Lieber Luther

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Sonntag, 19. April 2015

Vaterunser (7) - Schulden (3)

Lieber Luther,
seit ein paar Wochen und Blogs schon beschäftige ich mich mit dem Vaterunser und bin hängengeblieben beim:
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Das Thema ist voller Missverständnisse. Seit wir von Gott wissen, vergibt er uns unsere Missetaten. Bis auf Jesus hat jeder Grund zu sagen: Vater, vergib mir meine Schuld. Zu sehr lassen wir uns ablenken und unsere Aufmerksamkeit von Gott weglenken, denken in unseren rein menschlichen Kategorien, die für Jesus eine Kategorie ohne Bedeutung war. Jesus ist voll auf Gott fokussiert. Jesus dreht die Sichtrichtung wieder um. Er predigt, man muss Vater und Mutter verlassen, Jedermann auf Erden, und zum Vater, zum Lebensspender zurückkehren. Mit Jesus schließt sich der Kreis, ist die Richtung zum Leben wieder in ihren Ursprung zurückgedreht, im Wort und im Tun. Jesus ist der Wendepunkt, der uns wieder auf Gott zurückverweist, uns neu verpflichtet, im neuen Bund.
Und vergib uns unsere Schuld. Allzugern hätten wir, dass Gott uns vergibt, was immer wir tun. Lehrt Jesus dies? Was vergibt Gott? Was ist das Essentielle, das es dabei zu verstehen gibt.
Erzählt wird in Lk 7, 36-39 (Mt 26, 7-13; Mk 14, 3-9; Joh 12, 3-9) von der "Sünderin", d.h. von einer, die das Ziel – Gott – bisher verfehlt hat. Jesus weilt im Haus eines Pharisäers und liegt da zu Tisch, wie es in besseren Kreisen, nach römischer Sitte, üblich war. Die Frau hatte sich ganz auf Jesus ausgerichtet. Er war ihr Ziel, um ihn zu erreichen durchbrach sie alle Schranken, ging einfach zu Jesus hin, inmitten dieser Männerrunde. Sie hatte alles, was sie hatte, in sehr teures wohlriechendes Salböl, Nardenöl, investiert. Es kostete etwa den Jahreslohn eines Arbeiters. Sie kniete sich zu seinen Füßen nieder, weinend, sich ihrer ganzen Unzulänglichkeit und Verlorenheit bewusst, ließ ihre Tränen, das Salz ihres Schmerzes, ungehemmt auf seine Füße rinnen, als habe sich eine Schleuse geöffnet. Sie badete Jesu Füße in ihren Tränen der inneren Not, trocknete sie mit ihrem Haar und küsste sie zärtlich, ihr ganzes Inneres aufbietend. Dann salbte sie seine Füße mit kostbarem Salböl, zum äußeren Zeichen, auf wen sie ihre ganze Hoffnung und ihr völliges Vertrauen geworfen hat.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan (Ps 8, 7). Still, versunken, ohne ein Wort zu sagen, ohne für sich zu bitten. Jedes Wort zu viel, er sieht in jedes Herz.
Die Frau hat Jesus angerührt, aber nicht seinen Gastgeber. Ein "Wie kann er nur", lag auf seinem Gesicht. Wenn dieser ein Vorher-Sager wäre, würde er erkennen, was das für eine Frau ist, wieso sie seine Füße küsst. Die Verachtung lag in seinen Zügen. Wie kann er sich nur von so einer anfassen lassen. Jesus bleibt diese Reaktion nicht verborgen und so antwortet er mit einem Bild:
Wenn einer zwei Schuldner hat, der eine schuldet ihm 500 Groschen, der andere 50. Beide können die Schuld nicht begleichen, so schenkt der Gläubiger beiden den Schuldbetrag. Wer von den beiden, fragt Jesus, wird den Gläubiger am meisten lieben? Derjenige, sagt der Pharisäer, dem er am meisten geschenkt hat. Ebenso ist es mit der Frau, sagt Jesus:
Als ich in dein Haus kam, hast du mir Wasser für meine Füße gegeben? Diese Frau hat meine Füße mit ihren Tränen unter Wasser gesetzt und sie dann mit ihrem Haar getrocknet. Hast du mir einen Bruderkuss gegeben, als ich kam? Diese Frau küsst meine Füße unablässig, seit ich hier bin. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt, sie aber meine Füße mit unverfälschtem, echten, wohlriechendem Salböl. Deshalb sage ich: Ihre Verfehlungen sind ihr vergeben, denn Sie hat mir viel Liebe entgegen gebracht, sie hat alles, was sie hat, ihre ganze Liebe mir gegeben. Wieviel Liebe aber habe ich von dir bekommen? Sie hat mir, um im Bild zu bleiben, für 500 Groschen Liebe entgegengebracht, du aber höchstens für 50:
Wer mich, und in mir den himmlischen Vater, viel liebt, dem wird viel vergeben, wem aber wenig vergeben wird, der liebt mich und ihn, im Umkehrschluss, wenig. Und zu der Frau sagte er: Dein Glaube hat dich gerettet.
Wer Jesus, und mit ihm Gott, den Vater, wenig liebt, dem wird wenig vergeben, wer ihn aber viel liebt, dem wird viel vergeben. Das heißt also: Mensch, du musst etwas dazu tun. Du hast das Maß deiner Vergebung in der eigenen Hand. Schuldner im Glauben seid ihr alle, aber, der eine mehr und der andere weniger. Jesus, Gott wiegt am Ende ab.
Jesus sagt, wenn ihr betet, so vergebt den anderen Menschen ihre Fehler, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber nicht vergebt, wird euch euer Vater, der im Himmel ist, auch nicht vergeben. Diese Botschaft gehört zum richtigen Beten und steht gleich im Anschluss an den Text des Vaterunsers (Mt 6, 14-15.). Bevor du dich mir zuwendest, wende dich demjenigen zu, dem du etwas zu vergeben hast (Mt 23, 23-24). Das ist der Teil, den ihr tun könnt und müsst.
Wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht. Der Knecht bleibt aber nicht ewig im Haus, der Sohn wohl. Deshalb überlegt euch, wem ihr anhängt. Folgt nicht den Missetaten, folgt meinem Wort. Ich mache euch frei, meinem Wort zu folgen, ihr seid in Wahrheit frei, mir zu folgen (Joh 8, 34-36). Es ist eure Entscheidung, euer Wille.
Jesus lehrt, was schon in der Alten Schrift gelehrt wurde: Es wird den Gottlosen ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf fallen (Jer 30, 23). Denen aber, die nach ihres Herzens Abgründen und Missetaten wandeln, will ich ihr Tun auf ihren Kopf werfen, spricht der Herr HERR (Hes 11, 21). Ihre Frevel werden auf ihre Scheitel fallen (Ps 7, 17). Das steht sehr häufig im Alten Testament.
Das ist schon am Anfang der Schrift erklärt: Wer Kain schlägt, wird 7mal gerächt, wer aber den Überwinder schlägt, 77mal. Jesus nimmt dieses Wort wieder auf.
Petrus fragt Jesus, wie oft man einem Bruder, der sich an einem versündigt, vergeben muss. Nicht 7mal, sagt Jesus, sondern 70 x 7 mal. Und wieder erklärt er, was er mit Schuld meint, mit Schulden. Ein Schuldner hatte 10.000 Pfund Schulden. Der König (= Gläubiger) verlangte von ihm, sich mit Frau und Kind in seine Knechtschaft zu verkaufen, damit er bezahlen könne. Der Gläubiger kniete nieder, betete den König an und bat um Geduld: Ich bezahle schon noch. Da hatte der König Mitleid und entließ ihn aus der Knechtschaft. Und was tat der Schuldner dann? Er hatte auch einen Schuldner, der ihm nur 100 Groschen schuldete. Dieser bat ihn ebenso, hab Geduld, ich will schon noch zahlen. Er ließ sich aber nicht von der Not des Schuldners berühren und warf seinen Schuldner ins Schuldengefängnis. Da wurde sein Herr sehr zornig und bestellte ihn zum Rapport: Mich bittest du, dir die Schulden zu erlassen, aber mit deinem Mitknecht hast du kein Erbarmen? So überantwortete er ihn dem Gericht, bis er alles bezahlt hat: Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebt von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler (Mt 18, 21-35).
WIE AUCH WIR vergeben unsern Schuldigern. Es kommt auf das WIE WIR an, das steht nicht umsonst im Vaterunser und ist folglich auch so zu lesen: Wie wir unseren Gläubigern ihre Schulden erlassen, so wird Gott uns auch unsere Schulden erlassen. Für unsere Menschenhändel sind wir aber selbst zuständig, nicht Gott. Bei Gott kommt es nur auf unsere Schulden ihm gegenüber an (Mt 18, 15-18):
Was ihr auf Erden bindet, das soll auch im Himmel gebunden sein, was ihr auf Erden löst, soll auch im Himmel los sein. Das heißt: Sündigt ein Bruder an dir, dann löse das auf Erden auf, schleif es nicht zu mir hinauf. Führe ihn auf den richtigen Weg. Wenn es dir gelingt, hast du einen Bruder gewonnen. Wenn er nicht hört, mach einen weiteren Versuch, zieh weitere Berufene hinzu, vielleicht gelingt es ihnen, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Wenn er weiterhin auf seinem Irrweg beharrt, so behandle ihn wie einen Gottlosen. Wenn ihr es nicht auf Erden schafft, auf den rechten Weg zu kommen, dann habt ihr diese Last noch auf eurem Rücken, wenn ihr dereinst vor mir erscheint. Die Schuld, die ihr auf Erden auf euch bindet und nicht löst, wird auch im Himmel noch auf euch gebunden sein.
Das Gebot der Nächstenliebe (Mt 22, 34-40) heißt also nicht, heiße alles, was dein Nächster tut, gut. Es heißt das Gegenteil. Es heißt, versuche alles, um deinen Nächsten zu Gott zu bringen, das allein zählt. Das vornehmste Gebot ist: Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das andere aber ist dem GLEICH: Du sollst deinen Nächsten lieben WIE dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz "und die Propheten". Es ist eine analoge Gleichung zum Vaterunser. Es gilt Gott zu lieben, von ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Wie ich alles tue, Gottes Wort, Jesu Wort, zu folgen, so soll ich auch alles tun, damit mein Nächster Gott folgt. Wie Jesus das mit dem sündigen Bruder erklärt hat. Das Gebot der Nächstenliebe ist dem Gebot der Gottesliebe GLEICH. Es sagt ein und dasselbe aus. Es geht rein um die Gottesliebe, in keinerlei Sinn um die Liebe unter Menschen. Das ist ein völliges Missverstehen dessen, was Jesus lehrt, was vor Gott zählt.
Lieber Luther, der Mensch denkt immer von sich aus, denkt, er sei der Kosmos, um den sich alles dreht. Jesus hat die Sichtweise verrückt, der Mensch, die Lehre, verrückt Jesu Lehre, wieder weg von Gott, hin zum Menschen, vermenschlicht das Göttliche, damit er im Zentrum bleiben kann. Er macht sich damit zum Abgott, und seine Religion zur Abgötterei. So klar muss man das sehen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Wo ist Bethlehem? Wo ist die Krippe?

Lieber Luther,
die Frau war tot, gemartert von ihrem Mann und von fremden Männern. Wie ist die Bibelstelle,über die ich gestern geschrieben habe (Richter 19, 1-30), zu verstehen? War es ein sinnloser Tod, den die Frau gestorben ist, oder war es überhaupt der Tod einer Person? Wer ist hier gestorben und worin bestehen die Parallelen zur Weihnachtsgeschichte, zu der Lukasgeschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem?
Der Mann, um den es in der Geschichte geht, ist fremd auch dort, wo er wohnt.  "Fremdling" ist ein Wort, das häufig auftaucht in der Bibel. Es ist das Bild für den Suchenden, der dulden und erdulden muss. Aber gerade der Fremdling findet in der Fremde Gott, im Dulden und Erdulden, davon erzählen viele Geschichten der Bibel. Viel dulden und erdulden müssen die Menschen, in dieser Bethlehem-Geschichte. Sie sind auf einer Reise, die sich anders gestaltet, als sie sich das gedacht haben. Gott lässt sich auf dieser Reise anders finden, als gedacht. Wir können aus der Geschichte lernen, wo das wahre Bethlehem liegt, das wahre Bethlehem auch auf unserer Lebensreise.
Zunächst ist da die Frau. Schon ihre Bezeichnung als "Kebsweib" bedeutete eine Herabwürdigung. Sie ist als Nebenfrau eine Frau zweiter Klasse, im Rang niedriger als die Hauptfrau. Sie ist geduldet und muss erdulden. Das Zusammenleben und die Eifersüchteleien sind groß. Die Dreiecksgeschichte von Abraham, Sara und Hagar zeigen es. Beide sind jedoch in jeder Beziehung abhängig von ihrem Mann, dem Oberhaupt des Hauses. Ihm müssen sie sich in allem fügen.
Die Geschichte der Frau ist insofern erstaunlich, als sie dem Mann davongelaufen zu sein scheint. Das zeugt entweder von großem Leidensdruck – vielleicht ist sie geschlagen worden, jedenfalls misshandelt, sonst wäre sie nicht geflohen. Ein Kebsweib, dem der Mann abhanden kam, war so gut wie eine Hure, sozial die unterste Schicht. Und doch waren gerade diese Frauen die Heldinnen der Bibel: Sie hatten nichts mehr zu lassen, hatten nur noch ihren Überlebenswillen, ihren Glauben, nur noch Gott und sich selbst. Das hat sie von allen Konventionen befreit und stark gemacht. Die Frau hat es gewagt, der Gewalt zu entfliehen.
Wieso reist ihr der Mann nach vier Monaten nach? Lieber Luther, du schreibst, er wollte freundlich mit ihr reden, andere übersetzen, er wollte mit ihrem Herzen reden. Wollte er gut Wetter machen? Bei einem Kebsweib? Auch das ist ungewöhnlich. Mit sich hatte  der Mann einen Jungen. Du übersetzt: einen Knaben, andere übersetzen Knecht. Vielleicht ist auch beides richtig: Kinder von Kebsweibern waren in der Regel Knechte der Kinder der Herren. Wollte der Mann das Kind als Druckmittel nehmen, mit dem Kind das Herz der Frau rühren, so dass sie wieder zu ihm zurückkehrt? Von einem Kebsweib verlassen zu werden, war sicher ehrabschneidend und eine Ungeheuerlichkeit. Wenn, dann wurde das Kebsweib verlassen, in die Wüste geschickt, so wie es Abraham mit Hagar und seinem eigenen Kind tat. Aber nicht umgekehrt.
Der Mann wollte mit der Frau sprechen, die hat ihn ABER zu seinem Vater geführt. Wohl, um ihren Status zu verbessern: Lass dein Herz guter Dinge sein. Der Vater nötigt den Mann zu bleiben und weiterhin mit ihm zu Essen und zu zechen. So gestalteten sich in der Regel Verheiratungsverhandlungen. Was er ihm wohl abhandeln wollte? Einerseits ist er über die Anwesenheit des quasi Schwiegersohnes hoch erfreut. Es ist auch ehrabschneidend eine Tochter zu haben, die Kebsweib ist, noch schlimmer, wenn sie dem Mann davonläuft und auch noch ihr Kind verlässt. Schlimmer konnte es für einen Vater zu damaliger Zeit kaum kommen. Andererseits weiß er, dass seine Tochter nicht umsonst geflohen ist. Er will es so lange wie möglich hinausschieben, seine Tochter wieder dem Fremdling auszuliefern. Kann das gutgehen? Lass dein Herz guter Dinge sein.
Wie wir bereits wissen, ist es nicht gutgegangen. Im Weiteren dieser Geschichte begegnen uns die Zutaten der Weihnachtsgeschichte in der Lukasversion. Eine unverheiratete Frau aus Bethlehem mit einem Kind und ein Mann, der in einem schwierigen Verhältnis zu ihr steht. Er macht sich mit der Frau, dem Knaben und zwei Eseln auf den Weg. Sie suchen für die Nacht eine Herberge, aber finden keine. Obwohl sie sich selbst verpflegen können, will die Fremden keiner aufnehmen. Sie müssten auf der Straße nächtigen, begegnete ihnen nicht schließlich doch noch ein barmherziger Mann, der ihnen eine Bleibe für die Nacht anbietet.
Hat Lukas an diese Geschichte gedacht, als er Maria und Joseph in Bethlehem eine Herberge suchen ließ? Bethlehem war für sie wie für das namenlose Paar die Stadt Gibea, an sich eine Stadt, die bei der Landnahme den Leviten zugesprochen wurde. Die Stadt lag im Land der Benjaminiter. Ein Levit, wie der Mann, konnte sich hier eigentlich sicher fühlen, eigentlich. Er hat sich bekanntlich geirrt.
Das Scenario bei der Herbergssuche bei Lukas war vergleichbar: Es gab eine Frau, die mit ihrem Kind zwischen allen Stühlen saß, ein Mann, der sie dann doch zu sich nahm, eine Stadt, die beherrscht wurde von den Römern und ihren einheimischen Erfüllungsgehilfen. Gewalt und Terror auf den Straßen. Der "böse Bube" ist bei Lukas nicht der Pöbel, sondern Herodes, der nicht dem Mann, sondern dem Kind an den Kragen will. Die Parallelen sind unübersehbar.
Damit sind wir bei der Kernfrage von beiden Geschichten: Was ist ein Fremder, wo sind wir Fremde, wo werden wir wie Fremde behandelt? Bei den Fremden oder bei den Brüdern? Es geht um fehlende Nächstenliebe und es geht um Flucht. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Fehlende Nächstenliebe führt zur Flucht, zur Trennung, zur Selbstzerfleischung. Die tote zerstückte Frau, das Jesuskind auf der Flucht vor dem Terror, der tote Jesus stehen in einer Reihe. Jesus wusste, wieso er dem Gebot der Nächstenliebe so einen hohen Rang eingeräumt hat. Seine Botschaft war: eine feste sichere Stadt findet ihr nur bei Gott. Dort ist das Haus des HERRN, dort müsst ihr es suchen, nicht unter Menschen.
Die zerstückelte Frau ist ein drastisches Bild hierfür, eine Geschichte, die einen mit Bedacht in ihrer Brutalität bis in die Grundfesten erschrecken lassen soll. Sie mahnt zur Umkehr:  Die Nachkommen Jakob Israels, Brüder, schänden und ermorden einander gegenseitig, so wie es auch die Nachfolger Jesu bis auf den heutigen Tag tun. Ihr zerlegt euch gegenseitig mit Haut und Knochen, treibt einen Keil durch euch selbst. Das meint, wenn der Mann die Frau in 12 Stücke zerlegt und an die Grenzen Israels schickt. Die Frau symbolisiert die Tochter Zion, die von den Ihren zerlegt wird, der Körper der Kinder Israel, die Nachkommenschaft der Kinder Jakobs, die sich gegenseitig zerstört und zu Tode martert. Deshalb sind auch alle Beteiligten namenlos. Die Botschaft ist universell bis auf den heutigen Tag.  
Lieber Luther, als der Morgen rot anbrach, ließen sie die Frau. Sie schleppte sich zur Tür , legte ihre Hand auf die Schwelle, bis es licht war. Das ist die Heilsbotschaft dieser Geschichte. Jesus ist zu ihr gekommen, der Retter. Ich bin die Tür, sagt Jesus, ihr kommt nur über die Schwelle durch mich. Die Frau hat die Hand an die Schwelle gelegt und: Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude – in all ihrem Leid.
Diese Geschichte ist nicht leicht zu erzählen. Hat Lukas deshalb eine Kindergartengeschichte daraus gemacht? Eine, in der man träumen kann, in der man einem Kinderglauben nachhängen kann? Den Blick weglenken kann von der rauhen Wirklichkeit auf ein unschuldiges Kind in der Krippe? Jesus ist wie diese Frau gestorben, vom Pöbel zu Tode gemartert. Er liegt, wie mit der Frau, mit vielen Menschen vor unseren Füßen und wir stolpern über ihn. Wir sind oft wie dieser Mann, als er sich mit Unschuldsmiene davonschleichen will, als sei nichts passiert. Gott hat ihn über sein Unrecht stolpern lassen. Er hat es mit eigenen Augen gesehen. Wir sehen unser Unrecht mit eigenen Augen. Und dann stehen wir vor der Krippe und singen frohe Lieder. Wie scheinheilig ist das.
Es ist Zeit, lieber Luther, die Krippe wegzuräumen. Sie ist eine schöne Mär und nichts als Jesusromantik. Es ist Zeit, erwachsen zu werden im Glauben. Zeit, Jesus in den Menschen, die auf dem Boden liegen, zu suchen. Dort ist die Krippe. Kindergartenglauben ist heute nur noch schwer zu vermitteln. Wir sind mit dem Mann, immer noch Fremdlinge, Suchende, Heimatlose, die zum Hause des HERRN ziehen. Wir sollten uns dringend auf den Weg machen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 16. März 2013

Schuld


Lieber Luther,
je näher wir Ostern und dem Verrat an Jesus kommen, desto mehr sind Absetzbewegungen zu spüren: Ja nichts mit Jesu Tod zu tun haben, ja nicht schuldig sein, das sind immer die anderen. Es gibt ein paar Kandidaten, die sich anbieten.
Zum Beispiel Kaiphas: "Ihr wisset nichts; bedenket auch nichts; es ist uns besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn dass das ganze Volk verderbe" (Joh 11, 49f). Da lässt sich der Schuldige leicht finden.
Oder waren es Judas oder Pilatus?
Oder doch die Wunder, die Jesus vollbrachte?
Oder das gespannte Verhältnis von Jesus zu Pharisäern und Schriftgelehrten?
Oder haben die Entscheidungsträger nur verantwortlich gehandelt, weil sonst die Römer für Ruhe und Ordnung nach ihren Vorstellungen gesorgt hätten?
Oder wurden die Römer nur vorgeschoben, um eigene Motive zu verdecken?
Viele "Oder", viele Möglichkeiten, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Es ist bequem Erklärungsmuster im historischen Kontext zu suchen. Aber ist das auch so gemeint?
Kaiphas sagte, was er sagte, in seiner Funktion als Hoherpriester, weissagte, denn "Jesus sollte sterben für das Volk". Diese Verheißung zieht sich genauso durch das Alte Testament wie die Ankündigung von Jesu Geburt. Nur können wir mit dem Tod schlechter umgehen. Das sehen wir nicht als Grund zur Freude an, feiern tun wir lieber bei Jesu Geburt.
Jesu Tod hat was mit Schuld zu tun, auch mit unserer Schuld. Darüber sollten wir uns Gedanken machen, weniger um die historischen Begebenheiten. Jesus wusste, dass er durch Menschenhand und Menschenschuld sterben wird. Er ist deshalb geboren und gestorben, um unserer Schuld willen, die wir auf uns laden.
Am Tod Jesu hatte im Prinzip niemand "Schuld". Es war von Gott so vorherbestimmt. Das war auch denjenigen, die eine Rolle dabei spielten, vorherbestimmt. Die Schrift, das Wort, musste erfüllt werden. Der Menschenanteil hierbei wird überschätzt.
Unterschätzt wird dagegen die jeweilige persönliche Schuld eines jeden aus Gottes Volk. "Er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volkes geplagt war" heißt es bei Jesaja. Er ist geboren und gestorben, um unsere Sünden vor Gott zu tragen und um unsere Verzeihung zu erlangen. Jeder, der sich zum Volk Gottes rechnet, darf sich da angesprochen fühlen und ist da angesprochen. Auch diejenigen, die zerstreut sind, die Gott aus dem Blick verloren haben, die er aber trotzdem fest im Blick hat.
Lieber Luther, wir glauben gern, dass Jesus uns von Gott geschenkt ist, wir glauben auch gern, dass er gestorben ist, um uns zu erlösen, unseren Anteil daran, ignorieren wir gern. Das ist eine Botschaft, die nicht gern gehört wird, treibt vielleicht die Menschen aus der Kirche. Das kann man sich bei den schon lichten Reihen kaum erlauben. Deshalb lieber positive Botschaften senden, Gott und Jesus die Arbeitspakete zuschieben und uns selber auf das Bitten um Vergebung der Sünden beschränken. Reicht das aus? Nein.
Gott verlangt eine Umkehr, er verlangt einen willentlichen Akt der Reue, keine oberflächlichen Lippenbekenntnisse, sondern ein inneres Schuldeingeständnis, vor sich selbst und vor ihm:
Auch mein Schuldpaket hat Jesus gen Golgatha geschleppt,
auch ich habe einen Nagel durch seine Handfläche getrieben,
auch ich habe ihn und sein Wort mehr als einmal verraten.
Lieber Luther, es fange jeder bei sich selbst an nach seiner Schuld zu suchen. Du bist nicht müde geworden, darüber zu predigen und das den Menschen verständlich zu machen. Heute regiert überwiegend der Wellness-Gott. Auch deine Kirche ist davon nicht verschont. Jesus hat eine Dornenkrone getragen, er hat gelitten.
Wie weit sind wir heute bereit, für und unter seinem Wort zu leiden, damit wir nach seinem Wort leben, um die ewige Verzeihung zu erlangen?
Sehr betroffen grüßt Dich
Deborrah