Lieber Luther,
ich will nahtlos an meinen letzten Brief anknüpfen, an die These Ehrmanns, dass das Neue Testament ein gefährliches, frauenfeindliches, antisemitisches und homophobes Buch ist. Es ist natürlich so gekommen, wie es schon vorauszusehen war: Schon allein, wenn man sich der These stellt, die ja nicht so weit hergeholt ist, wenn man die Texte neutral liest, wird einem Unglauben unterstellt, wird gerichtet, mit dem Finger gezeigt, ganz unchristlich Christus im Munde führend. Aber ist es nicht eine Chance nachzudenken und Antworten zu finden, die in unsere Zeit passen? Ich will mich der These stellen, ich finde es herausfordernd, spannend. Zerbröckelt der Glaube unter den Erkenntnissen der Wissenschaft und lässt er sich wirklich nur verteidigen, indem man anfeindet, negiert und in bewährter paulinischer Tradition ausgrenzt? Nein! Die These hilft im Gegenteil zu klären, sich selbst zu klären, aufzuklären, Antworten zu finden, wo vermeintlich rechtglaubende Christen nur abkanzeln oder betreten schweigen. Sie hilft, den Glauben zu bekennen.
Die Bibel ist zunächst nichts als ein Text. Texte werden von Menschen für Menschen geschrieben. Das gilt für Altes wie Neues Testament genauso wie für jeden anderen Text. Dabei ist sowohl der Schreiber als auch der Leser nicht unabhängig von seiner sozialen, gesellschaftlichen und politisch konkreten Lebenswelt zu denken. Er schreibt und liest unter dem Einfluss seiner Realität, welche von Krieg, Flucht, Armut, Ungerechtigkeit, Ungleichverteilung, Hungersnot, Verfolgung, Verschleppung, Unterdrückung, Familienverhältnissen, Kinderlosigkeit, aber auch Wohlstand, Macht, Besitz, Herrschaftsdenken geprägt sein können. Der Schreiber schreibt zu einem gewissen Zweck, im Hinblick auf eine konkrete oder auch abstrakte Leserschaft. Er beabsichtigt mit dem Text etwas zu bewegen und das beeinflusst die Art, wie er schreibt, seine Wortwahl, die Art wie er seinen Text aufbaut und gestaltet. Ein Roman ist anders strukturiert als ein Gedicht, benutzt anderes Vokabular, einen anderen Satzbau. Jeder Schreiber hat seine persönliche Motivation, wieso er schreibt. Nicht zu vergessen: sein jeweiliger Bildungs- und Erfahrungshintergrund. All das fließt in einen Text ein. Es ist die unerzählte Geschichte hinter jeder Geschichte, auch die Geschichte hinter jeder biblischen Geschichte.
Ein salomonischer Text, der dem reichen König zugeschrieben wird, kommt zum Beispiel völlig anders daher als einer von Jeremia, der buchstäblich im Dreck lag und von einem Gefängnisloch ins andere geschleppt wurde. Er ist anders geschrieben, anders aufgebaut, benutzt ein anderes Vokabular, erzählt eine andere Geschichte, stellt unterschiedliche Dinge heraus und in den Mittelpunkt. Und doch haben sie eines gemeinsam: Beide Texte erzählen vom Glauben, wie der Glauben das Leben verändert oder verändern sollte.
Das gleiche gilt für das Neue Testament. Die Evangelien berichten über Jesu Leben. Wer sie aufgeschrieben hat, weiß man nicht wirklich zuverlässig, nur sicher, dass es keine direkten Jünger Jesu waren. Alle haben von dem, was sie schreiben, eine bestimmt Auffassung, interpretieren, ordnen ein, was sie aus ihren schriftlichen und mündlichen Quellen herauslesen, wollen eine Botschaft transportieren. Sie unterscheiden sich dadurch in Nichts von den Schreibern des Alten Testaments.
Das gilt zunächst auch für Paulus und die Schreiber in seiner Nachfolge. Der Unterschied bei Paulus ist, dass er eine neue Religion, einen neuen Glauben schafft, der Jesus zum Gott macht, aus dem Glauben an Gott einen abgeleiteten Glauben an Jesus schafft, einen Glauben, der Jesus für seine Zwecke der Abgrenzung vom Judentum nutzt. Es ist keine Theologie über Gott, sondern eine Theologie über Jesus. Damit steht er schon damals ziemlich unter Rechtfertigungsdruck. Aus Selbstrechtfertigung wird Rechtfertigung durch Glauben. Wir nicht glaubt wie ich das lehre, ist nicht gerechtfertigt vor Gott, wird als ungläubig aussortiert. Kein langes Federlesen. Paulus kreiert ein Konzept der Trennung von Glauben und Werke, das auch seine Werke und seine Schreibe rechtfertigt, und das oft nicht dem eigenen Anspruch standhält. Er erfindet eine Theorie der Vergebung der Sünden allein durch Jesu Kreuzestod und Auferstehung, und stellvertretende Sündenvergebung durch die kirchlichen Würdenträger. Das sichert die eigene Machtbasis. Er begründet eine Religion, bei der nicht mehr Gott, sondern Jesus – stellvertretend für Gott – im Mittelpunkt steht, und dessen Stellvertreter wiederum das ernannte Kirchenpersonal ist. Aus direktem Zugang zu Gott wird Stellvertretung, und Stellvertretung der Stellvertretung.
Das paulinische Gedankenkonstrukt ist bis heute ein wackeliges Gebäude, das bei der geringsten Belastung in Erklärungsnot gerät und einzustürzen droht, nur zu retten durch neue gewagte Hilfskonstruktionen, die genauso auf tönernen Füßen stehen. Die paulinische Theologie setzte sich als „christlicher“ Glaube durch, weil diese Lehre bei den „Heiden“ kommuniziert und verbreitet wurde. Bei den Juden kam Paulus nicht so gut an. Deshalb wandte er sich den „Heiden“ zu, die ihm theologisch nichts entgegenzusetzen hatten, er hatte quasi das Monopol der christlichen Lehre, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass sie sich durchsetzte, da diese „Heiden“ die Klasse stellten, die die damalige Welt beherrschten. Paulus war, im Gegensatz zu Jesus, ein hochgebildeter Mann. Er wollte nicht umsonst mit aller Macht nach Rom. Er kannte als Pharisäer die Machtspielchen, er wusste, wenn die Mächtigen gewonnen waren, hatte er gewonnen.
Die eigentlichen Gegner des Paulus waren die echten Apostel, die Jesus gekannt hatten, und seiner Lehre nicht folgten, wie er offen zugibt. Die echten Apostel waren einfache Menschen der untersten Schicht wie Jesus selbst. Jesus war ihr in jüdischer Tradition predigender Lehrer. Paulus, der Jesus nie getroffen hatte, kannte Jesus nur vom Hörensagen und aus Erzählungen anderer. Die echten Apostel nahmen ihn nicht für voll, was sein stark ausgebildetes Ego kränkte. Es wäre wirklich interessant, Paulus mit heutigen Methoden psychiatrisch begutachten zu lassen. Was wollen die dummen analphabetischen ehemaligen Fischer ihm, dem theologisch gebildeten Pharisäer, über Glauben erzählen? Ihnen wollte er es zeigen. Er war ihnen bildungsmäßig hoch überlegen und das spielte er erfolgreich aus. Er predigte seine eigene Lehre und ein Evangelium frei von Jesu Wort. Er konnte schreiben, so gebildet, dass ihm kaum einer gedanklich folgen konnte und reden, so aggressiv, dass er Aufruhr verursachte und wo immer er auftauchte. Geschickt stellte er alle, die seiner Lehre nicht folgten, in die Ecke der Ungläubigen, so wie es seinem Beispiel folgend heute noch geschieht.
Paulus legte damit den Grundstein für eine Religion über Jesus, eine Religion, die Glauben mit der paulinischen Theologie gleichsetzt. Es klingt absurd, aber es wird jemand in den Mittelpunkt einer Religion gestellt, der selbst das nicht glaubt, was ihm später mündlich und schriftlich angetextet und antheologisiert wird. Aus Glaube an Gott wird christliche Religion über Jesus und breitet sich, als es die Religion der Herrschenden wird, über den Erdball aus. Das eigentlich konstituierende des Erfolges der christlichen Religion war ihre Verheiratung mit den Mächtigen und Herrschenden.
Noch abstrakter als das paulinische Gedankengebäude ist der Ansatz des Johannesevangeliums, das etwa 100 Jahre n.Chr. entstanden ist, unter den philosophisch-hellenistischen Einflüssen des Schreibers. Es führt das Gedankengebäude eines Jesus als fleischgewordenen göttlichen Logos ein.
Welch ein Gegensatz zu der Einfachheit Jesu. Jesus war ein fest im Judentum verankerter Wanderprediger, der die Tora gut kannte. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen, gehörte zur untersten Schicht einer von den Römern geknechteten und ausgebeuteten Bevölkerung, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass er weder lesen noch schreiben konnte. Wer sollte ihm, dem armen Bauernjungen, das beigebracht haben? Vor diesem Hintergrund predigte er von einem Gott, der ihm und seinesgleichen, den Armen der Ärmsten, den Kranken und Benachteiligten, Hoffnung auf ein besseres Leben gibt. Er predigte an gegen die soziale Ungerechtigkeit, gegen die politischen, gesellschaftlichen und religiösen Unterdrücker gleichermaßen, brach ein Wort für die Vergessenen und Ausgebeuteten, für die unterste Schicht, der er angehörte, ganz in der Tradition alttestamentarischer Prediger, wie etwa Jeremia. Von der paulinischen Theologie, Gebildet- und Eingebildetheit, Weltläufigkeit und Lehre trennten ihn Welten.
Jesus hatte eine apokalyptische Weltsicht, d.h. er ging von einem Gericht am Ende der Zeit aus. Ob er das Ende bald kommen sah oder nicht, ist m.E. obwohl für die kritischen Historiker von Wichtigkeit, völlig unerheblich. Es ändert nichts daran, dass er davon ausging, dass der Mensch für das, was er tut, sich eines Tages verantworten muss. Er wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, sich selbst als Gott zu erhöhen. Das wäre für ihn Blasphemie gewesen. Oder sich als jemand zu sehen, der zum Zweck der Sündenerlösung der gesamten Menschheit stellvertretend für die gesamte Menschheit von den Römern – von Gott so gewollt – ans Kreuz genagelt wird. Er wäre auch nicht auf die Idee gekommen, Glaube und Werke voneinander zu trennen. Der Mensch war für ihn ein im Glauben handelnder Mensch, einer der Gottes Willen tut. Davon zeugt alles, was von ihm berichtet wird. Alles, was Jesus später zugeschrieben und aus ihm gemacht wurde, hat nicht er zu vertreten und würde er auch nicht vertreten, sondern die jeweiligen Textschreiber und Religionsbegründer.
Jesus wäre nicht auf die Idee gekommen, gegen die Juden zu hetzen. Er war selbst Jude. Er prangerte das Unwesen an, aber nicht das Judentum an sich, das sein sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Hintergrund war. Jesus wäre auch nicht auf die Idee gekommen, frauenfeindlich zu agieren. Es waren Frauen, die ihn unterhielten und durchfütterten. Viele Jüngerinnen waren in seinem Gefolge, wenngleich die patriarchal denkenden Schreiber des Neuen Testaments das möglichst vertuschen wollten, aber nicht ganz konnten. Das ist ein starkes Indiz für die wichtige Rolle der Frauen in Jesu Leben, die nicht immer zu verheimlichen war, wie sehr sich die Schreiber auch bemühten, dies zu vertuschen.
Frauen kommen in vielen Gleichnissen und Geschichten Jesu vor und sie spielen meist eine wesentlich bessere Rolle als die Männer. Jesus war nicht frauenfeindlich, die Schreiberlinge waren frauenfeindlich, allen voran Paulus, der insgesamt offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zu Frauen und jeglicher Sexualität hatte. Er und die Verfechter der neu erfundenen Religion, die unter seinem Namen schrieben, machten die persönliche paulinische Einstellung und Disposition zu Judentum, Frauen und Sexualität zum Dogma, dem erstaunlicherweise bis heute die katholische Kirche folgt. Eigentlich ist das unfassbar. Oder vielleicht auch nicht. Es waren ausschließlich Männer, deren Schriften den Weg in die Bibel fanden, es waren Männer, die diese Dogmen aufstellten und es waren ausschließlich Männer, die die Kanonisierung der Bibel vornahmen.
Lieber Luther, ja, Teile der Texte, die den Weg in die Bibel gefunden haben, sind von frauenfeindlichen, sexualitätsgestörten, rassistischen antisemitischen Schreibern verfasst. Das sind die persönlichen Hinterlassenschaften der Schreiber. Die Bibel ist das meistgelesene Buch der Welt. Wie lesen diese vielen Leser die Bibel, wie wirkt sich, was sie lesen, auf ihr Leben aus? Ist die Bibel das wahre Wort Gottes? Ist die Bibel trotzalledem ein Glaubensdokument für mich? Viele Fragen, die noch offen sind. Demnächst weiter.
Herzliche Grüße
Deborrah.
Lieber Luther
Sonntag, 20. September 2015
Montag, 14. September 2015
Kirchen - Herrschaft
Lieber Luther,
schon lange habe ich kein Buch mehr von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, da man in der Regel nach 120 Seiten die Argumentationsketten des Autors verstanden hat und sie nicht noch in zig Wiederholungen lesen muss. Nicht so bei diesem Buch:
Verständlich, dass Kirche als Organisation und mit seinen Angestellten alles tut, um das zu vermeiden. Wer sägt sich schon den Ast unter seinem eigenen Hintern ab. Schweigen und Ignorieren als Verteidigungsstrategie. Aber das wird nichts helfen. Unsere globale Welt mit ihren modernen Kommunikationsmedien lässt sich nicht mehr zensieren, es lässt sich nicht mehr unter den Teppich kehren, was unbequem ist. Die Menschen reagieren mit Massenflucht aus den Kirchen, leben ihren Glauben außerhalb von Kirchenlehren und Dogmen.
Glaube hat zunächst nicht unbedingt etwas mit Religion oder Kirche zu tun. Religion und Kirche bedeutet, es gibt Vordenker, denen zu folgen ist. Das Vorgedachte wird zur Orthodoxie, zur „wahren“ Lehre, zu der einen zu folgenden Wahrheit erklärt. Diese vorgegebene Wahrheit wird dann mit Zähnen und Klauen, im Zweifelsfall auch mit Waffengewalt, verteidigt. Selbst Dogmen, die nicht zu erklären sind, wie z.B. die unbefleckte Empfängnis oder die Trinitätslehre. Bis ins Irrationale werden verirrte Lehren verteidigt, unter Androhung göttlicher Strafen und ewiger Verdamnis, wenn dem nicht so gefolgt wird, wie erwartet. Das Vorgedachte, die Dogmatik, wird zum Herrschafts- und Machterhaltungsinstrument. Die Religionsgeschichte ist – bis zum heutigen Tag – voll davon. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt: Die in Stein gemeißelte Dogmatik wird zunehmend zu einem Herrschafts- und Machtverlustinstrument. Die bisher verlässlichen Mechanismen verkehren sich in ihr Gegenteil. Die christlich dogmatische Revolution gegen Jesu Lehre frisst langsam aber sicher ihre Kinder.
Religion und Kirche ist der Versuch, mit Hilfe einer von einer Gruppe von einflussreichen Kirchen-Menschen gesetzten Dogmatik, den Glauben einer Vielzahl von einfachen Menschen-Schäfchen unter Kontrolle zu bringen. Es ist der Versuch, den Glauben von Menschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Es ist eine Form der Manipulation des Menschen oder, wem das zu drastisch ist: der Kanalisierung der Denkströme der Menschen in die vorgedachte Richtung, die zur einzig wahren Richtung erklärt wird. Für diejenigen, die die Organisation dominieren, ist die Organisation als solches, verknüpft mit der leitenden Dogmatik, ein Mittel der eigenen Machterhaltung. Was die christlichen Kirchen, die christliche Religion anbelangt, ist das, was im Neuen Testament erscheint, in der Form, wie es erscheint, das Ergebnis dessen, was letztendlich durchgesetzt wurde und sich dann in Konsequenz auch durchgesetzt hat.
Die Mächtigen in organisierter Kirche haben dafür gesorgt, dass aus dem jüdischen Wanderprediger Jesus, der als gläubiger Jude an JHWH glaubte, durch nachjesuanische Theologie und Kirchenbildungsbestrebungen, in Abgrenzung zur jüdischen Religion, eine Religion über Jesus wurde. Auf diese Idee wäre Jesus selbst nie gekommen. Die christliche Theologie geht, kurz gesagt, über die Religion Jesu hinweg – Schwamm drüber – und macht ihn selbst zum Gott und Gegenstand ihrer Religion. Zugespitzt könnte man sagen, sie instrumentalisiert respektive missbraucht ihn für ihre Zwecke.
Gott, der für Jesus als Mensch noch direkt zugänglich war, wird nur noch vermittelt durch Jesus Christus zugänglich, sein banaler Kreuzestod wird zum Heilsgeschehen mit Erlösungseffekt uminterpretiert und stilisiert. Die Lehre wird – paulinisch inspiriert – so verkompliziert, dass aus der einfachen Lehre Jesu eine schwer nachvollziehbare Christuslehre wird, die mit ihren Annahmen und Konstrukten in sich inkonsistent und schwer vermittelbar ist. Die frühe christliche Kirche schafft damit die Grundlage für ihre Monopolstellung in der Auslegung. Was nicht verständlich ist, und wer versteht schon die ellenlangen Paulus-Sätze mit ihren vielen unnachvollziehbaren Setzungen im Neuen Testament, bedarf der Erklärung. Macht- und Einfluss der Kirchenoberen ist damit auf Jahrtausende gesichert. Einmal zur Staatsreligion erklärt, wird die Religion auch zum Herrschaftsinstrument. Die Kirchengeschichte spricht Bände.
Das hat zweitausend Jahre funktioniert, weil Macht- und Herrschaft immer auch verknüpft war mit der Herrschaft über die Kommunikation, den Kommunikationsinhalt und die Kommunikationsmittel. Der Gläubige wusste, was der Pfarrer von der Kanzel predigte. Anderes Wissen war ihm nicht zugänglich.
Die neuen Kommunikationsmedien und die globalen Kommunikationskanäle lassen sich nicht mehr so einfach von den Mächtigen und Herrschenden kontrollieren. Sie haben sich ein stückweit verselbständigt. Bildung und Wissen, Erfahrungsaustausch zwischen den Menschen, auch den Gläubigen, läuft nicht mehr nur in kirchlich organisierten und kontrollierten Kanälen. Die Menschen emanzipieren sich zunehmend von Kirche und ihren Lehren, ja sie brauchen zunehmend Kirche und ihre Lehren gar nicht mehr, um ihren Glauben zu leben. Das tut zwar nicht den Kirchen, aber dem lebendigen Glauben gut, sorgt dafür, dass trotz aller Kirchen und kirchlicher Lehren, Glauben lebendig gelebt wird. Das Kirchen- und Religionsmonopol in Sachen Glauben ist in Auflösung. Die Definitionshoheit entgleitet denjenigen, die die bisherige Definitionshoheit hatten.
Wie früher in den Katakomben, treffen sich gläubige Menschen heute im weltweiten Netz, diskutieren, tauschen sich aus, bilden moderne Hausgemeinschaften. Sie sind damit Jesus und seinem Verständnis von Glauben, Glaubensvermittlung und Glaubenserfahrung wesentlich näher als jede von Jesu Lehre entfremdete Kirchen-Herr-Schaft.
Lieber Luther, eigentlich waren das nur klärende Vorüberlegungen, die mir so durch den Kopf gingen, bevor ich mich meinem eigentlichen Anliegen zuwende. Am Ende seines Buches berichtet Ehrman von den unterschiedlichen Reaktionen seiner Studenten auf das wissenschaftlich kaum Übersehbare. Er stellt ihnen in der Regel am Ende seines Seminars eine Aufgabe, der ich mich auch stellen will. Sie sollen auf zwei Seiten eine Antwort finden auf folgende Aufgabe:
Herzliche Grüße
Deborrah
schon lange habe ich kein Buch mehr von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, da man in der Regel nach 120 Seiten die Argumentationsketten des Autors verstanden hat und sie nicht noch in zig Wiederholungen lesen muss. Nicht so bei diesem Buch:
Bart D.Ehrman, Jesus im Zerrspiegel, Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt. Gütersloh, 2010.Obwohl von einem Wissenschaftler geschrieben, ist es verständlich. Es beschreibt und macht die Widersprüche im Neuen Testament dem nicht theologisch gebildeten Menschen in der führenden historisch-kritischen Sichtweise offenkundig. Alles nichts Neues, jeder Theologe, jeder Pastor, müsste den Inhalt kennen. Von den Kanzeln kommt nichtsdestotrotz die orthodoxe Lehre, nach dem Motto: Augen zu, Ohren zu, damit ich nicht all die kritischen Fragen, die daraus entstehen und auf die ich keine Antwort habe, beantworten muss. Es ist ein Anliegen B.Ehrmans, dieses kollektive Verschweigen zu durchbrechen. All die unbequemen Wahrheiten, die die Forschung im letzten halben Jahrhundert ans Tageslicht befördert hat, und die nicht von der Kanzel gepredigt werden, ans Tageslicht zu befördern. Der Elfenbeinturm der kirchlichen Lehren gerät unter diesem kritischen Blickwinkel bedenklich ins Wanken, fällt an sich in sich zusammen.
Verständlich, dass Kirche als Organisation und mit seinen Angestellten alles tut, um das zu vermeiden. Wer sägt sich schon den Ast unter seinem eigenen Hintern ab. Schweigen und Ignorieren als Verteidigungsstrategie. Aber das wird nichts helfen. Unsere globale Welt mit ihren modernen Kommunikationsmedien lässt sich nicht mehr zensieren, es lässt sich nicht mehr unter den Teppich kehren, was unbequem ist. Die Menschen reagieren mit Massenflucht aus den Kirchen, leben ihren Glauben außerhalb von Kirchenlehren und Dogmen.
Glaube hat zunächst nicht unbedingt etwas mit Religion oder Kirche zu tun. Religion und Kirche bedeutet, es gibt Vordenker, denen zu folgen ist. Das Vorgedachte wird zur Orthodoxie, zur „wahren“ Lehre, zu der einen zu folgenden Wahrheit erklärt. Diese vorgegebene Wahrheit wird dann mit Zähnen und Klauen, im Zweifelsfall auch mit Waffengewalt, verteidigt. Selbst Dogmen, die nicht zu erklären sind, wie z.B. die unbefleckte Empfängnis oder die Trinitätslehre. Bis ins Irrationale werden verirrte Lehren verteidigt, unter Androhung göttlicher Strafen und ewiger Verdamnis, wenn dem nicht so gefolgt wird, wie erwartet. Das Vorgedachte, die Dogmatik, wird zum Herrschafts- und Machterhaltungsinstrument. Die Religionsgeschichte ist – bis zum heutigen Tag – voll davon. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt: Die in Stein gemeißelte Dogmatik wird zunehmend zu einem Herrschafts- und Machtverlustinstrument. Die bisher verlässlichen Mechanismen verkehren sich in ihr Gegenteil. Die christlich dogmatische Revolution gegen Jesu Lehre frisst langsam aber sicher ihre Kinder.
Religion und Kirche ist der Versuch, mit Hilfe einer von einer Gruppe von einflussreichen Kirchen-Menschen gesetzten Dogmatik, den Glauben einer Vielzahl von einfachen Menschen-Schäfchen unter Kontrolle zu bringen. Es ist der Versuch, den Glauben von Menschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Es ist eine Form der Manipulation des Menschen oder, wem das zu drastisch ist: der Kanalisierung der Denkströme der Menschen in die vorgedachte Richtung, die zur einzig wahren Richtung erklärt wird. Für diejenigen, die die Organisation dominieren, ist die Organisation als solches, verknüpft mit der leitenden Dogmatik, ein Mittel der eigenen Machterhaltung. Was die christlichen Kirchen, die christliche Religion anbelangt, ist das, was im Neuen Testament erscheint, in der Form, wie es erscheint, das Ergebnis dessen, was letztendlich durchgesetzt wurde und sich dann in Konsequenz auch durchgesetzt hat.
Die Mächtigen in organisierter Kirche haben dafür gesorgt, dass aus dem jüdischen Wanderprediger Jesus, der als gläubiger Jude an JHWH glaubte, durch nachjesuanische Theologie und Kirchenbildungsbestrebungen, in Abgrenzung zur jüdischen Religion, eine Religion über Jesus wurde. Auf diese Idee wäre Jesus selbst nie gekommen. Die christliche Theologie geht, kurz gesagt, über die Religion Jesu hinweg – Schwamm drüber – und macht ihn selbst zum Gott und Gegenstand ihrer Religion. Zugespitzt könnte man sagen, sie instrumentalisiert respektive missbraucht ihn für ihre Zwecke.
Gott, der für Jesus als Mensch noch direkt zugänglich war, wird nur noch vermittelt durch Jesus Christus zugänglich, sein banaler Kreuzestod wird zum Heilsgeschehen mit Erlösungseffekt uminterpretiert und stilisiert. Die Lehre wird – paulinisch inspiriert – so verkompliziert, dass aus der einfachen Lehre Jesu eine schwer nachvollziehbare Christuslehre wird, die mit ihren Annahmen und Konstrukten in sich inkonsistent und schwer vermittelbar ist. Die frühe christliche Kirche schafft damit die Grundlage für ihre Monopolstellung in der Auslegung. Was nicht verständlich ist, und wer versteht schon die ellenlangen Paulus-Sätze mit ihren vielen unnachvollziehbaren Setzungen im Neuen Testament, bedarf der Erklärung. Macht- und Einfluss der Kirchenoberen ist damit auf Jahrtausende gesichert. Einmal zur Staatsreligion erklärt, wird die Religion auch zum Herrschaftsinstrument. Die Kirchengeschichte spricht Bände.
Das hat zweitausend Jahre funktioniert, weil Macht- und Herrschaft immer auch verknüpft war mit der Herrschaft über die Kommunikation, den Kommunikationsinhalt und die Kommunikationsmittel. Der Gläubige wusste, was der Pfarrer von der Kanzel predigte. Anderes Wissen war ihm nicht zugänglich.
Die neuen Kommunikationsmedien und die globalen Kommunikationskanäle lassen sich nicht mehr so einfach von den Mächtigen und Herrschenden kontrollieren. Sie haben sich ein stückweit verselbständigt. Bildung und Wissen, Erfahrungsaustausch zwischen den Menschen, auch den Gläubigen, läuft nicht mehr nur in kirchlich organisierten und kontrollierten Kanälen. Die Menschen emanzipieren sich zunehmend von Kirche und ihren Lehren, ja sie brauchen zunehmend Kirche und ihre Lehren gar nicht mehr, um ihren Glauben zu leben. Das tut zwar nicht den Kirchen, aber dem lebendigen Glauben gut, sorgt dafür, dass trotz aller Kirchen und kirchlicher Lehren, Glauben lebendig gelebt wird. Das Kirchen- und Religionsmonopol in Sachen Glauben ist in Auflösung. Die Definitionshoheit entgleitet denjenigen, die die bisherige Definitionshoheit hatten.
Wie früher in den Katakomben, treffen sich gläubige Menschen heute im weltweiten Netz, diskutieren, tauschen sich aus, bilden moderne Hausgemeinschaften. Sie sind damit Jesus und seinem Verständnis von Glauben, Glaubensvermittlung und Glaubenserfahrung wesentlich näher als jede von Jesu Lehre entfremdete Kirchen-Herr-Schaft.
Lieber Luther, eigentlich waren das nur klärende Vorüberlegungen, die mir so durch den Kopf gingen, bevor ich mich meinem eigentlichen Anliegen zuwende. Am Ende seines Buches berichtet Ehrman von den unterschiedlichen Reaktionen seiner Studenten auf das wissenschaftlich kaum Übersehbare. Er stellt ihnen in der Regel am Ende seines Seminars eine Aufgabe, der ich mich auch stellen will. Sie sollen auf zwei Seiten eine Antwort finden auf folgende Aufgabe:
„Sie sprechen mit jemandem über den Glauben, und wie es so geht, kommt ihre Gesprächspartnerin irgendwann zur Sache. ‚Hör zu,‘ sagt sie, ‚das Neue Testament ist voller Widersprüche; wir sind nicht in der Lage zu sagen, was der Mensch Jesus tatsächlich getan hat; der Apostel Paulus hat Jesu einfache Predigt vom kommenden Reich in ein kompliziertes theologisches System von Sünde, Gericht und Erlösung verwandelt, und die meisten Verfasser des Neuen Testaments glaubten wirklich daran, dass das Ende zu ihren eigenen Lebzeiten kommen würde. Dieses Buch ist frauenfeindlich, antisemitisch und homophob, und es ist dazu benutzt worden, mit der Zeit alle möglichen Sorten grauenhafter Unterdrückung zu rechtfertigen – man braucht sich nur die Fernseh-Evangelisten anhören. Es ist ein gefährliches Buch! Wie lautet Ihre Antwort?‘ (Ehrman, S. 310 f.).Ja, lieber Luther, wie lautet die Antwort? Meine Antwort kommt in meinem nächsten Brief…
Herzliche Grüße
Deborrah
Sonntag, 6. September 2015
Schweigen
Lieber Luther,
der entscheidende Satz im heutigen Predigttext fehlt, wurde fälschlicherweise abgeschnitten:
Jesus macht nicht viele Worte. Erstaunlicherweise sagt er: Zeigt euch den Priestern! Wie? Was hat das mit den Priestern zu tun? Von Jesus wird die Heilung erwartet? Obwohl ihnen die Anweisung wohl seltsam erschienen sein mag, machen sie sich auf den Weg und während sie gehen, werden sie rein.
Man sieht schon, wie sich diverse Stirne in Falten legen. Wieder so eine Wundergeschichte über Jesus... Wer soll das glauben? Ist das aber wirklich eine Wundergeschichte? Oder schaut man da nur an die Oberfläche, auf die Haut der Kranken, anstatt in ihr Inneres? Ist das nicht eher eine Parabel in der Parabel?
Wieso schickt Jesus die Männer zu den Priestern? Die Priester stehen für die vermeintlich Reinen. Für diejenigen, die sich gerne mit weißer Weste darstellen. Die Aussätzigen stehen für die Verachteten, die Kranken, die Schwachen, diejenigen, die im Dreck liegen, die ihre Unreinheit förmlich auf der Haut tragen. Jeder sieht es, jeder geht ihnen aus dem Weg, sie gehören zu den Randfiguren der Gesellschaft. Priester versus Aussätzige, Rechtschaffenheit gegen kranke Kreatur, vermeintliche Reinheit gegen vermeintliche Unreinheit, Weiß gegen Schwarz, Heilige gegen Sünder, gut gegen schlecht, Privilegien gegen Chancenlosigkeit. Schubladendenken, alles gemessen mit dem Maßstab der Äußerlichkeit. Es ist ein subjektiver Maßstab, der gern als objektiv verkauft wird, aufgestellt von den Herrschenden und gemäß der durchgesetzten Regeln.
Der Spannungsbogen ist geschlagen und offensichtlich, der Leser gespannt, was wohl passieren wird. Die Männer gehen los. Wie werden wohl die feinen Herren von der Priesterschaft reagieren, wenn sie plötzlich mit diesen auf wundersame Weise geheilten Outlaws konfrontiert werden? Man erwartet dass die Priester das Heilsgeschehen erkennen, Dankeshymnen anstimmen, Dankopfer darbringen, … schließlich ist etwas Wunderbares geschehen. Dass sie neugierig sind, nachfragen. Und dann das Überraschende: Es passiert anscheinend nichts, nichts Erwähnenswertes. Schweigen.
Schweigen. Das Schweigen ist das Lauteste in der Geschichte. Das Heilsgeschehen, das unmittelbare Wirken Gottes, wird nicht gewürdigt, sondern mit eisigem Schweigen quittiert. Bis auf eine Ausnahme (Lk 17, 15-19):
Die Enttäuschung Jesu ist fast mit Händen zu greifen. Wie die Stille nach einer großen Explosion. Nachhallende Stille. Zehn Menschen hat Gott die Gnade seiner Fülle erwiesen. Nur einer erkennt es und dankt. Wo sind die neun anderen, und unausgesprochen noch viel drängender: Wo sind die Priester? Null Reaktion. Keine Einsicht. Keine Nachfragen. Kein Dankeswort. Kein Lobpreis an Gott. Schweigen, das weh tut.
Hat sich sonst keiner gefunden, der umkehrt und Gott die Ehre erweist? fragt Jesus fassungslos. Ihr habt nach Gott geschrien. Gott hat gewirkt. Hat keiner das innere Bedürfnis, Gott dafür zu danken? Ihr schreit, Gott, hab Erbarmen. Im Fordern seid ihr gut. Und wenn Gott sein Erbarmen erweist, schweigt ihr, nehmt es als selbstverständlich, schaut betreten weg, verneint es, nennt es Zufall. Ihr meint nicht Gott, ihr meint euch selbst, wenn ihr nach Gott schreit. Ihr seid euer eigener Gott, euer eigener Leitstern. Oder, nach Mt 23, 28:
Es geht in der Geschichte ganz und gar nicht um die wundersame Heilung einer Hautkrankheit, um reine Haut, es geht um innere Reinheit, um innere Ehrlichkeit vor Gott, um die Wahrhaftigkeit gegenüber Gott. Es geht um die Übereinstimmung von äußerer und innerer Reinheit, von äußerem und innerem Sein vor Gott. Ohne innere Aufrichtigkeit vor Gott, hilft alle äußerlicher reiner Schein nichts.
Jesus muss gedacht haben: Welche Zeichen müssen eigentlich noch passieren, um sie zur Umkehr zu bewegen? Die äußeren Zeichen der göttlichen Gegenwart werden nicht gewirkt, um der Zeichen willen, sondern um die innere Erkenntnis zu wecken, dass Gott gegenwärtig ist, hilft und heilt. Um zur Umkehr zu bewegen.
Wer aber mit Ohrstöpseln durch das Leben geht, in Abwehrhaltung, hört nicht Jesu Wort: Dein Glaube hat dich geheilt. Er erkennt Gottes Reich in sich nicht, erkennt nicht, wie reich er mit Gott in sich ist. Er hört nicht, wie Jeus sagt: Stehe auf und gehe hin. Dein Glaube hat dich gerettet. Dein Vertrauen, dass Gott in, mit und an dir wirkt. Gott heilt diejenigen, die sich innerlich heilen lassen. Diejenigen, die die Erkenntnis und das Wirken von Gottes Gegenwart im Jetzt zulassen.
Es sind nicht viele, auf die das zutrifft, lieber Luther. Auch das sagt diese Geschichte. Die überwiegende Mehrheit schaut weg, schweigt, ordnet nicht Gott zu, was Gott zuzuordnen ist. Mensch schreit: Gott, hab Erbarmen, wenn es ihm schlecht geht, er krank oder verzweifelt ist, wenn das Leben nicht so läuft, wie er es gern hätte. Sobald es aber körperlich und psychisch wieder geht, hat Gott ausgedient, geht es wieder weiter ohne Gott.
Was passiert, lieber Luther, so fragt man sich, mit den Neunen, mit den Priestern, den Schweigenden, den innerlich Tauben, die nur Gottes Gnade für sich reklamieren, wenn sie aber geschieht, sie nicht erkennen, sie im Gegenteil auf Abstand gehen, nicht danken, wenn es Zeit wäre, zu danken?
Jesus sagt: Dein Glaube hat die gerettet. Er sagt nicht, die Heilung deiner physischen Krankheit hat dich gerettet. Die inwendige Rettung, von der Jesus spricht, ist eine Rettung, die in die Ewigkeit fortdauert. Das wird, lieber Luther, gern verwechselt, mit Kurzzeitbrille gesehen. Wir lesen Heilung und meinen körperliches Wohlergehen. Das ist eine Rettung, die Jesus nicht meint. Das sollten wir bedenken, wenn wir in der Not Gott um Erbarmen anschreien. Der Glaube allein bringt die Rettung, die innere und äußere Wahrhaftigkeit vor Gott, nicht die Heilung unseres Körpers. Werden wir eine ehrliche Haut vor Gott, um unsere Haut zu retten. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
der entscheidende Satz im heutigen Predigttext fehlt, wurde fälschlicherweise abgeschnitten:
Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch (Lk 17, 20-21).Was hat sich zugetragen (Lk 17, 12-14)? Jesus ist ein Wanderprediger mit Charisma, dem der Ruf eines Heilers voraneilt. Zehn Menschen mit äußerlichem Gebrechen, einer Hautkrankheit, sehen ihn von weitem kommen und rufen: Meister Jesus, habe Erbarmen mit uns. Sie denken an ihre Krankheit und erwarten von ihm, dass er sie davon heilt. Man kann es ja versuchen.
Jesus macht nicht viele Worte. Erstaunlicherweise sagt er: Zeigt euch den Priestern! Wie? Was hat das mit den Priestern zu tun? Von Jesus wird die Heilung erwartet? Obwohl ihnen die Anweisung wohl seltsam erschienen sein mag, machen sie sich auf den Weg und während sie gehen, werden sie rein.
Man sieht schon, wie sich diverse Stirne in Falten legen. Wieder so eine Wundergeschichte über Jesus... Wer soll das glauben? Ist das aber wirklich eine Wundergeschichte? Oder schaut man da nur an die Oberfläche, auf die Haut der Kranken, anstatt in ihr Inneres? Ist das nicht eher eine Parabel in der Parabel?
Wieso schickt Jesus die Männer zu den Priestern? Die Priester stehen für die vermeintlich Reinen. Für diejenigen, die sich gerne mit weißer Weste darstellen. Die Aussätzigen stehen für die Verachteten, die Kranken, die Schwachen, diejenigen, die im Dreck liegen, die ihre Unreinheit förmlich auf der Haut tragen. Jeder sieht es, jeder geht ihnen aus dem Weg, sie gehören zu den Randfiguren der Gesellschaft. Priester versus Aussätzige, Rechtschaffenheit gegen kranke Kreatur, vermeintliche Reinheit gegen vermeintliche Unreinheit, Weiß gegen Schwarz, Heilige gegen Sünder, gut gegen schlecht, Privilegien gegen Chancenlosigkeit. Schubladendenken, alles gemessen mit dem Maßstab der Äußerlichkeit. Es ist ein subjektiver Maßstab, der gern als objektiv verkauft wird, aufgestellt von den Herrschenden und gemäß der durchgesetzten Regeln.
Der Spannungsbogen ist geschlagen und offensichtlich, der Leser gespannt, was wohl passieren wird. Die Männer gehen los. Wie werden wohl die feinen Herren von der Priesterschaft reagieren, wenn sie plötzlich mit diesen auf wundersame Weise geheilten Outlaws konfrontiert werden? Man erwartet dass die Priester das Heilsgeschehen erkennen, Dankeshymnen anstimmen, Dankopfer darbringen, … schließlich ist etwas Wunderbares geschehen. Dass sie neugierig sind, nachfragen. Und dann das Überraschende: Es passiert anscheinend nichts, nichts Erwähnenswertes. Schweigen.
Schweigen. Das Schweigen ist das Lauteste in der Geschichte. Das Heilsgeschehen, das unmittelbare Wirken Gottes, wird nicht gewürdigt, sondern mit eisigem Schweigen quittiert. Bis auf eine Ausnahme (Lk 17, 15-19):
Einer aber unter ihnen, da er sah, dass er geheilt war, kehrte um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel auf sein Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind ihrer nicht die Zehn gereinigt geworden? Wo sind aber die Neun? Haben sich sonst keine gefunden, der zurückkehrten und Gott Ehre zu geben, außer diesem Fremdling? Und er sprach zu ihm: Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dich gerettet.Nur ein einziger, der sieht und erkennt, was eigentlich passiert, worin das eigentliche Heilsgeschehen liegt. Ein „Fremdling“ erkennt es, einer, der eigentlich nicht zum vermeintlich erlauchten Kreis der Eingeweihten und Geweihten gehört, einer dem nicht die Kompetenz hierfür zugesprochen wird, ein vermeintlich Ungläubiger, einer der Ausgegrenzten. Er sieht mit dem inneren Auge das göttliche Geschehen, kehrt um und dankt aus vollem Herzen. Die anderen Neun und die Priester schweigen.
Die Enttäuschung Jesu ist fast mit Händen zu greifen. Wie die Stille nach einer großen Explosion. Nachhallende Stille. Zehn Menschen hat Gott die Gnade seiner Fülle erwiesen. Nur einer erkennt es und dankt. Wo sind die neun anderen, und unausgesprochen noch viel drängender: Wo sind die Priester? Null Reaktion. Keine Einsicht. Keine Nachfragen. Kein Dankeswort. Kein Lobpreis an Gott. Schweigen, das weh tut.
Hat sich sonst keiner gefunden, der umkehrt und Gott die Ehre erweist? fragt Jesus fassungslos. Ihr habt nach Gott geschrien. Gott hat gewirkt. Hat keiner das innere Bedürfnis, Gott dafür zu danken? Ihr schreit, Gott, hab Erbarmen. Im Fordern seid ihr gut. Und wenn Gott sein Erbarmen erweist, schweigt ihr, nehmt es als selbstverständlich, schaut betreten weg, verneint es, nennt es Zufall. Ihr meint nicht Gott, ihr meint euch selbst, wenn ihr nach Gott schreit. Ihr seid euer eigener Gott, euer eigener Leitstern. Oder, nach Mt 23, 28:
Von außen erscheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.Wie stellt ihr euch eigentlich vor, dass Gott wirkt? Habt ihr überhaupt eine Vorstellung? Wie ein Zauberer mit Hokuspokus? Wir nennen ihm unseren Wunsch und er tut ihn?
Es geht in der Geschichte ganz und gar nicht um die wundersame Heilung einer Hautkrankheit, um reine Haut, es geht um innere Reinheit, um innere Ehrlichkeit vor Gott, um die Wahrhaftigkeit gegenüber Gott. Es geht um die Übereinstimmung von äußerer und innerer Reinheit, von äußerem und innerem Sein vor Gott. Ohne innere Aufrichtigkeit vor Gott, hilft alle äußerlicher reiner Schein nichts.
Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch.Die Neun, die nicht umgekehrt sind, nicht gedankt haben, einfach weiter gemacht haben wie bisher, haben den göttlichen Funken in sich nicht gesehen. Die innere Einsicht hat gefehlt. Auch die Priester waren nur qua Amt rein, ohne innere Wahrhaftigkeit. Aussätzige und Priester hatten die gleiche innere Armut, darin waren sie sich – trotz aller äußeren Klassengegensätze – gleich. Das wollte Jesus vor Augen führen. Es ist nicht der äußere Schein, der zählt, egal wie unterschiedlich die Lebensumstände auch sein mögen. Egal ob Aussätziger oder Priester. Vor Gott ist das unerheblich. Was zählt ist nur die Wahrhaftigkeit oder Unwahrhaftigkeit vor Gott im Äußeren und Inneren.
Jesus muss gedacht haben: Welche Zeichen müssen eigentlich noch passieren, um sie zur Umkehr zu bewegen? Die äußeren Zeichen der göttlichen Gegenwart werden nicht gewirkt, um der Zeichen willen, sondern um die innere Erkenntnis zu wecken, dass Gott gegenwärtig ist, hilft und heilt. Um zur Umkehr zu bewegen.
Wer aber mit Ohrstöpseln durch das Leben geht, in Abwehrhaltung, hört nicht Jesu Wort: Dein Glaube hat dich geheilt. Er erkennt Gottes Reich in sich nicht, erkennt nicht, wie reich er mit Gott in sich ist. Er hört nicht, wie Jeus sagt: Stehe auf und gehe hin. Dein Glaube hat dich gerettet. Dein Vertrauen, dass Gott in, mit und an dir wirkt. Gott heilt diejenigen, die sich innerlich heilen lassen. Diejenigen, die die Erkenntnis und das Wirken von Gottes Gegenwart im Jetzt zulassen.
Es sind nicht viele, auf die das zutrifft, lieber Luther. Auch das sagt diese Geschichte. Die überwiegende Mehrheit schaut weg, schweigt, ordnet nicht Gott zu, was Gott zuzuordnen ist. Mensch schreit: Gott, hab Erbarmen, wenn es ihm schlecht geht, er krank oder verzweifelt ist, wenn das Leben nicht so läuft, wie er es gern hätte. Sobald es aber körperlich und psychisch wieder geht, hat Gott ausgedient, geht es wieder weiter ohne Gott.
Was passiert, lieber Luther, so fragt man sich, mit den Neunen, mit den Priestern, den Schweigenden, den innerlich Tauben, die nur Gottes Gnade für sich reklamieren, wenn sie aber geschieht, sie nicht erkennen, sie im Gegenteil auf Abstand gehen, nicht danken, wenn es Zeit wäre, zu danken?
Jesus sagt: Dein Glaube hat die gerettet. Er sagt nicht, die Heilung deiner physischen Krankheit hat dich gerettet. Die inwendige Rettung, von der Jesus spricht, ist eine Rettung, die in die Ewigkeit fortdauert. Das wird, lieber Luther, gern verwechselt, mit Kurzzeitbrille gesehen. Wir lesen Heilung und meinen körperliches Wohlergehen. Das ist eine Rettung, die Jesus nicht meint. Das sollten wir bedenken, wenn wir in der Not Gott um Erbarmen anschreien. Der Glaube allein bringt die Rettung, die innere und äußere Wahrhaftigkeit vor Gott, nicht die Heilung unseres Körpers. Werden wir eine ehrliche Haut vor Gott, um unsere Haut zu retten. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
Sonntag, 30. August 2015
Fremdenhass und Nächstenliebe
Lieber Luther,
fast jeder kennt die Geschichte, um die es im heutigen Predigttext (Lk 10, 25-37) geht: Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Es geht um Menschen, die die Straßenseite wechseln, anstatt dem Bedürftigen zu helfen, und um andere Menschen, die ihren geschäftigen Alltag zurückstellen, einen Umweg machen, um zu helfen, Geld in die Hand nehmen. Die Geschichte ist brandaktuell, angesichts brennender Asylbewerberheime, toter Menschen in Transportern und untergegangener Seelenverkäufer im Mittelmeer. Welche Rolle spielen wir? Ja, du! Jeder einzelne ist gefragt.
Was ist bei dieser Geschichte eigentlich das Thema? Der Eingangsdisput zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten dreht sich um eine zentrale Frage des Glaubens: Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Es geht um das Leben eines jeden, um das Leben, auch über den physischen Tod hinaus. Ewigkeit ist eine Kategorie, die sperrig ist. Was ist Ewigkeit, was bedeutet sie für uns? Hat sie überhaupt eine Bedeutung? Kann ich etwas dazu tun? Oder bin ich nur ein Sandkorn, das in Gottes Wind treibt, losgelöst von jeglichem Können und Tun auf Gottes Ewigkeit hin?
Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Jesus antwortet dem Schriftgelehrten mit einer Gegenfrage: Was steht im Gesetz? Um gleich hinterherzuschieben: Wie liest du? Wie erfasse ich Gottes Wort, wie nehme ich auf, was geschrieben steht? Was lese ich? Was verstehe ich? Welche Schlussfolgerungen ziehe ich daraus?
Der Schriftgelehrte antwortet prompt:
Dieser Satz steht schon bei Mose und an vielen anderen Stellen des Alten Testaments (z.B. 5.Mose 6,5; 2.Chr 15, 12). Du hast wohlgeredet, sagt Jesus. Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele, mit allen Kräften, die du hast. Diene zuallererst Gott.
Aber, dem Schriftgelehrten geht es nicht darum, Gott zu dienen, sondern Jesus herauszufordern, ihm etwas Falsches zu entlocken, es geht ihm um die Theorie, darum, Jesus – den ungebildeten Mann vom Land – bloßzustellen, um sich, den theologisch Ausgebildeten, über Jesus zu stellen. Es geht ihm um Rechthaberei. Und so fragt er Jesus, wer ist mein Nächster? Er fragt nicht, was ist Nächstliebe? Er fragt nicht, was kann ich tun? Er lenkt von sich selbst ab auf den Nächsten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich.
Worin das Gebot der Nächstenliebe besteht, ist in 3.Mose 19 ausführlichst beschrieben. Wer den Kanon in 3.Mose 19 liest, ihn in das Heute transformiert, begreift: So heiligen können wir unser tägliches Leben gar nicht, wie dort beschrieben ist. Das überfordert mich, dich, viele von uns. Da steht etwa in 3.Mose 19, 33:
Zulassen, dass Flüchtlingsunterkünfte angezündet werden, dass Menschen elendig zugrunde gehen an anderen Menschen, zuzusehen, nichts zu tun, den Mund zu halten, wegzusehen, ist keine Nächstenliebe, da spielt ihr euch als Herren auf, nicht als Brüder. Ziemlich viele unter uns, auch diejenigen, die sich Christen und gläubig nennen, dürfen sich hier angesprochen fühlen. Wer den Mund hält und sich nicht auflehnt gegen den Fremdenhass, wechselt die Straßenseite, wie der Priester und der Levit in der Geschichte. Er tut so, als ob ihn das Ganze nichts anginge.
Was ist der Unterschied zwischen Priester und Samariter? Dem Samariter, dem scheinbar Ungläubigen, drehen sich beim Anblick des Menschen im Elend die Eingeweide um, so bewegt ihn der Anblick in Herz und Seele. Er ist in Herz und Seele ganz Mitleid und voller Erbarmen für diesen verwundeten Menschen. Er kann gar nicht anders als diesem Menschen zur Hilfe eilen. Priester und Levit sind dagegen innerlich unbeteiligt. Es drängt sie nicht, dem bedrängten Menschen zu helfen.
Im Samariter ist Jesus beschrieben: Und da er das Volk sah, jammerte es ihn (z.B. Mt 9, 36; 14,14). Als Jesus die Trauer der Menschen um Lazarus sah, drehte es ihm den Magen um. Jesus hat Mitleid mit dem Menschen im Leid, er leidet mit, er salbt den Verletzten und verbindet seine Wunden.
Unwillkürlich muss man an Psalm 23 denken: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich mich nicht, den du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich; du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Samariter sein, heißt Hirte sein.
Der Samariter sieht den hilflosen Menschen, er sieht ihn als Mensch und Bruder, er lässt sich von der Hilflosigkeit des Hilfsbedürftigen berühren, ändert bei diesem Anblick seinen Tagesplan und seine Prioritäten: Anstatt um seinen Job, kümmert er sich um den Hilfsbedürftigen. Es gibt für ihn in diesem Augenblick nichts Wichtigeres mehr als diesem Menschen in Not zu helfen.
Jesus sagt, lieber Luther, so gehe hin und handle ebenso! Es ist die innere Einstellung, auf die es ankommt, ob Herz und Seele von Gott ergriffen sind, durch Herz und Seele Gottes Barmherzigkeit durchscheint. Das ist der Unterschied zwischen Priester/Levit und Samariter. Wenn das der Fall ist, kann man an einem Menschen im Elend nicht einfach vorbeigehen, wegsehen, die Straßenseite wechseln, den Mund halten, nichts tun, zusehen, wie er bedrängt und beschimpft, bedroht, eingeschüchtert, seine Unterkunft angezündet wird. Wenn wir unbeteiligt zusehen, nicht handeln, die Hände in den Schoß legen, scheint Gottes Barmherzigkeit nicht aus unseren Herzen und Seelen, sondern sie klingt nur aus unserem Mund, hohl wie beim Schriftgelehrten.
Jesus will mit der Geschichte sagen: Öffnet eure Herzen und Seelen. Gott zu lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele heißt entsprechend zu handeln und Gott nicht nur im Mund zu führen. Du willst das ewige Leben erben? So gehe hin und handle ebenso! Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
fast jeder kennt die Geschichte, um die es im heutigen Predigttext (Lk 10, 25-37) geht: Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Es geht um Menschen, die die Straßenseite wechseln, anstatt dem Bedürftigen zu helfen, und um andere Menschen, die ihren geschäftigen Alltag zurückstellen, einen Umweg machen, um zu helfen, Geld in die Hand nehmen. Die Geschichte ist brandaktuell, angesichts brennender Asylbewerberheime, toter Menschen in Transportern und untergegangener Seelenverkäufer im Mittelmeer. Welche Rolle spielen wir? Ja, du! Jeder einzelne ist gefragt.
Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!
Was ist bei dieser Geschichte eigentlich das Thema? Der Eingangsdisput zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten dreht sich um eine zentrale Frage des Glaubens: Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Es geht um das Leben eines jeden, um das Leben, auch über den physischen Tod hinaus. Ewigkeit ist eine Kategorie, die sperrig ist. Was ist Ewigkeit, was bedeutet sie für uns? Hat sie überhaupt eine Bedeutung? Kann ich etwas dazu tun? Oder bin ich nur ein Sandkorn, das in Gottes Wind treibt, losgelöst von jeglichem Können und Tun auf Gottes Ewigkeit hin?
Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Jesus antwortet dem Schriftgelehrten mit einer Gegenfrage: Was steht im Gesetz? Um gleich hinterherzuschieben: Wie liest du? Wie erfasse ich Gottes Wort, wie nehme ich auf, was geschrieben steht? Was lese ich? Was verstehe ich? Welche Schlussfolgerungen ziehe ich daraus?
Der Schriftgelehrte antwortet prompt:
Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Kräften und mit ganzem Gemüt.
Dieser Satz steht schon bei Mose und an vielen anderen Stellen des Alten Testaments (z.B. 5.Mose 6,5; 2.Chr 15, 12). Du hast wohlgeredet, sagt Jesus. Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele, mit allen Kräften, die du hast. Diene zuallererst Gott.
Aber, dem Schriftgelehrten geht es nicht darum, Gott zu dienen, sondern Jesus herauszufordern, ihm etwas Falsches zu entlocken, es geht ihm um die Theorie, darum, Jesus – den ungebildeten Mann vom Land – bloßzustellen, um sich, den theologisch Ausgebildeten, über Jesus zu stellen. Es geht ihm um Rechthaberei. Und so fragt er Jesus, wer ist mein Nächster? Er fragt nicht, was ist Nächstliebe? Er fragt nicht, was kann ich tun? Er lenkt von sich selbst ab auf den Nächsten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich.
Worin das Gebot der Nächstenliebe besteht, ist in 3.Mose 19 ausführlichst beschrieben. Wer den Kanon in 3.Mose 19 liest, ihn in das Heute transformiert, begreift: So heiligen können wir unser tägliches Leben gar nicht, wie dort beschrieben ist. Das überfordert mich, dich, viele von uns. Da steht etwa in 3.Mose 19, 33:
Wenn ein Fremdling bei dir in eurem Land wohnen wird, den sollt ihr nicht schinden. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und sollst ihn lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR euer Gott.
Zulassen, dass Flüchtlingsunterkünfte angezündet werden, dass Menschen elendig zugrunde gehen an anderen Menschen, zuzusehen, nichts zu tun, den Mund zu halten, wegzusehen, ist keine Nächstenliebe, da spielt ihr euch als Herren auf, nicht als Brüder. Ziemlich viele unter uns, auch diejenigen, die sich Christen und gläubig nennen, dürfen sich hier angesprochen fühlen. Wer den Mund hält und sich nicht auflehnt gegen den Fremdenhass, wechselt die Straßenseite, wie der Priester und der Levit in der Geschichte. Er tut so, als ob ihn das Ganze nichts anginge.
Was ist der Unterschied zwischen Priester und Samariter? Dem Samariter, dem scheinbar Ungläubigen, drehen sich beim Anblick des Menschen im Elend die Eingeweide um, so bewegt ihn der Anblick in Herz und Seele. Er ist in Herz und Seele ganz Mitleid und voller Erbarmen für diesen verwundeten Menschen. Er kann gar nicht anders als diesem Menschen zur Hilfe eilen. Priester und Levit sind dagegen innerlich unbeteiligt. Es drängt sie nicht, dem bedrängten Menschen zu helfen.
Im Samariter ist Jesus beschrieben: Und da er das Volk sah, jammerte es ihn (z.B. Mt 9, 36; 14,14). Als Jesus die Trauer der Menschen um Lazarus sah, drehte es ihm den Magen um. Jesus hat Mitleid mit dem Menschen im Leid, er leidet mit, er salbt den Verletzten und verbindet seine Wunden.
Unwillkürlich muss man an Psalm 23 denken: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich mich nicht, den du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich; du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Samariter sein, heißt Hirte sein.
Der Samariter sieht den hilflosen Menschen, er sieht ihn als Mensch und Bruder, er lässt sich von der Hilflosigkeit des Hilfsbedürftigen berühren, ändert bei diesem Anblick seinen Tagesplan und seine Prioritäten: Anstatt um seinen Job, kümmert er sich um den Hilfsbedürftigen. Es gibt für ihn in diesem Augenblick nichts Wichtigeres mehr als diesem Menschen in Not zu helfen.
Jesus sagt, lieber Luther, so gehe hin und handle ebenso! Es ist die innere Einstellung, auf die es ankommt, ob Herz und Seele von Gott ergriffen sind, durch Herz und Seele Gottes Barmherzigkeit durchscheint. Das ist der Unterschied zwischen Priester/Levit und Samariter. Wenn das der Fall ist, kann man an einem Menschen im Elend nicht einfach vorbeigehen, wegsehen, die Straßenseite wechseln, den Mund halten, nichts tun, zusehen, wie er bedrängt und beschimpft, bedroht, eingeschüchtert, seine Unterkunft angezündet wird. Wenn wir unbeteiligt zusehen, nicht handeln, die Hände in den Schoß legen, scheint Gottes Barmherzigkeit nicht aus unseren Herzen und Seelen, sondern sie klingt nur aus unserem Mund, hohl wie beim Schriftgelehrten.
Jesus will mit der Geschichte sagen: Öffnet eure Herzen und Seelen. Gott zu lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele heißt entsprechend zu handeln und Gott nicht nur im Mund zu führen. Du willst das ewige Leben erben? So gehe hin und handle ebenso! Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
Sonntag, 23. August 2015
Hephatha - Tu dich auf
Lieber Luther,
das ist so die Frage: Sind wir in unserer Beziehung zu Gott aktiv gefragt oder reicht es, wenn wir uns passiv von ihm beglücken lassen? Tu dich auf oder werde geöffnet. Das ist die Frage, die der heutige Predigttext (Mk7, 31-37) aufwirft:
Die Übersetzungen sind sich nicht einig: Werde geöffnet oder öffne dich? Wie so oft ist es ein sowohl als auch – und doch alles auch ganz anders.
Jesus seufzt. Warum seufzt er? Er ist schon länger unterwegs, von hier nach dort, um den Menschen Gottes Wort zu vermitteln, überhaupt die Kenntnis von Gott. Es gibt und gab auch schon zu der Zeit die verschiedensten Gottes- und Götterlehren. Wie den Menschen vermitteln, dass der Gott, von dem er erzählt, der EINE Gott ist? Dass seine Lehre die Lehre ist, der sie nachfolgen sollten? Für Jesus stellte sich die Frage genauso, wie sie sich denjenigen heute stellt, die Gottes Wort predigen.
Zunächst ist das eine Frage des Wissens. Wer noch nie etwas von dem EINEN Gott gehört hat, wie soll er ihm nachfolgen, wie seine Stimme hören, wie von ihm predigen, wie von ihm zeugen? Nur wenn man von ihm erzählt, öffnet man die Ohren für diesen EINEN Gott, ermuntert man, es mit ihm zu versuchen, macht man neugierig auf ihn. Wenn man ihn erfahren hat, löst das die Zunge, hat man das Bedürfnis, von seinen Erfahrungen mit Gott zu erzählen, sie weiterzutragen, andere zu ermuntern, sich für ihn zu öffnen. Zu sagen: Er ist mein Heil, er ist meine Heilung, er ist der Arzt, den ich brauche.
Jesus seufzt, weil die Menschen nur auf seine Zeichen schauen. Er seufzt, weil die Menschen ihren Blick auf die Zeichen richten, aber lauter Analphabeten sind, die sie nicht lesen können. Die Botschaft ist:
Indem Jesus sein Augenmerk weg von sich selbst, von der Erwartungshaltung, die auf ihn gerichtet ist, hin zu Gott richtet, ihn um Hilfe bittet: Tu dich auf! wird ihm Gottes Hilfe zuteil, so dass er heilend wirken kann. Jesus lebt vor, wie es geht. Er seufzt, weil wir nur auf das Ergebnis stieren, seine Zeichen erwarten, sie bis heute diskutieren: Ist das möglich oder sind das alles Döntjes, die da erzählt werden? Jesus seufzt, weil wir bis heute nicht begriffen haben, um was es in seiner Botschaft geht, weil wir passiv sind, eine Erwartungshaltung haben, die nicht auf Gott, sondern auf uns selbst, auf unser maximales Wohlergehen gerichtet ist. Wir maximieren unsere Erwartungshaltung auf Gott hin, und Minimieren sie, was uns selbst angeht. Was erwarten wir eigentlich von ihm? Worin besteht unsere Heilserwartung? Dass er der Retter, der Deus ex Machina, in all unseren irdischen Belangen ist? Auf unsere Wohlfahrt gerichtet? Dass er alles heilt, was Mensch, wo immer er lebt, welchem Glauben oder Nichtglauben er auch anhängt, verbockt? Gott ist kein Zauberer, der wohlfeil herbeizaubert, was wir gern hätten.
Jesus seufzt, weil wir es ihm nicht gleichtun, weil wir nicht das Wie von ihm lernen: das Wie des Glaubens, das Wie des Vertrauens, das Wie des Betens, das Wie des sich Zurückstellens, das Wie des Lebens in Gottes Gegenwart, das Wie des kompromisslosen sich in seinen Dienst stellens.
Jesus geht es nicht um die Zeichen, nicht um das physische Heilen. Jesus geht es um das seelische Heilen, das Heil-Werden im Glauben und Vertrauen an Gott. Wenn es in der Geschichte heißt: Seine Ohren wurden aufgetan und sein Zunge gelöst, meint das: Der Mensch vernimmt plötzlich Gottes Wort, er hat es vorher nicht gehört. Wenn es heißt, seine Zunge wurde gelöst und er redete recht, dann meint das, er hat Gottes Gegenwart erfahren und erzählt es jedem, der es hören will. Wer Gottes Gegenwart erfährt, seine heilende Wirkung, redet richtig von und vor Gott. Er kann gar nicht anders, da Gott in ihm wirkt.
Und, lieber Luther, Jesus war ein guter Psychologe: Je mehr er den Menschen verbot, vom offensichtlich heilenden Wirken Gottes zu erzählen, desto mehr machten sie es „über alle Maßen“ bekannt. Nichts verbreitet sich im Alltag schneller als das, was geheim bleiben soll. Klatsch und Tratsch sind bis heute die sichersten Kommunikationsmittel, wenn man etwas an den Menschen bringen will. Das, was daran zugedichtet ist, muss man wieder abziehen, aber der Kern der Botschaft bleibt:
Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
das ist so die Frage: Sind wir in unserer Beziehung zu Gott aktiv gefragt oder reicht es, wenn wir uns passiv von ihm beglücken lassen? Tu dich auf oder werde geöffnet. Das ist die Frage, die der heutige Predigttext (Mk7, 31-37) aufwirft:
Und da er wieder ausging aus der Gegend von Tyrus und Sidon, kam er an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen Tauben, der stumm war, und sie baten ihn, dass er die Hand auf ihn legte. Und er nahm ihn von dem Volk besonders und legte ihm die Finger in die Ohren und spützte und rührte seine Zunge und sah auf gen Himmel, seufzte und sprach zu ihm: Hephatha! das ist: Tu dich auf! Und alsbald taten sich seine Ohren auf, und das Band seiner Zunge war los, und er redete recht. Und er verbot ihnen, sie sollten’s niemand sagen. Je mehr er aber verbot, je mehr sie es ausbreiteten. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Die Übersetzungen sind sich nicht einig: Werde geöffnet oder öffne dich? Wie so oft ist es ein sowohl als auch – und doch alles auch ganz anders.
Jesus seufzt. Warum seufzt er? Er ist schon länger unterwegs, von hier nach dort, um den Menschen Gottes Wort zu vermitteln, überhaupt die Kenntnis von Gott. Es gibt und gab auch schon zu der Zeit die verschiedensten Gottes- und Götterlehren. Wie den Menschen vermitteln, dass der Gott, von dem er erzählt, der EINE Gott ist? Dass seine Lehre die Lehre ist, der sie nachfolgen sollten? Für Jesus stellte sich die Frage genauso, wie sie sich denjenigen heute stellt, die Gottes Wort predigen.
Zunächst ist das eine Frage des Wissens. Wer noch nie etwas von dem EINEN Gott gehört hat, wie soll er ihm nachfolgen, wie seine Stimme hören, wie von ihm predigen, wie von ihm zeugen? Nur wenn man von ihm erzählt, öffnet man die Ohren für diesen EINEN Gott, ermuntert man, es mit ihm zu versuchen, macht man neugierig auf ihn. Wenn man ihn erfahren hat, löst das die Zunge, hat man das Bedürfnis, von seinen Erfahrungen mit Gott zu erzählen, sie weiterzutragen, andere zu ermuntern, sich für ihn zu öffnen. Zu sagen: Er ist mein Heil, er ist meine Heilung, er ist der Arzt, den ich brauche.
Jesus seufzt, weil die Menschen nur auf seine Zeichen schauen. Er seufzt, weil die Menschen ihren Blick auf die Zeichen richten, aber lauter Analphabeten sind, die sie nicht lesen können. Die Botschaft ist:
Richtet selbst eure Augen gen Himmel, wendet euch Gott zu, bittet ihn: Hephatha! Tu dich auf Gott, tu den Himmel auf und lass mich deine heilende Hand spüren, hilf mir, mich zu öffnen, dass meine Augen, meine Ohren, all meine Sinne dich erkennen und erfahren.
Indem Jesus sein Augenmerk weg von sich selbst, von der Erwartungshaltung, die auf ihn gerichtet ist, hin zu Gott richtet, ihn um Hilfe bittet: Tu dich auf! wird ihm Gottes Hilfe zuteil, so dass er heilend wirken kann. Jesus lebt vor, wie es geht. Er seufzt, weil wir nur auf das Ergebnis stieren, seine Zeichen erwarten, sie bis heute diskutieren: Ist das möglich oder sind das alles Döntjes, die da erzählt werden? Jesus seufzt, weil wir bis heute nicht begriffen haben, um was es in seiner Botschaft geht, weil wir passiv sind, eine Erwartungshaltung haben, die nicht auf Gott, sondern auf uns selbst, auf unser maximales Wohlergehen gerichtet ist. Wir maximieren unsere Erwartungshaltung auf Gott hin, und Minimieren sie, was uns selbst angeht. Was erwarten wir eigentlich von ihm? Worin besteht unsere Heilserwartung? Dass er der Retter, der Deus ex Machina, in all unseren irdischen Belangen ist? Auf unsere Wohlfahrt gerichtet? Dass er alles heilt, was Mensch, wo immer er lebt, welchem Glauben oder Nichtglauben er auch anhängt, verbockt? Gott ist kein Zauberer, der wohlfeil herbeizaubert, was wir gern hätten.
Jesus seufzt, weil wir es ihm nicht gleichtun, weil wir nicht das Wie von ihm lernen: das Wie des Glaubens, das Wie des Vertrauens, das Wie des Betens, das Wie des sich Zurückstellens, das Wie des Lebens in Gottes Gegenwart, das Wie des kompromisslosen sich in seinen Dienst stellens.
Jesus geht es nicht um die Zeichen, nicht um das physische Heilen. Jesus geht es um das seelische Heilen, das Heil-Werden im Glauben und Vertrauen an Gott. Wenn es in der Geschichte heißt: Seine Ohren wurden aufgetan und sein Zunge gelöst, meint das: Der Mensch vernimmt plötzlich Gottes Wort, er hat es vorher nicht gehört. Wenn es heißt, seine Zunge wurde gelöst und er redete recht, dann meint das, er hat Gottes Gegenwart erfahren und erzählt es jedem, der es hören will. Wer Gottes Gegenwart erfährt, seine heilende Wirkung, redet richtig von und vor Gott. Er kann gar nicht anders, da Gott in ihm wirkt.
Und, lieber Luther, Jesus war ein guter Psychologe: Je mehr er den Menschen verbot, vom offensichtlich heilenden Wirken Gottes zu erzählen, desto mehr machten sie es „über alle Maßen“ bekannt. Nichts verbreitet sich im Alltag schneller als das, was geheim bleiben soll. Klatsch und Tratsch sind bis heute die sichersten Kommunikationsmittel, wenn man etwas an den Menschen bringen will. Das, was daran zugedichtet ist, muss man wieder abziehen, aber der Kern der Botschaft bleibt:
Gottes heilende Wirkung kann erfahren werden. Eure Öffnung ist gefragt, damit Gott sich euch eröffnet. Richtet euren Blick auf Gott und bittet ihn: Hephatha! Tu mir die Augen und Ohren auf, öffne meine Sinne und mein Herz für deine heilende Wirkung, damit auch ich heilend wirken kann.
Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
Sonntag, 16. August 2015
Zweiklassengesellschaft
Lieber Luther,
Der
Gedanke, den Jesus im heutigen Predigttext (Lk 18, 9-14) an den Mann / die Frau
bringen will, ist nicht neu.
Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, daß sie fromm wären, und verachteten die andern, ein solch Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst also: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe. Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Der
Gedanke, dass es bei Gott keine Zwei- oder Mehrklassengesellschaft gibt, dass
vor Gott alle gleich sind und die gleichen Rahmenbedingungen haben, ist ein
Gedanke, der mit dem EINEN Gott verknüpft ist, seit es den Gedanken an ihn
gibt.
Ein
gesellschaftliches Oben und Unten gibt es, seit Menschen sich in größeren
sozialen Verbänden organisieren. Die Evangelien sind im Kern eine
Kampfansage gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die Unterdrückung der Kranken,
Schwachen und Armen durch die Mächtigen und Wohlhabenden:
- Gott stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen (Lk 1, 52)
- Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden (Lk 14, 11)
- Der Größte unter euch soll euer Diener sein (Mt 23, 11)
Die
Botschaft ist: Vor Gott gibt es kein Oben und Unten, keine
Zweiklassengesellschaft. Jesus ist im Alten Testament verankert. Auch dort
findet sich dieser Gedanke. Fast wörtlich wie bei Lukas steht es schon bei den
Propheten des Alten Testaments (z.B. Dan 4, 17; Hk 21, 26):
- Denn die sich demütigen, die erhöht er, und wer seine Augen niederschlägt, der wird genesen (Hiob 22, 29)
Dieses
Wort greift Jesus auf. Es ist das Hauptthema seiner Lehre. Er hat an eigenem
Leib erfahren, was es heißt, zu den Niedrigen, zu den Armen, zu den
gesellschaftlich Verachteten zu zählen. Er war es. Die Arrivierten, die Phärisäer
und Schriftgelehrten, machten bei den Herrschenden Stimmung gegen
ihn, hoben Steine auf, bereit, sie auf ihn zu werfen. Lasst euch nicht beirren,
ist Jesu Botschaft. Gott bemisst selbst,
er überlässt das nicht den weltlich Herrschenden. Sein Maß ist ein anderes als
das Ihrige.
Der
Pharisäer im Gleichnis ist selbstgerecht. Er denkt, er sei fromm: Er hält die
von Menschen gesetzten Gesetze, er achtet die Dogmen, wie das Fasten, er
entrichtet seine Steuern, weil es das Recht so will. Er setzt sich selbst zum
Maßstab für andere, setzt sich selbst über die anderen, zeigt mit dem Finger
auf all diejenigen, die nicht so vermeintlich rechtschaffen sind wie er selbst:
Danke Gott, dass ich nicht so bin wie diese Diebe, Bedrücker und Gottlosen.
Danke Gott, dass ich so rechtschaffen bin. Das ist Selbsterhöhung. Jesus sagt
es klar: Deine Selbstgerechtigkeit ist nicht die Gerechtigkeit, die
vor Gott zählt. Vor
Gott gelten Gottes Maßstäbe, nicht deine eigenen. Gott allein kennt diesen
Maßstab. Er ist zu groß für Menschen, um ihn zu fassen.
Was
betet dagegen der so vor Gott abgekanzelte Steuereintreiber? Er weiß, dass er
einen Beruf hat, der nicht angesehen ist, dass er andere bedrückt, vielleicht
sogar die Existenzgrundlage nimmt. Er erfüllt weltliche Gesetze und diese sind
nicht immer gerecht, sogar manchmal höchst ungerecht, sind Ursache für die
ungerechte Zweiklassengesellschaft. Aber es ist sein Beruf, er muss leben und
so verdient er seinen Lebensunterhalt mit diesem Beruf, den alle verachten. Er
übt einen Beruf aus, der ihn selbst auf die unterste soziale Leiter stellt. Wo
aber sind die Alternativen? Er und seine Familie brauchen ein Dach über dem
Kopf und jeden Tag etwas zu essen.
Der
Steuereintreiber ist – im Gegensatz zum Pharisäer – selbstkritisch. Es ist ihm
bewusst, dass er ein fehlbarer Mensch ist, der in dem, was er tut, nicht
gerecht ist. Die Bedrückung, die er selbst ausübt, bedrückt ihn selbst und so
bringt er es vor Gott. Er schlägt nicht gegen die Brust der anderen, wie der
Pharisäer, er schlägt an seine eigene Brust, senkt seinen Blick angesichts
seines Teiles der Schuld als Schuldeneintreiber: Gott, vergib mir, sei mir
Sünder gnädig. Er ist nicht selbstgewiss, sondern demütig.
Jesu
Botschaft ist: Das zählt. Dass du dich vor Gott aus ehrlichem Herzen bekennst.
Dass du dich nicht selbst auf einen selbstgebauten Sockel stellst, für Gott entscheidest,
was sein Recht ist, sondern es Gott überlässt. Nicht wir sind das Mass der
Dinge, sondern Gott.
Lieber
Luther, vor Gott gibt es keine Zweiklassengesellschaft. Was bei uns unten ist,
kann bei Gott oben sein, wer bei uns Prügelknabe ist, kann bei Gott Musterknabe
sein, was bei uns als schöner Schein daherkommt, kann vor Gott nicht bestehen.
Gott vermisst die Welt und ihre Menschen nach seinem Maßstab, nicht nach
unserem. Das gilt auch für diejenigen, die meinen das Auslegungsmonopol für die
Schrift zu haben.
Jesu
Botschaft ist eine Befreiungsbotschaft. Der Glaube an diesen EINEN Gott macht
frei von menschlichen Bedrückungen und Zwängen. Er ermöglicht es, in Frieden
mit einem selbst zu leben, unabhängig davon ob man in dieser Welt in ihrem
Blick im Oben oder Unten, in den Niederungen oder in den Höhen angesiedelt ist.
In der wahren Höhe gibt es nur Gott und der kennt keine
Zweiklassengesellschaft. Amen.
Herzliche
Grüße
Deborrah
Deborrah
Samstag, 8. August 2015
Unfrieden - Jesus weint
Lieber Luther,
der Predigttext für diesen Sonntag (Lk 19, 41-48) macht mich betroffen und ich weiß nicht wirklich wieso. Weil Jesus um uns weint? Weil er mit der Bitte angegangen wird, seine Jünger zu strafen? Zu strafen, weil sie ihm bei seinem Einzug in Jerusalem zujubelten? Zu strafen, weil sie sagen: Gelobt sei, der da kommt In Gottes Namen. Friede sei im Himmel und auf Erden!
Jesus weint um die Fragesteller. Um alle, die nicht im Namen des Herrn zu ihm kommen. Um alle, die nicht erkennen, was den Frieden bringt. Um alle, die nicht erkennen, dass Frieden nicht kommt, solange der Mensch sich auf andere Menschen verlässt. Er weint um diejenigen, die den Frieden unter sich suchen, der Utopie nachrennen, es könne jemals Friede werden unter Menschen ohne Gott, ohne Gottes Frieden. Er weint um die, die nicht erkennen, dass er die Botschaft ist, die Verkörperung dessen, was Frieden bringt. Dass er zu uns kommt, wir selbst, jeder von uns, die Wohnstatt für seinen Frieden IST, er sich uns nähern will, uns im Blick hat, bei uns ist.
Statt den Blick nauf unser Inneres und Äußeres zu richten, richten wir ihn auf den anderen, zeigen mit dem Finger auf ihn: Strafe ihn, er folgt nicht dem, was ich sage, nicht unserer Botschaft, nicht unserer Lehre, nicht unserer Religion, nicht unserer Theologie. Er ist der Grund für den Unfrieden, nicht ich selbst.
Wenn du doch an diesem Tag, zu dieser DEINER Zeit, heute, jetzt, erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! entgegnet Jesus den sich beklagenden Pharisäern und Schriftgelehrten. Was zum Frieden dient, ist nicht in der Vergangenheit zu suchen und nicht in der Zukunft, sondern im Jetzt, zu DEINER Zeit, zu DIESER Zeit. Jesus bringt jedem einzelnen die Möglichkeit des Friedens. Sie will nur ergriffen sein. Wenn du die Augen nicht aufmachst, nicht siehst, worin die Botschaft vom Frieden besteht, sie bei anderen suchst, anstatt bei dir selbst, ist es eine verpasste Chance auf Frieden. Für deinen Frieden bist du alleine verantwortlich, er ist in dir zu suchen, weil Gottes Frieden in dir wohnt, wenn du ihn durchdringen lässt.
Denn: Es werden Feinde, Bedränger, Anfechter, Vertreiber kommen oder sind schon da, die dich umringen, dein Sein umfassen, dich bedrohen, dich zu Fall bringen. Selig ist der Mensch, der weiß an welcher Stelle die Räuber eindringen werden, damit er vorsorgen kann, aufstehen, sich sammeln, sich vorbereiten kann auf den Augenblick, wenn sie vor einem stehen, damit sie keine Chance haben, einen zu überwältigen (NHC II, 2, 103). Wer sich nicht wappnet, ist seinen Bedrängern wehrlos ausgeliefert. Wenn ihr mich, meine Botschaft, mein Wort hört, ihm folgt, seid ihr gewappnet, sagt Jesus. Mehr braucht ihr nicht. Warum seht ihr das nicht? Warum setzt ihr euch freiwillig schutzlos euren Feinden aus? Ich würde euch so gerne schützend umarmen.
Jesus weint um uns, weil wir unserer Blindheit mehr vertrauen als seinem Wort. Seine Liebe, seine Zuwendung nicht annehmen. Er weint, weil unsere Herzen erblindet sind. Öffnet Augen und Herz sagt er: Ich stehe in der Mitte der Welt, erscheine euch in euch. Ihr seid jedoch alle berauscht. Von euch selbst, von den vermeintlichen Reichtümern der Welt, lasst euch kaufen und verführen. Niemand dürstet nach mir. Ich bin klares Wasser, das klare Wasser, das eure Augen zu klären vermag, wenn ihr mich nur an euch heranlassen würdet, wenn ihr zufrieden wärt mit meinem Wasser. Ihr wollt mehr und seid mit weniger zufrieden.
Jesus sagt: Und meine Seele empfindet Schmerz über die Kinder der Menschen, weil sie blind sind in ihrem Herzen und nicht sehen; leer kamen sie in die Welt, suchen in der Welt und werden leer wieder aus der Welt gehen. Sie suchen, aber suchen das Falsche, suchen nicht meinen Frieden, gehen wie berauscht, nicht klarer Sinne, wie nicht zurechnungsfähig durch die Welt. Wenn sie aber ihren Rausch überwunden haben, werden sie umdenken (NHC II, 2, 28).
All der Unfriede geschieht, sagt Jesus, weil ihr die Zeichen, die ich euch gegeben habe, nicht erkennen wollt, weil ihr euer wahres Zuhause nicht erkennen wollt, weil ihr das Wort, das ich zu euch gebracht und ausgelegt habe, nicht hören wollt, weil ihr euer Herz vor mir verschließt, anstatt es mir zu öffnen, weil ich euch zwar suche, aber ihr vor mir das Weite sucht.
Lieber Luther, Jesus weint. Er weint um uns, um den Frieden in uns, auf den wir freiwillig verzichten. Öffnen wir unsere Herzen, wappnen wir uns mit dem Wort, damit in uns Friede werde. Jeder kann diesen Frieden finden, egal wie friedlos diese Welt ist. Der Friede in Gott ist unabhängig von dieser Welt. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
PS: NHC; Ursula Ulrike Kaiser/Hans-Gebhard Bethge (Hrsg): Nag Hammadi Deutsch, Studienausgabe. 3.Aufl, 2013. Die Stellen, auf die Bezug genommen sind, stammen aus dem Thomasevangelium.
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