EINEN Gott einstehen, auch wenn man dafür gesteinigt wird, sozial ausgegrenzt, als Hassprediger hingestellt wird?
Zu hart? Nein, das passiert gerade mit ihm, ein Kesseltreiben, das frappierend an die Kesseltreiben der Herrschenden und des Pöbels erinnert, denen fast alle Prediger, die es gewagt haben, das Scheinmäntelchen zu lüften, ausgesetzt waren. In der Bibel sind sie mannigfach dokumentiert, bei Jesus hat es zum Tod geführt, manche sind auf dem Scheiterhaufen gelandet. Heute hetzt einen die Internetmeute zu Tode.
Wer sind hier eigentlich die Hassprediger? Herr Latzel mit absoluter Sicherheit nicht. Es sind alle Schreiberlinge, denen es nicht um den Glauben geht, von denen die meisten keine Ahnung haben, von was Herr Latzel überhaupt spricht, die seine Predigt absichtlich verdrehen, so, dass es in ihre Argumentationskette passt, die ihrer eigenen Profitmaximierungslogik folgt. Es geht um Auflage, um Sensationsmache, um Aufmerksamkeit im Internetkampf um die Klicks und die Werbekohle. That's it. Das Bekenntnis zum EINEN Gott ist all diesen Menschen völlig Humpe. Es geht nicht darum, was Pfarrer Ltzel gesagt hat, sondern wie sie das für ihre Zwecke ausschlachten können.
Es geht um Politik, auch um Kirchenpolitik. Um was es am wenigsten geht, ist das, um was es Herrn Latzel geht: um die Verkündigung des Wortes, um die Nachfolge Jesu, für die er kämpft und sich – hoffentlich – nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Seiner Kirche wäre das am liebsten. Ihre Vertreter sind es nicht gewöhnt, für Jesus, die Schrift und das Wort in die Bresche zu springen, das Gesicht und die ganze Person für das in den Wind zu halten, für das sie ihre monatliche Kohle bekommen, so wie das Herr Latzel tut. Kirchenbeamtentum hat nicht nötig für das einzustehen, was auf dem Werbebanner steht. Sie drehen sich, wie die Wetterfahne im Wind, springen mehr den diversen Erwartungshaltungen und Talkshow-Wetterlagen hinterher: Nur nicht anecken. Und wenn wir Jesus, das Wort und die Schrift dabei verlieren – macht nichts, wir können sowieso nicht viel damit anfangen, genauso wenig wie mit dem Lutherjubiläum, alles schwer zu vermitteln heutzutage. Bauen wir doch unser eigenes wetterwendiges weichgespültes Gottesgerüst, wer weiß es schon besser? Das ist Abgötterei! Herr Latzel hat völlig recht.
War Jesus political correct als er über die Pharisäer herzog und das Unwesen, das sich eingeschlichen hatte wie der Dieb bei Nacht, war er angepasst? War Gideon political correct als er nachts die Götzentempel niederriss? Er erscheint in der Bibel, weil er in der Nachfolge konsequent war, beispielhaft, lehrhaft, trotz der vorherzusehenden persönlichen Nachteile. Wäre Jesus je gehört worden, wenn er diplomatisch und political correct gepredigt hätte? Die evangelische Kirche steht nicht zu Jesus, nicht zu Gott – Herr Latzel hat auch hier recht: Wer wagt von diesen Kirchenvertretern in einer Talk Show noch das Wort Jesus in den Mund zu nehmen? Sie folgen dem politischen Mainstream, den sozialen Erwartungen, dem sozialen Druck, aber nicht dem Wort und nicht Jesus.
Lieber Luther, den Medienvertretern und -tätern kann man das noch nachsehen, sie wissen es nicht besser und wenn es arglistig ist, was sie tun, wird auch das kurze Beine haben. Da bin ich voll Vertrauen. An die Kirchenvertreter muss man einen strengeren Maßstab anlegen. Wie scheinheilig bereiten sie, lieber Luther, dein Jubliäum vor, reden von Lutherdekade: Sie haben auch nach 500 Jahren noch nicht begriffen, um was es dir eigentlich ging, wieso sie eigentlich evangelisch und nicht katholisch oder buddhistisch oder hinduistisch oder jüdisch oder Moslime sind. Sie schämen sich deiner und wollen nicht für das einstehen, für das du gekämpft hast. Sie haben nicht kapiert, dass du dich auf das Wort zurückgezogen hast, dass für dich nur das Wort gegolten hat, ohne Rücksicht auf Politik oder Political Correctness, scheuen sich aber nicht, "Am Anfang war das Wort" auf ihre Lutherdekadenfeierfähnchen zu schreiben. Für dich hat nur das Wort gezählt und dafür bist du mit allen Konsequenzen eingestanden. Deshalb bist du für viele, die jetzt dein Jubiläum zelebrieren sollen, eher peinlich. So wie Pfarrer Latzel. Sie merken nicht, dass die eigentlich Peinlichen eigentlich sie selbst sind. Sie, die Gott im Mund führen, Jesus am liebsten verschweigen und für nichts eintreten, am wenigsten für das Wort, so wie es in der Bibel steht. Diese Kirche mit solchen Vertretern ist dem Untergang geweiht und das mit Recht. Sie ist nur noch ein leeres Gebäude, ein lahmer Kleppergaul, dem jegliche inhaltliche Substanz fehlt und auch jedes Zutrauen zum eigenen Glauben.
Lieber Luther, Gott ist mit denen, die für sein Wort einstehen. So wie Pfarrer Latzel. Es gibt nur wenige von der Sorte, aber dass er Schlagzeilen macht, ist – so paradox es klingt und wie persönlich schwer es für ihn sein mag - ein Hoffnungsschimmer. Denn, lieber Luther, er hat geschafft, was der ganzen Kirchenprominenz – abgesehen vom Götzen-Dienst an der eigenen Eitelkeit – nicht gelungen ist: Er hat geschafft, dass über den evangelischen Glauben in der Öffentlichkeit diskutiert wird, dass er plötzlich wieder ein Thema ist. Es bleibt zu hoffen, dass es eine Glaubensdiskussion wird, eine Diskussion, ein Ringen um das Wort, kein Religionskrieg, den die Schreiberlinge schon ausgerufen haben. Es sind die schreibenden Täter, die Pfarrer Latzels Predigt zu einer Hasspredigt machen, sie sind die Hassprediger, die Sturm säen. Die Intention und das, was wirklich von Pfarrer Latzel gesagt wurde, hat mit dem, was jetzt daraus gemacht wird, rein nichts zu tun. Die Predigten von Pfarrer Latzel hätte auch ich halten können. Es geht nicht um Kirche, es geht nicht um Politik, es geht schon gar nicht um Hasspredigten, es geht um Gottes Wort allein! Pfarrer wie Olaf Latzel ermutigen mich, weil ich plötzlich weiß, ich stehe nicht allein, wo mich – und nicht nur mich - die evangelische Kirche seit Jahrzehnten, alleine lässt. Ohne Pfarrer Latzel hätte ich das bis jetzt nicht gewusst. Für mich ist er eine Mutmachgeschichte! Endlich mal ein Pfarrer der Farbe bekennt! Endlich ein Pfarrer der die Bibel im Zusammenhang versteht! Es höre sich jeder, bevor er anfängt zu hetzen, seine Predigten Wort für Wort an, sie sind auf Youtube zugänglich:
Herzliche Grüße
Deborrah

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Lutherdekade - Gedanken zum Reformationstag 2013

Lieber Luther,
erinnerst du dich? Wir zwei feiern heute Geburtstag. Genau seit einem Jahr korrespondieren wir. Vor einem Jahr habe ich dir geschrieben, aus meinem Zorn heraus, dass der Reformationstag deinen evangelisch – lutherischen Kirchen keinen Gottesdienst mehr wert ist. Ein inneres Bedürfnis, das ich verspürt hatte, aber ins Leere lief und sich deshalb in anderer Weise Bahn gebrochen hat.
Ich habe gerade auch nochmals die 95 Thesen, die ich vor einem Jahr aufgeschrieben habe, gelesen. Jede einzelne ist noch genauso gültig und stimmig für mich wie letztes Jahr, vielleicht noch mehr.
Heißt das, keine Veränderung? Das kann man nicht sagen. Was den Zustand deiner Kirche anbelangt, sicher nicht, da geht es eher weiter bergab. Deine katholischen Brüder erleben mit der eigenen Zunft ein Waterloo nach dem anderen. Wie ich letztes Jahr schon schrieb, krankt der Patient Kirche schwer an sich selber,
an den eigenen Abgründen,
am Geblendet-sein vom Tand. von fremden Göttern, von Blendern,
am verheerenden Zustand der Institution Kirche,
an der sittlich, geistlich und spirituellen Erosion der kirchlichen Rolleninhaber.
Äußere Schätze stehen vor inneren,
der Umgang der Amtskirche mit Kritikern und Abweichlern ist nach wie vor unsäglich.
Es dominiert entgeistigter Zeitgeist,
billig produzierte geistige Wellness von der Stange oder Internet.
Die Litanei ist unverändert seit letztem Jahr, angereichert mit aktuellem Anschauungsunterricht, in dessen Folge sich viele Kirchenmitglieder mit Grausen abwenden und die Beine in die Hand nehmen.
Auch du bist in vieler Munde, schließlich sind wir in der sogenannten Lutherdekade. Deiner Reformation zu gedenken, reicht schließlich kein Tag oder Jahr, man braucht schon ein Jahrzehnt. Vielleicht wirst du einfach auch nur in Beschlag genommen, um im Gespräch zu bleiben. Schon bei der Benennung dieser Dekade haben die Absetzbewegungen von dir eingesetzt, wie bezeichnend.
"Luther"-Botschafter will man nicht sein (Frau Käßmann) und von "Luther"-Dekade nur in Gänsefüßchen reden, man spricht von unangemessener Engführung auf eine Person – du bist gemeint. Und – wie kurios – das EKD-Projekt "Reformdekade" ja nicht mit der Luther-Reformationsdekade verwechseln. Nichts als Eitelkeiten, lieber Luther, aber immerhin restaurierte Kirchen und Plätze. Dir würde grausen, ob all der Indienststellung deines Namens für ganz unheilige Zwecke.
Die Großen kümmern sich unverändert nach wie vor um Prunk und schönen Schein, das Fußvolk ringt, ziemlich allein gelassen, um den Glauben, versucht in der Wüste und Einöde die suchenden Seelen nicht verhungern zu lassen, immer in Gefahr selbst zu verhungern. Das nährende Brot, die Unterstützer sind rar, es herrscht, insbesondere unter den Berufskirchlichen, viel geistige Dürre. Ein Ausdruck, der eher in deine Zeit passt, der aber den Kern genau trifft.
Als guten Aufhänger nimmt man dich gern. Heute beginnt ein neues Jahr in der ausgerufenen Luther(????)dekade mit dem Schwerpunkt "Reformation und Politik", innere und äußere Freiheit, Paradies und Politik. Was hat das Ganze eigentlich mit Glauben zu tun? Interessiert das Ganze eigentlich jemanden außerhalb derjenigen, die Teil der Fest-Inszenierung sind und derjenigen, die politikhalber mitspielen, die innerkirchlichen und außerkirchlichen Profiteure? Interessiert eigentlich die Masse der Gläubigen oder nur die Kasse?
Lieber Luther, letztes Jahr war ich voller Zorn über den Zustand deiner Kirche. Er hat sich nicht gebessert. Im Gegenteil. Wenn ich auf mein eigenes "Kirchenleben" blicke, so mag im Augenblick weder Kampfgeist, noch Andacht, noch Geist aufkommen, nur noch ein schwarzes Loch. Ich laufe nicht einmal mehr ins Leere oder auf, ich laufe gar nicht mehr hin. Eigentlich nur noch Trauer.
Wenden wir den Blick lieber ab. Schauen wir doch lieber in die Bibel. Da finde ich den Tröster, der hilft mir weiter, als der Blick auf Kirche. Deshalb Schluss nun, damit noch Zeit für das Wesentliche bleibt.
Reformatorisch gestimmt,
herzliche Grüße
Deborrah

Dienstag, 5. Februar 2013

Liebeserklärung


Lieber Luther,
gestern habe ich eine Lanze für die Bibel gebrochen, heute will ich eine für Dich brechen. Auch das ist mir ein Anliegen, das aus dem Herzen kommt. Der ein oder andere glaubt doch tatsächlich, du verstehst nichts von der Bibel.
Zunächst: Du hast meine höchste Hochachtung: dein Pensum, dein Rückgrat, dein Einstehen für die Bibel und das Wort, egal um welchen persönlichen Preis, ist absolut bewundernswert. Du kennst Glauben und Bibel wie wenige in den eineinhalbtausend Jahren der Neuzeit. Du predigst oft täglich 3-4 mal. Du kennst die Bibel fast auswendig.
Du bist ein Genie, was die Übersetzung von schwierigen biblischen Zusammenhängen in eine Sprache anbelangt, die auch ungebildete Menschen verstehen. Du bringst die Dinge klar und deutlich auf den Punkt. Was zu schwierig ist, lässt du in deinen Alltags-Predigten klug weg, um die Menschen nicht zu überfordern.
In deinen Traktaten und Streitschriften gehst du keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Du bist in deiner stringenten und geradlinigen Argumentation nur sehr schwer zu widerlegen. Deine katholischen Häscher haben mit Dir eine schwere Nuss zu knacken. Argumentativ bist du ihnen klar überlegen. Du bist nicht nur ein begnadeter charismatischer Prediger, du bist auch ein angesehener, genial argumentierender Wissenschaftler.
Auch die Gebildeten kommen von sehr weit angereist, um eine Lutherpredigt zu hören. Du bist in deinem Ansatz und in der direkten Ansprache von Jedermann völlig innovativ. Du willst, dass Gottes Wort von jedem verstanden und gelebt wird. Klingt einfach, ist aber ein riesiger Anspruch. Um den zu erreichen, scheust Du keinen Einsatz.
Deine Furchtlosigkeit, mit der du gegen soviel Verfolgung kämpfst, lässt sich nur mit Deinem unerschütterlichen Glauben erklären. Dein Mut, radikal mit katholischen Traditionen zu brechen, wie etwa das Aufgeben des Zöllibats, ist zu bewundern. Wo haben wir heute einen, der Vergleichbares leistet, der so mutig Farbe bekennt.
Wenn wir heute auch nur einen Luther hätten, der die Massen so bewegt wie Du, wären die Kirchen nicht so leer.
Ich lese jedes Wochenende einer Deiner Predigten mit Gewinn.
Ja ich liebe meinen Luther.
In diesem Sinne,
herzliche Grüße
Deborrah

Bibel - Eine Streitschrift


Lieber Luther,
ich glaube, ich muss mal eine Lanze für die Bibel brechen. Es drängt in mir mit aller Macht. Ich weiß, bei Dir ist das Eulen nach Athen tragen, aber dennoch muss es heraus, ich habe in letzter Zeit so vieles gehört, gegen das mein Widerstand sich regt.
Kann man an den christlichen Gott glauben und die Inhalte der Bibel pauschal ablehnen? Manche meinen das. Kommt es auf das einzelne Wort an, wenn man Bibel liest und versteht? Oder auf die Summe der Wortzusammenhänge, wobei dem einzelnen Wort und seiner Übersetzung in der Masse eher eine untergeordnete Bedeutung zukommt? Kommt es nicht auf die immer gleiche Botschaft an, die in vielen Varianten und Bildern immer wieder aus anderen Blickwinkeln und Erfahrungszusammenhängen erzählt wird?
Der ein oder andere denkt, Bibel muss falsch sein, da mehrfach übersetzt, da können nur Verdrehungen dabei herauskommen. Oder, eine andere Variante, es wird unterstellt, der Prediger, auch du, verstehest die Bibel gar nicht. Was indirekt unterstellt, der Untersteller verstehe sie, er habe ja den Durchblick. Was für grandiose Missverständnisse!
Kommt es nicht vielmehr darauf an, mit welcher Brille ich die Bibel lese? Meiner eigenen oder einer fremden? Kommt es nicht darauf an, seine eigene Brille zu putzen, damit man selbst lesen kann und nicht darauf angewiesen ist, was andere einem vorlesen? Kann ich das nicht nur, wenn ich mich auseinandersetze und lerne zu lesen, ganz langsam zu Anfang, wie ein ABC Schütze? Mit wegsehen lernt man das Lesen nicht. Auch auf anderen Misthaufen als dem eigenen zu kehren, hilft einem persönlich nicht wirklich weiter, sofern es nicht nur um schnöde Profilierung geht, um Ablenkungsmanöver von eigenen Misthaufen.
Ich glaube. Glaube an was? Glaube ohne Bibel? Glaube an einen abstrakten leeren Gott ohne Inhalt? Einen Gott, der aus mir heraus entsteht, dem ich Inhalt gebe? Ich als selbsternannter Gottgebärer, Gott als Verstandesgeburt? Mensch, wie überschätzt du dich.
Am Anfang war das Wort. Am Anfang ist das Wort. Alles wird durch das Wort. Wie wird das Wort transportiert? Wie wird der Satz? Aus was ergibt sich der Wort- und Satzsinn?
Bibel ist mehrfach übersetzt worden. Spricht das gegen die Bibel und deren Inhalt? Ist es entscheidend, ob der eine im Detail so oder so übersetzt? Im Großen ist das völlig unerheblich. Die Botschaft als Ganzes ist davon absolut nicht berührt.
Es geht um ein Begreifen des Inhalts und sonst um nichts. Wohl mag da ein Unterschied sein, ob etwas z.B. aktiv oder passiv übersetzt wird, aber das ist die Herausforderung an mich: Wo liegt der Sinn für mich? Darum geht es bei der Bibel. Den Inhalt, das Wort auf mich wirken lassen ohne am Wort zu kleben. Tage kann man so mit einem Satz verbringen und laufend entdeckt man neue Seiten an diesem Satz. Ich kann mich wochenlang mit einem Satz beschäftigen und mühelos viele Seiten über diesen Satz füllen. Wie wirkt das Wort auf mich? Wie verändert sich das jeden Tag? Was bewirkt diese Veränderung? Welchen Einfluss haben t meine täglichen Lebensumständen? Was heißt das für den Sinn im Augenblick? Das Wort lebt mit mir und entwickelt sich in mir mit jedem Tag. Das Wort auf mich wirken, in mich einfließen, in mir arbeiten lassen.Nichts anderes zählt.
Ich glaube man muss sich von der falschen Vorstellung lösen, Bibel hätte einen allgemein gültigen festen Inhalt, der von allen Menschen über Tausende von Jahren gleich gesehen werden müsse. Gehe in ein Theaterstück und frage anschließend im Publikum, was für ein Stück gegeben wurde. Es gibt so viele Antworten wie man Personen fragt. Frage in 100 Jahren wieder und die Antworten werden ganz anders sein. Macht die Anzahl der unterschiedlichen Antworten das Theaterstück an sich richtig oder falsch? Objektive Richtigkeit gibt es noch nicht einmal in der Mathematik. Es ist keine Kategorie, die zu einer einzig richtigen Antwort führt, sie begrenzt nur im Kopf.
Bibel erzählt von Menschen und ihren Erfahrungen mit Gott, vom Leben mit dem Menschensohn. Sie beinhaltet Erfahrungswissen über Tausende von Jahren von Menschen, die sich Gott verschrieben haben, sich mit ihm auseinandergesetzt haben und in der Regel auch eine besondere Nähe zu ihm hatten. Ein unvergleichlicher Erfahrungsschatz. Erfahrung ist und bleibt Erfahrung, menschliches Erfahren, das aufgeschrieben ist, vor dem Hintergrund und im Wortverständnis des Schreibers.
Jedes Buch der Bibel lässt einen das jeweilige Erleben erfahren. Das tiefe Sehen Jesajas, das Leiden Jeremias, die wunderschöne Poesie Hiobs trotz aller Hiobsbotschaften. Jedes Buch eröffnet ein anderes Erfahrenstor.
Je nach meiner eigenen Verfassung lese ich mal lieber das eine Buch oder das andere. Das macht den Reichtum der Bibel. Viele Menschen vor mir hatten schon ähnliche Erfahrungen, ich kann mich bei ihnen zu Hause fühlen, verstanden. Die Fülle und der Reichtum ist so groß, dass ich immer etwas finde, was gerade für mich passt.
Den Denkanstoß, die Inspiration, die man daraus erhält, im für sich begreifenden Verstehen, führt ansatzlos in die direkte Auseinandersetzung mit Gott. So entsteht ein für mich ungemein fruchtbarer Dialog, in dem ich immer weiter hinein in das Verstehen geleitet werde.
Bibel ist etwas höchst Subjektives und zugleich zutiefst Persönliches, es bewegt mich im Inneren und Äußeren. Was ein Text und sein Zusammenhang mit mir macht, kann keineswegs verallgemeinert werden. Ich lese ihn vor meinem Lebens- und Erfahrungskontext. Ich übersetze ihn für mich. Ich erkenne meine Wahrheiten in dem Text. Er schafft einen Draht zwischen mir und Gott.
Bibel lebt. Mit den Menschen, von denen sie erzählt, mit mir, jeden Tag. Indem ich lese, ersteht das göttliche Wort in meinem Verstehen.
Ich weiß wohl, nicht jeder mag das so sehen. So öffne ich den Kommentar, lieber Luther, für eine hoffentlich fruchtbare Auseinandersetzung. Ich bin gespannt, was Dir dazu einfällt.
Herzliche Grüße
Deborrah