Lieber Luther

Lieber Luther
Posts mit dem Label Recht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Recht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 24. August 2014

Weisheit, Gerechtigkeit und Recht

Lieber Luther,
an Salomon kommt man nicht vorbei, ohne sich mit seiner Weisheit zu beschäftigen. Von so einem weisen Mann muss doch etwas zu lernen sein. Aber was? Um sich Salomons Weisheit zu nähern, muss man sich zunächst mit den Rahmenbedingungen beschäftigen.
Salomon war jung, als er seinen Vater David als König beerbte und es muss ihm etwas bange vor der Größe der Herausforderung gewesen sein. So betet er zu Gott und dieser erscheint ihm in einem Traum. Folgender Dialog entwickelt sich (1.Kön 3, 7-14):
Ich bin ein junger Mensch und weiß weder meinen Ausgang noch meinen Eingang, sagt Salomon. Gib deinem Knecht ein gehorsames Herz, dass er dein Volk richten möge und verstehen, was gut und böse ist. Den wer vermag dein mächtiges Volk zu richten?
Und Gott antwortet: Weil du das von mir erbittest und nicht bittest um ein langes Leben, Reichtum oder die Seele deiner Feinde, sondern um Verstand, damit du gerecht richten kannst, so sei es dir gewährt. Ich habe dir ein weises und verständiges Herz gegeben, das einzigartig unter den Menschen ist und auf ewig sein wird. Weder vor noch nach dir, wird jemand so weise sein wie du. Und dazu gebe ich dir Reichtum und Ehre, so dass kein König, der zu deiner Zeit lebt, mit dir an Pracht und Herrlichkeit vergleichbar ist. Wenn du auf meinen Wegen gehst, meine "Sitten" und meine Gebote hältst, wie dein Vater David, so will ich dir ein langes Leben geben.
Da kann nichts mehr schiefgehen, denkt man zunächst. Sein Reichtum mehrt sich wie fast von selbst, er baut prachtvolle Bauwerke, seine Weisheit und sein Ansehen wird sprichwörtlich, über die Grenzen seiner Herrschaft und über die Jahrtausende hinweg. Das fordert heraus, wie die Episode mit der Königin von Saba zeigt. Kann ein Mensch wirklich so weise sein (1.Kön 10, 1-13)?
Die Königin von Saba ist gekommen, um Salomon mit Rätseln herauszufordern. Sie muss aber schnell feststellen, dass weder das Gesagte noch das Ungesagte vor Salomon verborgen bleibt: Deine Weisheit und dein Gut übertrifft alle Beschreibungen. Glückselig die Menschen, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören. Gepriesen sei der HERR, dein Gott, der Wohlgefallen an dir hat und dich auf den Thron Israels gesetzt hat, damit du Recht und Gerechtigkeit übst.
Salomon ist der Inbegriff der Weisheit. Seine Mission ist, von Gottes Weisheit zu künden. Er ist nur der Übermittler dessen, was Gott in seinen Mund gelegt hat. Er soll uns sagen, die Quelle von Gottes Gesetz, seinem Recht, seiner Gerechtigkeit, seines Gerichts ist seine Weisheit. Sie kennt alles, ihr ist nichts fremd. Sie ist frei von einfachem Schwarz-Weiß-Denken. Salomon erzählt, was gerecht richten vor Gott heißt. Gott hat es ihn erkennen lassen.
Wenn man die Weisheitssprüche Salomons liest, versteht man, dass das, was vor Gott Recht und rechtschaffen ist, beileibe nicht auf die 10 Gesetzestafeln Moses passen, sich auf 10 Allgemeinsätze reduzieren lässt. Wer dieses glauben machen will, verfällt in den Fehler der Pharisäer, den Jesus anprangert: Er missbraucht das Wort und macht es aus eigenen Interessen zu Schul- und Lehrsetzungen, die den Menschen verpflichtet anstatt befreit. Jesus ist massiv dagegen angegangen. Die 10 Gebote gehen auf (oder unter) in Gottes Recht, sie sind nicht das, was unter Recht und Gerechtigkeit im Tenor der Bibel, nicht in Einzel(teil)sätzchen – um bei der Rechtssprache zu bleiben – gemeint ist. Was Gott unter Recht und Gerechtigkeit versteht, ist nicht nur, aber im Zusammenhang in der Hauptsache, von Salomon überliefert. Gottes Recht ist – im Gegensatz zum menschlich gesetzten Recht – nur in Verbindung mit Gerechtigkeit zu denken, gegründet in Gottes allesverstehender Weisheit.
Lieber Luther, die Weisheitssätze Salomons lehren uns: Gott richtet wesentlich differenzierter als manche Theologie. Gott schaut das Leben an und setzt in den Kontext, er urteilt nicht lebensfern. Die von Salomon überlieferte Weisheit erweitert den Horizont und befreit uns in das Vertrauen auf Gottes Gericht, in das Vertrauen auf Gottes Weisheit, aus der heraus er, Jesus Christus, gerecht richtet und richten wird. So wie zu Salomon alle Welt freiwillig kommt, um seine Gerechtigkeit zu sehen, hierfür steht die Königin von Saba, so sollen wir freiwillig zu Jesus kommen, der auf Gottes Thron und Richtstuhl sitzt, und dessen Weisheit und Gerechtigkeit sehen, ihm und seiner Gerechtigkeit vertrauen. Sie übersteigt, davon zeugt Salomon, jegliche menschliche Weisheit, denn siehe, Jesus ist mehr als Salomon (Mt 12, 42).
Salomon steht aber auch dafür, dass menschliche Weisheit nicht heißt, dass Mensch auch immer weise handelt. Auch Salomon stolpert, wie so manch anderer auch in der Bibel und jetzt, über seine Lust. Er baut nicht nur, worauf er Lust hat, er nimmt sich auch die Frauen, auf die er Lust hat. Wie so oft, hilft da bei Salomon auch alle Weisheit und alle Gottesfürchtigkeit nicht. Fleisch siegt auch bei ihm über jeglichen Verstand. Angelegt ist das schon zu Anfang: Er wandelte nach den Sitten seines Vaters David, "nur dass er auf den Höhen opferte und räucherte" (1.Kön 3, 2). Er folgte nämlich nicht gänzlich dem HERRN, wie sein Vater David (1.Kön 11,1-13), baute dem Namen Gottes zwar einen glänzenden Tempel, aber ging auf fremd. Wie konnte das geschehen?
In der Bibel steht lapidar: Aber der König Salomon liebte viele ausländische Weiber. Wie bei allem, übersteigt Salomon auch hier alle Vorstellungskraft: Von 700 "vornehmen" Frauen und 300 weiteren Geliebten ist die Rede. Die andersgläubigen Frauen verführten ihn dazu, den fremden Göttern zu opfern. Eva wurde ihrem Namen gerecht und Adam ließ sich willig verführen. Bei Salomon scheint die Verführbarkeit zur Abgötterei eine Alterserscheinung gewesen zu sein, heutzutage würde man sagen: Midlife Crisis oder aber – wahlweise - Demenz. Wenn Gott etwas nicht mag, dann Abgötterei, die Vielweiberei ist ihm egal, fleischliche Belanglosigkeit, solange er die Frauen versorgt. Abgötterei, oft in der Bibel als Hurerei bezeichnet, ist das einzige, für das er keine Toleranz und kein Verständnis aufbringt. Die gesamte Bibel zeugt davon, von dem EINEN Gott, der darum bettelt, dass wir ihn allein als unseren Gott (an)erkennen, unseren mit ihm geschlossenen Bund halten und ihm treu sind. Salomon sollte die Konsequenzen seiner Untreue, des Bruchs seines Bundes mit Gott, erfahren.
Salomon hat den Frauen seine Treue zu Gott geopfert. Er, den Gott mit Weisheit und Reichtum gesegnet hat, hat diesen Segen mit Füßen getreten. Er hat in all seiner Weisheit nicht erkannt, dass er den falschen Weg einschlägt. Gott gibt zu erkennen: Weil du meinen Bund und meine Gebote nicht gehalten hast, will ich das Königreich von dir reißen und deinem Knecht geben. Nicht dir, aber deinem Sohn wird dies geschehen. Ich will ihm aber einen Stamm lassen, nicht deinetwegen, sondern deines Vaters David wegen, auf dass David, mein Knecht, vor mir eine Leuchte habe auf all seinen Wegen in der Stadt Jerusalem, die ich mir erwählt habe, dass ich meinen Namen in ihr aufrichte. (1.Kön 11, 36). Alles musste so geschehen, damit etwa 1000 Jahre später Jesus in die Stadt Davids einziehen konnte. Die Weisheit Gottes hat alles schon vorher bedacht.
Lieber Luther, Salomon hat beinahe alles, was sein Vater über Jahrzehnte hart und mit viel Entbehrungen erkämpft hatte, verspielt. Er konnte in Weisheit zwar die anderen richten, aber bei sich selbst war er betriebsblind. Das muss ihn in seinen Grundfesten erschüttert haben.  Keine Weisheit hat ihn vor dem entscheidenden Fehler bewahrt. Er hat das von Gott verliehene Königtum für sein persönliches Vergnügen leichtfertig verschenkt. Gott hat ihn daraufhin von Thron über ganz Israel gestoßen, das Königreich war aus seiner Hand genommen. Demut und Gottvertrauen war gefragt, Dürre nach der Fülle.
Lieber Luther, Weisheit bewahrt nicht vor Einfalt, Verstand nicht vor Unverstand, Gottes Herrlichkeit nicht vor Selbstherrlichkeit. Salomon, der über den Dingen geschwebt hat, musste feststellen, dass auch er nur ein fehlbarer Mensch ist. Das hat ihn verändert. Er wurde vom gerechten Richter, vom bewunderten König, zum Prediger. Die Welt sollte von ihm und dem, was er über die Weisheit gelernt hat, lernen. Weisheit, wo fängst du an und wo sind deine Grenzen? Das war die Frage, die ihn fortan beschäftigte. Zu welchem Ergebnis ist er gekommen? Davon nächstens mehr.
Herzliche Grüße
Deborrah

Freitag, 22. August 2014

Tempelbau

Lieber Luther,
manchmal denken wir, die Fußstapfen, in die wir treten sollen, sind uns zu groß, viel zu groß. Wir trauen uns nichts zu, sind mehr als misstrauisch gegenüber uns selbst. Aber, man kann auch große Fußstapfen beerben, wenn man seinen Weg findet. Salomon zeigt uns das. Er führte keine Kriege, sondern er baute, unter anderem dem "Namen des HERRN" ein Haus. Er baute lange, im elften Jahr war das Haus so, wie es sein sollte (1. Kön 6, 38).
Gott sagt: So sei es mit dem Haus, das du baust: Wirst du in meinen Geboten wandeln und nach meinen Rechten tun und alle meine Gebote halten, darin zu wandeln, so will ich mein Wort, das ich deinem Vater David geredet habe, bestätigen und will wohnen unter den Kindern Israel und mein Volk nicht verlassen (1.Kön 6, 12-13).
Rückblende: Gott sagt David vorher: Ich will meinem Volk einen Ort setzen, an dem es gepflanzt ist und es wohnen soll. Es soll nicht mehr in die Irre gehen. Wenn du dich mit deinen Vätern schlafen legst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leib kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Er soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein (2.Sam 7, 10-15). Diese Prophezeiung kann nur Jesus meinen.
Salomon, der gern und viel baut, "auf das er Lust hat", sieht sich in der Nachfolge und nimmt diese Prophezeiung als Legitimation, ein prächtiges Haus aus Stein, Zedernholz und Gold zu bauen, ein physisches Haus. Aber es schwant ihm, dass das vielleicht nicht gemeint sein könnte. Bei der Einweihung des Tempels betet er (1.Kön 8, 25-61):
HERR, halte, was du meinem Vater verheißen hast. Denn sollte in Wahrheit Gott auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es denn dies Haus tun, das ich gebaut habe?
Höre, o Gott, mein Gebet, mein Lob und mein Flehen, wache über dies Haus Tag und Nacht, über die Stätte, von der du gesagt hast: Mein Name soll da sein. Sei uns gnädig.
Wenn jemand sündigt wider seinen Nächsten, schaffe Recht, spreche den Gerechten gerecht, der Gottlose trage seine Gottlosigkeit selbst.
Wenn jemand an dir sündigt und sich wieder zu dir bekehrt, deinen Namen bekennt, zu dir betet und fleht, nehme ihn wieder in Gnaden an.
Wenn der Himmel verschlossen ist ob der Sünden, die deine Kinder an dir begehen, und sie deinen Namen bekennen und sich von ihren Sünden bekehren, weil du ihnen Einsicht verschaffst, so weise ihnen den guten Weg, den sie gehen sollen und lass deine Gnade auf sie regnen, auf das Land, das du ihnen zum Erbe gegeben hast.
Wenn der Mensch geplagt ist, von Anfeindung, Krankheit, innerer Leere, Verfolgung, sei gnädig dem, der da bittet und fleht, der in seinem Herzen die Plage erkennt und seine Hände ringend nach dir ausstreckt. Gib jedem nach seinem Lebenswandel, wie du sein Herz erkennst, denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder, auf dass sie gottesfürchtig leben, solange sie in dem Land leben, dass du ihnen zum Erbe gegeben hast.
Wenn ein Fremder, der nicht zu deinen Kindern zählt, zu deinem Haus kommt, um deines Namens willen, so erhöre das Rufen dieser Fremden, auf dass alle Menschen auf Erden deinen Namen erkennen, dass auch sie gottesfürchtig leben.
Wenn jemand für deinen Namen ficht, so verschaffe ihm Recht. 
Wenn ein Mensch sich gegen dich versündigt - denn es ist kein Mensch, der nicht sündigt - er sich von dir trennen lässt und sich in Gefangenschaft von falschen Göttern begibt, gib Barmherzigkeit denen, in deren Gefangenschaft er gerät, denn er ist dein Kind und Erbe.
Gott antwortet (1.Kön 9, 3-9):
Ich habe dein Gebet und Flehen gehört, ich habe das Haus, das du gebaut hast, geheiligt, und werde ewig meinen Namen in es setzen. Meine Augen und mein Herz sollen ewig da sein. Du sollst vor mir wandeln wie dein Vater David, mit rechtschaffenem Herzen und aufrichtig, dass du tust, was vor mir recht ist. Solange du dies tust, wird es dir nicht an einem fehlen, den ich auf den Stuhl in meinem Land gesetzt habe. Wendet ihr euch aber von mir ab, werde ich mein Angesicht auch von euch abwenden und ihr werdet euch über euch selbst entsetzen.
Die Botschaft ist: Gott interessiert die prächtige Äußerlichkeit überhaupt nicht, keines Wortes wert. Die äußere Pracht des Tempels ist völlig belanglos. Kein äußerer Pomp kann die Innerlichkeit ersetzen, Form geht nicht vor Inhalt. Beten und Flehen, umkehren, sich der Gnade Gottes anempfehlen, das ist, was vor Gott alleine zählt. Wenn der menschliche Baukörper, von dem dies ausgeht, Gott heiligt, dann heiligt Gott auch ihn. Aber es muss aufrichtig, mit rechtschaffenem Herzen geschehen. Wer das tut, kann auf Jesus bauen, den Rechtschaffenen, der auch dem Sünder Recht in alle Ewigkeit angedeihen lässt, seine Gnade und Barmherzigkeit, die aus menschlichen Gefängnissen zu Gottes Tempel befreit. Jesus ist der König, auf den wir uns verlassen können, was immer uns äußerlich geschieht, er allein sitzt auf dem Gnaden- und Richterstuhl, der unserem inneren Menschen immer gerecht wird, wie immer unterdrückt, entrechtet, gefangen der äußere Mensch auch ist. Gott wohnt in unserem Tempel, wenn wir ihn lassen. Äußeren Glanz bedarf es dazu nicht.
Menschliche Pracht besteht darin, sich in allen Wechselfällen des Lebens Gott, seiner Gnade und Barmherzigkeit anzuvertrauen, umzukehren, ehrlich zu bereuen, wenn man geirrt hat, Gott wahrhaftig und reinen Herzens anzurufen und ihn um Wegweisung zu bitten. Es geht nicht um die Sünden, Sünder ist jeder Mensch. Es geht darum, sich seiner Sünden bewusst zu werden, sie zu erkennen, sie rechtschaffen und ehrlich vor Gott zu bekennen und umzudrehen. Salomons Gebet zeugt davon.
Lieber Luther, fast hätte ich mich vom äußerlichen Glanz von Salomons Bauten blenden lassen. Aber warum ist von diesen sagenhaften Bauten Salomons, in denen so viel Gold verbaut wurde, nichts mehr übrig, auch mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts nachweisbar. Ich habe lange darüber nachgedacht, was uns das sagen soll. Es gibt keinerlei außerbiblische Information über Salomon, in keiner anderen altorientalischen Schrift, noch archäologisch (vgl. Herders Neuer Bibelatlas, S.134). Schwere Kost für alle, die denken, die Bibel sei ein Geschichtsbuch. Fällt mit der historischen Nichtbeweisbarkeit der Tempel Salomons in sich zusammen? Nein, ganz und gar nicht.
Der Glanz in Salomons Tempel, steht für die Herrlichkeit, den Glanz und den Reichtum Gottes, das Gold für seine Treue und Gerechtigkeit. Das Zedernholz ist vor Wurmfrass sicher, es steht für das sichere Fundament, das Gott für uns ist, kein Wurm, keine Schlange, kein Satan kann ihm etwas anhaben. Die Zeder steht für Schönheit und Wohlgeruch. Der Gerechte vor Gott wächst wie die Zeder des Libanons (Ps 92, 13). Jedes Detail hat seinen Sinn und eine Aussage, ohne dass ich hier in dem begrenzten Rahmen weiter darauf eingehen kann.
Der Tempel Salomons ist eine Allegorie auf Gottes Tempel in uns. Er ist, was in 1.Kor 3, 16 gemeint ist: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Der Salomonische Tempelbau gibt Anleitung, worin dieser Tempel besteht und wie man ihn baut. Oder in Off 3, 12: Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes. Die beiden Säulen, die vor Salomons Tempel standen, hießen Jachin (= Gott lässt fest stehen) und Boas (=Lebensfülle). Wer Gott einen Tempel in sich baut, lässt Gott fest stehen und gibt Lebensfülle, wird zu einem Pfeiler in Gottes Tempel.
Lieber Luther, an dem Tempel, den ich in mir Gott baue, der ich bin, muss ich lange bauen, länger wahrscheinlich als Salomon, bis er in reinem Gold, von Anfechtung frei, in Gerechtigkeit dasteht wie die Zeder des Libanons, frei von Wurmfrass. Vielleicht bleibt es, wir wissen es nicht, ein unvollendetes Gebäude, aber, lieber Luther, wir bauen daran, weil wir eine Ahnung davon haben, dass der Glanz und der Raum, den wir ihm geben, längst nicht der Glanz ist, der dem Glanz Gottes angemessen ist. Wir können aber die Tür öffnen, so dass Gott uns helfen kann zu bauen, dass wir nicht müde werden, das innere Gold auf Hochglanz zu bringen. So erweisen wir, jeder wie er kann, Gott die Ehre, egal in welchem Bauzustand der Tempel in einem ist. Hauptsache angefangen. So gehe ich jetzt, und behaue ein paar Steine.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 10. August 2014

Hirten

Lieber Luther,
Jeremia war ein großer Prediger des Unbequemen, ein Prophet, der Könige und Priester, ihre Gottesferne und ihre Irrlehren anprangerte. Er predigte, was keiner hören wollte und ist dafür von denjenigen, die sich auf den Schlips getreten fühlten, so an den Rand gedrängt worden, verfolgt und verspottet, dass er darüber nicht mehr froh wurde. Dennoch hat er seinen Auftrag erfüllt, immer wieder, hat keinem nach dem Mund geredet, die unbequeme Botschaft wohl gescheut, aber nicht ausgelassen.
Jeremia hat sich vor allem mit den Herrschenden angelegt. Vergebliche Mühe, vergebliches Leiden, sie haben nicht auf ihn gehört, auch die Hirten nicht, bis auf den heutigen Tag (Jeremia 23):
Weh euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umbringt und zerstreut, spricht der HERR. Ihr vertreibt, anstatt zu hüten und für sie zu sorgen. Deshalb will ich euch heimsuchen, um eures bösen Wesens willen. Ich will diejenigen, die zerstreut sind, selbst sammeln und auf meine Weide bringen. Dort sollen sie wachsen und sich vermehren. Ich will Hirten über sie setzen, die kein Unrecht mehr an meinen Schafen tun. Ich will einen erwecken, der für Recht und Gerechtigkeit auf Erden sorgen wird. Sein Name wird sein: Der HERR unsrer Gerechtigkeit. Er wird euch gerecht machen. Ich sage das und werde das tun, wider alle eure Reden und Predigten!
Das Land ist voll Ehebrecher und Hurerei, voller Menschen, die den Bund mit mir brechen, ihr Treueversprechen, das sie mir gegeben haben, hintanstellen, mich hintergehen. Ihr Leben ist böse und ihr Tun taugt nicht vor meinen Augen. Beide, falsche Propheten und Priester, sind Knechte des Bösen, die auch in meinem Haus zu finden sind.
Sie gehen auf einer schiefen Ebene, die sie unweigerlich ausgleiten und nach unten rutschen lässt. Ich will Unglück über sie kommen lassen, spricht der HERR, im Jahr ihrer Heimsuchung. Sie brechen den Bund mit mir und verbreiten Lügen. Sie stärken die Boshaften, auf dass ja keiner umkehre und sich zu mir bekehre. Sie bewohnen Sodom und Gomorra, das Reich des Verführers. Ich will sie mit Galle tränken, da sie mit ihrer falschen Rede und Heuchelei das Volk verführen. So spricht der HERR: Gehorcht nicht den Worten dieser falschen Propheten, sie betrügen euch, denn sie predigen, was sie in ihren dunklen Herzen sehen, nicht was aus dem Mund des HERRN kommt.
Sie beschwichtigen diejenigen, die mich nicht achten: "Der HERR hat's gesagt, es wird euch wohl gehen," und all denen, die sich nach ihren eigenen Vorstellungen richten, sagen sie: "Es wird kein Unglück über euch kommen." Wie anmaßend seid ihr! Ich frage euch: Wer ist von euch im Rat der Gerechten vor dem HERRN gestanden? Wer von euch hat sein Wort gesehen, vernommen und gehört?
Siehe es wird ein Ungewitter kommen, das auf sie regnen wird. Gottes Zorn über diese Untaten wird nicht nachlassen, bis sein Wille geschehen ist. Am Ende werdet ihr es wohl begreifen müssen und erfahren. Ich habe die falschen Propheten weder gesandt noch mit ihnen geredet. Das hält sie nicht davon ab, in ihrem eigenen Kaffeesatz zu lesen. Wären sie bei meinem Wort geblieben und hätten sie es dem Volk gepredigt, so wäre das Volk nicht davongelaufen, sondern hätte sich zu mir bekehrt. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, oder auch ein Gott, der über allem steht und alles sieht? Meinst du etwa, vor mir könne jemand sein wahres Wesen verbergen? Bin ich nicht die Fülle, die Himmel und Erde umfasst?
Ich höre die falschen Prediger sehr wohl, die vorgeben, in meinem Namen zu sprechen, die sich eigene Geschichten ausdenken, anstatt sich an mein Wort zu halten und damit bewirken, dass mein Volk meinen Namen vergisst. Der Träumer soll träumen, wer aber mein Wort hat, der predigt recht. Wer mich recht erkennt, zeigt denjenigen, die meiner bedürfen, was mein Recht ist (Jer 22, 16). Es ist wie mit Stroh und Weizen: Wie bringe ich die Frucht in die Scheuer, anstatt Stroh, das unter meinem Wort verbrennt? Versetzt mein Wort nicht Berge? Darum siehe, ich werde den falschen Predigern, die einander gegenseitig in Ammenmärchen übertrumpfen, aber nicht mein Wort verkünden, einmal zeigen, was mein Recht ist. Sie verführen mein Volk mit ihren Lügen und verantwortungslosen Reden. Sie sind kein Nutzen, sondern Schaden.
Wenn ihr gefragt werdet, was die Last des Herrn sei, dem sagt: Ihr seid die Last des Herrn, ich will euch deshalb abwerfen. Wer mein Recht und meine Gerechtigkeit als Last ansieht, den will ich heimsuchen. Der HERR sagt: Nennt mein Recht und meine Gerechtigkeit nicht mehr "Last des HERRN". Denn ihr werdet nach eurem Wort gemessen. Einem jeden wird sein Wort eine "Last" sein, weil ihr die Worte des lebendigen Gottes verdreht.
Und was antwortet ihr den falschen Propheten und Predigern: Weil ihr meine Worte "Last des HERRN" nennt, obwohl hier geschrieben steht, ihr es lesen könnt, dass ihr das lassen sollt, deshalb will ich euch hinwegnehmen und von meinem Angesicht verwerfen, euch zur ewigen Schmach und Schande.
Lieber Luther, kennen wir diese Wehe-Rufe über die Hirten nicht von Jesus? Sind sie nicht wie seine Wehe-Rufe über die Pharisäer und Schriftgelehrten? Er sagt auch, ich bin nicht gekommen zu trennen, sondern das Wort der Propheten zu erfüllen. Er kann zwischen Berufspropheten und berufenen Propheten unterscheiden.
Oder, lieber Luther: Gilt das überlieferte Wort vielleicht gar nicht mehr? Ist ja Altes Testament, interessiert uns nicht mehr? Es waren nur die alten Hirten gemeint, nicht die jetzigen. Oder: Jesus hat alles aufgehoben, was Gott vorher durch die Propheten gesprochen hat? Oder: Mit der Taufe hebt sich alles vorher von Gott Gesprochene auf, insbesondere die Teile, die von Recht, Gesetz und Geboten, Verpflichtungen, zu haltendem Bund verkünden? Oder: Was getauft ist, ist Christ per se, egal was er treibt und tut und wie gottlos er auch im Herzen ist? Oder: Alles hinweggefegt durch Paulus? Der selbsternannte Apostel bekommt das Gewicht von Gottes Wind, bläst das von den Propheten überlieferte Wort Gottes und Jesu Wort in den Evangelien mit seiner Theologie hinweg? Oder, der Gipfel: Hirten und Schafe meinen eine landwirtschaftliche Betätigung? Alles schon von Berufsgeistlichen gehört. Jeremia gibt Orientierung.
Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 11. Januar 2014

Rebekka

Lieber Luther,
lang hat es gedauert, bis ich zu meiner ganz persönlichen Jahreslosung 2014 gefunden habe. Die Jahreslosung 2013 lass ich hinter mir, sie hat mir genug Sturm gebracht und Wasser schlucken lassen. Eigentlich steht die Losung schon länger im Raum, es hat mir nur nicht gedämmert, was mir da ins Haus steht:
Haltet mich nicht auf, denn Gott hat Gnade zu meiner Reise gegeben (1.Mose 24,56)
Ich habe diesen Spruch an das Ende meines Nachrufs auf meinen Vater gesetzt. Der Predigttext dieser Trauerfeier beinhaltete – zu meiner Überraschung - meinenKonfirmationsspruch. Lebensreisen, die sich kreuzen. Grund genug, achtsam zu sein.
Der Schlusspunkt unter den Nachruf auf das Leben meines Vaters, ist eigentlich ein Ausgangspunkt, ein Anfang, der Anfang einer Reise, für ihn und für mich.
Abraham sendet Elieser, seinen ältesten Diener und Verwalter, auf die etwa 650 km lange Reise, um bei seiner Verwandtschaft um eine Frau für seinen Sohn Isaak zu werben. Der Bote weiß nicht, wer es sein soll und wie er die Frau finden soll. So bittet Elieser, der auf Gott vertraut, Gott um ein Zeichen: Diejenige, die auf seine Bitte hin, ihm am Brunnen zu trinken geben wird und auch noch unaufgefordert die Kamele tränkt, die soll es sein. Lass es geschehen und erweise deine Gnade, betet Elieser. Er trifft Rebekka am Brunnen und es geschieht, worum er gebeten hat.
Die Brüder und die Mutter zögern, wissen nicht so recht, ob das für Rebekka das Richtige ist. Rebekka zögert nicht, will einen Schlussstrich, einen neuen Anfang: Ich will gehen, gleich. Sie geht in eine ungewisse Zukunft, sie weiß nicht wirklich, auf was sie sich einlässt. Aber, tief in ihrer Seele weiß sie, dass es richtig ist, was sie tut. Deshalb duldet sie auch keinen Aufschub: Haltet mich nicht auf. Sie weiß, was sie weiß und was sie will. (1.Mose 24)
Rebekka, die Energische, Rebekka, die Zupackende, Rebekka, die Kraftvolle. Sie weiß nicht, dass sie einem entgegen geht, der schon gebrochen ist. Dass sie das Korsett, das Rückgrat, die Energie ist, die er braucht, um weiter zu gehen. Sie weiß noch nicht, dass sie 20 Jahre warten muss, bis sie Kinder bekommt. Sie weiß noch nicht, dass ihr Mann früh erblindet, noch nichts von ihrem Betrug an ihrem Ehemann, noch nichts von ihren Enkeln, die ein Massaker anrichten, weil sie denken, ihre Schwester sei vergewaltigt worden. Vielleicht hätte sie, wenn sie gewusst hätte, was denn so alles noch kommt, doch gezögert. Deshalb ist es gut, wenn wir nicht wissen, was kommt. Es lässt uns weiter gehen, wenn wir es für richtig in uns fühlen, unbelastet der Last und des Leids, das da kommen mag.
Rebekka geht nicht alleine. Mit ihr ging Debora, ihre Amme. Die Frau, die sie gesäugt hatte, die sie mit der Muttermilch aufgesogen hatte, der Mutterersatz. Debora war immer für sie da, Debora gab Rat, Debora verhütete, was zu verhüten war. Sie verhütete nicht, dass Rebekka Jakob dazu anleitete, sich vor seinem Vater Isaak als Erstgeborenen auszugeben, wo es doch sein Zwillingsbruder Esau war. Das ist der Fingerzeig, den Gott gibt. Nicht was irdisches Recht ist, zählt, sondern was Gottes Wille ist. Esau und Jakob wuchsen beide im Mutterleib, parallel, gleichberechtigt. Die Gesetze der Gesellschaft haben sie zu Ungleichberechtigten gemacht. Gott hat eingegriffen und ein Zeichen gesetzt: Eure Gesetze sind null und nichtig, allein meine Gesetze zählen. Nach meinem Gesetz ist Jakob der Erstgeborene. Aber, ich will die List und Tücke nicht dulden, die ihm dieses irdische Recht verschafft hat, so muss er Buse tun, viele Jahrzehnte, um sein Unrecht an seinem Vater zu tilgen. Rebekka sieht ihren Lieblingssohn nach dessen Flucht nie wieder.
Das alles änderte nichts daran, dass Gott Jakob eine besondere Erwählung gab. Das Unrecht, das Rebekka getan hat, an ihrem Mann und an ihren Söhnen, nach geltendem Recht, in ihrer Gesellschaft, ändert nichts daran, dass sie trotzdem mit Gottes Segen in Gottes Willen handelte. Gott hat Gnade zu der Reise gegeben. Was scheinbar Unrecht ist, kann vor Gott Recht sein. Rebekka wandelte in all dem Zwiespalt zwischen Recht und Unrecht dennoch sicher. Debora war ihr Korrektiv. Debora nahm sie in den Arm und weinte mit ihr, wenn es kein Weiter zu geben schien, Debora tröste, Debora fand die Worte, die Rebekka weiter gehen ließen. Debora war die Frau im Hintergrund, die nur zwei Mal erwähnt ist. Am Ausgangspunkt, wenn sich Rebekka auf die Reise einlässt, und am Endpunkt, wenn Debora begraben wird an an der Träneneiche, an der Klageeiche. Immer im Hintergrund, kaum einer Erwähnung wert, aber dennoch immer im Vordergrund. Sie starb in Bethel, dem Ort, an den Gott Jakob geschickt hatte, um einen Altar für ihn zu errichten. Mit Debora verschwindet auch Rebekka aus dem Gesichtsfeld. Am Ende hatte sie alles verloren, was ihr lieb und teuer war. Und doch: Gott hat Gnade zu der Reise gegeben.
Lieber Luther, haltet mich nicht auf, Gott hat Gnade zu dieser Reise gegeben. Für mich ist es meine persönliche Jahreslosung 2014. Wohin ich aufbreche in dieses neue Jahr, weiß ich nicht. Halten wir es mit Elieser und bitten um Gnade für diese Reise.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 10. November 2013

Der ungerechte Richter oder: Gebt nicht auf!

Lieber Luther,
der heutige Predigttext (Lukas 18, 1-8) ist mir vor drei Wochen schon einmal begegnet und zwar in einer Form, die ich sicher mein ganzes Leben nicht mehr vergessen werde. An einem Ort, an dem sein ganzer Sinn plötzlich im Raum stand. Gott hat sich quasi neben die Menschen, die es angegangen ist, auf die Kirchenbank gesetzt und hat gewirkt. Alle Beteiligten haben seine Anwesenheit verspürt.
Wir reden vom Gleichnis vom ungerechten Richter. Es geht um einen selbstgefälligen Richter, der weder Tod, noch Teufel noch Gott fürchtet, weder weltliche noch göttliche Macht. Eine Witwe trat vor ihn und forderte ihr Recht. Es ist nicht gesagt, um was es genau geht, welches Recht verletzt ist. Das ist unwichtig. Der Richter weist sie immer wieder ab, aber sie bleibt hartnäckig, kommt immer wieder. Eines Tages hat er keine Lust mehr, sich immer wieder mit dem Fall zu beschäftigen und so beschließt er, ihr zu geben, was sie schon so lange fordert, "damit sie nicht am Ende komme, um mir ist Gesicht fahre." Derart Recht zu bekommen, hinterlässt einen faden Geschmack.
Der Richter handelt aus purem Eigennutz. Es geht ihm nicht um das Gesetz, schon gar nicht um Recht, was etwas anderes ist, es geht ihm nicht um die Wahrheit, nicht um Gerechtigkeit, es geht um sein subjektives Wohlbefinden, um seine Selbstgerechtigkeit. Einen anderen Maßstab als seinen Egoismus legt er nicht an.
Mit dem Finger auf diesen Richter zu zeigen, ist einfach. Es ist offensichtlich, dass er nicht von Gesetz und Recht, Wahrheit und Wahrhaftigkeit getrieben wird. Jedoch, wer ohne Schuld ist, wer nie ungerechter Richter ist, werfe den ersten Stein. Wir sollten erst einmal bei uns selbst suchen, bevor wir den Balken im Auge des anderen suchen.
Wir sind alle Richter, wir sind alle ungerecht. Wir sind auch Richter gegenüber unseren Richtern. Wir brechen den Stab über denen, die ungerecht zu uns sind, die hartleibig sind, die uns immer wieder abweisen und auflaufen lassen, die taub sind gegenüber dem, was wir zu sagen haben, die nicht zuhören und nicht hören wollen, die uns immer wieder unverrichteter Dinge nach Hause schicken. Wir laufen Gefahr auch zu verurteilen, gar zu resignieren, den Mut zu verlieren, einen weiteren Anlauf zu nehmen, ein weiteres Mal gegen eine Mauer der Ablehnung zu rennen.
Von der Witwe können wir lernen, nicht aufzugeben. Was hat sie getrieben, was hat ihr immer wieder den Mut und die Kraft gegeben, sich aufzumachen, um den Richter mit sich und damit mit seinem eigenen Unrecht zu konfrontieren, ihm sein Unrecht vor Augen zu führen, trotz aller Demütigung, die sie immer wieder erfahren hat? Es war wohl eine Mischung, eine Mischung aus Not – möge es eine innere oder äußere gewesen sein –, Zorn und Gerechtigkeitssinn. Sie wusste, dass, was sie vorzubringen hatte, richtig war, Recht, gerecht, wahr. Das hat sie auf den Beinen gehalten und ihr Energie gegeben, immer wieder anzurennen, nicht aufzugeben.
Woher wusste die Witwe, dass sie im Recht war? Es könnte ja auch ihre eigene Selbstgerechtigkeit gewesen sein, ihr verletzter Stolz, der sie getrieben hat, ohne dass sie im Recht gewesen wäre.
Jesus erzählt diese Geschichte als Gleichnis, d.h. er will mit ihr etwas verdeutlichen und deshalb kommt der Kern seiner Botschaft auch erst hinter dieser Geschichte zutage.
Geht es eigentlich wirklich darum, dass uns Recht geschieht, was immer wir unter "Recht" verstehen? Über das, was wir Menschen unter "Recht" verstehen, kann man Bibliotheken füllen und philosophische Theorien aneinander reihen. Auf Erden wird kein gemeinsames Verständnis erzielbar sein, was Recht und gerecht ist. Unser subjektives und objektives Rechtsverständnis in seiner Vielgestaltigkeit kann hier nicht gemeint sein.
Um was es in dem Gleichnis geht, steht gleich eingangs. Das Gleichnis, das Jesus erzählt, ist ein Gleichnis vom Bitten. Die Botschaft ist: Betet allezeit, was auch mit euch passiert und wie ungerecht ihr euch auch gehandelt fühlt, betet und ermattet darin nicht, resigniert nicht, vor den Menschen nicht und nicht vor eurem Gott und er eilt euch zur Hilfe.
Jesus fragt suggestiv: Sollte Gott das Recht seiner "Auserwählten", das heißt derjenigen, die ihn gewählt haben, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht "ausführen"? Sollte er nicht bewirken, dass denjenigen, die treu an ihm festhalten, am Ende Recht, sein Recht geschieht, nach seiner Wahrheit, nicht unserer? Jesus kennt die Menschen, deshalb hängt er gleich an, "Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?"
Gottes Recht und Gerechtigkeit, seine Wahrheit ist das Maß der Dinge, nicht unsere subjektiven Vorstellungen, er wirkt, ist gegenwärtig "ohne Verzug". Haben wir da Zweifel, wenn wir auf uns schauen? "Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?"
Lieber Luther, es geht in dem Gleichnis nicht um unsere eigene Gerechtigkeit, Mensch ist nie gerecht. Wir sind alle ungerechte Richter. Es geht darum anzunehmen, dass Gott wirkt, ob es uns gefällt oder nicht, demütig zu sein gegenüber dem, was IST. Es geht darum, zu bitten, auch in Tränen, nicht nachzulassen, die Hoffnung nicht aufzugeben, die Augen zu öffen für das, was Gott in und mit unseren Tränen bewirkt.
Wir wissen, lieber Luther, dass Gott wirkt, ohne Verzug, aber ohne unseren Vorstellungen zu folgen, nicht zeitlich und nicht inhaltlich. Ich bin sicher, er hat sich auch heute in die ein oder andere Kirchenbank gesetzt, auch wenn sie leer geblieben ist. Er hat uns mit unserem eigenen Unrecht konfrontiert, aber uns auch gesagt: Betet, bittet, öffnet die Augen und die Herzen, gebt nicht auf. So sei es.
Herzliche Grüße
Deborrah