Lieber Luther

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Sonntag, 2. März 2014

Was passiert da bloß?

Lieber Luther,
im Zuge meines Bibelleseplans bin ich nun bei Mose gelandet und man fragt sich schon nach wenigen Kapiteln, was passiert da bloß? Plötzlich weht ein ganz anderer Geist.
Das Buch Genesis ist mit dem Tod Josephs zu Ende, der Glaube an Gott ist gegründet, die Grundlagen gelegt. Eine Ära im Verhältnis Gottes zu den Menschen geht zu Ende, eine neue beginnt. Joseph, der Mann, der als Fremdling und Diener nach Ägypten kam und Gott und Mensch dienend zum Herrn über Ägypten aufstieg, steht am Ende dieser ersten Ära.
Mit dem Tod Josephs und des Pharaos ändern sich die Zeiten schlagartig. Es fühlt sich an wie eine zweite Vertreibung aus dem Paradies. Aus friedlichem und fruchtvollem Zusammenleben wird Unterdrückung, aus Vertrauen Misstrauen, aus Verständnis Hass. Die Nachkommenschaft Jakobs macht sich auf, in das neue gelobte Land zu ziehen. Sie sind immer noch unterwegs, wir sind immer noch unterwegs.
Der Protagonist dieser neuen Welt und dieser neuen Umstände ist Mose, der aus dem Wasser gezogene (2. Mos 1ff). Da der Pharao eine Überfremdung fürchtete, gebot er, alle männlichen Nachkommen der Hebräer zu töten. Mose wird, um ihn zu retten, von seiner Mutter ausgesetzt, von der Tochter des Pharaos aufgefunden und aufgezogen. Als Mose erwachsen ist, sieht er, wie einer seiner Brüder von den Ägyptern geschlagen wird, erschlägt kurzerhand den Ägypter und verscharrt ihn. Das bleibt nicht verborgen und so muss er vor dem Pharao fliehen. Moses Geschichte, diese neue Ära mit Gott, beginnt, ganz ähnlich wie die erste Ära, mit Mord, Totschlag und Flucht.
Mose flieht nach Midian und findet Zuflucht und eine Frau bei dem dortigen Priester. Seinen ersten Sohn nannte er Gersom, ich bin ein Fremdling geworden in fremden Land. Ein doppelter Fremdling sozusagen. Gottesmenschen waren und sind immer Fremdlinge.
Dann hat Mose seine erste Begegnung mit Gott, am Berg Horeb, beim Dornbusch. Gott hat das Wehklagen der Kinder Israel gehört, ihr Leid erkannt, und gibt Mose den Auftrag, sein Volk aus Ägypten zu führen, in ein gutes und weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließt. Gott sendet Mose zum Pharao, um die Freilassung der Kinder Jakobs zu erwirken. Aber Mose ist nicht Joseph. Mose zweifelt. Wieso sollte der Pharao mir glauben? Oder die Kinder Israel? Wer bin ich denn? Was soll ich ihnen sagen, wenn sie mich fragen, wie der Name dessen ist, der mich zu ihnen gesandt hat? So beschreibt Gott für Mose sich selbst:
Sage ihnen, der ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE hat mich geschickt. Der HERR, eurer Väter Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Das ist mein Name ewiglich, dabei soll man mein Gedenken für und für (2.Mose 3,14-15).
Gott gibt sich keinen Namen, Gott ist der, der er ist und der, der er sein wird, der Nichtfassbare, der Nichtbenambar, der, der sich im Augenblick und im zukünftigen Augenblick zeigt.
Das ist der Anfang einer langen Freundschaft zwischen Mose und Gott und einem halsstarrigen Volk. Gott weiß im Voraus, dass der Pharao die Kinder Israel nicht so ohne weiteres ziehen lassen wird, "außer durch eine starke Hand", seine starke Hand. Er wird dem Pharao und den Kindern Israel seine starke Hand zeigen, er wird ihnen zeigen, dass er der HERR ist.
Mose ist das alles zuviel und so nimmt er den Auftrag zunächst nicht an, er diskutiert mit Gott. Sie werden mir nicht glauben und meine Stimme nicht hören, wendet er ein. Und wie Jesus bei seinen Jüngern so muss auch Gott den Glauben in Mose stärken. Als sichtbares Zeichen gibt er ihm einen Stab, einen Wunderstab, Gottes starke Hand. Er lehrt Mose, was Gottes starke Hand zu bewegen mag und dass er Vertrauen in sie setzen kann. Der Stab ist das sichtbare Zeichen hierfür. Mit dem Stab führt Mose Gottes starke Hand verbildlicht immer mit sich, vermag mit ihm Dinge zu vollbringen, die nur Gottes starke Hand vollbringen können.
Aber selbst alle sichtbaren Zeichen reichen nicht aus, um Mose für seinen Auftrag zu begeistern. Er ahnt wohl schon, was auf ihn zukommt. Mose entgegnet Gott, er sei für diesen Auftrag nicht redegewandt genug. Gott redet ihm zu: So geh nun hin, ich will mit deinem Mund sein und dich lehren, was du sagen sollst. Mose bleibt stur: Mein HERR, sende, wen du willst, aber nicht mich.
Da reißt Gottes Geduldsfaden und er wird sehr zornig über soviel Renitenz seines Auserwählten. Er stellt ihm den sprachgewandten Aaron zur Seite. Aaron soll zum Sprachrohr Moses werden. Und weiter erklärt Gott Mose: Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein, und du sollst sein Gott sein (2.Mose 4,16).
Ja, so steht es da. Gott gibt Mose göttliche Prokura. Er sagt tatsächlich zu ihm: Du sollst für Aaron Gott sein. Er gibt ihm als Insignium seiner göttlichen Macht einen Stab, einen Stab, mit dem er Wunder bewirken kann, der für seine Macht steht. Mose wird mit der Macht Gottes ausgestattet. So wie später Jesus.
Mose nimmt seine Frau und seine Söhne und führt sie auf einem Esel nach Ägypten, den Stab Gottes in seiner Hand (2.Mose 4,20). Auch Joseph führt einen Esel mit Frau und Kind nach Ägypten. Der Stecken und Stab, den Jesus in der Hand hat, ist der Stecken und Stab des Trostes.
Man ahnt, dass Mose sich hier zu einer schwierigen Mission aufmacht, Schafhirte gegen Pharao. Aber, es wird noch schwieriger, als es so schon scheint. Gott hat seine eigenen Spielregeln. Er verstockt das Herz des Pharaos, so dass er die Israeliten nicht ziehen lassen wird. Das ist von vornherein klar, Gott ist Mose gegenüber darin ganz transparent. Er verschweigt nichts. Mose soll dem Pharao ausrichten: Israel ist mein erstgeborener Sohn und wenn du meinen Sohn nicht ziehen lässt, will ich deinen erstgeborenen Sohn erwürgen.
Lieber Luther, das verspricht noch spannend zu werden. Ich habe das Gefühl, ich habe noch gar nicht angefangen von dem zu schreiben, was ich eigentlich schreiben wollte. Mein Notizzettel ist noch völlig unabgearbeitet. Die in der Bibel beschriebene neue Ära mit Gott macht schon nach wenigen Kapiteln betroffen. Mord, Totschlag, Flucht, Unglaube, Renitenz gegen den Auftrag Gottes, ein Gott, der verstockt und die Ohren verschließt. Fast hat man den Eindruck, ab Mose ist Gott mit seinem Volk in der Lebenswirklichkeit angelangt, Gott macht sich auf eine lange Glaubensreise mit seinem ungläubigen Volk.
Den Brief geschlossen und die Frage völlig offen: Was passiert da bloß?
Aus meiner Antwortsuche hoffentlich bald mehr.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 16. Februar 2014

Schatzsuche

Lieber Luther,
ich bin dir noch eine Fortsetzung meines letzten Briefes schuldig. Die Josephsgeschichte erzählt zwei Geschichten in einer: Zum einen, eine vom Glauben und wie ein Volk, das einen anderem Gott nachläuft, zum Glauben finden und an Gottes Allmacht glauben kann und was Gott vermag, wenn man glaubt. Das ist die Geschichte Josephs als Fremdling in der Fremde. Es ist eine Geschichte der zwiefachen Demut: Josephs ganz persönlicher Demut und der Demut des Pharaos und des ägyptischen Volkes, bewirkt in der charismatischen und begnadeten Person Josephs. In ihrem Zusammenwirken geben sie ein Idealbild des Gottesreiches auf Erden.
In der zweiten Geschichte, von der ich dir heute schreibe, geht es um Neid, Vertrauen, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Selbstlosigkeit, Demut, Unkäuflichkeit, Vergebung und Rettung. Das ist die Geschichte Josephs mit seiner Familie, mit seinen Nächsten. Es geht darum, dass die Lüge um Joseph solange das Geschick der Brüder belastet, bis sie am Tageslicht und bereut, gebeichtet ist, bis die Brüder von Joseph freigesprochen sind von ihrer bösen Tat an ihm.
Kern allen Übels, ganz am Anfang, ist der Neid der Brüder auf Joseph, auf die besondere Liebe des Vaters zu diesem Kind. Es geht eigentlich nur um den Neid auf die Liebe. Viehhirten sind sie alle gleichermaßen. Als sich die Gelegenheit bietet, ergreifen die Brüder die Gelegenheit, Joseph aus dem Weg zu räumen. Der älteste Bruder Ruben hat Skrupel und will den Bruder retten. Hinter seinem Rücken verkaufen ihn schließlich die anderen Brüder als Sklave an vorbeiziehende Kanaaniter. Dem Vater lügen sie vor, der Bruder sei von wilden Tieren zerrissen worden. Zu trösten vermögen sie den Vater in seinem Schmerz nicht. Keiner bringt die Größe auf, dem Vater die Wahrheit zu erzählen. Alle machen sich an ihm der Lüge schuldig.
Mit Joseph indes ist Gott. Ohne zu hadern unterwirft sich Joseph seinem Schicksal. Wo er hingeht und was er tut: Er bringt Segen und Glück. Er hat ein Charisma und eine Aura, die keinen Zweifel zulassen. Das erkennen alle seine "Dienstherren" sofort. Zuerst Potiphar, dann der Gefängniswärter und schließlich der Pharao. Sie unterwerfen ihm ihr ganzes Haus. Der Pharao macht ihn zum Herrn über Ägypten. Er vertraut dem, was er sagt und was er tut. Nicht nur der Pharao tut das, sondern ganz Ägypten. Aus diesem Vertrauen wächst Segen für das Land auch in der Not.
Die Geschichte Josephs und seiner Brüder ist eine lehrreiche Geschichte der Reue und der Umkehr. Joseph verlangt Demut und ruht nicht, bis die Wahrheit am Licht ist, bis diejenigen, die in Unwahrheit sind, sie selbst ans Licht gebracht haben. Ganz zu Beginn der Geschichte hatte Joseph zwei Träume: Seine Garbe stand auf dem Feld aufrecht, die seiner Brüder neigte sich vor ihm, und in einem zweiten Traum neigten sich die Sonne und 11 Sterne vor ihm. Sein Vater Jakob verstand den Sinn und war deshalb zornig über die Anmaßung seines Sohnes, aber er "bewahrte seine Worte", wie später Maria die Worte des Engels (1.Mose 37, 5ff). Josephs Träume sollten Wirklichkeit werden. In der Not, bevor sie verhungern, reisen die Brüder nach Ägypten, um dort "Speise" zu kaufen. Ohne zu wissen, dass sie vor ihrem Bruder stehen, bitten sie bei Joseph um Hilfe, fallen vor ihm nieder auf ihr Antlitz (1.Mose 42, 6). Josephs Traum ist in Erfüllung gegangen.
Joseph unterzieht die Brüder verschiedenen Prüfungen. Er versucht herauszufinden, wie ernst sie es mit ihrer Demut und der Wahrheit meinen. Er verlangt nach seinem jüngeren Bruder Benjamin, den der Vater nicht mit den anderen Brüdern nach Ägypten schicken wollte, da er Angst hatte, auch ihm könne ein Unfall zustoßen. Er hatte von Rahel, seiner Lieblingsfrau, nur Joseph und Benjamin. Bei der Geburt von Benjamin starb Rahel. Er vertraute seinen Söhnen nicht mehr, Joseph hatten sie schon nicht wiedergebracht. Benjamin wollte er nicht auch noch verlieren. Josephs Forderung nach Benjamin stellte deshalb eine hohe Hürde dar. Das verlorene Vertrauen innerhalb der Familie musste neu gegründet werden. Juda bürgte für seinen Bruder, auf die Gefahr hin, dass bei Misslingen die Schuld auf seinen Schultern lasten würde, und Jakob stimmte schließlich zu.
Die Sache schien fast schief zu gehen, als Joseph eine neue Hürde aufbaute. Er nahm kein Geld für die "Speise", die er den Brüdern überließ, an. Er packte das Geld, das sie ihm gegeben hatten, heimlich wieder in die Säcke mit den Nahrungsmitteln, was bei den Brüdern, als sie es entdeckten, kein gutes Gefühl hinterließ. Das war beänstigend und demütigend. Bei der zweiten Reise nahmen sie deshalb das doppelte an Geld mit. Ihre Angst des Geldes wegen erwies sich als unbegründet. Der Schatzmeister Josephs sagt Überraschendes zu ihnen: Fürchtet euch nicht. Euer Gott hat euch einen Schatz gegeben in eure Säcke (1.Mose 42, 23). Will heißen, die "Speise", um die es hier geht, ist nicht für Geld zu haben, weder käuflich noch verkäuflich. Ihr habt euren Bruder um Geld verkauft, wolltet dass er nicht lebt. Hier schenkt euch einer das Leben, umsonst.
Wieder lässt Joseph Geld und diesmal auch einen silbernen Becher in ihre Lastsäcke schmuggeln. Als sie sich vollbeladen auf den Heimweg machen, lässt Joseph hinter ihnen herjagen und fragt nach seinem Becher. Die Brüder wissen nichts und so sagen sie: Wenn einer von uns den Becher hat, so ist er des Todes. Der Becher wird bei Benjamin gefunden, für dessen Leben Juda gebürgt hat. Die Ägypter fragen: Ist's nicht das, daraus mein Herr trinkt und damit er weissagt (1. Mose 45, 5)? Wird der Becher der Weisheit zum Todesbecher?
Das ist die Nagelprobe. Stehen sie zu dem Wort, das sie ihrem Vater und den Ägyptern gegeben haben? Oder "verkaufen" sie auch diesen Bruder? Sie haben gelernt und so kehren sie um, um sich Joseph auszuliefern. Juda bittet für Benjamin und bietet dafür sich selbst als Pfand. Er sagt: Womit können wir uns rechtfertigen? Gott hat die Missetat deiner Knechte gefunden (1.Mose 44, 16). Ohne den ganzen Sinn seiner Worte zu verstehen, spricht Juda aus, um was es geht: Gott hat die Missetat seiner Knechte gefunden. Sie war noch nicht gerechtfertigt, noch nicht vergeben. Juda tritt die Flucht nach vorn in die Wahrheit an. Er erzählt Joseph von Jakob, ihrem Vater, und dass es sein Herz brechen würde, würde er Benjamin nicht zurückbekommen. Juda bittet für seinen Vater und für Benjamin, auch wenn es seine Gefangenschaft bedeuten würde. Er ordnet seine eigenen Interessen unter. Er weiß, er kann nicht ohne Benjamin zurückkehren, es wäre der Tod des Vaters.
Da sagt Joseph diese wunderbaren Sätze der Vergebung: Seid nicht in Sorge, ich zürne euch nicht, denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch her gesandt. Gott hat mich vor euch her gesandt, dass er euch übrig behalte auf Erden und eure Leben errette durch eine große Errettung. Ihr habt mich nicht her gesandt, sondern Gott, er hat mich zum Vater von Pharao gemacht und zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrn über Ägypten (1.Mose 45, 7-8)
Lieber Luther, im ersten Buch der Bibel ist die ganze Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Angefangen bei der Schöpfung, die schnelle Vernichtung der Menschen wegen ihrer Schlechtigkeit bis auf Noah, dann die menschlichen Gründungsväter, die Gottes Reich aufrichten, Abraham, Isaak und Jakob. Alles Menschen. Die Bibel verschweigt ihre Verfehlungen nicht. Joseph steht über ihnen. Joseph ist demütig, in allem, was Joseph tut, handelt Gott. Er ist das personifizierte Gut, die Weisheit Gottes. Von Joseph ist kein zorniges Wort überliefert, von Jesus wohl. Joseph ist der Vollkommene. Was Jesus später lehrt, ist in dieser Geschichte veranschaulicht. Joseph, der Pharao, die Ägypter: Sie alle haben sich zweifellos und absolut vertrauend Gott in Joseph unterworfen, auch in der Not. Am Ende der Genesis steht: So sollt ihr mein Reich auf Erden leben. In Joseph habe ich ein Beispiel aufgerichtet. Er ist Jesus im Ersten Bund vorher gesandt, mit Jesus wurde der Bund erneuert und neu veranschaulicht.
Joseph und die Ägypter leben ein Paradies, auch in der Not. In dieser Symbiose ist uns gezeigt, wie Gott in der Not da ist und seine Weisheit in den Menschen ausschütten kann, so dass sie weise handeln. Alle zusammen mit dem Einen. Das gilt vom Größten bis zum Kleinsten. Völlig unerheblich ist dabei, dass die Ägypter eigene Götter haben. Die Geschichte von Joseph mit den Ägyptern funktioniert, weil sich auch der scheinbar unbedeutendste Mensch unterworfen hat, auch wenn er seine ganze Habe dafür hergeben musste. Nur so war Leben für alle. Als der Pharao stirbt, stirbt das Paradies, das Gleichgewicht ist aus den Fugen geraten. Mose führt das Volk Israel schließlich wieder aus Ägypten. Ein derart lebenserhaltendes und lebensspendendes Miteinander, wie Joseph es mit den Ägyptern und den Brüdern erreicht hat, hat seither niemand mehr erreicht. Wir sind immer noch unterwegs, in das gelobte Land, in dem es auch so sein soll.
Vieles in dieser Josephsgeschichte verweist auf Jesus, lieber Luther. Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Was ich auch hinzufüge, es bleibt ungenügend. Gott hat uns einen Schatz gegeben, wir müssen ihn nur entdecken.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 2. Februar 2014

Nachfolge - Joseph

Lieber Luther,
manche Geschichten in der Bibel fesseln einen, sie sind spannender als jeder Krimi. So ist es mit der Geschichte von Noah, Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob Israel mit seinen vielen Frauen und 12 Kindern. Der Kreis wird in der Genesis geschlossen mit der Geschichte Josephs und seiner Brüder. Die Geschichte hat mich so gefesselt, dass ich auf meinen Sonntagsspaziergang verzichtet habe, um die Geschichte ganz zu lesen. Wegen ihrer Bedeutung, nimmt sie viel Raum ein. Das Wesentliche versteht man nur im Zusammenhang und der ist überraschend: Hier wird die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt, das ganze Panorama, von gut bis böse(1.Mose 37-50).
Die Geschichte kann man unter zwei Aspekten sehen: Das Verhältnis Josephs zu seiner Familie, insbesondere seinen Brüdern, und das Verhältnis zwischen dem Pharao, seinem Volk und Joseph. Beides ist so voller Botschaften, dass es nicht in einen Brief passt. Deshalb wende ich mich zunächst dem unglaublichen, unbegreiflichen, wunderbaren Verhältnis zwischen Joseph und den Ägyptern zu. Joseph und die Ägypter ist eine Beschreibung, wie Gott sich unser Verhältnis zu ihm idealtypisch vorstellt, seine ideale Konstellation zwischen König und Knechten, zwischen Gott und den Menschen, das ideale Zusammenleben in Überfluss und auch in der Not. Es ist eine große Vision, die schon auf Jesus vorgreift, gleich ganz am Anfang der (biblischen) Geschichte zwischen Gott und Mensch.
Ausgangspunkt ist die besondere Liebe Jakobs zu seinem jüngsten Sohn, Joseph, und der Neid der Brüder auf diese Liebe. Sie beschließen ihn zu beseitigen. Eigentlich wollten sie ihn umbringen, aber Ruben, der älteste Sohn, verhindert das, und so beschließen sie, ihn als Sklaven nach Ägypten zu verkaufen. Dem Vater gaukeln sie vor, er sei von einem wilden Tier zerrissen worden.
So kommt Joseph als unfreier Fremdling nach Ägypten, so wie auch schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater jeweils Fremdlinge an den verschiedenen Orten, an denen sie sich aufhielten, waren. Was Joseph anfasst, gelingt, er hat die Gabe einer besonderen Gottesnähe, die ihn verstehen lässt, was andere nicht verstehen. Wie auch schon Abraham, Isaak und Jakob. Was erst einmal als Unglück daherkommt, entpuppt sich später als Vorsehung, um Schlimmes zu verhindern und Gutes zu bewirken, zu retten.
Joseph hat eine besondere Ausstrahlung. Die Dienstherrn, an die er kommt, erkennen das und stellen ihn jeweils über ihre Habe, verlassen sich völlig auf ihn, anerkennen seine Besonderheit und treten selbst zurück. Sie erkennen den Segen, der über Joseph liegt und auf sie ausstrahlt. Sein erster Dienstherr wird Potiphar, der Kämmerer des Pharao, ein mächtiger Mann. Er gibt alle Befugnisse an Joseph, den Fremdling, ab: er setzt ihn über sein Haus und all seine Güter. Zum Verhängnis wurde ihm die Frau seines Dienstherrn, die ihm vergebens nachstellte und ihn dann bei ihrem Mann falsch anschwärzte. Der Dienstherr glaubte der falschen Frau anstatt Joseph und so kam er ins Gefängnis.
Joseph nahm alles mit Demut und der Gefängnisaufseher befahl alle Gefangenen und alles was im Gefängnis geschah unter die Hand Josephs, denn der HERR war mit Joseph und was er tat, dazu gab der HERR Glück. Im Gefängnis traf er 2 Bedienstete des Pharaos, die von Träumen geplagt wurden. Joseph legte die Träume aus und was er voraussagte geschah. Auch der Pharao hatte einen Traum, er sah sieben fette und sieben magere Kühe, und niemand konnte ihn auslegen, bis sich einer der Bediensteten, der Joseph vom Gefängnis kannte, seiner erinnerte. So wurde Joseph zum Pharao gerufen und sagte sieben Jahre im Überfluss und sieben Jahre der Not voraus. Joseph sagte: Gott verkündigt, was er vorhat. Und der Pharao vertraute Joseph blind und bedingungslos.
Joseph gab auch noch einen Ratschlag: Sammle Getreide in den üppigen Jahren, dass du Speise hast in den Notjahren. Der Pharao folgt: Weil dir Gott solches alles hat kundgetan, ist keiner so verständig und weise wie du. Du sollt über mein Haus sein und deinem Wort soll all mein Volk gehorsam sein; allein um den königlichen Stuhl will ich höher sein als du. Siehe, ich habe dich über ganz Ägyptenland gesetzt. Er ließ ihn mit seinem Wagen fahren und ließ ausrufen: Der ist des Landes Vater! Und setzte ihn über ganz Ägyptenland. Ich bin der Pharao aber ohne deinen Willen soll niemand seine Hand und Fuß regen in ganz Ägyptenland. Und nannte ihn den heimlichen Rat (1.Mose 41, 39-45).
Hier ist ein Rat, der dem späteren Wunderrat im Alten Testament sozusagen in der Tat, mitten im Leben, voran geht. Joseph hat weniger gelehrt, er hat umfassend vorgelebt, getan und bewirkt, was Jesus später gelehrt hat. Im Gegensatz zu allen anderen Personen, ist von Joseph nichts Böses berichtet. Er war das personifizierte Gut, wie später Jesus. Sein Leben wird von seinen Brüdern verkauft, aus Neid, wie später Jesus von den Pharisäern gekauft wird, aus Neid, um ihn zu töten. Der Verkaufte wird zum Herrscher. Hier wie dort wird Korn in die Scheuer gesammelt. In dem einen Fall praktisch, in dem anderen Fall durch Wort und Predigt.
Das Volk der Ägypter unterwirft sich demütig dem Diktat Josephs ohne zu murren, nicht nur der Pharao, auch das Volk vertraut ihm, dem Fremdling mit dem fremden Gott, blind und Joseph speist sie auch in den Jahren der Not. Sie geben ihm all ihr Habe, alles Geld, alles Vieh, alles Land: Also kaufte Joseph dem Pharao das ganze Ägypten, ausgenommen das Land der Priester. Ihnen war verordnet, dass sie sich nähren sollten von dem Verordneten, das er ihnen gegeben hat. Deshalb brauchten sie ihr Land nicht verkaufen. Sie veräußern ihm alles und er gibt ihnen Brot, speist sie, gibt ihnen Samen, damit sie auf dem verkauften Land säen können. Von dem Getreide sollen sie den 5ten an den Pharao geben, vier Teile dürfen sie behalten, um ihre Familien zu ernähren. Was antwortete das Volk? Du hast uns am Leben erhalten; lass uns nur Gnade finden vor dir, unserm Herrn, so wollen wir gerne Pharao leibeigen sein. So machte Joseph ein Gesetz „bis auf diesen Tag“ über „der Ägypter Feld“, dem Pharao den 5ten zu geben, bis auf das Land der Priester, das ihm nicht zu eigen war (1.Mose 47, 25-26)
Joseph respektierte die Bräuche der Ägypter, es war ihnen zum Beispiel ein Gräuel, mit den Hebräern Brot zu essen. Joseph zwang sie nicht dazu, er ließ es ihnen getrennt zu den Hebräern servieren. Sogar die Integration von Josephs Sippe gelingt. Joseph bittet, der Pharao hat Verständnis, er gibt den Fremden das fruchtbarste Land, damit sie ihr Vieh weiden können.
Als Jakob in Ägypten stirbt, salben die Ärzte dort Israel, der Name, den Gott Jakob gegeben hat. Sie beweinen ihn 70 Tage. Der Pharao erlaubt Joseph, der verspricht wieder zu kommen, die Reise nach Kanaan, wo er seinen Vater wunschgemäß in der Familienbegräbnisstätte beerdigen will. Und – wie bemerkenswert - alle Ältesten des Landes Ägypten ziehen den weiten Weg mit. Sie erweisen Jakob und seinem ganzen Haus die Referenz. Die Trauerfeier wurde in Goren-Atad gehalten, das heißt Tenne des Dornbusches. Als die Kanaaniter das sahen, nannten sie den Ort Abel-Mizrajim, das heißt Trauer der Ägypter. Wohlgemerkt die Ägypter, bei denen Jakob Aufnahme suchte in der Hungersnot, trauerten um Jakob, nicht die Kanaaniter. Sie taten es, um Josephs willen, weil Jakob sein Vater war. Wie sie Joseph ehrten, ehrten sie auch sein ganzes Haus. Joseph hielt Wort und ging wieder zurück nach Ägypten.
Was für eine (Liebes-)Geschichte zwischen Joseph und dem ägyptischen Volk. Wenn man es auf einen kurzen Nenner bringen kann: Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Vertrauen, Demut, veräußern, teilen, gegenseitiger Respekt und Verlässlichkeit. Es ist kein böses Wort oder Widerspruch, Widerstreben des Volkes Ägypten gegen die Herrschaft dieses Fremdlings in der ganzen Geschichte. Joseph fordert viel, aber die Ägypter murren nicht, sie glauben und folgen ihm, weil sie an das Heil und das Gute, das er bringt glauben. Sie glauben ihm, obwohl er ein Fremdling unter ihnen ist und Joseph respektiert sie, obwohl sie andere Götter haben. Die Ägypter folgen dem Gott Josephs, da er sie in der Person Josephs völlig überzeugt. Joseph war der Inbegiff von Glück für das ägyptische Volk, obwohl für Joseph alles gar nicht glücklich angefangen hat.
Lieber Luther, die ganze Geschichte ist irgendwie Ball paradox. Joseph wird von seinen Brüdern böswillig verkauft und die Ägypter verkaufen sich Joseph freiwillig. Seine Brüder, von Jakob sicher gottesfürchtig erzogen, wissen nicht, was Gottesfurcht ist, aber die Ägypter wissen es. Seine Familie ist ihm gegenüber arglistig, die Ägypter ihm gegenüber vertrauensvoll. Jakob und die Ägypter ist eine Geschichte, was Gott bewegen kann, wenn Gott für einen ist, egal wie schlecht die Umstände sind. Die Joseph-Geschichte ist eine Heilsgeschichte. Sie zeigt, wie Gott sein Volk sammeln möchte. Die Ägypter geben alles, was sie haben, weg, Geld, Häuser, Felder, im bloßen Vertrauen auf Joseph und Gott. Sie folgen Joseph einfach nach, was immer er von ihnen fordert, sie hinterfragen ihn nicht. Joseph ist der Retter. Die Heiden versammeln sich hinter Joseph, werden gesammelt und gerettet, die Familie, seine Brüder, müssen ihr Vergehen an Joseph schwer büßen, sie müssen sich ihm zu Füßen werfen, sich demütigen und auf seine Bedingungen eingehen, wollen sie überleben. Über dieses besondere Familienverhältnis schreibe ich dir demnächst, sobald ich Zeit finde.
Lieber Luther, diese Josephsgeschichte ist ein Schatz, den wir immer zur Hand nehmen sollten, wenn wir nicht verstehen, was Gott uns will, wenn wir lamentieren, wenn wir meinen, Geld und Gut sei das Wichtigste, wenn wir meinen, Unglück, sei Unglück. Joseph hat gezeigt, dass dies nicht so ist, sondern der Leitspruch gilt: Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein. Vielleicht gefällt mir deshalb diese Geschichte so gut, da dies ja – wie schon öfters geschrieben – mein Konfirmationsspruch ist. Mit einem Augenzwinkern,
Herzliche Grüße
Deborrah