Lieber Luther

Lieber Luther
Posts mit dem Label Bibel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bibel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 16. Januar 2016

Nichtsoweiter, Ohrenbläser

Lieber Luther,

Die (falschen) Worte des Ohrenbläsers, der Spruch für den gestrigen Tag, ist mir, wie eigentlich immer, gestern im Leben begegnet. Ich habe einen Text gelesen, einen Vorstellungstext und gedacht: Den kennst du doch. Eine Passage ist mir darin damals schon aufgefallen, weil sie offensichtlich geflunkert war, und nun stand sie schon wieder da.

Nachgeschaut, und tatsächlich, ich bin fündig geworden, ein Griff und ich hatte das Heftchen zur Hand. 2008 geschrieben. Der beinah identische Text, Alter, Frau und Ort ausgewechselt, eiliges Leben, und fertig ist die Laube.

Alte vergilbte Tapeten für neue zu verkaufen, in der Hoffnung oder sogar Erwartung, dass es keiner merkt - wer hat schon so ein langes Gedächtnis - mag arbeitsökonomisch sein, ist aber dennoch Unrecht an den Menschen, an die sie gerichtet sind, sie denken und erwarten, das Gesagte komme aus ehrlichem Herzen und entspreche der Wahrheit und es ist doch nichts als Betrug.

Wer die Sprüche in der Bibel liest, liest viel über wahre und falsche Lippen, über Aufrichtigkeit, die von Herzen kommt und Falschheit. Ein ehrliches, reines Herz belügt die Mitmenschen nicht. Vor Gott, das ist die Botschaft, besteht kein falscher Ohrenbläser, dessen Zunge sich windet wie eine falsche Schlange, damit sie verbirgt, was er wirklich denkt. Es ist Respekt- und Lieblosigkeit dem Mitmenschen gegenüber, ihn unehrlich zu behandeln. Ehrlichkeit heißt nicht, der Katze um den Bart zu gehen, sie heißt auch nicht, das falsche oder ehrliche Herz auf der Zunge tragen. In den Sprüchen ist ein differenzierteres Bild zu finden (nur Sprüche 16-19 im folgenden):

Wer Böses für Gutes vergilt,
von dessen Hause wird das Böse
nicht weichen (Sprüche 17,13)

Will heißen, wem Vertrauen, Offenheit, ehrliche Freude und Zutrauen entgegengebracht wird, und er "belohnt" dieses ehrliche Entgegenkommen mit einer aufgewärmten Botschaft, die schon an andere Menschen gerichtet wurden, der vergilt Gutes mit falschen Lippen:

Der Könige Gräuel ist, Gesetzlosigkeit tun;
Denn durch Gerechtigkeit steht ein Thron fest.
Der Könige Wohlgefallen sind gerechte Lippen;
Und wer Aufrichtiges redet, den liebt er (Sprüche 16, 12-13)
Ein Lügner gibt Gehör der Zunge des Verderbens (Sprüche 17,4)
Wer verkehrten Herzens ist,
wird das Gute nicht finden;
und wer sich mit seiner Zunge windet,
wird ins Unglück fallen (Sprüche 17,20)
Der Mund des Toren wird ihm zum Untergang,
und seine Lippen sind der Fallstrick seiner Seele (Sprüche 18,7)
Besser ein Armer, der in seiner Vollkommenheit wandelt,
als wer verkehrter Lippen und dabei ein Tor ist (Sprüche 19,1)
Ein falscher Zeuge wird nicht schuldlos gehalten werden;
Und wer Lügen ausspricht, wird nicht entrinnen (Sprüche 19, 5),
oder umkommen (Sprüche 19, 9)
Alle Brüder des Armen hassen ihn; wieviel mehr entfernen sich von ihm seine Freunde!
Er jagt Worten nach, die nichts sind (Sprüche 19,7)
Auch wer sich lässig zeigt in seiner Arbeit,
ist ein Bruder des Verderbers (Sprüche 18,8)
Faulheit versenkt in tiefen Schlaf, und eine lässige Seele wird verhungern (Sprüche 19, 15)
Höre auf Rat und nimm Unterweisung an, damit du weise seiest in der Zukunft. (Sprüche 19, 20)
Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge,
und wer sie liebt, wird ihre Frucht essen (Spr 18,21)

Hohe Zeit aufzuwachen!

Ist es verwunderlich, dass so sehr auf ehrliches Reden Wert gelegt wird, bei einem Gott, der sich auf das Wort gründet, das gesprochene, erzählte, verkündete, geschriebene Wort? Ein Gott, dessen Kommunikationsmittel menschliche Sprache ist, muss Wert auf wahres Wort legen, was nicht heißt, dass es immer die gleichen Worte sind in Jahrtausenden. Es geht um das Wort, das aus dem Wort in uns spricht und verstanden wird.

Das, was einem in der Bibel heute begegnet, passt heute ins Leben. Das macht viele, nicht alle, Bibeltexte unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte und auch von Religion. Die Bibel ist ein Weisheitsbuch vom Glauben. Die Weisheit Salomons ist nicht umsonst sprichwörtlich. Sie verweist mitten ins Leben und mitten in unser Scheitern. Auch heute noch.

Und noch ein weiser Spruch ist mir heute begegnet in einem Buch, das die „Neugeburt“ des Heiligen Benedikts beschreibt:

„Kehrtwendungen um 180° sind oft nur eine Illusion, denn unsere Gefühle und unser Verhalten müssen damit Schritt halten. Benedikts Verhalten gleicht einer Flucht. Wovor? Vor den Menschen, aber auch vor der eigenen Geschichte“*

Ein Übergehen und Weiterso bringt einem immer weiter vom rechten Weg ab.

Deshalb: Nichtweiterso!

Ein Verweis dringt bei einem Verständigen tiefer ein, als hundert Schläge bei einem Toren (Spr 17,10).

Herzliche Grüße
Deborrah

*) in: Gabriele Ziegler: Die Wüstenmütter. Weise Frauen des frühen Christentums. Camino. 2015

Dienstag, 12. Januar 2016

Bibel Zwistigkeiten

Lieber Luther,

wie du sicher bemerkt hast, befasse ich mich verstärkt mit der Weisheitsliteratur der Bibel, mit den Sprüchen und Psalmen. Beides sind Schatztruhen für den Glauben. Die Inhalte können auch heute noch bestehen, sofern man sich nicht von kirchlichen Dogmen in seinem Blickfeld begrenzen lässt. So will ich dieses Jahr schauen, wohin mich diese Weisheitsliteratur führt, das ein oder andere mit dir teilen. Womit ich mich sicher nicht befasse, sind die Predigttexte für dieses Kirchenjahr. Episteln. Jede Woche lese ich und versuche, etwas aus ihnen herauszuziehen, was nicht Dogma ist, aber es gelingt nicht. So lasse ich diese Texte links liegen, ich brauche mich nicht selbstkasteien.

Wofür hat Jesus gestanden? Sicher nicht dafür, was in den paulinischen Briefen steht. Fakt ist, dass die Jesusworte von den kirchlichen Bibelredakteuren entsprechend der Kircheninteressen umformuliert wurden. Nehmen wir dagegen das Thomasevangelium. Es ist ein Schatz, eine Sammlung von Jesusworten, ohne zusammenhängende Handlung. Das Thomasevangelium steht nicht in der Bibel. Es hat die kirchliche Zensur aus naheliegenden Gründen nicht passiert. Hier findet man einen anderen Jesus, als den, der uns kirchlich verkauft wird.

Das Thomasevangelium, so wie es in Nag Hammadi gefunden wurde, ist eine Übersetzung vom Hebräischen ins Griechische. Die Übertragung des Hag Hammadi Textes erfolgte etwa im 2. Jahrhundert n.Chr. Die Originaltexte sind damit spätestens im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden und damit sehr zeitnah zu Jesu Leben. Für etwa die Hälfte der Texte gibt es Übereinstimmungen mit den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas, für die andere Hälfte nicht. Nicht alles, was als Jesusworte im Thomasevangelium überliefert ist, passte zu den kirchlichen Lehren. Deshalb wurde kurzerhand das gesamte Thomasevangelium als häretisch aussortiert.

Gott bewahrt sein Wort. Die gesammelten Jesusworte im Thomasevangelium geben einen Blick auf Jesus, der frei ist von Personenkult. Er zeigt, für was Jesus wirklich stand, sofern man das nach über 2000 Jahren und magerer Quellenlage überhaupt noch sagen kann. Er zeigt einen kämpferischen Jesus, der nicht so pazifistisch war, wie er nachträglich gemacht wurde, was allerdings auch schon in den kanonischen Evangelien nicht ganz weg zu redigieren war. Im Logion 16 von Codex II aus Nag Hammadi (NHC) liest man folgendes:

Jesus spricht: „Vielleicht denken die Menschen, dass ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu werfen. Doch sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, Zwistigkeiten auf die Erde zu werfen: Feuer, Schwert, Krieg. Es werden nämlich fünf in einem Haus sein: Es werden drei gegen zwei sein und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater. Und sie werden dastehen als einzelne.“ (NHC II, 2,16).

Was hat Jesus da vorhergesehen? Wieviel sind in seinem Namen in Kriege gezogen? Heute noch? Wieviel reklamieren ihn für sich, ohne einig zu sein, ja unversöhnlich? Katholische Kirche gegen evangelische Kirche und wiederum in der Lehre unterschiedlich die orthodoxen Kirchen. Nicht zu vergessen die vielen evangelikalen Kirchen oder Freikirchen. Schon nach Jesu Tod fingen die Zwistigkeiten an: Paulus gegen Jakobus, den Jesus nach NHC II, 2,12 zu seinem wahren Nachfolger bestimmt hat (NHC II, 2,12):

Die Jünger sprachen zu Jesus: „Wir wissen, dass du von uns gehen wirst. Wer ist es, der über uns herrschen wird?“ Jesus sprach zu ihnen: „Woher ihr gekommen seid – zu Jakobus dem Gerechten sollt ihr gehen, um dessentwillen der Himmel und die Erde entstanden sind.“

Über den Jakobusbrief in der Überlieferung von Nag Hammadi habe ich schon berichtet. Er eröffnet einen anderen Blick auf das, was Jesus mit „glaubt an mein Kreuz“ gemeint hat. Von Paulus, der Jesus nie getroffen und sich seine Lehre frei zusammengereimt hat, ist im Codex Nag Hammadi mit keiner Silbe die Rede.

Oder hat Jesus mit seinem Wort über die Zwistigkeit, die er bringt, seine kommende Vereinnahmung durch die verschiedensten, nicht miteinander zu vereinbarenden Theologierichtungen gemeint? Die Unterschiede fangen schon mit den verschiedenen Evangelien an, die in ihrer theologischen Richtung bei näherer Betrachtung unvereinbar sind. Das fällt nicht auf, wenn man innerhalb eines Evangeliums liest, oder nur 5 Verse, jedoch wenn man horizontal liest, die verschiedenen Stellen parallel, entdeckt man die Unterschiede. Etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, bei der grundlegenden Auffassung, ob das Reich Gottes mit Jesus bereits gekommen ist oder erst noch kommen wird. Wenn man darauf achtet, entdeckt man im horizontalen Lesen der vergleichbaren Bibelstellen den unterschiedlichen Duktus, der zu völlig anderen Schlussfolgerungen, Botschaften und Konsequenzen für die Leser bzw. Gläubigen führt, nimmt man sie ernst.

Das Markusevangelium, das als ältestes Evangelium angesehen wird, ist z.B. aus apokalyptischer Sicht geschrieben. Die Jesusworte werden hier so formuliert, dass die Botschaft ist: Gottes Reich kommt bald, durch den „Menschensohn“. Jesus, der Menschensohn, wird die Welt und ihre Menschen danach richten, ob sie Jesu Lehre angenommen haben oder nicht. Jesus ist derjenige der das Reich Gottes in das irdische Leben bringt. Nach seinem Tod wird Jesus bald zum Gericht zurückkehren und Gottes Reich bringen (was sich dann nicht erfüllt hat).

Das Matthäusevangelium ist dagegen in jüdischer Tradition verfasst. Matthäus Botschaft ist: Die Prophezeiungen aus der Alten Schrift sind mit Jesus in Erfüllung gegangen. Wer die Gesetze und die Gebote nicht einhält, wird das Heil nicht finden. Gottes Reich ist mit Jesus noch nicht gekommen. Eine diametral entgegengesetzte theologische Position vertritt Paulus: In Paulus Sichtweise braucht man kein Gesetz halten, um das Heil nicht zu verlieren, mit einer Ausnahme: das Gebot „Liebe deinen Nächsten“. Wieso genau das gilt und andere Gebote nicht, die wesentlich öfters in der Bibel erwähnt werden, ist unklar. Aber, an sich ist auch das bei Paulus egal, da der Mensch schon durch den Glauben allein an Jesus Christus gerechtfertigt ist. Bei Matthäus geht dagegen ohne Einhaltung des Gesetzes gar nichts. In der Bergpredigt heißt es:

„Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis dass es alles geschehe. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste hießen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“ (MT 5, 17-19).

Das nimmt, interessanterweise, der Jakobusbrief wieder auf: Denn so jemand das ganze Gesetz hält und sündigt an einem, der ist’s ganz schuldig (Jk 1,10). Jakobus hat Jesus in einem im Thomasevangelium zitierten Logion wie bereits erwähnt zu seinem Nachfolger erklärt. Jesus war dieser Position gemäß seiner jüdischen Tradition sehr nahe, Paulus sehr ferne.

Der Schreiber des Lukasevangeliums hatte eine noch andere theologische Position: Jesu Tod soll die Menschen dazu bringen ihre Sünden zu bereuen und zu Gott umzukehren. Das Heil erwirkt der Mensch durch Buße, wodurch er Vergebung erlangt. Sünden müssen vergeben werden und dazu ist Umkehr und Buße notwendig. Jesu Tod ist für ihn kein Tod für unsere Sünden. Gleich im Eingangskapitel stellt Lukas seine theologische Position klar.

Die Erkenntnis des Heils besteht, wie im Benedictus festgehalten, „in Vergebung ihrer Sünden durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes“ (Lk 1, 77). Manche übersetzen, dass die Barmherzigkeit unseres Gottes uns „besucht hat“, andere „besuchen wird“. Das ist für einen Gläubigen ein fundmentaler Unterschied. In dem einem Fall hat Gottes Barmherzigkeit uns schon besucht, im anderen Fall wird sie es erst in einer unbestimmten Zukunft tun. Auch in die Übersetzungen spielen die theologischen Positionen hinein. Für Lukas ist Sünde immer mit noch notwendiger Vergebung verknüpft, Jesu Tod erinnert daran, dass die Menschen zu Gott umkehren müssen. Jeder Mensch muss aber für sich Buße tun und Vergebung erlangen.

Eine wesentlich abstraktere Sicht herrscht im Johannesevangelium, das als letztes entstanden ist. Jesus ist hier fleischgewordenes Wort und Jesus wird in seiner Person in den Mittelpunkt gestellt. Der Schreiber legt Jesus eine Vielzahl „Ich bin“ Worte in den Mund. Wer wie er Licht werden will und zum Vater in den Himmel kommen will, glaube an ihn und seine Worte. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich” (Joh 14, 6). Im Johannesevangelium wird Jesus zum Flaschenhals zur Erreichung des Heils. Es hat eine Sonderstellung, da es eine eigene Theologie vertritt, die nicht Jesu Auffassung war und sein konnte, da Jesus in jüdischer Tradition und Kultur aufwuchs und lehrte, nicht in griechischer.

Und was vertreten die Kirchen heute? Sie nehmen sich verschiedene Teile aus allen Evangelien und der Bibel und bauen sich daraus ihre eigenen Theologien und Dogmen, für sich in Anspruch nehmend, dass allein ihre Variante zum Heil führt. Alle Varianten sind gleich richtig oder falsch.

Jesus spricht: „Vielleicht denken die Menschen, dass ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu werfen. Doch sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, Zwistigkeiten auf die Erde zu werfen: Feuer, Schwert, Krieg. Es werden nämlich fünf in einem Haus sein: Es werden drei gegen zwei sein und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater. Und sie werden dastehen als einzelne.“ (NHC II, 2,16).
Lieber Luther, genauso ist es gekommen und genauso wird es weitergehen.

Weitere Texte aus der Quelle Nag Hammadi: http://deborrahs.com/?s=Nag+Hammadi

Herzliche Grüße
Deborrah

Freitag, 1. Januar 2016

Psalmen und Sprüche

Lieber Luther,

ich habe mich entschlossen, nach einem Jahr Pause wieder einen Bibelleseplan anzufangen, der mich täglich einen Blick in die Bibel werfen lässt. Ich will mir nicht mehr so viel zumuten wie 2014, das könnte ich neben meinen übervollen Berufsalltag nicht schaffen. Ich werde also die nächsten 372 Tage Psalmen und Sprüche lesen. Ich habe gerade angefangen und merke, wie mich das inspiriert.

Psalmen sind Lobgesänge. Schon im Lesen merkt man, wie der innere Mensch, die Seele, anfängt, die Schönheit und Erhabenheit Gottes zu besingen. Die Gedanken können kaum folgen, so angeregt sind sie von beiden – Psalmen und Sprüche. Ich könnte schreiben und schreiben…

In den Psalmen und Sprüchen sind wir alle gleichermaßen als Kinder Gottes angesprochen:

Du bist mein Sohn, meine Tochter, mein Kind,
ich habe dich heute gezeugt (Ps 2, 7).
Du bist in mir jeden Tag neu erschaffen.
Ich zeuge von dir. 

Bei den Sprüchen ist beschrieben, worum es geht: Es geht darum, die „Worte des Verstandes“ zu verstehen, es geht um Gottesverständnis, um Weisheit und Erkenntnis. Es geht darum, „verschlungene Rede“ zu verstehen, die Gottes-Weisheits-Worte der Weisen und ihre Rätsel (Spr 1,5)

Sprüche 1 ist ein Auftakt, der die Richtung weist: So höre mein Kind. Es liegt nicht auf der Hand, es ist nicht einfach zu verstehen, was die Botschaft Gottes ist und die Lehre ist, die daraus zu ziehen sind. Gott ist ein Rätsel und gibt Rätsel auf, die der Mensch nur bedingt entschlüsseln kann. Gott vermögen wir nicht direkt zu befragen. Auch wenn wir alle Weisheit dieser Welt zusammennehmen, ein Gottes-Ganzes wird daraus nicht. Auch die Weisesten können nur helfen, sich dem Göttlichen zu nähern. Es bleibt immer nur eine versuchte Annäherung. Was auch bleibt, ist die Versuchung, falschen Verlockungen nachzugeben, wider die Weisheit. Nur Narren verachten Weisheit und Verstand (Spr 1, 7).

Psalmen und Sprüche sind voller Weisheit und es bedarf der Weisheit, sie zu verstehen und seine Lehren daraus zu ziehen. Sie fordern auf: Mein Sohn, meine Tochter, sei nicht hochmütig, geh in die Lehre, nutze die Weisheit, von der Psalmen und Sprüche erzählen, um deinen Weg zu finden. Die Psalmen und Sprüche erzählen auch davon, dass die Weisheit sich nicht einfach Bahn bricht. Sie erzählen vom Leben wie es ist, ohne Schönfärberei, darin eingeschlossen Gewalt- und Machtausbrüche, so wie diese, bar jeder Weisheit, unleugbar Teil des Lebens sind.

Wenn wir heute nur einmal die Nachrichten anschauen, übertreffen wir heutzutage spielend die in der Bibel berichteten Gräueltaten. Scheinheilige Empörung ist fehl am Platz und hält uns nur den Spiegel unserer eigenen Falschheit vor. Auch in der Beziehung ist die Bibel schonungs- und zeitlos. Nur die Mittel der Gewalt haben sich geändert. Sie sind noch brutaler und tödlicher geworden. Menschen schrecken vor keiner Abscheulichkeit gegen andere Menschen und gegen die Schöpfung zurück. Heute wie vor 3000 Jahren. Nur erlaubt die heutige Technik eine flächendeckendere und entmenschlichtere Menschen-Ermordungs-Maschinerie als vor 3000 Jahren. Drohnen und Bomber müssen ihren Opfern nichts ins Auge sehen. Man muss nur noch auf den Knopf drücken und „die Sache“ ist erledigt. Blut klebt den Verantwortlichen nur indirekt an den Händen.

Psalmen und Sprüche spiegeln Glaubenserfahrungen und Glaubensweisheiten wider, die zum Teil über 3000 Jahre alt sind. Sie sind nach und nach entstanden. Die Mehrzahl der Psalmen wird König David zugeschrieben, die Sprüche seinem Sohn Salomon. Faktisch sind sie jedoch nicht als ein Ganzes entstanden, sondern im Laufe der Jahrtausende erst unter „Psalter“ und „Sprüche“ zusammengefasst worden. Auch die Reihenfolge, in der sie stehen, war keinesfalls fix. Sie haben vielfältige Autoren, Anpassungen und Veränderungen erfahren. Ein erstes Buch „Psalmen“ entstand etwa 300 v.Chr., aber nicht in seiner jetzigen Form.

Letzten Endes ist die Entstehungsgeschichte unerheblich, sofern man nicht aus dem Blick verliert, dass die Texte von Menschen über Jahrhunderte mündlich überliefert, irgendwann aufgeschrieben, abgeschrieben, übersetzt, interpretiert wurden. Jede Art der Überlieferung und Veränderung war vom jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext geprägt. Alle Bibeltexte sind Menschenwerk, von Menschenhände und Menschengeist in seiner jeweiligen Zeit in eine mündliche oder schriftliche Form gebracht. Selbst jetzt gibt es nicht „die“ Bibeltexte. Die Unterschiede in den Übersetzungen sind zum Teil erheblich und führen zu völlig unterschiedlichen Botschaften. Ich habe darüber schon häufig geschrieben.

Aber, selbst das ist unerheblich, denn, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, es geht darum, Erkenntnis, Weisheit und Verständnis des Göttlichen zu vermitteln, um dem Menschen zu ermöglichen, die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Es geht um die Botschaft, um die Lehre, weniger um die Entstehungsumstände, es geht nicht um absolute Wahrheiten, sondern um „die“ Wahrheit, die jeder Mensch, in seinen besonderen Lebensumständen, daraus zieht.

Niemand kann einem das Vorbeten. Die Söhne und Töchter Gottes sind selbst gefragt. Jeder liest anders, hat einen anderen Erfahrungs-, Lebens- und Bildungshintergrund. Es gibt kein „wahres“ Lesen oder eine „wahre“ Interpretation dessen, was diese Glaubemsweisheitsliteratur zu vermitteln hat. Sie ist zeitlos und glücklich, wer sie frei von Doktrin mit persönlichem Gewinn lesen kann.

So kann, lieber Luther, jeder über Psalm 2 nachdenken:

Warum toben die Nationen und beherrschen Egoisten die Welt?
Warum ratschlagen Machthaber miteinander gegen andere Machthaber? 

Die Antwort ist radikal:

Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile, in die sie uns binden und verstricken.

Nachdenken kann man auch darüber, wieso Ps 2 der meistzitierte im Neuen Testament ist. Der Psalm wird gerne angezogen, um Jesus vermeintlich exklusive Gottessohnschaft theologisch zu vereinnahmen.

„Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ (Ps 2, 7)

Lukas nimmt das in seiner Weihnachtsgeschichte  auf  (Lk 1, 35). Mariens Schwangerschaft vom Heiligen Geist sagt im Prinzip nichts anderes als Psalm 2, 7: Der Sohn der Maria ist ein Sohn Gottes, so wie all diejenigen, die – wie in Ps 1, 2 zu lesen – ihre Lust an Gott haben und Tag und Nacht zu ihm hinstreben. Auch bei Jesu Taufe wird diese Botschaft erneuert: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Mk 1, 11; Mt 3, 17). Das macht auch theologisch Sinn. Jesu Taufe wird in der Bibel vor den Beginn seiner Lehrwanderschaft gesetzt. Was liegt näher als eine Bekräftigung der Überzeugung, dass derjenige, der lehrt, und dem man eine zentrale Bedeutung in der eigenen Gotteslehre zumisst, auch ein Sohn Gottes ist und kein Gottloser. Ein weiteres Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu erfolgte im Bericht über die Verklärung Jesu. Auch hier heißt es: Und eine Stimme fiel aus der Wolke und sprach: Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören! (Mk 9, 7).

In den Psalmen belehrt David die Menschen, in den Sprüchen Salomon, in den Evangelien Jesus: Das ist mein Sohn – oder König, oder Gesalbter -, den sollt ihr hören! Lieber Luther, in dem Sinne, spitzen wir die Ohren, öffnen unser Herz, unseren Verstand und unsere Sinne, dass etwas von der Weisheit dieser Lehrer zu uns überspringt.

Herzliche Grüße
Deborrah

PS: Die Lesefrüchte kannst du hier verfolgen
Sprüche: http://deborrahs.com/sprueche/ 
Psalmen: http://deborrahs.com/psalmen-galerie/

Montag, 9. November 2015

Gefangen in Dogmen

Lieber Luther,

wieso scheinen die Kirchen so unbeweglich, so starr und so tot? Sie sind Gefangene ihrer Dogmen. Diese knebeln sie so sehr, dass sie letzten Endes an ihre Selbstfesselung ersticken werden. Die Grundfrage dahinter ist: Lässt sich Gott und seine Allumfasstheit wissenschaftlich erfassen?

Dogmatik, so schreibt Karl Barth, der evangelische Kirchenvater des 20.Jahrhunderts,

ist die Wissenschaft, in der sich die Kirche entsprechend dem jeweiligen Stand ihrer Erkenntnis über den Inhalt ihrer Verkündigung kritisch, d.h. am Maßstab der Heiligen Schrift und nach Anleitung ihrer Bekenntnisse Rechenschaft gibt.

Es geht um die christliche Kirche und um das Was der Verkündigung. Und es geht um den wissenschaftlichen Anspruch. Wer sich mit Dogmatik befasst, so Barth, müsse sich auf den Boden der christlichen Kirche und ihres Werkes stellen. Das sei eine conditio sine qua non.

Damit sind die Fronten klar. Kritik kann nur von denjenigen kommen, die außerhalb der Kirchen stehen. Sie werden aber per definitionem von der Berechtigung, sich mit den aufgestellten Dogmen zu beschäftigen, ausgeschlossen. Die Schotten sind dicht zu halten.

„Die“ Kirche könne zwar mit der Erkenntnis dessen, was sie zum Dogma erhebt, irren, aber das sei ihr nicht zum Vorwurf zu machen, da man nur das von ihr verlangen könne, was gerade der Stand ihrer Erkenntnis sei. Das sei ihrer Existenz in der jeweiligen Geschichte geschuldet.

Was ist „die“ Kirche? Die Kirche sei, und da hört die Wissenschaft auf und das Dogma fängt an, eine Gabe Gottes. Man könnte sie auch nüchtern als eine Organisation definieren, die wie jede andere, eine Hierarchie hat, Macht und Einfluss ausübt oder ausüben will, verfasst ist, Mitglieder hat, eine Verwaltung, eine Unternehmensphilosophie und, nicht zu vergessen, wirtschaftliche Interessen.

Die Auffassung der Kirche als Gabe Gottes verweist zurück auf ein Theologieverständnis, das „die“ Heilige Schrift, „das“ Evangelium, als das Wort des sich selbst kundgebenden Gottes auffasst. Das Selbstverständnis von Kirche, Theologie, Dogma und Schrift ist, dass es Gottes Wille und Werk ist, das sie ist, was sie ist, wie sie ist und dass sie ist. Es bestehen drei Voraussetzungen, die ihre Existenz begründen:


  • Die Texte der Schrift sind die Selbstkundgebung Gottes
  • Menschen, denen es gegeben ist und die bereit sind anzuerkennen, dass diese Selbstkundgebung Gottes für sie geschehen ist.
  • Die Vernunft, d.h. das Wahrnehmungs-, Urteils- und Sprachvermögen aller (glaubenden) Menschen, dass es diesen technisch ermöglicht, sich an der dem im Evangelium sich selbst kundgebenden Gott zugewendeten theologischen Erkenntnisbemühungen aktiv zu beteiligen.


Die gesamte (evangelische) Theologie wird um das Dogma gebaut, die zur Bibel von Menschen zusammengefassten Schriften seien unanfechtbar und unanzweifelbar Gottes Wort, das er selbst, mitten unter den Menschen an alle Menschen gerichtet und gesprochen hat, spricht und sprechen wird. Es sei das Wort seines Tuns an den Menschen, für die Menschen und mit den Menschen, ein sprechendes Tun.

Die Schrift wird als absolutes Wort Gottes gesetzt, zum einen Wort des EINEN, das nicht vieldeutig, sondern eindeutig ist und sowohl „dem Weisesten wie dem Törichsten an sich sehr wohl verständlich“. Diese (evangelische) Theologie, ja die ganze Kirche, steht und fällt mit dem Dogma vom Evangelium als gesprochenes Wort Gottes, noch eingrenzender: „Das Wort Gottes ist darum Evangelium, gutes Wort, weil es Gottes gutes Tun ist, das in ihm zur Aussprache und Ansprache wird.“

Gott wird mit menschlichem Maß gemessen, an unserem Begriff von Gut und Böse. Mensch schreibt Gott das „Gut“ zu. Ist das eine Kategorie für Gott? Denkt Gott in Gut und Böse, oder ist es nur der Mensch, der gut und böse ist und auf Gott projiziert, dass auch er gut und böse ist? Gut und Böse sind so oder so Kategorien, die nicht absolut fassbar sind. Wie nicht absolut fassbare Kategorien, deren Inhalt sich in Jahrtausenden vielfach geändert hat, zum Maßstab für Gott setzen? Oder meint man darunter ein ganz bestimmtes Gut und Böse, ein dem „abendländischen“ Kulturverständnis geschuldetes? Gibt es das überhaupt? Ist Gott ein aufrechter Europäer oder Deutscher oder Schweizer? Das wäre uns wohl das Liebste. Schon die Idee, dass Gott ein auf menschliches Maß reduziertes Wort, Denken und Tun hat, ist eine Reduktion Gottes auf menschliches Maß, eine menschliche Anmaßung sondergleichen.

Theologie setzt sich über Gott. Theologie spielt Gott. Sie maßt sich an für Gott zu sprechen, verschanzt hinter einer Pseudowissenschaft, die ihre Dogmen, ihre Existenz an sich, rechtfertigen will. Wie kann sich ein Mensch, eine Kirche, ein Theologe, anmaßen, für Gott zu sprechen, der sich unserer Phantasie und schon gar jeder Wissenschaft entzieht? Es wird zwar eingeschränkt „dem Stand der Erkenntnisse“ entsprechend, aber welche wissenschaftliche Erkenntnis kann es von Gott geben? Gottes Geheimnis entzieht sich jeder menschlichen Wissenschaft und jeglichem menschlichen Verstand. Bescheidenheit steht bei Kirchen und ihrer Theologie nur auf dem Papier, es ist vielmehr eigene Überhöhung, Rechtfertigung der eigenen Existenz.

Lieber Luther, entgegen jeder Wissenschaft, entgegen jeder Vernunft, besteht die christliche Theologie darauf, dass die Schriften, die wir als Bibel kennen, das gesprochene eindeutige Wort Gottes ist. Da erübrigt sich jedes Wort. Aus Macht- und Existenzerhaltungsgründen kann sie gar nicht anders. Eine Kirche, eine Theologie, die ein Sammelsurium von Schriftstücken zum Gott macht, die ihre Existenz und ihr gesamtes Fundament darauf gründet, hat sich selbst in ein dogmatisches schwarzes Loch katapultiert, in dem sie irgendwann verschwinden wird. Jedenfalls wird klar, wieso dieses Dogma mit Zähnen und Klauen verteidigt wird.

Es wird mir dabei auch erschreckend klar, wieso Pastoren, die in dieser Denke ausgebildet wurden, sprachlos sind, nichts zu sagen haben, für nichts einstehen, für nichts jedenfalls, was die Schrift betrifft, die sie rechtfertigen sollen. Als Zeugen 2.Klasse, nach den Autoren der Schrift – den behaupteten „Zeugen“, die sie faktisch nicht waren - sind sie schon per Dogma als ein Zeuge Gottes kastriert. Schon per Lehre kann Gottes Wort nicht an sie ergehen. Gottes Wort ist mit seiner Selbstäußerung in den Schriften der zur Heiligen Schrift kanonisierten Bibel per Dogma verstummt. Wen wundert da die Verirrung der Pastoren, die Predigten, die oft jenseits jeder Schrift sind?

Die (evangelische) Kirche benimmt sich mit der Selbstfesselung in ihren Dogmen die Chance, die Schriften der Schrift als das zu sehen, was sie sind und zu leisten vermögen: Sie geben Zeugnis von Menschen und ihrer Begegnung mit Gott über Jahrtausende. Im Echo dieser Erfahrungen bekommen wir eine Ahnung von Gott, wächst unsere Sehnsucht, diesen Gott in seinem Tun jeden Tag zu erfahren, mit ihm in Kontakt zu treten. Insofern sind diese Zeugnisse von unschätzbarem Wert für uns, weil sie uns auf die Spur Gottes bringen. Die Kirchen und Theologen, welcher Couleur auch immer, braucht es dazu nicht.

Herzliche Grüße
Deborrah

Keine leichte Kost:
Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie; 8.Aufl.; Zürich 2013
Karl Barth: Dogmatik im Grundriß; 11. Aufl.;  Zürich 2013

Freitag, 30. Oktober 2015

Luthers Bibelverständnis - Kirchenpolitik als Hidden Agenda

Lieber Luther,

ich habe mich ja schon in meinem letzten Brief mit der Frage auseinandergesetzt, ob die Bibel das offenbarte Wort Gottes ist und dies negativ beantwortet. Trotzdem hat es mich beschäftigt, wie all die Missverständnisse zustande gekommen sind, wieso man ein so verdrehtes Bibelverständnis überhaupt haben kann und wieso Menschen im 21.Jahrhundert noch behaupten und lehren, die Bibel sei Gottes Wort, stellvertretend durch den Heiligen Geist in „die“ Bibel geschrieben. Es gibt die Schreiber der Texte, den Text an sich, die Leser oder Hörer, aber auch die Lehrer, die ihre Schäfchen lehren, wie man Gott und die Bibel insbesondere zu lesen und zu verstehen hat. Das Übel beginnt an der Wurzel. Darin liegt die Krux und damit will ich mich heute beschäftigen.

Es hilft zu verstehen, wie wir etwas verstehen und wieso wir verstehen, was wir verstehen. Um das zu verstehen, muss man sich mit Hermeneutik beschäftigen. Vorüberlegungen habe ich dazu schon angestellt. Die Frage stellt sich also, was das evangelisch-lutherische Grundverständnis der Bibel – in dem ich sozialisiert bin – ist, vor welchem Hintergrund es hermeneutisch zu verstehen ist und was die Schlussfolgerungen daraus sind.

Schon öfters habe ich davon berichtet, dass sich die Lutherübersetzung der Bibeltexte auf die äußeren Aspekte bezieht, wenn man dagegen die Elberfelder Übersetzung zur Hand nimmt, die inneren Aspekte des Textes zum Vorschein kommen. Anschaulich gemacht sei es am Beispiel von Psalm 34,3, Psalm 62,9 oder Psalm 127,3, am Beispiel der Geschichte vom Fischzug auf dem See Genezareth oder an vielen vergleichbaren Beispielen. Bisher habe ich die Unterschiede im praktischen Lesen der Bibel nur bemerkt, theoretisch verstanden habe ich sie aber erst jetzt.

Diese Unterschiede sind schon im lutherischen Grundverständnis angelegt. Zwei Dogmen schlagen Pflöcke ein, die bis heute Pfähle in den (evangelischen) Augen derer sind, die auf die Schrift blicken, und für die tieferen Aspekte der Texte und deren spirituelle Erfassung blind machen: Das eine Dogma „sola scriptura“ besagt, dass die Schrift klar und eindeutig ist und sich selbst auslegt. Das zweite Dogma besagt, dass die Schrift das wahre Wort Gottes beinhaltet, quasi vom Heiligen Geist selbst geschrieben worden ist.

Das „sola scriptura“ geht von der – wissenschaftlich und der Realität widerlegten – Annahme aus, dass die Heilige Schrift prinzipiell in den dort verwendeten Wörtern, im Literalsinn, universal auf Christus hin klar und verständlich lesbar sei, ebenso wie im moralischen Sinn. Voraussetzung, um die Texte überhaupt zu verstehen, sei jedoch – mit Augustinus –, dass man ein (christlich) gläubiger Mensch sei. Dem Judentum wird damit implizit abgesprochen, dass es die Texte, die durch seine religiöse Tradition erst übermittelt, verschriftlicht und bekannt sind, überhaupt „richtig“ versteht, weil es Jesus die Rolle nicht zuerkennt, die die Erfinder des Christentums, allen voran Paulus, ihm zuschreiben. Es geht um die Durchsetzung der christlichen Religion gegen das Judentum als Hidden Agenda.

Der gläubige Mensch begibt sich in diesem Verständnis in die Hand des Textes und dieser legt sich dann quasi – da vom Heiligen Geist in Eindeutigkeit und Klarheit geschrieben und geleitet – eindeutig aus, im Ergriffenwerden vom Text, eine hermeneutische Annahme, die auf Platon zurückgeht. Der gläubige Textausleger wird zu einem vom Heiligen Geist entmündigten Textausleger, zugespitzt gesagt, zu seiner Marionette. Die Trinität zwischen Vater, Sohn und Heiliger Geist wird als Tatsache unterstellt, obwohl dieses theologische Konstrukt nicht in der Bibel zu finden ist.

Die Schrift wird in dieser Sichtweise zur „Heiligen“ Schrift, von Gott selbst, über den Heiligen Geist, verfasst. Gottes Hand hat sie selbst geschrieben. Von dieser Annahme gingen auch schon die frühen Kirchenväter, wie Origines und Augustinus aus, wohl aber nicht die Verfasser der Texte selbst. Mehr als nur ein Schönheitsfehler. Die Schriften, mittlerweile wie selbstverständlich als „heilig“ bezeichnet, transportieren direkt die Botschaft Gottes an die Menschen zu deren moralischer Erneuerung. Die Buchstaben in diesen Texten werden als direktes Abbild Gottes gesehen, die einen einzigen, einfachen und festen Sinn haben.

Dass diese Annahmen nicht so einfach zu halten sind, haben schon damalige Gelehrte gesehen und deshalb weitere Hilfsgerüste geschaffen, um das ganze Gedankengebäude, mit der Schrift als theologisch kreierten alleinigen Fetisch im Mittelpunkt, nicht gleich zusammenstürzen zu lassen. Was, wenn der Interpret doch irrt, obwohl das von der Grundannahme her theoretisch nicht vorkommen kann? Die Realität hat schon damals diesem theoretischen Konstrukt nicht entsprochen. So ganz traute man den Bibellesern dann doch nicht über den Weg. Wie der – nicht gewollten – „Willkür“ in der Auslegung entgegenwirken? Mit neuen Annahmen und Konstrukten:

Philipp Melanchthon entwickelte die „Scopus“ Theorie, wonach „die“ Heilige Schrift einen einzigen, einfachen und festen Sinn habe, der sich im fortlaufenden Kontext der Aussage und mit den „Umständen der Angelegenheit“ ergebe. Die Vielfalt der Texte wird theoretisch-methodisch auf „die Hauptintention“ reduziert und unter die weitere Annahme gestellt, dass sich so ein einziger fester Sinn finden lasse. Es wird eine „Hauptintention“ suggeriert, völlig außer Acht lassend, dass es diese „Hauptintention“ bei der Vielzahl der Textschreiber über Jahrtausende schon theoretisch gar nicht geben kann, es sei denn – ja, es sei denn nicht die Schreiber haben die Texte geschrieben, sondern der Heilige Geist selbst.

Das Bindeglied zwischen Ausleger und Text seien, so Melanchthon, die sog. „locci communes“, allgemeingültige Lehren über die Hauptanliegen der Menschen, wie etwa Tugend, Sünde und Gnade. Damit ist inhaltlich und ethisch die Richtung schon festgezurrt: es geht um Tugend, Sünde und Gnade. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Diese Setzung führt zu einer weiteren Entmündigung des Lesers der Heiligen Schrift: Der Leser kann bei der Auffindung der „locci communes“ nicht etwa, wie bei jeder anderen Wissenschaft, auf sein ursprüngliches Wissen zurückgreifen, sondern muss sie sich von der – dogmatisch verordneten – „Autorität der Schrift“ diktieren lassen.

Doch nicht genug, der Schriftleser wird noch weiter an die Kandare genommen. Matthias Flacius Illycrius entwickelte, um ja keine anderen locci communes als die vom Autor identifizierten, aufkommen zu lassen, ein Wörterbuch der Heiligen Schrift. Dem reformatorischen Gedanken der Einheitlichkeit der Schrift und ihrer normativen Selbständigkeit wurde ein Lehrgebäude der Bibelexegese zur Seite gestellt. Die Stellung der Bibel wurde theoretisch-methodisch zu einem normativen Bollwerk ausgebaut, mit dogmatischen Vorgaben, wie sie und die moralische Botschaft dahinter zu verstehen sei. Das Luther-Lied, eine feste Burg ist unser Gott, kommt nicht von ungefähr. Luther verschanzt sich hinter den Buchstaben der Bibel wie in einer Wagenburg.

Die Texte der Bibel und ihre Schreiber derart zu erhöhen, sie quasi als gottgleiche zweite Schöpfer darzustellen, ihre Einheitlichkeit, Selbstverständlichkeit, Klarheit und Eindeutigkeit zu unterstellen, war ein Rückschritt in der bereits erreichten Ausdifferenzierung des Denkens und der hierfür erarbeiteten Methoden. Frühe Philosophen wie etwa Platon, Origines oder Augustinus, haben deutlich differenzierter gedacht, dem Textverständnis mehr Raum zur Entwicklung gegeben, und waren damit den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wesentlich näher, als der Rigorismus, die Engstirnigkeit und Begrenztheit des lutherischen Ansatzes der Bibelexegese. Aber gerade das Enge muss vor dem Weiten verteidigt werden, will es Bestand haben. Die Lutheraner haben deshalb selbst wiederum ein Methodengerüst aufgebaut, was sie bei der Konkurrenz jedoch, den Scholastikern, heftig abgelehnt haben. Es ist eben in der Beurteilung ein Unterschied, ob man etwas selbst tut oder die anderen.

Was hat Luther, der kein Dummkopf war, dazu gebracht, seine neue Kirche in einer Weise aufzustellen, an der sie heute noch krankt?

Die Hidden Agenda war: Kirchenpolitik. Augustinus hatte die Auslegungshoheit im Zweifelsfall dem Papst zugesprochen. Luther lehnte das Papsttum radikal ab. Also musste eine andere Lösung her, eben die dann postulierte Auslegung der Heiligen Schrift durch sich selbst. Anstelle des Papstes, wurde ein anderes menschliches Machwerk, die von Menschen zur Bibel zusammengestellten verschiedenen Schriften und deren Schreiber – unangemessen – überhöht.

Luther bekämpfte die Scholastiker, die eine – viel differenziertere – Methodik der vierfachen Auslegung der Bibel erarbeitet hatten, weil er das damalige kirchliche Lehramt und deren Macht ablehnte. Sein Gegenentwurf war die Volksbibel. Jeder sollte selbst die Bibel lesen können. Da er seine Kundschaft in der weitestgehend ungebildeten Masse sah, konnte ein auf philosophischen Feinheiten basierendes Auslegungsmodell – „willkürliche“ Auslegung lehnte er ab – nicht die Methodik seiner Wahl sein. Ein solches Szenarium wäre nicht mehr – von den kirchlichen Dogmatikern – zu beherrschen. Das gilt im Übrigen bis heute. Deshalb beschränkte er seine Lehre auf die aller äußerste Erkenntnisschicht – den Buchstaben der Heiligen Schrift -, unterfüttert mit einer entsprechenden restriktiven, die Auslegung begrenzenden Dogmatik.

Indem kurzerhand die Einheitlichkeit der Texte – trotz der historischen Vielfalt – proklamiert wurde, reduzierte sich – vordergründig – die Komplexität und die Möglichkeiten der Auslegung drastisch. Der interpretatorische Bewegungsspielraum des Bibellesers wurde streng reglementiert. Wer nicht spurt, den Bibeltext und deren Konsistenz auch nur in Frage stellt, im Rahmen der vorgegebenen Lehre versteht sich, bekommt als Etikett ungläubig und vom Heiligen Geist, dem Textschreiber, nicht geleitet. Eine ziemlich trübe Aussicht für alle Kritiker oder auch, wenn man es so sehen will, massive Einschüchterungsversuche der Abweichler. Auch das ein Gebaren, das sich bis heute in der evangelisch-lutherischen Kirche gehalten hat.

Jedoch, lieber Luther, für dich war eine Schlange eben auch keine Schlange, sondern ein Bild für den Satan, entgegen des Wortsinns. Die Theorie muss sich an der Praxis beweisen. Tut sie das nicht, taugt sie nicht zur Erklärung auch nur eines Teilausschnittes des irdischen Seins, nicht zu reden vom göttlichen Sein. Hat Jesus wirklich Tote aufgeweckt oder war das nicht doch bildlich gemeint?

Wieso in deiner Bibelübersetzung (siehe die Beispiele oben), die ich im Übrigen sehr schätze, der äußere Mensch im Vordergrund steht, wird verständlich vor dem Hintergrund der Lehre von deinem Primat des äußeren Wortes. Das verstehe ich nun auch theoretisch. Jedoch sind die Widersprüche, auch im Buchstabensinn, mittlerweile von Legionen – auch theologisch geschulter – Wissenschaftlern mit modernsten Methoden untersucht und deshalb höchst in Frage gestellt.

Vor dem Hintergrund gewinnt auch die Hidden Agenda der evangelisch-lutherischen Kirche deutlichere Konturen: Wenn man die nicht mehr haltbaren Basisannahmen zur öffentlichen Debatte stellt, bleibt nicht mehr viel übrig. Wenn man das theoretische Fundament weghaut, die Annahme der Gottgegebenheit „der“ Schrift und deren Selbstinterpretation, fällt das kirchliche Gebäude in sich zusammen und die Autoritätslücke im Lehrgebäude der evangelischen Theologie tritt zutage. Wenn nicht durch die Schrift, wie äußerst sich Gott dann? Es bleibt spannend.

Mit wahrlich reformatorischen Grüßen, lieber Luther, am Vorabend des Reformationstages 2015,

Herzliche Grüße
Deborrah


Montag, 26. Oktober 2015

Bibel - das offenbarte Wort Gottes?

Lieber Luther,

ist das Neue Testament gefährlich, frauenfeindlich, antisemitisch und homophob? So einfach ist die Frage nicht zu beantworten, deshalb muss ich nochmals an meinen letzten Brief anknüpfen. Jeder Text, so auch die biblischen Texte, haben Verfasser, die mit dem Text etwas bewirken wollen. Sie sind in einer bestimmten Zeit und Kultur, mit individuellem Bildungshintergrund des Verfassers, entstanden. Das beeinflusst was und wie sie schreiben. Davon habe ich dir schon geschrieben. Bei der Bibel, Altem und Neuen Testament, handelt es sich um eine Vielzahl solcher Texte, zusammengefasst in „der“ Schrift. Beinhaltet die Schrift das offenbarte Wort Gottes? Damit möchte ich mich heute auseinandersetzen.

Die Bibel ist ein Konglomerat aus Schriftstücken, die über viele Jahrhunderte hinweg produziert worden sind. Die Bibel ist zur Bibel geworden, indem diese verschiedenen Schriftstücke wiederum über Jahrhunderte hinweg letzten Endes kanonisiert und in ein Buch zusammengefasst wurden. Das macht sie an sich noch nicht zu etwas Besonderem. Den Homer‘schen Göttergeschichten ist es ähnlich ergangen oder Grimms Märchen.

Die Bibel wurde erst zur Bibel, indem das, was in ihr steht, durch kirchliche Zuschreibung zum Wort Gottes gemacht wurde. Gott wird zum eigentlichen Autor der Bibel erklärt. Ihr wird dadurch ein Alleinstellungsmerkmal zuerkannt, hinter dem man Gott als unanfechtbare Autorität vermutet. In Wirklichkeit sind es aber kirchliche Amtsinhaber, die diese Texte als Gotteswort postulieren und damit ihre Autorität gleich mit unantastbar machen wollen. Aus vielen Schriften wurde „die“ Schrift, garniert mit „heilig“, was half, die Autorität dieser Schriften zu unterstreichen. In der Bibel ist in keinem Text von „heiliger“ Schrift zu lesen, nur von „Schrift“, womit immer ein ganz bestimmter Text gemeint ist. Von Kirchenpolitik im Sinne von Machtsicherung ist diese angeblich heilige Zuschreibung nicht zu trennen, genauso wenig die Behauptung, dass der Vorgang der Kanonisierung göttlich inspiriert sei.

An die Stelle der traditionellen prophetischen Auslegung des göttlichen Willens im Judentum tritt in christlicher Uminterpretation die Schrift als kodifizierter Wille Gottes. Aus durch Prophetenmund gesprochenem Wort wird eine kodifizierte Buchstabenfolge, über deren Auslegung und Stellenwert bis heute gestritten wird, trotz aller dogmatischer Setzungen, dass sich „die“ Schrift als in sich konsistent selbst auslege.

Um bei der Auslegung der Schrift das Feld nicht Hinz&Kunz zu überlassen, wurde in der frühen Kirche die Auslegungshoheit dem Papst zuerkannt. Luther tat sein Scherflein dazu, um den Wortsinn der jüdischen Texte des Alten Testamentes christologisch umzuinterpretieren. Einzelne Bibeltexte werden ins Feld geführt und mit der ihnen zugesprochenen Autorität der (Schein)Beweis geführt, dass die kirchliche Lehre in ihren dogmatischen Aussagen mit „der“ Schrift und damit dem Wort Gottes übereinstimmt. Dass es „die“ Schrift niemals gegeben hat, fällt unter den Tisch. Der Gesamtzusammenhang und historische Kontext der völlig verschiedenen Texte, die Intention der Schreiber, der Tenor der Glaubenserfahrungen wird der Rechtfertigung der kirchlichen Dogmen geopfert. Theologisch angeleitete Bibelexegese, universal behauptete Verbalinspiration direkt von Gott, stellvertretend für den Rest der Menschheit empfangen.

Ist das von Gott gewollt, dass ich meine Beziehung zu Gott von der herrschenden Lehre bestimmen lasse oder ist es von ihm gewollt, dass ich diese durchschaue? Wieso sollte die kirchliche Position richtig und meine falsch sein? Mit welchem Recht setzt die Kirche mich vor Gott ins Unrecht und sich ins Recht? Kirchenrecht ist nicht Gottes Recht.

Die Bibeltexte insbesondere des Neuen Testaments wurden prägend für das christliche Ethos, für die abendländische Kultur mit ihren Vorstellungen von Gütern, Pflichten und Tugenden. Die Auseinandersetzung zwischen rechter Lehre und Irrlehre vollzieht sich im dogmatisch geleiteten Irrlichtern zwischen der Lehre von der Bibel als Wort Gottes und den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, in deren Spiegel diese Position ad absurdum geführt ist.

Wenn ich mein Bibel- und Christenbild, das mir in Jahrzehnten eingetrichtert wurde, so in Trümmern liegen sehe, frage ich mich, was das in der Konsequenz für mich, meinen Glauben, mein Verständnis der Bibel heißt. Eigentlich ist das einfach: Die Schrift, besser die Schriften, als das nehmen, was sie sind: Als Texte, die von Menschen für Menschen geschrieben wurden, um ihre Glaubenserfahrungen zu bezeugen und Zeugnis abzulegen von dem EINEN Gott. Die Autoren haben ihr jeweiliges Verständnis aufgeschrieben, um die Nachwelt zum Glauben an diesen Gott zu bringen, vor dem Hintergrund ihrer sozialen, kulturellen und politischen Lebenswelt. Es sind Zeugnisse dessen, wie Gott im Leben, in vielen unterschiedlichen Leben, über Jahrtausende, zu erfahren ist. Sie berichten von dem was bleibt, wenn der Mensch, der in seiner Lebenswelt verhaftet ist, geht. Ohne diese Zeugnisse weiß Mensch das nicht, hat nicht das Wissen oder die Erfahrung von diesem Gott, keine Chance sich bei diesem Gott zu bergen.

Zum Verständnis der Schriften braucht man Religion und Kirchen nicht, im Gegenteil, sie behindern und hemmen einen im Glauben, nehmen die eigene Offenheit den Texten, der schon einmal erlebten Glaubenserfahrung gegenüber und begrenzen einen auf die dogmatische Brille, verführen einen, unreflektiert nachzuplappern und die Dogmen nicht zu hinterfragen. Nur, dass man in dem Fall nicht Gott und Jesus folgt, sondern den Kirchenoberen. Es ist wie bei dem Rattenfänger von Hameln. Die Hidden Agenda wird nicht offengelegt, sondern einem von Kanzel, Ritus und Liturgie untergejubelt. Man wird, um es direkt auszudrücken, manipuliert. Man hinterfragt nicht mehr oder nicht mehr viel, da als Wahrheit von Kindesbeinen an vermittelt wird, was nichts als subjektive Setzungen, als dogmengetriebene Auslegungen der Schrift durch die Institution Kirche sind. Wenn man diese Brille absetzt, ist es wie eine Befreiung von einem Korsett, dann versteht man, was es heißt, wenn Jesus sagt: Mein Joch ist leicht. Die eigentliche Herausforderung beim Lesen der Schriften ist, die eigenen Scheuklappen, die einem aufgesetzt wurden, die Seh-, Denk-, Lese- und Handlungsverbote, zu überwinden.

Der Mensch vermag noch nicht einmal „das“ wahre Wort unter allen Menschen zu erkennen, schon gar nicht „das“ wahre Wort Gottes. Auch kein Verschriftlichtes. Jede Wahrheit auf Erden ist menschlich eingeschränkt und hält nur solange, bis jemand diese Wahrheit durch eine andere vermeintliche Wahrheit ersetzt und andere davon überzeugen kann. Unsere Wahrheiten sind zeitlich und sozial begrenzt und sind keine objektiven Wahrheiten, das heißt Wahrheiten, die alle Zeit, alle Kulturen, alle Menschen, alles Sein überdauern. Reine Wahrheit ist allein bei Gott und wir werden sie eines Tages erfahren. Menschen zu Göttern zu machen, ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk. Wenn sich Menschen anmaßen, für Gott für andere Menschen zu entscheiden, erheben sie sich über Gott. Wenn sie aus Jesus etwas machen, was er selbst nie so gesehen hat, dann erheben sie sich über Gott. Wenn sie aus der Schrift das in Text gemeißelte Wort Gottes machen, erheben sie sich über Gott. Gott und sein Wort steht den Menschen nicht zur Disposition und nicht in ihrer Definitionshoheit.

Hat man sich erst einmal vom Kirchen-, Dogmen-, Religionsjoch befreit, ist man frei für seine Beziehung zu Gott. Uneingeschränkt kann man die Bibel- und andere Texte lesen und verstehen, was im eigenen Lebenskontext und –zusammenhang zu verstehen an der Reihe ist. Es gibt darin kein objektives Richtig und Falsch. Alles Lesen ist subjektiv und vom jeweiligen subjektiven Augenblick geprägt. In den Texten, die von Gott zeugen, scheint die Vieldimensionalität Gottes in unser eindimensionales Menschschein. Wie oft man die Bibeltexte auch liest, jedes Mal liest man sie anders, weil sich im Menschsein kein Augenblick wiederholt. Gott erschließt sich im Gesamtkontext dieser Texte im Lichte des eigenen Lebenskontexts, in der eigenen Glaubenserfahrung vor dem Hintergrund der Gesamtglaubenserfahrung. Das Zutrauen, Gott selbst in der Bibel zu erfahren, im Gesamtkontext ihn selbst zu finden, ist uns in zwei Jahrtausenden von den Kirchen genommen worden. Die Definitionsmachtanmaßung der Kirchen hat zur Entmündigung der Gläubigen geführt, aus der sie sich wieder Stück für Stück entwinden müssen. Das braucht seine Zeit. Die Entwicklung ist in vollem Gang.

Nun lieber Luther, beinhalten die Bibeltexte nun „das“ offenbarte Wort Gottes, das Gott den Schreibern in die Feder diktiert hat? Nein, „das“ Wort Gottes kennt nur Gott. Wir hören nur das Echo, das es in uns auslöst. Wenn es Stellen in der Bibel gibt, die gefährlich, frauenfeindlich, brutal, homophob sind, dann zeugen sie vom Verfasser, nicht von Gott. Aber nicht nur, auch vom Leser, der dies so wahrnimmt. Davon nächstes Mal mehr.

Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 15. Februar 2015

Pfarrer Latzel - Eine Mutmachgeschichte

Lieber Luther,
eigentlich dachte ich, ich würde heute mal wieder Zeit finden, über Grundlagen zu schreiben, da ich über den Predigttext von heute schon vor 2 Jahren geschrieben habe, über dasRosinenpicken. Das Thema ist aktueller denn je. Wieso? Obwohl mich die innerkirchlichen Streitigkeiten über Nichtigkeiten eher anöden und ich damit keine Zeit verschwende, bin ich über einen neuen Twitter-Follower über den Streit um den Bremer Pfarrer Olaf Latzel gestolpert. Zufall?
Also habe ich mich informiert. Gelesen, was so über ihn geschrieben wird, wie seine Kirche über ihn herfällt. Aber – vor allem – ich habe mir seine Predigt selbst angehört, Wort für Wort, auch die, über das Gleichnis vom Sämann. Und ich habe mir verwundert die Augen gerieben: Was geschieht hier? Es predigt hier einer, was in der Bibel steht und – anstatt dass sich seine Kirche vor ihn stellt – schlachtet sie ihn mit ab. Ja, sie schlachtet ihn, sie steht ihm nicht bei, sagt nicht, was dieser Mann predigt, ist was in der Bibel steht. Er ist nicht das erste Beispiel:Evangelische Kirche, quo vadis?
Ich gehe davon aus, dass die Mehrzahl derer, die über ihn her schmieren, die Predigt nicht gehört haben, sonst könnten sie keinen solchen Unsinn schreiben. Da ist von Hassprediger die Rede, von Volksverhetzung usw, es ist übelste Verleumdung am Werk. Herr Latzel hat in seiner Predigt ausdrücklich und nachdrücklich hervorgehoben, dass es die Pflicht eines Christenmenschen ist, seinen Nächsten zu lieben, ihm beizustehen, sich um ihn zu kümmern, egal welcher Religion er angehört. Wo ist da die Hasspredigt, die Hassbotschaft, die er angeblich verkündet?
Ist es Hassbotschaft, wenn er sagt, es gibt nur den EINEN Gott, es gibt den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, Jesus, den Christus, so wie es in der Bibel steht? Was, wenn nicht das, soll ein evangelischer Pfarrer predigen? Folgt Jesus nach, hört das Wort, versucht es selbst mit dem Lesen der Bibel, macht euch euer eigenes Bild. Was kann ein evangelischer Pfarrer, für den sein Beruf Berufung und nicht Job ist, wie für die meisten dieser Zunft, anderes predigen?
Worüber kann man sich da empören?
Dass er sagt, wenn ich einen Knochen, das Grabestuch, eine Monstranz oder sonst eine Relique, Amulette, Wuduanhänger, Talismänner und was es sonst noch so gibt, anbete, ist das Götzendienst? Wenn ich zu Maria bete, anstatt zu Christus? Wo in der Bibel steht bitte, dass zu Maria zu beten ist? Jesus würde sicher nicht auf die Idee gekommen sein, das zu lehren. Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Das sind alles Hilfskonstrukte, wenn man streng ist, Götzendienst oder kirchlicher Machterhaltungsdienst, wenngleich ich das nicht so streng sehe. Alles, was hilft, auf Gottes Weg zu kommen, taugt, auch wenn es zunächst wie Fetisch aussieht. Manchmal braucht der Mensch etwas, um sich festzuhalten, damit er weiter gehen kann. Wieso das aber nicht Christus direkt ist, ist die Frage, der man sich stellen muss. Da sind sie wieder, die grundlegend unterschiedlichen Glaubensauffassungen zwischen katholischer und evangelischer Kirche. In Wahrheit ist es aber nicht der Glaube, der differiert, es ist die unterschiedliche Lehre.
Lieber Luther, auf dich bezieht sich die evangelisch-lutherische Kirche, aber sie erschrickt, wenn man heute ausspricht, was der Grund war, wieso es letztendlich zur Abspaltung von der katholischen Kirche kam. Sie erschrickt, wenn man ausspricht, dass sich seither nichts geändert hat. Sie erschrickt, wenn man zu ihren Grundpfeilern steht. Sie erschrickt, wenn man ausspricht, was du vor über 500 Jahren ausgesprochen hast, unter noch sehr viel mehr persönlichem Risiko als das, das heute Pfarrer Latzel eingeht, oder noch vorher Jesus. Wie falsch und heuchlerisch ist diese Kirche und ihre Vertreter und Vertreterinnen! Vertreten sie überhaupt etwas, was in der Schrift steht, oder sind sie nur verständnislos, blind, taub oder Bibel unbelesen? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem zusammen.
Worüber kann man sich empören?
Dass Pfarrer Latzel sagt, wenn ihr Jesus neben eure Buddhas stellt oder in die Reihe der Hindu-Götter einreiht, seid ihr keine wahren Christen?
Dass er sagt, man muss für den EINEN Gott einstehen, auch wenn man dafür gesteinigt wird, sozial ausgegrenzt, als Hassprediger hingestellt wird?
Zu hart? Nein, das passiert gerade mit ihm, ein Kesseltreiben, das frappierend an die Kesseltreiben der Herrschenden und des Pöbels erinnert, denen fast alle Prediger, die es gewagt haben, das Scheinmäntelchen zu lüften, ausgesetzt waren. In der Bibel sind sie mannigfach dokumentiert, bei Jesus hat es zum Tod geführt, manche sind auf dem Scheiterhaufen gelandet. Heute hetzt einen die Internetmeute zu Tode.
Wer sind hier eigentlich die Hassprediger? Herr Latzel mit absoluter Sicherheit nicht. Es sind alle Schreiberlinge, denen es nicht um den Glauben geht, von denen die meisten keine Ahnung haben, von was Herr Latzel überhaupt spricht, die seine Predigt absichtlich verdrehen, so, dass es in ihre Argumentationskette passt, die ihrer eigenen Profitmaximierungslogik folgt. Es geht um Auflage, um Sensationsmache, um Aufmerksamkeit im Internetkampf um die Klicks und die Werbekohle. That's it. Das Bekenntnis zum EINEN Gott ist all diesen Menschen völlig Humpe. Es geht nicht darum, was Pfarrer Ltzel gesagt hat, sondern wie sie das für ihre Zwecke ausschlachten können.
Es geht um Politik, auch um Kirchenpolitik. Um was es am wenigsten geht, ist das, um was es Herrn Latzel geht: um die Verkündigung des Wortes, um die Nachfolge Jesu, für die er kämpft und sich – hoffentlich – nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Seiner Kirche wäre das am liebsten. Ihre Vertreter sind es nicht gewöhnt, für Jesus, die Schrift und das Wort in die Bresche zu springen, das Gesicht und die ganze Person für das in den Wind zu halten, für das sie ihre monatliche Kohle bekommen, so wie das Herr Latzel tut. Kirchenbeamtentum hat nicht nötig für das einzustehen, was auf dem Werbebanner steht. Sie drehen sich, wie die Wetterfahne im Wind, springen mehr den diversen Erwartungshaltungen und Talkshow-Wetterlagen hinterher: Nur nicht anecken. Und wenn wir Jesus, das Wort und die Schrift dabei verlieren – macht nichts, wir können sowieso nicht viel damit anfangen, genauso wenig wie mit dem Lutherjubiläum, alles schwer zu vermitteln heutzutage. Bauen wir doch unser eigenes wetterwendiges weichgespültes Gottesgerüst, wer weiß es schon besser? Das ist Abgötterei! Herr Latzel hat völlig recht.
War Jesus political correct als er über die Pharisäer herzog und das Unwesen, das sich eingeschlichen hatte wie der Dieb bei Nacht, war er angepasst? War Gideon political correct als er nachts die Götzentempel niederriss? Er erscheint in der Bibel, weil er in der Nachfolge konsequent war, beispielhaft, lehrhaft, trotz der vorherzusehenden persönlichen Nachteile. Wäre Jesus je gehört worden, wenn er diplomatisch und political correct gepredigt hätte? Die evangelische Kirche steht nicht zu Jesus, nicht zu Gott – Herr Latzel hat auch hier recht: Wer wagt von diesen Kirchenvertretern in einer Talk Show noch das Wort Jesus in den Mund zu nehmen? Sie folgen dem politischen Mainstream, den sozialen Erwartungen, dem sozialen Druck, aber nicht dem Wort und nicht Jesus.
Lieber Luther, den Medienvertretern und -tätern kann man das noch nachsehen, sie wissen es nicht besser und wenn es arglistig ist, was sie tun, wird auch das kurze Beine haben. Da bin ich voll Vertrauen. An die Kirchenvertreter muss man einen strengeren Maßstab anlegen. Wie scheinheilig bereiten sie, lieber Luther, dein Jubliäum vor, reden von Lutherdekade: Sie haben auch nach 500 Jahren noch nicht begriffen, um was es dir eigentlich ging, wieso sie eigentlich evangelisch und nicht katholisch oder buddhistisch oder hinduistisch oder jüdisch oder Moslime sind. Sie schämen sich deiner und wollen nicht für das einstehen, für das du gekämpft hast. Sie haben nicht kapiert, dass du dich auf das Wort zurückgezogen hast, dass für dich nur das Wort gegolten hat, ohne Rücksicht auf Politik oder Political Correctness, scheuen sich aber nicht, "Am Anfang war das Wort" auf ihre Lutherdekadenfeierfähnchen zu schreiben. Für dich hat nur das Wort gezählt und dafür bist du mit allen Konsequenzen eingestanden. Deshalb bist du für viele, die jetzt dein Jubiläum zelebrieren sollen, eher peinlich. So wie Pfarrer Latzel. Sie merken nicht, dass die eigentlich Peinlichen eigentlich sie selbst sind. Sie, die Gott im Mund führen, Jesus am liebsten verschweigen und für nichts eintreten, am wenigsten für das Wort, so wie es in der Bibel steht. Diese Kirche mit solchen Vertretern ist dem Untergang geweiht und das mit Recht. Sie ist nur noch ein leeres Gebäude, ein lahmer Kleppergaul, dem jegliche inhaltliche Substanz fehlt und auch jedes Zutrauen zum eigenen Glauben.
Lieber Luther, Gott ist mit denen, die für sein Wort einstehen. So wie Pfarrer Latzel. Es gibt nur wenige von der Sorte, aber dass er Schlagzeilen macht, ist – so paradox es klingt und wie persönlich schwer es für ihn sein mag - ein Hoffnungsschimmer. Denn, lieber Luther, er hat geschafft, was der ganzen Kirchenprominenz – abgesehen vom Götzen-Dienst an der eigenen Eitelkeit – nicht gelungen ist: Er hat geschafft, dass über den evangelischen Glauben in der Öffentlichkeit diskutiert wird, dass er plötzlich wieder ein Thema ist. Es bleibt zu hoffen, dass es eine Glaubensdiskussion wird, eine Diskussion, ein Ringen um das Wort, kein Religionskrieg, den die Schreiberlinge schon ausgerufen haben. Es sind die schreibenden Täter, die Pfarrer Latzels Predigt zu einer Hasspredigt machen, sie sind die Hassprediger, die Sturm säen. Die Intention und das, was wirklich von Pfarrer Latzel gesagt wurde, hat mit dem, was jetzt daraus gemacht wird, rein nichts zu tun. Die Predigten von Pfarrer Latzel hätte auch ich halten können. Es geht nicht um Kirche, es geht nicht um Politik, es geht schon gar nicht um Hasspredigten, es geht um Gottes Wort allein! Pfarrer wie Olaf Latzel ermutigen mich, weil ich plötzlich weiß, ich stehe nicht allein, wo mich – und nicht nur mich - die evangelische Kirche seit Jahrzehnten, alleine lässt. Ohne Pfarrer Latzel hätte ich das bis jetzt nicht gewusst. Für mich ist er eine Mutmachgeschichte! Endlich mal ein Pfarrer der Farbe bekennt! Endlich ein Pfarrer der die Bibel im Zusammenhang versteht! Es höre sich jeder, bevor er anfängt zu hetzen, seine Predigten Wort für Wort an, sie sind auf Youtube zugänglich:
Herzliche Grüße
Deborrah

Montag, 12. Januar 2015

Wort - Erfahrungen

Lieber Luther,
 Geschafft! Ich habe tatsächlich in einem Jahr die gesamte Bibel gelesen, das Neue Testament zweimal, Wort für Wort, mit zwei Tagen Verzug. Schon vor zwei Tagen hat mich das mit großer Euphorie erfüllt, wie zwei Schritte bis Weihnachten.
 Gelesen habe ich nach einem festen Bibelleseplan, mit einer Bibel App, das macht einen örtlich unabhängig. Ich habe nach dem Leseplan von Robert Roberts gelesen, im Durchschnitt jeden Tag vier Bibelkapitel aus dem Alten und Neuen Testament.
 Für den Leseplan bin ich voller Bewunderung. Unglaublich, wie sich die einzelnen Tageskapitel aus verschiedenen Bibelbüchern thematisch zusammengefügt haben, mit dem absoluten Highlight am Ende, den 10 prophetischen Büchern des Alten Testamentes, Hiob und der Offenbarung. Es ist wie der krönende Abschluss, die Zusammenfassung und die Gesamtsicht. Man kann nochmals anhand dieser Bücher nachprüfen, ob – was da steht – mit dem übereinstimmt, was man selbst verstanden hat. Und manches versteht man auch erst ganz am Ende, wenn es einem dann wie Schuppen von den Augen fällt.
 Wer die Bibel im Zusammenhang liest, anstatt verschenweise, ausschneidend und verkürzend, zensierend, dem erschließt sich der Kontext und Zusammenhang in anderer Weise. Es eröffnen sich ganz andere Horizonte, die sich in einer Inselsicht nicht weiten können.
 Die Bibelsprache ist eine Sprache in Bildern, wer die Bilder nicht versteht, versteht den Inhalt nicht. Je weiter man fortschreitet, desto mehr versteht man die Querverweise und die gemeinsame und abweichende Bildsprache und – natürlich – den gemeinsamen Inhalt, die Botschaft hinter dem Bild. Man kommt auch kuriosen Fehlinterpretationen auf die Spur, wie mir zuletzt bei der Offenbarung klar wurde. Haben diejenigen, die von dem Weib, das mit der Sonne bekleidet ist und einen Sohn gebiert, predigen, wirklich den Zusammenhang verstanden? Wenn sie auf Maria verweisen, was üblicherweise geschieht, sicher nicht. Dazu schreibe ich dir sicher noch einmal.
 Klar wird einem dabei auch, dass man, sofern man sich nicht aus eigener Anschauung ein Bild macht, immer auf die Interpretation der anderen angewiesen ist und hier liegt die Wurzel vielen Übels begraben. Ich bin mir nicht sicher, ob jeder Pfarrer oder Priester die Bibel wirklich mindestens einmal von vorne bis hinten im Zusammenhang gelesen hat. Ich würde das erwarten, habe aber meine Zweifel. Dann könnten sie keinen solchen Unsinn verzapfen, den sie teilweise verzapfen. Sie sind oft selbst wie Blinde, die im Nebel stochern. Aber auch das ist nichts wirklich Neues. Sowohl im Ersten wie im Zweiten Testament wird dies häufig angeprangert, Jesus ist ein prominenter Vertreter davon. Geändert hat sich daran nichts, wieso auch? Mensch hat sich nicht geändert. Deshalb hat die Schrift ihre universale Gültigkeit behalten. Nichts ist veraltet.
 Die Personen, Bilder und Symbole sind Container für die Botschaft, sie stehen nicht für sich als Person oder Ereignis, sondern als Träger der Botschaft. Für die Bibelschreiber war das noch klar. Der heutige im Eigenverständnis höchst gebildete  Bibelleser oder auch –ausleger schreit, das könne alles nicht sein, Historie und Wissenschaft sprächen dagegen. Wie kann ein Elia oder Jesus in einer Wolke gen Himmel fahren? Was, wenn Jesus nicht in Bethlehem geboren wurde? Von keiner fleischlichen Jungfrau? Gebildet ungebildet, verbildet, falsche Götterbilder. Ein damaliger Bibelschreiber würde über so viel Analphabetismus nur den Kopf schütteln. Nichts verstanden zwischen A und O, nur die Buchstaben gesehen, den Sinn des Satzes nicht verstanden.
 Deshalb ist es gut, dass die Bibelhistoriker Stück für Stück ans Tageslicht befördern, dass historisch in der Bibel recht wenig haltbar ist. Das gilt auch für Jesus. Das begrüße ich sehr. Das ist ein Fortschritt. Damit man endlich aufhört, die Personen als Personen zu sehen, den Kopf schüttelt über die Menschen im AT, sich über sie erhebt und doch die Unverständigkeit auf der eigenen Seite ist. Was, wenn die Ereignisse so gar nicht stattgefunden haben, real? Fällt dann der ganze Gottes- und Jesusglaube zusammen? Wenn Schaf nicht Schaf ist, und die Schafschur als landwirtschaftliches Ereignis nie stattgefunden hat?
 Gut, dass die Wissenschaft eifrig weiter forscht, um den Realfetischisten diesen Zahn langsam hoffentlich endgültig zu ziehen. Die Religionswissenschaft frisst ihre Religionskinder, die auf die eigene Propaganda hereingefallen sind. Gut so und heilsam für den Glauben, vielleicht, je nachdem, auch für die Kirche. Ihr Lieben, was macht ihr, wenn die Wissenschaft euer Realgebäude langsam ganz aushöhlt, dann habt ihr nur noch ein Skelett, das noch nicht einmal mehr zusammenhält. Über unbefleckte Empfängnis braucht man dann gar nicht mehr diskutieren, das erledigt sich konkludent. Darauf spekulieren, dass diese Realität wenigstens den Anhängern verborgen bleibt? Das wäre eine tödliche Strategie. Es besteht ein gewisser (Wissenschafts-)Druck, diese veränderten Realitäten langsam anzuerkennen, sich von der Vordergründigkeit in die Hintergründigkeit zu bewegen, von der Oberflächlichkeit weg in die Tiefe, sonst laufen wegen fehlender Glaubwürdigkeit auch noch die Letzten Anhänger weg. Auf deren Dummheit und Ungebildetheit würde ich lieber nicht spekulieren. Entweder Kirche begreift es oder auch dieses Thema erledigt sich irgendwann von selbst. Jedenfalls als Volkskirche.
 Die Gleichnisse von Jesu Lehren lassen sich nur vor dem Alten Testament und seiner Symbolsprache verstehen. Jesus war ein jüdischer Mensch, seine Botschaft fest im Alten Testament verankert. Wer sie aus diesem Zusammenhang herausreißt und durch eigene Lehren ersetzt, lehrt von Gott, es ist aber nicht Jesu Lehre, es ist eine eigene. Die christliche Lehre ist deshalb in weiten Teilen paulinisch, aber nicht jesuanisch. Jakobus und Petrus sind näher an der Lehre Jesu als Paulus.
 Die fehlende Verankerung der paulinischen Lehre in Jesu Lehre und im alttestamentarischen Wort verschärft das Lehrproblem der Kirchen. Deshalb greift man es lieber nicht auf. Es wäre eine große Herausforderung, da dies ein großes Fragezeichen hinter die gesamte Lehre der katholischen und evangelischen Kirchen setzen würde, mit Gefahr des Legitimationsverlustes inklusive. Der moderne Mensch lässt sich nicht mehr mit leeren Sprüchen abspeisen und für dumm verkaufen. Er ist nicht mehr so ungebildet wie die paulinischen oder auch – lieber Luther, du würdest mir sicher Recht geben, der lutherischen Zuhörer. Christ ist heutzutage emanzipiert von Kirche. Er traut sich, auch ohne Kirche zu glauben. Der kirchliche Alleinerklärungsanspruch wird von den Menschen nicht mehr einfach geschluckt. Die Menschen drehen sich einfach weg und gehen ihre eigenen Wege. Macht das einen Unterschied in ihrer Stellung zu Gott? Sicherlich nicht.
Deshalb, wieso sich nicht selbst um ein Verstehen bemühen. Direkt in der Bibel. Aus eigener Anschauung und eigenem Verstehen. Das Bibelbuch liest sich meistens spannend wie ein Krimi. Es geht mir heute noch so wie von Anfang an: Bibel lesen, sich Bibel erarbeiten, erfüllt mich voller Energie, füllt mich bis oben an, inspiriert mich, bewegt mich, wühlt mich auf, klärt mich, bringt mir Ruhe, Frieden und Kraft. Jeden Tag ein bisschen mehr Verstehen, jeden Tag mehr Einsicht, jeden Tag ein anderes Aha-Erlebnis. Wir sind ein Gefäß, in das das Wort einfließen kann und soll. Wir müssen nur das Gefäß öffnen. Ich kann jeden nur ermuntern, es einmal zu probieren. Ich wäre bei Vielem noch auf einem anderen Dampfer, hätte ich nicht das ganze Wort mit eigenen Augen und eigenem Verstand gelesen.
 Lieber Luther, ich habe die Bibel in deiner Übersetzung von 1912 gelesen, für mich immer noch das Beste, was es an Bibelübersetzung gibt. Das Einfühlsamste. In dieser Übersetzung ist die richtige Balance zwischen Wörtlichkeit und Sinnlichkeit getroffen. Bei dir kommt an erster Stelle der Sinn und da bist du, was das Verständnis anbelangt, nach wie vor unübertroffen. Und hin und wieder, wenn ich um den Sinn ringe, schaue ich auch in der Übersetzung von 1534 nach, da die dir noch ein Stück näher ist.
 Eigentlich wollte ich ja weiter über Weihnachten schreiben, na ja, morgen ist auch noch ein Tag!
 Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 20. Juli 2014

Schriftsprache

Lieber Luther,
für dich nichts Neues, aber für manch anderen: die Bibel spricht in Bildern und Gleichnissen, weil wie Jesus sagt, die Menschen es nicht anders begreifen. Durch die Bilder werden die Botschaften allgemein gültig, über Tausende von Jahren. Es geht nicht um das physische Geschehen, es ist nur das Behältnis für das Heilsgeschehen, das erklärt und bezeugt werden soll. Die Menschen, die die Botschaften in der Bibel aufgeschrieben haben, haben nur in Symbolen gedacht. Jeder Name, jede Zahl, jedes Bild war ein Symbol. Hinter jedem Symbol öffnet sich eine Bedeutungswelt, die mehr aussagt, als tausend Worte und Sätze aussagen könnten. Wäre die Welt hinter jedem Symbol beschrieben, die Bibel hätte ein Vielfaches an Umfang.
Das Wissen der Bedeutung und Symbolik des Wortes hinter dem Wort ist mit der Zeit verloren gegangen und damit auch die Botschaft an sich. Die Bilder des Ersten Testamentes werden heute kaum mehr verstanden. Die Bilder, die Jesus und auch die Apostel gebrauchen, sind die aber Bilder des Ersten Testamentes. Jesus erneuert nur die Botschaft, in Bildern, die auf die alten Bilder verweisen. So wird bei der Auslegung beider Testamente fleißig geraten und phantasiert, was sich aus der Schrift zweifelsfrei herleiten ließe.
Ein gutes Beispiel für die Symbolik in der Bibel ist die Geschichte von David und seiner Auseinandersetzung mit Nabal (heißt übersetzt "Narr"), ein "heilloser" Mann (1.Samuel 25, 1-13). Er war sehr reich, hatte viele Schafe und Ziegen. Er war persönlich böse, aber sein "Wesen" (=Gemeinwesen) war "zu Karmel" (übersetzt: ein Fruchtgarten Gottes), das heißt die Menschen, denen er vorstand, brachten Frucht auf Gottes Acker, sie waren "Hirten" und versuchten ihre Schafe zu schützen, denn Nadal "schor seine Schafe", beutete sie aus, bis sie nackt bis auf die Haut waren. David hörte davon und konnte nicht einfach zusehen. So schickte er Botschafter zu Nadal, um ihn aufzufordern, mit diesem gottlosen Treiben aufzuhören, denn "wir sind auf einen guten Tag gekommen", wir sind gekommen, damit alles gut werde. Gib deinen Knechten, fordert er, und deinem Sohn David, was deine Hand findet. Versuche das Gute aus dir herauszuholen. Nabal aber hört Davids Botschaft nicht, stattdessen sieht er nur, dass David seinem Dienstherrn Saul entflohen ist.
Nadal lässt David ausrichten: Sollte ich mein Brot, Wasser und Fleisch nehmen, das ich für die Scherer geschlachtet habe, und den Leuten geben, die ich nicht kenne, den Hergelaufenen? Soll ich, was durch und für meine Handlanger aus meinem Volk herausgepresst wurde, etwa wieder an es verteilen? Das ist die Kampflinie, um die es geht.
David forderte seine Männer auf: gürte ein jeglicher sein Schwert "um sich", um gegen Nabals Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Das gürten ist ein Bild des sich mit Gott Gürten: Und ich will ihm deinen Rock anziehen und ihn mit deinem Gürtel gürten und deine Gewalt in seine Hand geben, dass er Vater sei derer, die zu Jerusalem wohnen (Jes 22, 21). Von Jesus ist vorausgesagt: Denn er zieht Gerechtigkeit an wie ein Panzer, setzt einen Helm des Heils auf sein Haupt, zieht sich an zur Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem (Waffen-)Rock, in dem er gegen seine Widersacher streiten wird. Jesus streitet für und im Namen seines Vaters mit Eifer (Jes 59, 17-20).
Bei Paulus heißt es sinngleich: Denn die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, zu zerstören Befestigungen (2.Kor 10,4). Die Ritterschaft besteht im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit (2.Kor 6, 7). Genau das ist der Kern der Geschichte von David gegen Nadal. Die Bilder, die Paulus benutzt, kommen aus dem Ersten Testament.
David ist ein Krieger Gottes, er streitet mit Gottes Waffen. Wenn David den gottlosen Goliath mit der Schleuder niederstreckt, heißt das, Gott trifft Goliath, der Fels bringt das Böse, das gegen sein Gutes kämpft, bildlich zu Fall. Es ist einer der großen Irrtümer mancher Bibelleser, die meinen, es gehe in der Bibel um irdische Kriege mit irdischen Waffen, Gott sei blutrünstig. "Blut" ist ein Bild für das Leben, Blut ist Lebenssaft. Wenn reichlich Blut fließt, fließt Lebenssaft, Gottes Leben. "Blut" verweist in der Bibel auf Gottes Leben, nicht auf den menschlichen Tod.
Wenn David gegen die Philister zieht, zieht er gegen das Böse bzw. gegen die Heiden zu Felde. Es ist nicht die physische Ermordung gemeint, sondern die geistliche Ermordung der Gottlosigkeit durch Gott. Deshalb kann ein Mann bei diesen Kriegen auch immer gegen eine Übermacht etwas ausrichten, weil Gott seine Streitmacht ist. Gott gibt seine Waffen, um seinen Sieg zu erringen. Der physische Mensch ist keine Kategorie, die gemeint ist, es ist der Gottesmensch gemeint.
Mit den gängigen Bildern des Krieges wird in der Bibel die Macht und Überlegenheit von Gottes Streitmacht bezeugt. Lieber Luther, keiner der großen und gottesfürchtigen Gottesmänner hätte sich vor über 1000 Jahren träumen lassen, dass sie Tausende Jahre später von recht meinenden, unfrommen Friedensbewegten als Kriegstreiber gebrandmarkt würden, als irdische Kriegstreiber, Mörder und zu verachtende Blutrünstige, von denen man sich in jedem Fall distanzieren muss. Welch fehlendes Verständnis. Die Gottesfürchtigen und dem Wort Nachfolgenden der Bibel werden von den Gottlosen und falschen Nachfolgern zu den Bösen gemacht. Welche Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse, welch eine Verblendung.
Lieber Luther, Gottes Wille ist darauf ausgerichtet, alle Völker zu sammeln. Alle Bücher der Bibel beschreiben das in einer logischen Fortsetzung. Die Unterscheidung zwischen Erstem und Zweiten Testament ist eine künstliche Trennung, die völlig aus der Spur führt, hin zu den Grabenkämpfen zwischen Christen und Juden und anderen Gruppierungen, abgelenkt hin zu oberflächlichen Diskussionen über Riten und den rechten Glauben. Es gibt keinen "alten" und "neuen" Gott, Jesus kam nicht zu trennen, sondern fortzuführen. Wenn Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten angeht, geht er nicht das Judentum an, sondern den Missbrauch des Amtes, die falschen Lehrer und Propheten. Glaube an den EINEN Gott kann immer nur EIN Glaube sein, der nicht verbogen und umdefiniert werden kann, wie es einem gerade so gefällt. Jesus geht gerade gegen die Beliebigkeit an, die sich über die Jahrtausende in die Auslegung des Glaubens eingeschlichen hatte, und dagegen, dass man aus einem falschen oder gar keinem Schriftverständnis heraus auf Dinge verfällt, die ursprünglich so gar nicht in der Schrift gemeint waren. Deshalb auch die vielen Wortgefechte Jesu mit den Pharisäern. Beliebig war für Jesus nichts im Glauben, schon gar nicht die Auslegung der Schrift. Dort wird von Gott gezeugt, nicht in der Phantasie der Ausleger.
Herzliche Grüße
Deborrah