Lieber Luther

Lieber Luther

Samstag, 8. August 2015

Unfrieden - Jesus weint

Lieber Luther,
der Predigttext für diesen Sonntag (Lk 19, 41-48) macht mich betroffen und ich weiß nicht wirklich wieso. Weil Jesus um uns weint? Weil er mit der Bitte angegangen wird, seine Jünger zu strafen? Zu strafen, weil sie ihm bei seinem Einzug in Jerusalem zujubelten? Zu strafen, weil sie sagen: Gelobt sei, der da kommt In Gottes Namen. Friede sei im Himmel und auf Erden!
Jesus weint um die Fragesteller. Um alle, die nicht im Namen des Herrn zu ihm kommen. Um alle, die nicht erkennen, was den Frieden bringt. Um alle, die nicht erkennen, dass Frieden nicht kommt, solange der Mensch sich auf andere Menschen verlässt. Er weint um diejenigen, die den Frieden unter sich suchen, der Utopie nachrennen, es könne jemals Friede werden unter Menschen ohne Gott, ohne Gottes Frieden.  Er weint um die, die nicht erkennen, dass er die Botschaft ist, die Verkörperung dessen, was Frieden bringt. Dass er zu uns kommt, wir selbst, jeder von uns, die Wohnstatt für seinen Frieden IST, er sich uns nähern will, uns im Blick hat, bei uns ist.
Statt den Blick nauf unser Inneres und Äußeres zu richten, richten wir ihn auf den anderen, zeigen mit dem Finger auf ihn: Strafe ihn, er folgt nicht dem, was ich sage, nicht unserer Botschaft, nicht unserer Lehre, nicht unserer Religion, nicht unserer Theologie. Er ist der Grund für den Unfrieden, nicht ich selbst.
Wenn du doch an diesem Tag, zu dieser DEINER Zeit, heute, jetzt, erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! entgegnet Jesus den sich beklagenden Pharisäern und Schriftgelehrten. Was zum Frieden dient, ist nicht in der Vergangenheit zu suchen und nicht in der Zukunft,  sondern im Jetzt, zu DEINER Zeit, zu DIESER Zeit. Jesus bringt jedem einzelnen die Möglichkeit des Friedens. Sie will nur ergriffen sein. Wenn du die Augen nicht aufmachst, nicht siehst, worin die Botschaft vom Frieden besteht, sie bei anderen suchst, anstatt bei dir selbst, ist es eine verpasste Chance auf Frieden. Für deinen Frieden bist du alleine verantwortlich, er ist in dir zu suchen, weil Gottes Frieden in dir wohnt, wenn du ihn durchdringen lässt.
Denn: Es werden Feinde, Bedränger, Anfechter, Vertreiber kommen oder sind schon da, die dich umringen, dein Sein umfassen, dich bedrohen, dich zu Fall bringen. Selig ist der Mensch, der weiß an welcher Stelle die Räuber eindringen werden, damit er vorsorgen kann, aufstehen, sich sammeln, sich vorbereiten kann auf den Augenblick, wenn sie vor einem stehen, damit sie keine Chance haben, einen zu überwältigen (NHC II, 2, 103). Wer sich nicht wappnet, ist seinen Bedrängern wehrlos ausgeliefert. Wenn ihr mich, meine Botschaft, mein Wort hört, ihm folgt, seid ihr gewappnet, sagt Jesus. Mehr braucht ihr nicht. Warum seht ihr das nicht? Warum setzt ihr euch freiwillig schutzlos euren Feinden aus? Ich würde euch so gerne schützend umarmen.
Jesus weint um uns, weil wir unserer Blindheit mehr vertrauen als seinem Wort. Seine Liebe, seine Zuwendung nicht annehmen. Er weint, weil unsere Herzen erblindet sind.  Öffnet Augen und Herz sagt er: Ich stehe in der Mitte der Welt, erscheine euch in euch. Ihr seid jedoch alle berauscht. Von euch selbst, von den vermeintlichen Reichtümern der Welt, lasst euch kaufen und verführen. Niemand dürstet nach mir. Ich bin klares Wasser, das klare Wasser, das eure Augen zu klären vermag, wenn ihr mich nur an euch heranlassen würdet, wenn ihr zufrieden wärt mit meinem Wasser. Ihr wollt mehr und seid mit weniger zufrieden.
Jesus sagt: Und meine Seele empfindet Schmerz über die Kinder der Menschen, weil sie blind sind in ihrem Herzen und nicht sehen; leer kamen sie in die Welt, suchen in der Welt und werden leer wieder aus der Welt gehen. Sie suchen, aber suchen das Falsche,  suchen nicht meinen Frieden, gehen wie berauscht, nicht klarer Sinne, wie nicht zurechnungsfähig durch die Welt. Wenn sie aber ihren Rausch überwunden haben, werden sie umdenken (NHC II, 2, 28).
All der Unfriede geschieht, sagt Jesus, weil ihr die Zeichen, die ich euch gegeben habe, nicht erkennen wollt, weil ihr euer wahres Zuhause nicht erkennen wollt, weil ihr das Wort, das ich zu euch gebracht und ausgelegt habe, nicht hören wollt, weil ihr euer Herz vor mir verschließt, anstatt es mir zu öffnen,  weil ich euch zwar suche, aber ihr vor mir das Weite sucht.
Lieber Luther, Jesus weint. Er weint um uns, um den Frieden in uns, auf den wir freiwillig verzichten. Öffnen wir unsere Herzen, wappnen wir uns mit dem Wort, damit in uns Friede werde. Jeder kann diesen Frieden finden, egal wie friedlos diese Welt ist. Der Friede in Gott ist unabhängig von dieser Welt. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah
PS: NHC; Ursula Ulrike Kaiser/Hans-Gebhard Bethge (Hrsg): Nag Hammadi Deutsch, Studienausgabe. 3.Aufl, 2013. Die Stellen, auf die Bezug genommen sind, stammen aus dem Thomasevangelium.

Sonntag, 12. Juli 2015

In Gottes Namen

Lieber Luther,
gehet hin und lehret alle Völker und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, heißt es im heutigen Predigttext (Mt 16-20). Das ist die Kernaufgabe, die Jesus seinen Predigern aufgetragen hat. Tauft auf den NAMEN des Vaters, den NAMEN des Sohnes, den NAMEN des Heiligen Geistes. LEHRT HALTEN, alles, was ich euch gelehrt habe.
Tauft auf den NAMEN der göttlichen Einheit zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Lehrt sie halten das WORT, das ich euch gelehrt habe. Jesus sagt nicht, tauft sie in meinen Tod, wie Paulus lehrte, er sagt auch nicht, tauft sie zur Buße, wie Johannes, Jesus sagt: Tauft sie im NAMEN der göttlichen Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Tauft und lehrt sie, heißt stellt sie in den NAMEN Gottes, stellt sie in Gott, macht sie zu Schafen seiner Herde, zu Arbeitern in seinem Garten, zu seinem Samen, der Früchte trägt und sich vermehrt. Werdet zu Menschenfischern. Es geht in der gesamten Bibel um nichts anderes, als um den NAMEN Gottes. Ihn zunächst den Menschen überhaupt bekannt zu machen. Das ist eine Aufgabe, an der wir uns bis heute die Zähne ausbeißen. Ohne Gott einen Namen zu geben, kann man nicht über ihn kommunizieren, kann man nichts von ihm wissen, ist er ein Unbekannter. GOTT ist sein Name, aber was IST er? Was will er? Wie müssen wir uns ihn vorstellen? Wie können wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen, wenn wir ratlos sind, was Gott, wer und was der Sohn und was der Heilige Geist ist? Was mit den Menschen, die nicht getauft sind? Was hat das für Konsequenzen? Wann taufen? Das Neugeborene oder den Erwachsenen, der entscheiden kann, ob er das will, wieso auch immer? Was lehren, was predigen, wenn die Erkenntnis schweigt?
Lieber Luther, letzten Sonntag habe ich mit meinem weisen Bruder telefoniert. Er macht sich Gedanken um mich, wegen meines Kirchenaustritts. Er ruft mich regelmäßig an, damit er mit eigenen Ohren nachhören kann, dass es mir nicht entgegen meinen Beteuerungen doch schlecht geht. Dabei ist es ihm wie ein Stoßseufzer entwichen: Du bist ja getauft! Macht das einen Unterschied? habe ich prompt entgegnet, in mir das Bild des 4 Wochen alten Kindes, das am 2. Weihnachtssonntag getauft wurde. Was mit den Massen der Nichtgetauften? Was mit anderen Religionen, die keine Taufe kennen? Ist für sie der EINE Gott, um den es geht, nicht bereit seinen Gnadenschirm über sie aufzuspannen? Zuerst muss getauft sein? Das waren die Menschen des Alten Testamentes auch nicht. Hatten sie einen anderen Gott? Standen sie nicht unter seinem Schirm? Das kann wohl keiner behaupten.
Einen Abraham, einen Jakob, einen Joseph, einen Mose abzuwerten, als vor Gott schlechter gestellt zu betrachten als wir, die priviligierten Getauften, sie als nicht erlöst einzuordnen, weil sie von keinem kirchlich ermächtigten Würdenträger mit H2O betröpfelt sind, ist arrogant, kirchlich theologisch absurd, selbstgefällig und lächerlich. Oder, noch absurder: Ist Erlösung etwa erst seit Jesus möglich und nur für Christen, die das kirchliche Dogma annehmen? Das ist nicht Jesu Lehre. Jesus hätte sich nie gegenüber den Heiligen Männern Gottes, die Gottes Namen erst bekannt gemacht und hochgehalten haben, die für ihn eingestanden sind bis zur Selbstaufgabe, so verfehlt geäußert. Jesus stand in ihrer Reihe. Er wusste, er ist einer dieser Menschen, der wie sie im Auftrag Gottes, im Namen Gottes handeln. Jeder zu seiner Zeit an seinen Platz gestellt. Gottes Name will über die Jahrtausende hochgehalten werden. Menschen sind biologisch zeitlich sehr begrenzt. Auf einen allein kann Gott nicht bauen. Das wusste Jesus besser als jeder andere vor und nach ihm.
Das heißt, das, was von der Taufe gelehrt wird, stimmt nicht. Es stimmt so nicht, wie es gelehrt wird und schon gar nicht, wie es praktiziert wird. Taufe meint etwas anderes, es bedeutet nicht vor einem Taufstein zu stehen, umringt von der fotografierenden Verwandtschaft, der Pfarrer/Priester im Blitzlichtgewitter den Text runterratternd, den manche nach der 500. Taufe noch nicht einmal auswendig zu können scheinen, mit der immer gleichen Zungenrede bekräftigend, wie toll doch der Taufspruch sei. Das tut schon weh. Taufe als Event, bei dem außer formaler Worte aber auch gar keiner das Wort hört, von dem gesprochen wird, geschweige denn versteht oder gar tut. Ein Trauerspiel, eine Tragödie der verpassten Chancen, eine Karikatur der Taufe.
Mit der Taufe an sich, der Geisttaufe, auch mit Jesu Taufe durch Johannes, habe ich mich schon beschäftigt. Was heißt aber, tauft "IM NAMEN" des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes? Sehen wir es ganz im Irdischen verhaftet, dann heißt rechtlich "im Namen" handeln, die Ermächtigung zu haben, im Namen des Ermächtigenden zu handeln. Der Ermächtigende ist in dem Fall Gott selbst, Jesus selbst, der Heilige Geist selbst. Es ist nicht die Kirche und nicht das Amt, das ermächtigt. Das ist eine unangemessene und arrogante Machtanmaßung von Kirche. Nur, wenn die Ermächtigung von Kirche kommt, vom Amt, kann Taufe zu einem Event ausarten, zu reinem Formalismus, zu kirchlicher Folklore, die so üblich ist, oder auch mehr und mehr nicht mehr. Mehr nach Gusto, denn nach Glaube, der bei diesen Anlässen meistens keine größere Rolle spielt. Von der Farce von 99% der Konfirmandentaufen ganz zu schweigen.
Im NAMEN des Vaters taufen heißt, den Geist weitergeben, den der Vater in uns gelegt hat. Das ist nur möglich, wenn man ihn erkennt, erfährt, hört, sieht, schmeckt. Mit Amt und Kirche hat das nichts zu tun. Es hat mit Ermächtigung zu tun, die vom Vater kommt, von Gott selbst, von der Einheit des Willens im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist. Ich als Kind, das in der Nachfolge Jesu in der Sohnschaft nachfolge, und seine direkte Ermächtigung habe, sein Geist in meinem Geist, sein Wille in meinem Willen, seinen Geist und seinen Willen weiterzugeben auf die, die dafür bereit und bereitet sind. Jeder, der die Ermächtigung vom Vater hat, hat den Auftrag Jesu: Geht hin und taufet, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Lehrt sie alles, was ich gelehrt habe, handelt, tauft, lehrt in seinem Namen.
Wahre Taufe geht nur in der Dreiheit der Ermächtigung vom Vater, vom Sohn und in deren Äußerung in mir im Heiligen Geist, der eins ist mit meinem Geist. Sie ist direkte Ermächtigung, nicht von kirchlichen Beamten verliehene Ermächtigung. Taufe ist Geisttaufe, ist Beseeltsein vom Geist Gottes. Wer vom Geist Gottes beseelt ist, ist Teil von Gottes Geist, handelt in seinem Willen und seiner Wahrheit,  ist ermächtigt im Namen des Vaters und des Sohnes zu taufen. Die Taufe im Wasser symbolisiert das Bad im Wort und im Willen Gottes. Derjenige, der sich aus wahrhaftigem Herzen taufen lässt, lässt sich ein in das Bad des Wortes, des Geistes und des Willens Gottes.
Wenn ein Kind getauft wird, ist es das Bekenntnis der Eltern, das Kind im Wort, im Geist und im Willen Gottes baden zu lassen, auf dass das Kind erfahre, was es heißt, im Wort, im Geist und im Willen Gottes zu baden, dass es seinen NAMEN erfahre und Gott in ihm Erkenntnis und offenbar werde. Wenn in dem Kind niemand das Saatkorn zum Wachsen bringt, es unter der Erde vergeht und verschimmelt, ihm niemand von Gott und Jesus erzählt, es sie nicht kennt, hat das Kind keine Chance, war die Taufe nichts als bloße äußere Form ohne Wert und Inhalt, da kann kein Priester, keine Kirche und keine Theologie etwas daran ändern. Nichts als Spektakel.
Wenn der Konfirmand sich taufen lässt, damit er die Kohle von der Verwandtschaft einsacken kann, macht sich das kirchliche Personal, das mitspielt, obwohl es Bescheid weiß, zum Handlanger und Mitkomplizen, verkauft den Heiligen Geist gegen Heilige Moneten und Kirchenmitglieder-Headcount, eine moderne evangelische Form des Ablasses. Mit Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes hat dieses Gebaren nichts zu tun. Hat derjenige, der es tut, eine Ermächtigung von Gott, in seinem Namen seinen Namen zu verkaufen?
Lieber Luther, Taufe und Lehre gehören zusammen. Darum, alle, die ihr ermächtigt seid von Gott und Jesus, geht hin und lehrt sie sein Wort und das Handeln in Wort und Tat in seinem Willen. Tauft sie in ihrem Namen auf diesen Geist. Und wer die Ermächtigung nicht hört, sieht und erkennt, der sollte weder taufen noch in Gottes und Jesu Namen lehren. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 5. Juli 2015

Fischzug

Lieber Luther,
der heutige Predigttext, Lk 5, 1-11, ist wohlbekannt und doch wiederum nicht. Fahrt hinaus in die Höhe und in die Tiefe, damit ihr einen Zug tut und einen Fang macht, ich will euch zu Menschenfischern machen, folgt mir nach. Das ist die zentrale Botschaft Jesu in der Geschichte (vgl auch Mk 1, 17; Mt 4, 19). Etwas genauer steht es bei Johannes (Joh 21, 6): Werft das Netz zur Rechten des Schiffs, so werdet ihr finden.
Wie üblich, wenn Jesus im Dialog mit seinen Anhängern ist, gibt es viel Miss- oder Unverständnis. Jesus spricht von etwas ganz anderem als das, was die Nachfolger verstehen. Sie bewegen sich auf völlig unterschiedlichen Ebenen. Jesus benutzt Bildsprache, um seine Botschaft zu vermitteln, damit jeder, auch der Ungebildetste, verstehen könnte, wenn er will, was er sagt. Die Versammelten sehen jedoch nur das Bild, aber erkennen nicht die Botschaft dahinter. Sehen, dass keine Fische im Fischernetz sind, dann wiederum doch, dass die Boote mit den vielen Fischen überladen sind und sinken, was wiederum jeder versteht, und dass dann Jesus verhindert, dass die überladenen Boote sinken. Glaube es wer da wolle, die Boote mit den Flüchtlingen an Bord sinken auch. Wo ist da Jesus?
Die Geschichte an sich ist, wie in vielen anderen Geschichten auch, über die eigentliche Geschichte hinaus, auf einer Metaebene, eine Lerngeschichte über richtiges Hinhören, über das Wahrnehmen der Botschaft, über die Bereitschaft, sich auf Verantwortung im Sinne Jesu einzulassen, eine Parabel in der Parabel. Man sieht das volle Netz – prima, werfen wir unser Netz auch aus - sieht die vielen Fische bildlich vor Augen, aber überliest und überhört die Voraussetzungen, um das Netz zu füllen und das Boot über Wasser zu halten, mit den Fischen an Bord.
Die Fischer hatten die ganze Nacht nichts gefangen. Was muss sich ändern, damit sie etwas fangen? Das ist die zentrale Frage, die die Geschichte aufwirft und die heute genauso aktuell ist wie vor 2000 Jahren, denn die Netze bleiben zunehmend leer und die Fische, die im Netz sind, fallen wieder durch die Löcher im Netz, da das Netz verwahrlost ist. Das Boot droht, wie das von Simon Petrus, zu sinken, solange die Fischer nur die Fische und den persönlichen Erlös von den gefangenen Fischen, oder die Kosten, sie an Land zu bringen, vor Augen haben. Die Fische an Bord zu haben, reicht nicht aus, ist die Botschaft, das Boot sinkt, trotz oder wegen des großen Fangs, wenn nicht noch etwas dazukommt. Wessen bedarf es noch, um ein erfolgreicher Menschenfischer zu sein, einer wie Jesus? Sagt Jesus nicht: Kommt, und folgt mir nach?
Jesus lehrt das Volk, er predigt. Anschließend sagt er zu Simon Petrus, dem Fischer, auf dessen Boot er war: Fahre auf die Höhe und werft eure Netze aus, dass ihr einen Zug tut. So übersetzt du, lieber Luther. In der Elberfelder steht: Fahre hinaus auf die Tiefe, und lasst eure Netze zu einem Fang hinab (Lk 5, 4). Beide Übersetzungen sind richtig und nur gemeinsam führen sie auf die richtige Spur. Was will Jesus damit sagen?
Er will damit sagen: Ihr müsst euch bewegen, ihr müsst euch in die Höhe bewegen, in die Höhe des Heiligen Geistes, in die Höhe von Gottes Willen, ihr müsst euch selbst von euren materiell bewegten Niederungen erhöhen, damit eure Netze vor Gott nicht leer bleiben. Gott wohnt in der Höhe, dort allein findest du ihn, schau nicht auf den körperlichen Fisch, schau nicht auf die Dollars, die diese Fische bringen oder kosten, schau auf das, was diesen Fischzug ausmacht und ermöglicht, welche Chancen in ihm liegen, wie unterschiedlich das Ergebnis ist, je nachdem, wie du ihn persönlich angehst.
Luther sieht in seiner Übersetzung die Botschaft hinter der Fisch-Tonnage. Dieser Fischzug kann nur gelingen, wenn man seinen Geist sich mit dem Geist aus der Höhe verbinden lässt, wenn die Motivation für den Fischzug eine ist, die aus dem höheren göttlichen Willen geboren ist. Wenn dein Fischzug ein Fischzug ist, der nicht in deinem Willen, sondern im Willen Gottes begründet ist. Deshalb: Fahre auf die Höhe und werfe erst dann, wenn du dort bist, deine Netze aus, sonst wird dein Werk dir nicht gelingen.
Jedoch, Gott ist nicht nur in der Höhe, er ist auch in der Tiefe des Lebens. Jesus selbst steht dafür. Er hat das vorgemacht. Er hat sich selbst aus der Höhe seines göttlichen Vaters in die Tiefe des körperlichen Menschseins begeben. Er weiß, von was er spricht. Die Geschichte sagt: Du, der du aus der Höhe kommst, stelle dich in den Dienst von Jesu Wort, fahre hinaus auf sein Wort, AUF die Tiefe. Versinke nicht in der Tiefe, sondern halte dich oberhalb der Tiefe. Lass die Netze zu einem Fang hinab, setze dich ÜBER die Tiefe und fische in der Tiefe, da wo Trübnis ist, im dunklen Wasser. Vertraue auf Jesu Wort, vertraue auf den Heiligen Geist, der in dir wirkt, so wirst du Menschen finden, die sich aus der Dunkelheit ans Licht ziehen lassen.
Sicher, nicht alles wird gelingen, manchmal reißt das Netz, weil es schlecht gepflegt, verwahrlost ist, und der ein oder andere rutscht durch das Netz und entschwindet wieder in der Dunkelheit, wo er schon fast im Licht, in Gottes Land war. Manche werden willentlich die Dunkelheit vorziehen, weiter im trüben Wasser schwimmen wollen, aber viele kannst du erreichen und deinen Beitrag leisten, dass sie ans sichere Land kommen. Nimm diejenigen, die in deinem Netz sind, als Geschenk. Investiere deine Energie in die, die verbleiben.
Aber gib Acht, dass du nicht übermütig wirst. Solange du nur auf dein Boot vertraust, wird dein Boot sinken, es vermag allein die Last der Fische nicht zu tragen. Menschenlast auf Menschschulter ist zu schwer, Mensch, auf sich alleine gestellt, geht unter mit seiner Last. Allein vermagst du es nicht. Du brauchst andere Menschen, die mit dir am gleichen Strang ziehen, du brauchst Menschen, die sich mit dir auf die Höhe und auf die Tiefe einlassen, Gleichgesinnte, die mit dir auf Gottes Schiff arbeiten. Nicht einmal loszufahren, heißt keinen Fang tun, heißt den Mitmenschen keine Speise bringen, heißt, keiner zu sein, der seinen Teil tut, um in Gottes Erntenetz zu sammeln, heißt, Höhe ohne Tiefe oder Tiefe ohne Höhe. Brotlose Kunst beides gleichermaßen.
Fürchte dich nicht, sagt Jesus. Ich WILL euch zu Menschenfischern machen. So steht es bei Markus und Matthäus. Ich WILL, aber ihr müsst auch wollen, damit es zu dem "WERDE" wird, das bei Lukas steht. Und auch das Wollen reicht nicht aus, es muss auch noch die Tat folgen. Nur schöne Reden schwingen, von der Kanzel oder sonstwo, reicht nicht aus. Man muss auch losgehen, muss handeln, muss sich verändern, muss sich von den Niederungen, den Tiefen, den niedrigen, billigen, vordergründigen, oberflächlichen, ego-getriebenen Wahrnehmungen und Handlungen in eine höhere Wahrnehmungs- und Handlungsebene bewegen wollen und es tun. Sonst bleiben, wie die Geschichte zeigt, die Netze leer.
Ihr versucht, sagt Jesus, in der Dunkelheit zu fischen, einen guten Fang zu machen. Die Anzahl und der Zustand der Fische zwischen heute Nacht und dem heutigen Tag sind unverändert. Und doch ist das Ergebnis völlig unterschiedlich. Ja, ihr ward fleißig, ihr habt die ganze Nacht gearbeitet, aber vergebens, eure Netze bleiben leer. Weil ihr in eurer Dunkelheit und Nacht eure Netze nicht zur rechten, sondern zur falschen Seite auswerft. Ohne mich fangt ihr in eurer Dunkelheit nichts. Erhebt euch aus eurer Nacht. Mit mir im Licht werft ihr eure Netze zur rechten Seite aus, tut ihr einen überreichen Fang und euer Boot geht unter der Last nicht unter.
Aus uns selbst heraus, lieber Luther, vermögen wir nichts. Das sagt die Geschichte. Da verhungern wir entweder, weil wir nichts fangen, das uns nähren könnte, oder die Last ist uns zu schwer, so dass wir mit ihr untergehen. In beiden Fällen scheitern wir, bringen keinerlei Nutzen auf Gottes Acker. Die Geschichte sagt es eindringlich: Erhebt euch zu Gott, auf Jesu Wort hin, dann gelingt euer Werk. Es ist eine Entscheidung zwischen Leben und Sterben, die ihr zu treffen hat. Oder, wie es bei Johannes steht: Werft das Netz zur rechten Seite eures Lebensschiffes, so werdet ihr finden. Zur Rechten sitze ich, sagt Jesus, da werdet ihr im Überfluss leben. Die sinkenden Flüchtlingsschiffe sprechen Bände, auf welcher Seite wir unser Netz auswerfen. Amen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Sonntag, 21. Juni 2015

Glaubt an mein Kreuz

Lieber Luther,
Glaubt an mein Kreuz, sagt Jesus im Jakobusbrief, der in den Texten von Nag Hammadi überliefert ist. Welche Litanei rattert da bei vielen im Kopf herunter? Jesus musste leiden, weil es sein Vater so gewollt hat, für uns, damit er durch sein Leiden und seinen Tod uns von unseren Sünden erlöst. Jesus, der vom Vater für uns geopfert wurde, Jesus, der sich selbst opferte, weil beide uns so lieben, dass ihnen jedes Opfer für unsere Rettung recht ist. Jesus, das Lamm Gottes, das schweigsam und tapfer die Sünden der Welt ans Kreuz trägt. Christus, du (Schlacht)Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarm dich unser. Gott als unbarmherziger Vater, der seinen Sohn opfert, seinen vollkommenen Sohn für die Sünden und Boshaftigkeiten anderer unperfekterer Söhne? Kein Vater handelt so, wieso ausgerechnet Gott, der Inbegriff des Gut.
An sich, lieber Luther, zeigt schon der gesamte Glaubenskontext, der in der Bibel insgesamt, im Ersten Testament aufgeblättert wird, dass das so nicht sein kann. Gott will keine Opfer, schon gar nicht opfert er seinen Sohn. Er opfert nicht eines seiner Kinder. Wie könnte man in einen Vater vertrauen, der vor so etwas nicht zurückschreckt? Wo liegt des Pudels Kern für so eine verdrehte Sichtweise?
Wir gehorchen dir, wenn DU willst, sagt Jakobus, wir haben schon Vater, Mutter, unser Heimatdorf für dich verlassen. Gib uns, dass wir nicht vom Bösen versucht werden. DU Jesus, wenn du willst, folge ich dir nach, verhindere DU, dass das Böse uns etwas anhaben kann. DEIN Wille, DEIN Tun. Mach DU, damit ich fein raus bin.
So geht das nicht, sagt Jesus. Wer mir folgen will, der veleugne sich selbst und nehme sein Kreuz täglich auf sich und folge mir nach (Lk 9, 23; Mt 16, 24). Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein (LK 14,27). Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert (Mt 10, 38). Diese Botschaft ist also: DU Mensch, DU Bruder, musst DEIN Kreuz auf dich nehmen, wie ich MEIN Kreuz auf mich nehme. Zeige, dass du mir tatsächlich im Denken und Tun nachfolgst.
Jesus erklärt im Jakobusbrief (NHC 1,2) näher, was gemeint ist, da weder Jakobus noch Petrus erkannt haben, dass sie selbst einen Beitrag zu leisten haben, um Jesus nachzufolgen, wie auch Jesus seinen ihm zugedachten Beitrag geleistet hat. Wie lernst du, dem Bösen zu widerstehen, wenn du dich ihm nicht stellst, fragt er. Wie willst du deinen Brüdern lehren, das Böse hinter sich zu lassen, wenn du nicht weißt, wie das geht? Du musst es selbst tun, um zu verstehen, was dies heißt, um zu lehren, wie die Abwehr des Bösen geht. Du musst aktiv das Böse lassen und das Gute tun. Ich kann nur zeigen, wie es geht, tun musst du es selbst.
Ihr wollt das Leiden meiden, insbesondere das körperliche, weil ihr Angst vor ihm habt, sagt Jesus. Indem ihr Angst vor ihm habt, gebt ihr eurer Angst Macht über euren Geist. Euch regiert die Angst, und euer Streben, körperliches Leiden zu vermeiden. Das vernebelt euch die Sinne, so dass ihr im Bestreben, eure Haut zu retten, Gott nicht mehr wahrnehmt. Wo ist euer Vertrauen auf ihn? Glaubt ihr, dass er für euch sorgt? Wieso sorgt ihr euch dann? Wollt ihr nicht aufhören, euer Fleisch, euren Körper zu lieben und stattdessen Gott allein? Ihr nennt euch Nachfolger?
Ihr sagt: Sprich ja nicht vom Kreuz und Tod. Beides macht euch Angst. Wieso? Wo ist euer Gottvertrauen? Wo ist euer Glaube?
Was soll euch mein Kreuz sagen? Es soll euch sagen, tragt euer Kreuz, wie ich meines getragen habe. Ich habe mich nicht dem Bösen gebeugt, ich habe mich nicht von meinem Vater trennen lassen, obwohl ich Bösem ausgesetzt war. Ich habe nicht Abbitte geleistet für das, was ich predige, ich bin dazu gestanden. Mein Körper ist eine zeitliche Einrichtung, er wird absterben, mein Geist ist ewig, überlebt nur, wenn ich dem Bösen, dem ich ausgesetzt bin, nicht nachgebe, wenn ich das Böse von mir abscheide.
Mein Geist ist eins mit dem Vater. Das Böse, die Bedrohung meines Körpers, konnte mich nicht von ihm trennen. Der väterliche Geist hat mich durch seine Gegenwart unberührbar gemacht für alle Spielarten des Bösen, dem ich ausgesetzt war, dadurch, dass ich mich nicht von ihm trennen ließ. Ich musste durch diese Versuchung hindurch, wie jeder Mensch zahllose Male durch sie hindurch muss. In welcher Form auch immer er ihr ausgesetzt ist. Jeder hat diesen Teil, auch ich hatte ihn. Ihr jammert schon, bevor ihr der Versuchung im Leiden überhaupt ausgesetzt seid. Zeigt, dass ihr tatsächlich Nachfolger seid.
Ihr nehmt euern Körper zu wichtig. Er ist nur zeitlich, das Leiden, das euch versucht, ist weniger als ein Wimpernschlag, in dem ihr widerstehen müsst. Glaubt an mein Kreuz heißt, seht, mir konnte das Kreuz nichts anhaben. Ich bin durch alles Leid hindurch bei meinem Vater geblieben, habe mich nicht getrennt, habe nicht gehadert, sondern den Tag und die Menschen angenommen, wie sie sind. Ich habe die Irrtümer meiner Brüder als Irrtümer erkannt: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das gilt bis heute.
Seid nicht verblendet wie diejenigen, die meinen Leib getötet haben. Seht den Tod, wie ich ihn gesehen habe, er ist ein rein leibliches Absterben. Er konnte mich nicht schrecken, ich hatte keine Angst vor ihm, da ich weiß, es ist nicht mein körperliches Sein oder Nichtsein, das über mein Leben entscheidet, es ist der Zustand meines Geistes, seine Unschuld, seine Reinheit, seine Wahrheit, sein Einssein mit Gott, meinem Schöpfer und Vater.
Wenn ich geschwiegen habe wie ein Lamm, ist mir das nicht schwer gefallen, ich hätte sonst meine Unschuld verloren, wäre abgerückt vom ewigen Gut, das beim Vater ist. Wieso sollte ich das? Ich hätte mich verkauft an das Böse. Es galt, Gottes Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu verteidigen. Das ist eine Art der Abwehr des Bösen, die nicht angreift, sondern die Wahrheit verteidigt, um jeden Preis. Werdet wie ich Verteidiger der Wahrheit Gottes.
Es ist kein Opfer, das ich gebracht habe. Ich wurde nicht ans Kreuz geschlagen, von meinem Vater bestraft, weil der Mensch irrt. Wieso sollte mich mein Vater für SEINE Schöpfung bestrafen? Mein Vater mag keine Opfer, das wissen wir schon seit Abraham. Warum sollte er dann seinen Sohn opfern? Da stellt man die Wahrheit auf den Kopf. Das Böse kommt von irregeleiteten Menschen, nicht von einem bösartigen Gott, der nicht einmal vor seinem Sohn halt macht. Man kann das menschlich Böse nicht Gott in die Schuhe schieben. Derjenige, der böse denkt und in der Folge böse handelt, verantwortet das ganz allein, er hat sich für das Böse entschieden, nicht für das Gute. Gott ist Vollendung. Vollendung kennt das Böse nicht. Der menschliche Wille denkt das Böse, macht in der Folge das Böse und schreibt dann Gott auch noch das Böse zu. Tappt nicht in die Falle! Erinnert euch an mein Kreuz und meinen Tod und ihr werdet leben, wie ich lebe. Seht euch vor, dass euch euer Geist nicht zum Bösen verführt, ihr der Angst nachgebt, ihr denkt euer Leben zu retten und es doch verliert. Es ist EUER Teil, nicht mein Teil. Der Heilige Geist ist in euch, doch ob ihr ihn wirken lasst, ist eure Entscheidung.
Euch ist ein freier Wille gegeben. Freier Wille heißt, zeigt euch würdig, ein Kind Gottes zu sein, wie ich es getan habe. Macht es besser als ich. Ihr könnt euch dafür entscheiden oder dagegen. Das, was als meine Schwäche angesehen wird, war meine Stärke, meine Entscheidung für die Stärke Gottes, meine Entscheidung gegen das Weichen vor der körperlichen Gewalt der Schwachen. Meine Stärke, meine Entschiedenheit nicht von Gott abzurücken, trotz Leid, ist am Kreuz für alle offenbar geworden. Meine Stärke, die auch eure Stärke werden kann, wenn ihr es zulasst, ist nicht mit körperlicher Stärke zu verwechseln. Es ist geistige Stärke und Unbeugbarkeit, Festigkeit im Geist, ebenbildlich mit dem Heiligen Geist. Ihr mögt das nicht denken, weil es euch etwas abverlangt, es euch Angst macht. Eure Angst hat nur mit euch selbst zu tun, nicht mit Gott, mit der Bildlichkeit die ihr mit Gott verbindet, das Bild, das ihr euch selbst von ihm aufzwingt.
Ihr müsst euren Geist selbst vor solchen Abwegen bewahren, euer Denken gehorcht eurem freien Willen. Der schöpferische Plan meines Vaters hat euch diesen freien Willen gegeben. Deshalb müsst ihr euch bewusst entscheiden, das irrige Denken aufzugeben, ich sei gestorben, damit ihr von aller Sünde befreit seid. Solange ihr das nicht aufgebt, tragt ihr euer Kreuz nicht, sondern leidet unter dem Kreuz, habt ihr euch nicht für meinen Weg, sondern für das leidende Verharren vor meinem Kreuz entschieden. Das bringt euch und die, die ihr anleiten sollt, nicht Gott näher. Tretet ein in die Verantwortung, die euch zugedacht ist, nehmt sie. Wenn ihr diese Verantwortung nicht für euch selbst übernehmt, nicht die richtige eigene willentliche Entscheidung trefft, wie wollt ihr den Willen des Vaters tun, wie wollt ihr nachfolgen? Das ist nicht möglich. Werdet besser als ich, das sollte euer Ansporn sein. Werdet wie ein unschuldiges Kind, das nur dem Heiligen Geist folgt, wahrhaftig, frei von selbst geschaffener Gefangenschaft in eigenen Verstrickungen.
Glaubt meinem Kreuz. Es ist ein Sieg über die Angst. Besiegt die Angst, ihr könnt euer Kreuz nicht tragen, ihr seid überfordert. Alles, was Angst macht, ist menschlich. Ihr denkt Angst, wo keine Angst ist. Ihr macht die Angst selbst, indem ihr Gedankengebäude in eurem Kopf auftürmt, euch Gott vorstellt, wie er nicht ist. Im Göttlichen gibt es keine Angst. Jeder Sieg über die eigene Angst, das eigene Nichtzutrauen, ist ein Sieg der göttlichen Wahrheit in euch über die selbstgemachte Fehlgeleitetheit. Glaubt an mein Kreuz, das Böse konnte mich nicht töten. Besiegt eure Angst, besiegt eure eigene Fehlleitung und ihr werdet sehen, dass es auch euch nicht töten kann. Nehmt euren Anteil, wählt, wie ich, die Befreiung, nicht eure Gefangenschaft im Bösen! Löst eure (Gedanken)Ketten, die ihr euch selbst anlegt.
Lieber Luther, nichts hinzuzufügen.
Herzliche Grüße
Deborrah

Montag, 1. Juni 2015

Ausgetreten!

Es ist getan! Ich war gerade bei unserem örtlichen Standesamt und bin aus der evangelisch-lutherischen Kirche ausgetreten. Es hat nochmals ¼ Jahr gedauert, aber wenn ich dann entschlossen bin, fackele ich nicht mehr lange, sondern mache Nägel mit Köpfen. Es hat mich viel Geduld gekostet, über 1 Stunde (!) Wartezeit, aber meine Entschlossenheit war größer als meine Ungeduld.
Als ich gestern meinem weisen Bruder von meiner Absicht erzählte, hatte er Verständnis. Wirklich überrascht hat ihn das nicht. Er ist ein Fan meiner Lutherbriefe und darin hat es sich schon lange abgezeichnet. Er könnte das auch, hat er gemeint. Wenn er nicht schon ein so hohes Alter hätte und ja, wenn er nicht doch gewisse Einschränkungen seines Standes akzeptieren müsste. Er hat nicht einen Versuch gemacht, mich zum Bleiben zu bewegen.
Ich bin gespannt, was das aus dir macht, hat er gesagt. Es ist, ja es ist ein neuer Lebensabschnitt, der beginnt, ein so ganz anderes Leben, als das, woher du kommst… Du hast dich verändert in den letzten Jahren … Ja, habe ich gesagt, ich brauche keine Kirche mehr, kein Kloster, keine Meditationsmatte. Ich lasse das alles zurück, ohne jegliches Bedauern.
Und wie siehst du dein voriges Leben? Es war notwendig, alle Gipfel und Täler, jede Aussicht, jeder Schritt, aber: Es kommt mir nun ein bisschen vor wie Kindergarten. Ich bin irgendwie etwas euphorisch und weiß nicht wirklich wieso.
Und deine Gregorianik-Workshops? Ja, habe ich geantwortet, da denke ich noch nach, da muss ich schauen, wie es klingt (ganz abgesehen davon, dass ich ein von zwei Organisatoren bin. Wenn ich weggehe, gefährde ich die Workshops.) Es ist nicht wirklich eine Not, das jetzt zu entscheiden. Und wenn es nicht mehr stimmt für mich, bin ich eh nicht aufzuhalten.
Hast du deinen Kirchenschlüssel schon abgegeben? Nein, aber auch das werde ich mit dem Kirchenaustritt erledigen. Keine faulen Kompromisse mehr. Keine Umkehr, alle Türen zu.
Und so ist nun eingetreten, was ich schon im Dezember 2012 geahnt habe:
Wenn du alles getan hast,
was man von dir erwartet hat;
Wenn du sehr viel mehr getan hast,
als man je von dir hätte fordern können,
dann lege den Schlüssel
unter die Matte,
und geh!
Schau nicht zurück.
Geh in Frieden,
lasse los.
Verscheuche allen Groll
aus deinem Herzen.
Erwarte keine Dankeshymnen.
Von niemanden.
Und vergiss nicht:
EINER weiss Bescheid!
(Franz von Sales)
Ich habe meinen Kirchenschlüssel nicht unter die Matte gelegt, sondern in den Briefkasten.
Und so sieht das dann aus:


Sonntag, 31. Mai 2015

Abnabelung

Lieber Luther,
nachdem ich dir über den heutigen Predigttext (Joh 3, 1-11), Jesu Belehrung des Nikodemus, schon zu Himmelfahrt geschrieben haben, finde ich Zeit, das Thema, das mich seit Wochen beschäftigt, weiter zu verfolgen. GEIST, WORT und PREDIGT, das ist die Trinität, über die heute, an Trinitatis, nachgedacht werden sollte, anstatt über Kirchenlehren, die von 3 Personen in einer Person fabulieren.
Nachdem ich mein Bibelleseprojekt abgeschlossen habe, erschließe ich nach und nach andere Schatzkästlein, apogryphe Texte. Und wie es so will kommt mir ein Text unter die Augen, der nahtlos an das anschließt, was ich dir letzte Woche geschrieben habe, es ist der "Brief des Jakobus" aus den Texten aus Nag Hammadi (NHC, 1, 2). Was dort steht, die Botschaft, wird wohl nicht in einen Blog passen. Es lohnt sich in jedem Fall. Es ist ein ganz erstaunlicher Text mit noch erstaunlicher Botschaft.
Zunächst eine Vorbemerkung. Der Text ist nur in einer Abschrift in einem koptischen Dialekt überliefert, mit einigen Lücken. Da ich nicht überraschend diesen Dialekt nicht spreche, stellt sich wieder einmal das Problem der Übersetzungen. Ich habe diesen Text nun in deutscher Übersetzung und 3 verschiedenen englischen gelesen, die deutsche Übersetzung in der Fassung von Hartenstein/Plisch. Es ist, um es vorwegzunehmen, die Schlechteste. Wieso? Die Autoren sagen es selbst: "Für Außenstehende – auch für uns heute – ist die EpJac dagegen oft nicht ohne weiteres verständlich" (Kaiser/Bethge 2013, S.11). Genauso ist übersetzt, ohne Sinn und Verstand oft Buchstaben aneinandergereiht. Ironischerweise – oder auch nicht – ist gerade das das Thema des Jakobusbriefes. Ich empfehle eine der Fassungen der englischen Übersetzung, ich bevorzuge diejenige von Meyer/Barnstone. In der deutschen Übersetzung wurde zudem der Fehler gemacht, in einer heutigen (!) Übersetzung, die von Luthers Übersetzung geprägte Bibelsprache nachahmen zu wollen. Das kann nur misslingen. Die ganze verfehlte Theologie des Tendenzbetriebs evangelische Kirche fließt in die Übersetzung mit ein, anstatt in der heutigen lebendigen Sprache zu übersetzen, was dasteht. Es wäre die Chance einer Korrektur gewesen, was die Bereitschaft voraussetzt, von Irrlehren abzurücken. Das fällt Theologen bekanntlich schwer, auch wenn sie sich dadurch ins Abseits stellen. Aber das nur am Rande, die Wissenschaftlerin geht wieder mit mir durch, weil diese Übersetzung ein einziges Ärgernis ist. Sie will in alt bekannter Manier vertuschen, Kirchenlehren transportieren, anstatt Wortverständnis wachsen lassen. Dass das fehlt, haben die Übersetzer selbst eingeräumt.
Wie schon angedeutet, geht es genau darum in diesem Jakobusbrief, um Geist, Wort, Predigt und geistgeleitete Eigenverantwortung für das Wort. Es ist, als würde uns dort der Spiegel vorgehalten. Deshalb passt dieser Text genau. Zufälle gibt es nicht. Worum geht es? Es ist notwendig, den Text im Zusammenhang zu lesen, nur dann versteht man ihn auch.
Es geht um eine Belehrung, die Jesus seinen noch verständigeren unter den unverständigen Jüngern – Jakobus und Petrus - zugemutet hat. Sie wollen ihre Verantwortung und Aufgabe nicht annehmen, verstehen weder Wort noch das Werk, das von ihnen erwartet wird. So wäscht Jesus ihnen unverblümt den Kopf und tritt sie, die sich sklavisch an ihn klammern, in den Hintern, damit sie endlich in die Gänge kommen, wollen sie das Himmelreich für sich und für andere gewinnen. Ihr seid Prediger, erinnert sie Jesus, redet endlich!
Die beiden Jünger sind jedoch auf einer ganz anderen Ebene unterwegs. Sie fragen ihn, Jesus ist schon gestorben und erscheint ihnen (NHC 1, 2; p.2, 7ff): Hast du uns verlassen und uns selbst überlassen? Nein, ich kehre dorthin zurück, von wo ich gekommen bin. Ihr könnt mit mir kommen, wenn ihr wollt. Die Jünger verstehen das falsch: Befehle es uns, dann folgen wir dir nach.
So geht das nicht, antwortet Jesus. Niemand gewinnt das Himmelreich, indem ich es befehle, sondern in dem ihr vollständig mit dem Geist des Vaters erfüllt seid. Wollt ihr nicht die Fülle haben? Eure Herzen sind trunken, vernebelt. Wollt ihr nicht klar sein, geklärt? Ihr solltet euch schämen. ERINNERT euch, ERINNERT euch von nun an, im Schlafen und Wachen, dass ihr den Menschensohn gesehen und ihm zugehört habt. Schande über euch, dass ihr den Menschensohn gesehen habt, dass ihr es nötig gehabt habt, um zu glauben, mich zu sehen. Segen wird auf denen sein, die glauben ohne dass sie den Menschensohn gesehen, mit ihm gewohnt, mit ihm gesprochen, ihn mit ihren eigenen Ohren gehört haben. Ihnen gehört das Leben.
Versteht, dass er euch geheilt hat, als ihr krank wart, damit IHR regieren möget, die Herrschaft des Geistes, des Vaters, antretet und vertretet auf Erden. Schande auf die, die von ihrer Krankheit genesen sind und sich deshalb befreit fühlen, sie werden wieder in Krankheit verfallen. Segen auf die, die nicht erst krank geworden sind, sondern die Befreiung kannten, bevor sie krank wurden. Ihnen gehört das Himmelreich.
Deshalb sage ich euch, füllt euch mit dem Heiligen Geist an bis an den Rand, lasst nicht auch nur den kleinsten Raum leer, er wird ansonsten gefüllt werden vom Bösen und ihr dient zur Belustigung des Bösen, werdet zum Spielball des Versuchers. Das ist es, was meint: Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde (Mt 5, 30; Mk 9, 43).
Was heißt es aber, sich anzufüllen mit der Fülle? Jesus versucht die Jünger verstehend zu machen. Etwas später sagt er (p.7): Ich habe zu euch in Gleichnissen gesprochen und ihr habt nicht verstanden. Jetzt rede ich zu euch offen und ihr versteht immer noch nicht. Ihr seid selbst eine Parabel als Rahmen für die Gleichnisse, an euch ist offenbart, wie die Sache des Glaubens steht. Nicht nur an meinem Wort, an den Gleichnissen, kann man lernen, auch an euch und eurem Nichtverstehen kann man lernen.
Seid begierig, gerettet zu werden, ohne dass ihr dazu durch Not und Leid gezwungen werdet. Tut es freiwillig, tut es immerzu. Seid SELBST stets eifrig im Glauben, überflügelt mich, wenn möglich. Dafür wird euch der Vater lieben.
Hasst Scheinheiligkeit, Heuchelei, vermeidet, dass das Böse, die Versuchung, euer Ego, in euch Raum bekommt. Es bringt die Scheinheiligkeit und die Heuchelei hervor. Heuchelei, Scheinheiligkeit und Wahrhaftigkeit schließen einander aus.
Lasst das Himmelreich in euch nicht verkümmern. Ihr lasst es wie einen Palmsprössling, nachdem er gekeimt, ausgetrieben, angefangen hat zu grünen, vertrocknen, so dass es nicht weiter wachsen kann. Macht es nicht zu einer Frucht, die sich nur aus einer Wurzel speist. Sie wird geerntet, wird von Hand zu Hand gereicht, schmeckt vielen, aber wie wächst das Himmelreich weiter?
Indem IHR euch füllt. Petrus entgegnet wie so oft auf falscher Spur: Drei mal hast du uns gesagt "seid gefüllt", aber wir SIND gefüllt. Er hat nicht verstanden, um was es Jesus geht. Er hat nicht verstanden, dass er eigentlich schon verstehen müsste, was ihm unverständlich ist, wenn er mit dem Geist angefüllt wäre. Deshalb versucht Jesus ein weiteres Mal, ihn verständig zu machen: Nimm es als Ratschlag, dass du immer darauf achtest, dass du immer bis an den Rand mit dem Geist gefüllt bist. Diejenigen, die das nicht sind, denen es an Geist mangelt, werden nicht gerettet. Wenn der Geist fehlt oder abnimmt, fehlt das Gute in euch. Umgekehrt ist es gut für euch, wenn es des Bösen, der Versuchung mangelt, und gut für euch, wenn ihr nicht erst mit dem Gut des Geistes gefüllt werden müsst. Sobald es eines An- und Auffüllens, eines Ausgießen des Geistes, bedarf, herrscht ein Mangel.
Bei jedem äußert sich der Geistmangel in anderer Weise. Aber der angefüllt wird mit Geist, auf den er ausgegossen wird, der wird es zu einem guten Ende bringen. Darum solltest du anstreben, dass es dir nur dann an Geist mangelt, wenn du DICH SELBST wieder anfüllen kannst, du selbst die sich auftuende Lücke schließen kannst, und angefüllt wirst, wenn es dir an dieser Fähigkeit mangelt, damit du lernst, dich mehr und mehr selbst anzufüllen, lernst, den Geist in dir lebendig zu halten, so dass sich kein Mangel mehr auftut, dass du nicht mehr auf mich angewiesen bist, dass ich dir das Wort erkläre und du mir nur zuhörst. Werde endlich selbständig im Glauben, im Aus- und Einfließenlassen des Geistes, im Hören des Wortes und im Predigen. Sei angefüllt mit dem Geist, aber meide die Vernunft, das Suchen nach Erklärungen. Denke nicht in Ursache und Wirkungen, denn das ist ein Ausdruck der Seele, die fleischgetrieben ist. Das IST Seele. Lass dich nicht von der fleischgetriebenen Seele auffüllen, sondern vom Geist, damit du selbst mit Geist füllen kannst, wo er fehlt. Emanzipiere dich endlich von mir.
Lieber Luther, man sieht Jesus förmlich, wie er seine lethargischen Nachfolger packen und aufrütteln will. Wacht endlich auf! Lebt GEIST, WORT, verständige PREDIGT. Jesus beklagt in diesem "Brief des Jakobus" (NHC 1,2) die Unverständigkeit derer, die als die Stütze seiner Lehre gedacht sind, ihr klammern an ihn als Person, ihre mangelnde Ausgerichtetheit und Geleitetheit von Wort und Geist, ihr Unverständnis des Wortes und Geistes an sich. Er fordert zur Selbständigkeit im Glauben auf, zur Unabhängigkeit von ihm selbst im Denken und im Verständnis. Der Jesus, der in diesem Brief zum Vorschein kommt, ist keiner, der sagt, alles hängt an mir, alles muss auf mich ausgerichtet sein, ihr müsst euch alle an mich hängen, damit ihr das Himmelreich gewinnen könnt. Ganz im Gegenteil. Er versucht seine beiden leitenden Jünger von sich abzunabeln, weil sie es selbst nicht tun, indem er ihnen ein paar unbequeme Wahrheiten ins Stammbuch schreibt. Wie spannend. Davon weiter im nächsten Brief.
Herzliche Grüße
Deborrah
Die deutsche Fassung des Textes stammt aus:Judith Hartenstein/Uwe-Karsten Plisch: Der Brief des Jakobus (NHC 1,2), in: Ursula Ulrike Kaiser/ Hans-Gebhard Bethge (Hrsg): Nag Hammadi Deutsch, Studienausgabe, 3. Auflage, Berlin 2013, S.10-17.

Montag, 25. Mai 2015

Heiliger Geist - Pfingsten

Lieber Luther,
heute ist Pfingsten, das Geistfest der Kirchen. Ich habe mich schon viele Male mit dem Geist beschäftigt. Das Wirken des Geistes Gottes ist ein zentrales Element unseres Gottesglaubens. Pfingsten ist eine Erinnerung daran. Pfingsten findet allerdings als sichtbares Ereignis nur in der Apostelgeschichte statt (Apg 2, 1-47), am 49. Tag nach Ostern, am Tag an dem die Juden Schwuot feiern, den Tag der Offenbarung der Tora an das Volk Israel. Es ist sozusagen ein zu einem christlichen Fest umgemodeltes jüdisches Fest. Anstatt Tora, betrachtet man die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel und Jünger als Initiation der Kirchengründung. Der vorhandene jüdische Feiertag wurde, wie so mancher heidnische, christlich uminterpretiert.
Bei Lukas öffnet Jesus den Jüngern am Ende das Verständnis, damit sie sein Wort und die Schrift in seinem Sinne verkünden konnten (Lk 24, 45-49): Ihr aber seid des alles Zeugen. Und siehe, ich will auf euch senden die Verheißung meines Vaters. Ihr aber sollt in der Stadt Jerusalem bleiben, bis ihr angetan werdet, mit der Kraft aus der Höhe. Der Heilige Geist, die Kraft aus der Höhe ist etwas, das noch kommt. Da in der Regel angenommen wird, dass der Verfasser der Apostelgeschichte der gleiche ist, wie derjenige, der das Lukasevangelium geschrieben hat, findet in der Apostelgeschichte eine Erklärung, was im Lukasevangelium mit offenen Ende stehen bleibt. Natürlich entstanden daraus Fragen: Was ist die "Kraft aus der Höhe" und vor allem: Wann kommt sie? Wie lange haben die Jünger in Jerusalem zu warten? Wie merken sie, dass die Kraft aus der Höhe kommt?
Auch im Johannesevangelium, dem heutigen Predigttext, wird ein direkter Bezug zwischen Wort, Predigt und Geist hergestellt: Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe (Joh 14, 26-27). Auch im Johannesevangelium bleibt offen, wann der Geist denn kommt.
Die Evangelien bei Matthäus und Markus enden mit der Aussendung der Jünger durch den Auferstandenen, um zu predigen und im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und alles zu lehren, was er ihnen gelehrt hat. Der Geist ist schon da, er braucht nicht mehr erst zu kommen. Er wird unterstellt. Aber auch hier wird ein Bezug zur Lehre hergestellt.
Geist und Lehre, Geist und Gottes Wort sind verknüpft. Nur wer den Geist hat, versteht und kann das wahre Wort Gottes lehren. Deshalb auch die eifrigen und eitlen Bemühungen desPaulus, sich und seine Lehre durch den Geist zu rechtfertigen. Paulus war ein Machtmensch, er wusste, worauf es ankommt. Nur der Geist kann die Legitimation bringen.
Das kirchliche Pfingstfest vermischt alle Theologien zu einem unklaren, ungeklärten Brei und ist deshalb auch den Gläubigen schwer zu erklären, wohl verstehen es viele Prediger selbst nicht, was die merkwürdige Kraftlosigkeit, ja Hilflosigkeit, vieler Pfingstpredigten erklärt. Was der Prediger nicht versteht, kann er dem Gläubigen auch nicht glaubwürdig und überzeugend vermitteln. Was meint nun der "Heilige Geist", die Kraft aus der Höhe?
Der Geist ist von Gott ausgeschüttet, schon vor allem menschlichen Anfang: Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der GEIST Gottes schwebte auf dem Wasser (1.Mose 1, 2). Die Schrift fängt mit dem Geist an, die erste Äußerung Gottes, die wir kennen, ist Geist, das Sein von Gottes Geist in der Leere, in der Finsternis, sein Schweben auf dem Wasser. Geist ist Gottesäußerung, Gotteswirken, Gottes-Sein, sein Schweben über den Dingen, Gottes Geist ausgegossen in den leeren, Menschensinn entleerten, nur seienden Himmel und Erde. Geist ist neben dem Wort die wesentliche Äußerung des schöpferischen Aktes Gottes, das, worin sich das Göttliche im Materiellen äußert und vom Materiellen unterscheidet.
Deshalb ist es auch nur logisch, dass Gott, als er den Menschen schafft, ihm seinen Atemhauch, seinen Geist, einhaucht, um ihn zu einem göttlichen Menschen zu machen, der ihn von einem mit Verstand versehenen Tier unterscheidet. Mit dem göttlichen Atemhauch, mit seinem Geist, fließt Göttlichkeit in den Menschen ein. Mit dem Verstand kommt aber auch der Eigenwille des Menschen, der ihn ablenkt von seiner Göttlichkeit, ihn seinen göttlichen Ursprung vergessen lässt. Ich habe dir, lieber Luther, davon erst kürzlich ausführlichst mehrfach im Zugemeiner Auseinandersetzung mit der Schöpfungsgeschichte geschrieben. Ich brauche das hier nicht alles wiederholen.
Es führt summa summarum dazu, dass sich der Mensch von Gott abwendet und den menschlichen Versuchungen nachgibt: Da sprach der HERR: Mein GEIST soll nicht immer in den Menschen streiten, da sie ja auch Fleisch sind (1.Mose 6, 3). Gott anerkennt, dass sein Geschöpf Mensch, solange es Fleisch ist, auch fleischlich getrieben ist. Es ist ein AUCH. Das heißt aber auch implizit, in den einen mag er streiten, in den anderen nicht. Das ist in der Schrift mannigfach verbrieft: Gott hat immer wieder Menschen erwählt, in denen sein Geist für ihn gestritten hat.
Von vielen Menschen ist in der alten Schrift berichtet, dass sie vom GEIST Gottes erfüllt wurden, Joseph etwa (1. Mose 41, 38-39): Pharao sprach: Wie könnten wir einen solchen Mann finden, in dem der GEIST Gottes sei? Weil dir Gott solches alles hat kundgetan, ist keiner so verständig und weise wie du. Das anerkennt einer, der andere Götter hat. Mit Gottes Geist ist immer Weisheit und wahres, gerechtes Wort verbunden, immer auch die Fähigkeit weiszusagen, das heißt mehr als andere in die Zukunft zu sehen, für die Wahrheit Gottes zu streiten. Das bringt unweigerlich mit sich, gegen die zu streiten, in denen der Geist von ihrer menschlich-fleischlichen Getriebenheit verschüttet ist. Den Geist in sich streiten lassen, heißt, sich vor dem Konflikt nicht scheuen. Geistgetriebene Menschen zeugen davon durch Jahrtausende. Geist äußert sich in wahrem Wort, Geist äußert sich in vor Gott rechtem Handeln, in von Gott gesegneten Taten, in der Wahrung seiner Wahrheit, was nicht menschlich getriebene Wahrheit sein muss.
Von den Richtern, von denen im Buch Richter berichtet wird, heißt es immer: "Da kam der GEIST des HERRN auf ihn" (z.B. Ri 3, 10; 6,34; 14, 6). Von David heißt es: Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern. Und der GEIST des HERRN geriet über David von dem Tage an und darüber hinaus (1. Sam 16, 13). Gottes Geist hat mit Erwählung zu tun. Alle, von denen berichtet wird, dass Gottes Geist über ihnen ist, sind von Gott "erweckt" worden, erwählt, sein Sprachrohr, sein Zungenschwert, seine Streitaxt im Wort und in der Tat zu sein. Sie waren immer unbeirrbar in ihrem geistgetriebenen Weg, wie sehr sie auch darunter litten. Wie sich das im Einzelnen äußerte, ist unterschiedlich: die einen waren Verkaufte, wie Joseph, andere Streiter wider Willen und doch demütig, wie Mose, Gottgeweihte wie Samuel, Normalbürger wie Hiob oder Jona, Aufsteiger wie David, der vom Hirten zum König wurde, Propheten wie Elia oder Jesaja, meistens alle an der Welt Leidende, wie bei Jeremia kaum erträglich gezeigt. Oder: Jesus.
Jesus lässt sich lückenlos hier einreihen. Jesus bringt aber etwas Neues: Jesus ist GEIST UND WORT, Jesus ist völliger Gottesmensch, das reine Ebenbild Gottes, er ist reine Schöpfung. Die Männer (und Frauen), die in der Alten Schrift den Geist Gottes in sich streiten fühlten, beackerten den Alltag, versuchten Gottes Geist in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld zu Gehör zu bringen. Sie waren Warner vor den Abwegen. Meistens vergebliche Warner.
Jesus ist Mittler zwischen dem nicht geistgetriebenen Menschen und Gott. Er bringt, was bisher nicht vorhanden war: Eine LEHRE von Gott, die in der Alten Schrift fußt, aber als Gotteslehre so nicht vorhanden war: alter Wein in neuen Schläuchen. Sein ganzes Sein war auf das Wort und die Bestätigung des Wortes durch Tat ausgerichtet, Geist getrieben streitend für Gott und sein Wort, völlig aufgehend in seinem Willen, nicht fleisch-, sondern geistgetrieben: Ich bin von oben, ihr aber seid von unten.
Das, was Mose gebracht hat, war keine Gotteslehre, es war eine Ordnung, auch eine soziale Ordnung, um die Menschen erst einmal hinter dem EINEN Gott zu sammeln und zu einer sozialen Gemeinschaft zu machen. Ohne diese Sammlung zu einem Volk Gottes wäre Jesus nicht denkbar. Sein ganzes Sein konnte nur sein nach dieser Sammlung hinter der mosaischen Ordnung, die Voraussetzung war für das, was durch Jesus folgte.
Es hat also, lieber Luther, mit dem Geist, dem manche an Pfingsten so ratlos gegenüber stehen, nichts Geheimnisvolles oder Unerklärliches auf sich. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Joh 1, 1). Das Wort, die Gotteslehre, wurde durch Jesus gebracht, das wahre, geistgetriebene Wort ist Gottes Wortäußerung, übersetzt von Menschen, die sein Wort durch seinen Geist hören. Wer den Geist hat, hört und versteht und diejenigen, lieber Luther, in denen Gottes Geist streitet, können nicht anders als für ihn streiten, wieviel Leid es ihnen auch einbringt. Du kannst ein Lied davon singen. Genau das ist, was in den Evangelien und in der Apostelgeschichte, in welcher Variante auch immer, beschrieben wird. GEIST, WORT und PREDIGT, geistgetriebene Predigt und geisterfülltes Hören, das ist, lieber Luther, Pfingsten.
Geistlgetriebenes Hören und Verstehen kann man nicht erzwingen, aber man kann etwas dafür tun. Die meisten Geistgetriebenen der Bibel hatten ein Vorleben, mit wenig oder ohne Geist. Aber irgendwann erfüllte sie Gottes Geist, sind sie wieder aufgewacht, wurden sie zu Hörenden und Verstehenden und für Gott Streitende. Das kann jedem passieren, wenn er dazu bereit ist. Dann wird die Verschleierung des fleischlich-menschlichen weggezogen und Gottes Geist wird sichtbar, wie er in uns schwebt und wirkt wie auf einem klaren Wasser. So öffne uns, lieber Luther, der Geist das Hören und das Verstehen des Wortes, er mache uns bereit, dafür zu streiten und wandle uns zu einem geistgeklärten Heilwasser.
Herzliche Grüße
Deborrah