Lieber Luther

Lieber Luther

Sonntag, 26. Mai 2013

Gottes Wind - Trinitatis

Lieber Luther,
es ist, glaube ich, wieder an der Zeit, dass ich dir schreibe, obwohl es mich, wie ich gestehen muss, Disziplin kostet. Der Himmel ist dunkel, der Sturm wütet und zehrt an meiner Kraft.
Heute ist Trinitatis, ein weiteres Hochfest, so kurz nach Pfingsten. Wieso ist es ein Hochfest? In der Volksseele ist das kein Fest, das dort verwurzelt ist. Wieso ist es dort nicht angelangt?
Das Konstrukt "Trinitatis", der Heiligen Dreifaltigkeit, hat dogmatischen Ursprung, ist nachbiblisch, ist eine Lehre: seht so wirkt Gott in seiner Vielfalt – vereinfacht auf Dreifalt, der menschlichen Einfalt angepasst. Es hat keinen direkten Ursprung in der Bibel, ist mehr eine Zusammenfassung, ein Bekenntnis:
Ich glaube an Gott, den Vater
Ich glaube an Gott, den Sohn,
Ich glaube an Gott, den Heiligen Geist.
In diese Dreiheit sind wir getauft, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ausgehend aus Gott, verweslicht, vermenschlicht, geschöpft aus Gott in seiner Schöpfung, in allem was lebt. Vermenschlichter Gott in Jesus Christus, Gott in seiner Schöpfung und als Teil seiner Schöpfung. Gott mit seiner widerspenstigen Schöpfung. Der Heilige Geist geschickt zur ungreifbar unbegreiflichen Hinleitung seiner Schöpfung zu ihm zurück, zum Schutz seiner Schöpfung, des Menschen, vor sich selbst, des Schutzes Gottes in seinem Ebenbild, wen man so will.
Kirche spricht von "drei Personen". Für Menschen ist Gott vermenschlicht als "Person" – ein Dogma, ein Versuch, das Göttliche zu fassen, was letzten Endes immer Scheitern muss. Dreifaltigkeit meint das A&O, den Ausgang vom göttlichen Ursprung und die Rückkehr dahin zurück. Das göttliche Sein und Wirken in seiner vielfältigen Unbenennbarkeit, das wir, um überhaupt darüber kommunizieren zu können, mit "Vater, Sohn und Heiliger Geist" benannt haben. Gott hat bei uns diese Namen. Gott hat uns diese Namen auf die Stirn und in die Seele gebrannt. Trinitatis ist so gesehen nichts anderes als ein Name für das göttliche Wirken.
Jesus versucht Nikodemus das Göttliche zu erklären. Nikodemus, ein Pharisäer, ein vor dem Gesetz Gott-Gebildeter in menschlichem Unverstand, versteht es nicht, weil er mit dem Verstand zu erfassen sucht, was jenseits menschlichen Verstandes und Verständnisses liegt. Seine menschlich verhafteten Denkmuster versperren ihm den Blick.
Jesus sieht das und versucht es Nikodemus mit einem menschlich verständlichen Bild klarzumachen: Der Wind bläst, wo er will (Joh 3, 8) . Du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, wo er anfängt und wo er endet, wann und wo der Geburtsaugenblick eines Tornados ist und wann er sein Leben wieder aushaucht, aus welcher Richtung er kommt und in welche er geht, ob es ein Lüftchen ist oder sich zu einem Sturm auswächst, ob er hinwegfegt oder nur an einem zerrt, ob er eine Schneise der Verwüstung hinterlässt oder nur ein paar Dächer abdeckt. Der Sturm säuselt, braust, wütet wie er will, nicht wie ich will. Er wirkt und bewirkt an mir ohne mein Zutun.
Und dann der Zusatz: Also ist jeglicher, der aus dem Geist geboren ist (Joh 3, 8). Wow! Was heißt das? Ein Also, ein Ist, das es in sich hat. Wir als Wind, Teil des Windes und des Säuselns, mit Anfang und Ende im Unfassbaren, nur in der kurzen Wegstrecke der menschlichen körperlichen Existenz körperlich greifbar. Wenn der Wind auf Widerstand trifft. Wir sind menschlicher Sturm und Teil des göttlichen Windes oder Sturmes. Wir sind diejenigen, die Sturm säen und Sturm ernten. Wir sind diejenigen, die nicht wissen, ob Frucht bringt, was wir gesät haben, oder der Sturm die Ernte verhagelt. Wir sind diejenigen, die ein Lüftchen im Ganzen des göttlichen Windes sind. Wir wissen nicht, ob der göttliche Sturm die aufgegangenen Pflänzchen hinwegfegt oder das Säuseln des Windes sie reifen lässt und sie am Ende Frucht bringen.
Mensch, ein Wind, dessen Stärke und Richtung nicht wirklich zu fassen ist und damit auch hier Gott ebenbildlich. Ob Wind oder Sturm, entscheidet sich in der göttlichen Großwetterlage. Also wird mit einem Sturm verworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden (Offenb 18, 21). Oder er vernichtet, wie in Sodom. Das Säuseln des Windes vernimmt nur derjenige, der aus dem Geist geboren ist. Der tödliche Sturm in Babylon und Sodom, der die Tauben trifft, ist genauso Realität.
Wetterfühlige unter uns fühlen, wenn ein Sturm kommt. Er sitzt einem schon vorher in den Knochen, lässt den Kopf bersten, man spürt förmlich, dass etwas in der Luft liegt. Jedoch, man kann den Wind buchstäblich nicht fassen, nicht anfassen, nicht seiner habhaft werden. Nicht jeder ist wetterfühlig, nicht jeder setzt sich dem Wind aus. Wenn du im Wind oder gar im Sturm stehst, ist es der Sturm, der Orkan, der Tornado, der das Sein oder Nichtsein in seiner Hand hält, der entscheidet über Leben, Tod und Überleben, sei es im Leben oder Sterben. Wir haben keine Macht über den Wind. Er entzieht sich uns unsichtbar. Wir sehen ihn nur mittelbar, wenn er durch die Blätter der Zitterpappel fährt, die Äste knickt, die Blätter vom Baum fegt, gar den Baum bricht, aber die Wurzel stehen lässt. Wenn er Sturm kommt,nimmt Gott die Geist Getauften bei der Hand und führt sie hinaus in sein sicheres Land. Doch auch da gehen Winde, die uns wegraffen können.
Jesus erklärt weiter: Nur wenn man neu geboren wird, sieht man das Reich Gottes (Joh 3, 3), geboren aus Wasser und Geist, geboren aus Gott, der Quelle des Lebens, die Schuld genommen durch den einen, einzigen Sohn, ausgeschüttet über uns der Heilige Geist im Namen des Vaters und des Sohnes und damit uns in diese Drei-Einigkeit hineingehoben. Dies ist immanentes, in sich einiges Geschehen, eines im anderen und das eine wäre ohne das andere nicht. Trinitatis ist der göttliche Lebenskreislauf. Ohne Trinitatis steht Vater, Sohn und Heiliger Geist einzeln da, unverbunden. Trinitatis ist der Versuch zu benennen, dass alles von Gott ausgeht und in Gott eingeht, vermittelt durch den einen Sohn, er uns durch unsere Entschuldung so rein macht, dass wir wieder eins werden können mit Gott. Trinitatis – Dreieinigkeit – ist nicht Trennung, sie ist geistgeborene Einheit des Menschen in Gott.
Lieber Luther, zusammengefasst könnte man ganz einfach sagen: Trinitatis ist uns in Form des Segens gegeben und immer gegenwärtig (4.Mos 6, 24-27):
Ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, dass ich sie segne:
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Man möchte noch anhängen:
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist.
Trinität, ganz ohne Dogmatik.
Ganz einfach, ganz unverkopft. Gottes Wind. Gegenwärtig. Gefühlt. Geglaubt.
Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 11. Mai 2013

Wieso ist Frau Lot zur Salzsäule erstarrt?


Lieber Luther, 
ich weiß nicht genau warum, aber mich beschäftigt immer noch die Lotgeschichte. Ich habe schon vor ein paar Tagen und auch heute morgen schon etwas dazu geschrieben.
Die Lotgeschichte ist komplex und vielschichtig. Deshalb habe ich sie unter dem Himmelfahrtshimmel nochmals gelesen (1.Mose 18-19). Ich habe gelernt, dass Abraham sehr mit Gott gefeilscht hat, um die Gerechten in Sodom und Gomorra, um die paar, die er noch dem Verderben entreißen wollte. Lot und die Seinen hätten sich retten dürfen.
Mit dem göttlichen Willen mitgezogen, dass er auch wahr wird, haben letztendlich nur Lot und seine Töchter. Die anderen aus seiner Sippe haben sich verweigert. Auch Lot hat sich schwer getan, zu gehen und den Ort, den Gott ihm zugewiesen hat, anzunehmen. Die Engel mussten ihn bei der Hand nehmen und vom Ort des Unglücks wegzerren.
Die Lotgeschichte lehrt uns, dass Gott mit sich reden lässt und auf unsere Bitten eingeht, wenn wir noch nicht bereit sind, ihm ganz zu folgen. Er hat Abraham gehört und auch Lot. Er teilt daraufhin die Aufgabe in kleinere Päckchen, so dass es ihnen leichter gefallen ist, seinen Ratschluss anzunehmen.
Als Lot schließlich gegangen war, Gott hat solange gewartet, hat sich in Sodom der Himmel geöffnet. Herunter kam nicht Gottes segnende Ausstrahlung, wie an Himmelfahrt, sondern sein urteilsprechendes Zornesfeuer. So können offene Himmel auch aussehen. Das ist der Gott, der zum Fürchten ist.
Lot wollte nicht in das hügelige Land, in das Gott ihn schickte, sondern hat für eine kleine, unbedeutende Stadt gebeten, in die er gehen wollte: Zoar. Lot denkt, er muss wenigstens in die Stadt, nicht ins Hügelland, "Nur dass meine Seele am Leben bleibt." (1. Mose 19, 18-20)  Seine Seele hängt an der Stadt mit ihrer Üppigkeit, nicht im kargen Hügelland, in dem schwer überleben ist. Schick mir lieber einen Unfall, dass ich sterbe, sagt Lot zu Gott, das ist besser als dieses Hügelland.
So gewährte ihm Gott die kleine Stadt als Übergangsdomizil,  um ihn von Sodom wegzubewegen. Er verschonte das Städtchen. Als er schon dort in Sicherheit war, sah seine Frau zurück, "hinter seinem Rücken" und wurde zur Salzsäule (1.Mose 19, 26). Sie waren körperlich schon gerettet und dennoch ist es für sie noch schief gegangen. Wie ist das zu verstehen?
Als die Engel Lot, seine Frau und seine Töchter aus der Stadt hinausführten, sagten sie: "Rette deine Seele! Und schaue nicht zurück". Es geht in erster Linie um die Rettung der Seele in der Lotgeschichte. Die Frau hat zurückgeschaut. Es ist hier eine innere Schau gemeint. Sie hat das Leid und das Elend der Menschen in der Stadt gesehen, das Gericht Gottes, unter anderem auch über die Schwiegersöhne. Es war so furchtbar, dass das Salz ihrer Tränen sie innerlich erstarren ließ, zur Salzsäule, wie es in der Bibel heißt.
Hat sie die Liebe zu den Menschen dort, das Mitleid zurückschauen lassen? Frauen, die Kinder geboren haben, können schlecht untätig Kinder sterben sehen, auch nicht fremde. Deshalb hat sie die Weisung der Engel nicht eingehalten. Deshalb hat sie sich widersetzt, heimlich, hinter dem Rücken ihres Mannes, innerlich, wo er es nicht gesehen hat. Männer übergehen das Innenleben ihrer Frauen gerne. Und sie hat den Preis dafür gezahlt. Gott wollte sie schonen, aber sie hat sich selbst nicht geschont. Ihr seid das Salz der Erde. Das Salz der Tränen der Frau Lot waren so zahlreich, dass sie eine Salzsäule aufhäuften. Sie ist innerlich gestorben. Frau Lot war schon in der Stadt der Geretteten.
Frau Lot ist nicht gefragt worden, ob sie mit ihrem Mann aus der Stadt weggehen will. Ihr Mann hat es entschieden, über ihren Kopf hinweg, ohne sie mit einzubeziehen. Er hat über sie entschieden. Wir reden über Lot und seine Töchter, wer denkt an Frau Lot? Was spielt sie für eine Rolle?
Wenn es keine wäre, hätte sie gar nicht erwähnt werden müssen. Ihr seid das Salz der Erde. Zuviel Salz macht fruchtbares Land bitter, mit zu wenig Salz kann es nicht existieren, dummes Salz schadet dem Land, ungeachtet wie fruchtbar das Land ist.
Frau Lot ist zunächst im Zeichen der Bergpredigt zu sehen: Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten (Matth 5, 13). Frau Lot ist das Synonym für die Menschen in Sodom. Sie haben Gottes Gebote nicht mehr gehört, nicht mehr nach ihnen gehandelt, sie haben sie über den Herrn der Welt zum Herrn ihrer kleinen Welt aufgeschwungen. Bis Gottes Gericht über sie hereingebrochen ist. Dann war es aus mit ihrer sich selbst zugesprochenen Herrlichkeit.
Frau Lot ist der Inbegriff von Salz, bei ihr hat sich das Salz angesammelt, aufgestaut, aufgestapelt zu einer Säule, das Zuviel hat sich gekehrt in ein zu wenig. Ihre Sehnsucht nach denen, die sie ungefragt verlassen musste, der Mangel, der sich bei ihr daraufhin eingestellt hat, die Sehnsucht, der sie nachgegeben hat, hat sie am Ende verbittern und erstarren lassen. Sie konnte nicht mehr weiter. Das Salz, auf der einen Seite zu viel, auf der anderen zu wenig und in mangelnder Qualität, hat sie verätzt, aufgefressen, bewegungsunfähig gemacht. Ihre Seele hat nur noch Salzluft geatmet, ist zur Salzsäure geworden, hat ihre Luftröhre und ihre Lungen verätzt, hat ihr Stimme und Atem genommen. Alles in ihr war versalzen und versalzt und nicht mehr genießbar.
Wo hat Lot, wo haben seine Töchter hingeschaut, als die innere Erbitterung Frau Lot Stück um Stück versalzt hat, bis sie zur Salzsäule erstarrt ist?
Ob sie nicht das bessere Los gezogen hatte gegenüber Lot, der doch noch aus der Stadt in das ungeliebte, lebensfeindliche Hügelland musste? Aus Angst verbarg er sich in einer Höhle. Er wurde von seinen Töchtern dann auf üble Weise hintergangen. Frauen spielen in der Bibel hin und wieder eine üble Rolle. Aus diesem Betrug und Vergehen sind die Moabiter und Ammoniter hervorgegangen. Ein fruchtbares Land ist daraus nicht geworden. Ganz im Gegenteil: Beide Völker sind wieder zum Götzendienst zurückgekehrt.
Wir können weniger von den Überlebenden - schon gar nicht von Lots Töchtern – lernen, mehr von der stummen, erstarrten Frau Lot, die nicht einmal zu Wort kommt. Im Blick auf Frau Lot kumuliert sich die ganze Tragik von Gottes Volk: Einerseits ist sie dem Befehl gefolgt und hat ihre Stadt mit ihrem Mann verlassen, andererseits ist sie nicht angekommen. Im Irgendwo dazwischen ist sie verlorengegangen.
Lieber Luther, ich fühle mit Frau Lot: Wollen und Nichtwollen, gehört und übergangen werden, innerer Aufschrei und äußeres Stummsein, das Zerrissensein zwischen gestern und heute, das überfordert sein und nicht mehr Weiterwollen. Frau Lot ist ganz aktuell. Es gibt viele Frau Lots, schauen wir uns um.
Und plötzlich erstarren wir zur Salzsäule. Wer kennt das nicht? Aus der Geschichte von Frau Lot sollten wir lernen, das wir nicht zurück, aber hinschauen sollten, dass wir uns nicht wegdrehen und denken, das, was in unserem Rücken passiert, nehme ich nicht zur Kenntnis, geht mich nichts an. Lots Geschichte zeigt, auch das geht in Wirklichkeit nicht gut aus.
Mit salzigem Geschmack im Mund, dennoch herzliche Grüße
Deborrah

Donnerstag, 9. Mai 2013

Himmelfahrt - Vatertag

Lieber Luther,
ich habe dich etwas vernachlässigt. Eigentlich wollte ich dir über den Kirchentag schreiben, dieses Massenfest mit Masse(n)abfertigung. Ich konnte mich nicht richtig damit anfreunden. Aber heute ist Himmelfahrt und das beschäftigt mich mehr als der Kirchentag, der keine bleibenden Spuren bei mir hinterlassen hat.
An Himmelfahrt ist der Himmel offen, hieß es heute in der Predigt. Dies trifft sicher insofern zu, als es in katholischer Lesart ein Hochfest ist, ich würde sagen, ein Tag mit besonderer Kraft. Das war heute draußen auch zu spüren, am Licht und an der Atmosphäre, obwohl oder gerade weil es immer wieder geregnet hat.
Was heißt, der Himmel ist offen? Es heißt, dass die Ausstrahlung Gottes direkt auf uns einwirkt. Es sind die Tage, in denen wir einen unmittelbaren direkten Draht zu Gott haben, ihm alles hinschieben, was uns bedrängt und belastet und er in uns heilt. Wir merken sein Wirken, ohne zu wissen, was er wirkt. Das wird sich erst zeigen. Es gibt wenige solcher himmeloffener Tage: Jesu Taufe, Himmelfahrt und Pfingsten. Alles relativ eng beieinander in unserem kirchlichen Jahreskalender.
Himmelfahrt zeugt auch von einem Abschied. Jesus in Menschengestalt verlässt uns endgültig und kehrt wieder zu seinem göttlichen Ursprung zurück, für uns bittend, uns entlastend, notwendig, um zu Pfingsten zu kommen. Die Jünger konnten sich nun nicht mehr an seiner Menschengestalt festhalten, sie hatten nur noch den Glauben und ab Pfingsten den Heiligen Geist, entkörperlichte Ergebung.
Immer an den Stellen, an denen wir uns mit etwas auseinandersetzen müssen, das jenseits unseres Verstandes und unseres Begreifens ist, tun wir uns schwer. Jesus wurde in den Himmel aufgenommen und hat sich zur Rechten Gottes gesetzt. Wie muss man sich das vorstellen?
Zunächst: Jesus war schon 40 Tage tot. Dass er sich trotzdem seinen Jüngern gezeigt hat – und nur ihnen – hat mit ihrem Auftrag und mit ihrer besonderen Nähe zu Jesus zu tun. Sie sollten das Wort von nun an unter den Menschen in ihrer Sprache weitertragen. Er hat sie ausgewählt, ausgebildet, gestärkt, gesegnet, sie mit allen Mitteln gerüstet, die notwendig waren, um ihren Auftrag zu erfüllen. Sie waren nach seinen Tod zögerlich und verängstigt. Sie mussten Zutrauen zu ihrer neuen Selbstverantwortung fassen. Deshalb hat er sie noch eine Weile in besondere Nähe begleitet, gecoacht würde man heute sagen. Und er war erfolgreich, sonst würden wir heute – nach über 2000 Jahren – nicht davon reden.
An Karsamstag entschuldet uns Jesus vor Gott, an Himmelfahrt wird der Mensch durch ihn wieder eins mit Gott. Er kehrt entschuldet wieder in seinen Ursprung zurück und wird mit ihm eins. Jesus bittet in seinem hohepriesterlichen Gebet vor seiner Verhaftung auch für diejenigen, die durch das Wort, das seine Jünger verbreiten, an ihn glauben "auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien" (Joh 17, 20-21). Das geschieht an Himmelfahrt durch ihn stellvertretend für uns.
Gott und sein Wirken ist außerhalb menschlicher Vorstellungen und Phantasie. Wenn wir uns eins fühlen mit einem Menschen, ist das auch im Prinzip nicht zu beschreiben. Das Einssein mit Gott ist ungleich größer. Wenn wir schon für das menschliche Einssein keinen Begriff haben, wie sollen wir ihn vom göttlichen Einssein haben? Kein lebender Mensch hat es je erlebt, keiner hat es gesehen. Es ist aber, für die, die glauben, durch Jesus schon für uns erwirkt. Also wieso nicht glauben? Was verlieren wir? Wir verlieren nur, wenn wir nicht glauben. Auch davon zeugt die Schrift in reichem Maße.
An Himmelfahrt ist Jesus zu seinem Vater, zu seinem Ursprung, zurückgekehrt. Himmelfahrt ist sozusagen sein Vatertag. Dass heute "Vatertag" genau an Himmelfahrt ist, hat etwas. Ich kann mir Gott hier mit einem Augenzwinkern vorstellen: Seht, ich wirke, auch wenn ihr das gar nicht merkt. Großzügig betrachtet ist Vatertag in der jetzigen Form ein geselliges Fest, in dem gemeinsam gegessen, getrunken und gefeiert wird. Ich gebe zu, das ist gewagt, aber Gott wirkt in der Regel unerwartet und er kümmert sich vornehmlich um die Verlorenen und Heiden. Nicht auszuschließen, dass er da mitfeiert und mit an den Grills und Bollerwagen steht. Lieber Luther, das möchte ich gerne so denken, den Gedanken finde ich schön.
An Himmelfahrt sind die Himmel offen. Es ist ein offenes Fest, jeder kann sich öffnen für das Einssein mit Gott durch Jesus Christus. "Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast" (Joh 17, 22). Es ist ein Hochfest im wahrsten Sinne des Wortes. Auch für uns. Deshalb ist es ein Tag mit besonderer Qualität. Diese zu erfahren, sollten wir jede Sekunde dieses Tages offen sein und uns – eigentlich – nicht vom oberflächlichen Feiern ablenken lassen. Da würden wir etwas verpassen. Eigentlich.
In diesem Sinne, schönen Vatertag, denn ein Fest ist es allemal, wie immer man es gestaltet.
Herzliche Grüße
Deborrah

Samstag, 20. April 2013

wahr und anhaftend - wahrhaftig auferstanden


Lieber Luther,
mir geht wieder einmal alles zu schnell. Ich bin gedanklich immer noch bei der Auferstehung. Seit vielen Wochen bewege ich in mir die Frage, was heißt "wahrhaftig" auferstanden. An jeder Kirchenecke hört man es am Ostermorgen, aber was heißt es? Alle Gedanken und Predigten drehen sich um das Auferstehen an sich, aber was heißt "wahrhaftig". Auch bei Dir habe ich nichts so richtig gefunden. Bei der Fülle dessen, was du geschrieben hast, habe ich keinen Überblick, ob irgendwo etwas dazu steht. Du kannst mich ja korrigieren, wenn du bei Dir etwas findest.
Das "wahrhaftig" auferstanden kommt aus dem Lukasevangelium, den Emmaus-Jüngern dämmerte es nach der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus: "Der Herr ist wahrhaftig auferstanden" (Luk 24, 34).
Das heißt sicher zunächst: Das Grab ist leer und es ist wahr, er ist tatsächlich auferstanden. Ich sehe schon das zweifelnde Stirnrunzeln oder das abschätzige arrogante Lächeln in vielen Gesichtern. Das Thema kann man nicht wissenschaftlich angehen, es hat etwas mit Glauben zu tun. Man hat ihn oder man hat ihn nicht. Glauben kann man nicht erklären. Ich habe an Jesu Auferstehung keinerlei Zweifel, deshalb mag ich auch keine Zeit damit verschwenden, eine Erklärung zu finden, wie das zugehen könnte. Für mich ist es eine innere Wahrheit. Punktum und Ende dieser Debatte für mich an dieser Stelle hier.
Was also heißt Jesus ist "wahrhaftig" auferstanden? Er hatte das schon angekündigt: Über ein kleines, da werdet ihr mich nicht sehen, aber über ein kleines, da werdet ihr mich sehen (Joh 16, 16). Die Jünger hatten es damals nicht verstanden.
Wenn die Jünger ungläubig waren, folgten bei Jesus immer Glaubenssätze, die von der Wahrheit zeugen, eingeleitet und erkennbar bei Johannes durch das "Wahrlich". So auch hier: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr aber werdet traurig sein; doch eure Traurigkeit soll in Freude verzehrt werden." (Joh 16, 20).
Das ist die Wahrheit von Jesu Auferstehung. Diese Wahrheit "haftet" uns an und verlässt uns nicht mehr, eben durch Jesu Auferstehung. Sie verhaftet uns in Jesu Nachfolge und heftet uns an die Erlösung an. Es gibt kein Entkommen, wir sind wie Gefangene in Jesus verhaftet. Er hat durch diese Wahrheit uns in diese Wahrheit gebracht. Was wir tun, tun wir in dieser Wahrhaftigkeit, unabhängig von oberflächlichen menschlichen Irrungen und Wirrungen. Mit Christus ist diese göttliche Wahrheit auferstanden, das heißt in die Welt gekommen.
Das haben die Emmaus-Jünger begriffen. Sie konnten das aber nur glauben, in dem sie Jesus wahrhaftig leiblich vor sich stehen und reden sahen.
Da hatten die Emmaus-Jünger und die Anderen, denen er erschienen ist, so scheint es auf den ersten Blick, einen Vorteil gegenüber uns. Wir glauben gern, dass nur das wahr ist, was wir sehen, wissenschaftlich, juristisch, tatsächlich beweisen können. Dabei stellen wir unsere wissenschaftlichen, juristischen oder Tatsachenbeweise, die auf unseren Gesetzen fußen, über das "Wahrlich, Wahrlich" von Jesu Wort in der Bibel. Wieso? Das ist unglaubliche Arroganz, Selbstüberschätzung und Blindheit.
Wie hoch ist die Halbwertszeit unserer menschlichen Gesetze und wissenschaftlichen Beweise? Wie unterschiedlich und veränderlich sind unsere Wahrheiten? Wir finden zu keiner "Einen Wahrheit" zwischen auch nur Zweien unter uns.
Das "Wahrlich, Wahrlich" Jesu und Gottes hallt seit Jahrtausenden durch Raum und Zeit, ohne kulturelle Grenzen, ohne Veränderung und zeitgeistliche Anpassungen, eben weil das wahrlich Gesagte Jesu unumstößliche göttliche Wahrheiten sind. Die Wahrlich-Wahrlich-Wahrheiten haben keine Halbwertszeit, es sind Gottes Gesetze und Wahrheiten. Sie alleine sind ewig.
Jesus ist in Gott eingegangen, die Jünger sind im nachgefolgt, das Wort aber, das von der Wahrheit zeugt, ist geblieben. Deshalb haben wir auch nicht wirklich einen Nachteil gegenüber den Jüngern. Wir haben das gleiche Wort, wir können lesen und hören und auch wir können mit Gott reden. Er gibt Antworten. Wir haben die gleichen Chancen und Möglichkeiten auf Nachfolge und Verweigerung, wie die Jünger hatten.
Wahrhaftiger Glaube ist ein Gottesgeschenk, eine Gnade. Wer Gott wahrhaftig sucht, dem kommt er entgegen und er wird ihn erkennen, wie die Emmaus-Jünger. Es wurde ihnen von ihm ohne ihr Zutun eingepflanzt, aus göttlichem Willen und göttlicher Gnade. So ist es auch uns eingepflanzt. Das Samenkorn ist wahrlich in jedem. Wir müssen es nur wachsen lassen.
In Psalm 33, 4 heißt es: Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig; und was er zusagt, das hält er gewiss. Genau das, was Jesus den Jüngern wahrlich vorhergesagt hat, ist eingetreten. "Sie aber beteten ihn an und kehrten wieder gen Jerusalem mit großer Freude" (Luk 24, 52).
Lieber Luther, die "große Freude" lockt. Im Augenblick habe ich auch nichts anderes in mir, deshalb stoppe ich hier, obwohl mir noch so einiges zu dem Thema einfällt. Später dazu mehr.
Herzliche Grüße
Deborrah

Montag, 1. April 2013

Nachösterlicher Appetithappen


Lieber Luther,
ich hatte dich ja schon gefragt, wo wohl Jesus am Karsamstag war. Eine vergleichbare Frage stellt sich für die Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt. Er scheint irgendwie da und doch verschwunden.
Angeregt zu diesem Nachdenken wurde ich von meinem weisen Bruder. Er hat mich gefragt, während eines langen und schönen Spaziergangs. Ich konnte ihm so spontan nicht antworten und habe ihm eine Antwort versprochen, sobald die Zeit da ist, also jetzt. Es ist schon einige Monate her und seither denke ich darüber nach. Mal sehen, wie die Antwort ausfällt.
Liebe, Glaube, Vertrauen heißt der Dreiklang, mit dem eine Antwort auf die Frage zu finden ist, was Jesus zwischen Ostern und Himmelfahrt gemacht hat. Je nach Evangelium wird es etwas anders beschrieben.
Eins ist aber immer gleich: Es ist zwar fast unglaublich nach all der Zeit mit Jesus, aber den Jüngern fehlte es an Glauben. Nicht erst seit Jesus physisch gestorben war, auch schon vorher. Jesus hat das immer beklagt und auch versucht, seine Jünger darauf vorzubereiten, dass sie nun bald ohne seine körperliche Präsenz auskommen müssten. Es hat leider nicht gefruchtet.
Es ist kein Zufall, dass der Auferstandene und die Botschaft von der Auferstehung zuerst Frauen erreichte (Luk 24,1ff; Joh 20, 1ff), die Botschaft erreichte das Herz der Frauen, sie zogen nicht in Zweifel was sie hörten: "Und sie gedachten an seine Worte" (Luk 24,8). Sie wussten etwas in ihrem Herzen, das kein Verstand kennt, sie liebten und vertrauten.
Also laufen die Frauen zu den Männern und bringen die Botschaft von Jesu Auferstehung. "Und es deuchten sie ihre Worte eben, als wären's Märlein, und sie glaubten ihnen nicht." (Luk 24, 11). Petrus, der immer forsche, wunderte sich. Mehr nicht (Luk 24, 12; Joh 20, 6). Und bei Markus (16, 11) steht: "Und diese, da sie hörten, dass er lebte und wäre ihr erschienen, glaubten sie nicht". Eine Ausnahme gibt es, der Jünger, den Jesus liebhatte, Johannes, er sah in das Grab hinein, sah auch dass es leer war und "glaubte es" (Joh 20, 8). Johannes hat auch mit dem Herzen gesehen und deshalb geglaubt.
Die Männer in seiner Jüngerschar waren ein schwerer Brocken für Jesus. Ausgerechnet denjenigen, die sein Wort weitertragen sollten, mangelte es an Glauben. Wie sollten sie da auf andere überzeugend wirken? Jesus wusste es schon vorher. Deshalb musste er noch ein kleines Weilchen bleiben. Die Männer glaubten mit dem Verstand. Was sie sahen, glaubten sie, was sie nicht sahen glaubten sie nicht.
Im Johannesevangelium steht: "sie wussten die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste" (Joh 20, 9). Besser müsste es heißen, sie verstanden die Schrift noch nicht, denn Jesus hat ihnen vor seinem Tod nichts als die Schrift ausgelegt. Aber das ist nicht das Kernproblem und trifft den Punkt nicht wirklich.
Das Problem Jesu mit den Jüngern war der Glaube und Jesus sagte es ihnen auch auf dem Weg nach Emmaus, wie so oft in seiner direkten, schonungslosen Art: O ihr Toren mit euren trägen Herzen, wieso glaubt ihr nicht, was bei den Propheten geschrieben steht. Man hört ihn innerlich stöhnen: Wie oft habe ich euch gesagt, dass die Schrift erfüllt werden muss? Und noch einmal erklärte er es ihnen. Die Jünger hörten und hörten doch nicht, sie verstanden einfach nicht, was er sagte.
Jesus musste in der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt bei den Jüngern den Glauben in ihrem Herzen stärken. Sie mussten lernen ohne ihn auszukommen. Er war nun schon gestorben, das heißt nicht mehr im irdenen Leben. Den Jüngern erschien er sozusagen noch häppchenweise, als Appetithappen, um ihnen klar zu machen: Alles was ich gesagt habe, ist wahr, aber ihr müsst es glauben, auch wenn ihr mich nicht mehr seht, wenn ich keine Wunder vor euren Augen mehr vollbringe. Dass ihr mich, bis ich endgültig zu meinem Vater aufsteige und euch endgültig aus den sichtbaren Augen gehe, nochmals sichtbar wahrnehmen könnt, ist ein Wunder das ich tue, um euch in den rechten Glauben zu bringen. Ihr braucht den Glauben im Herzen, damit ihr denen, denen ihr mein Wort weitertragen sollt, glaubwürdig erscheint.
Jesu sagt nicht umsonst, ihr habt "träge" Herzen. Er will ihnen sagen, ihr müsst euer Herz bewegen, ihr müsst mich in eurem Herzen finden, nur dort werde ich zukünftig noch für euer inneres Auge sichtbar sein. So bewahrt mich in eurem Herzen und glaubt was ich euch verkündet habe.
Zur Bekräftigung isst Jesus mit ihnen Brot und Fisch, lässt sich quasi von ihnen bildlich aufessen, damit ihr Glaube endlich innerlich werde (Luk 24, 41ff oder Joh 21, 12ff). Er lässt sie seinen Leib aufessen mit Brot, damit der Glaube bei den Jüngern von außen nach innen kommt, physisch verinnerlicht wird, da Jesu leiblich sichtbar als Glaubensanker nicht mehr zur Verfügung stand. Jedes Abendmahl ist eine solche Erinnerung an das innerliche Vorhandensein Jesu in unseren Herzen. Erst durch diesen bildlichen Akt Jesu wurden "ihre Augen" (Luk 24, 31) und ihr Verständnis (Luk 24, 45) geöffnet.
Zusammengefasst ist all dies in Jesu Standpauke an den ungläubigen Thomas: "Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh 20, 29).
Ohne diese Zeichen und diese nachösterliche Stärkung und Bekräftigung durch Jesus, wären die Jünger nicht in der Lage gewesen, Jesu Wort wirklich weiterzutragen. Zu ungläubig, zu wenig sehend, zu wenig verständig wären sie gewesen. Sie waren entmutigt, verloren, verängstigt. Sie verkrochen sich vor den Juden, anstatt dass sie in die Welt hinaustraten, um zu predigen (Joh 20, 19). Die Gottesherde hatte ihren sichtbaren Hirten verloren und war deshalb völlig konfus, ungläubig. Jesus musste sie erst wieder versammeln, ihre ängstlichen Herzen einsammeln und ihren Glauben in ihrem Herzen sammeln, auf dass sie fest und innerlich im Glauben werden, um ihrer Mission gewachsen zu sein.
Lieber Luther, ich glaube, das ist auch eine Botschaft an uns für die Nachosterzeit. Das große Fest der Auferstehung ist vorbei, das Schwere liegt vor uns: das Glauben. Aber haben wir immer die richtige Sammlung im Herzen, dass wir auf Gottes Wort dort auch hören, dem Glauben schenken, was wir dort hören und entsprechend handeln?
Vielleicht sollten wir die Zeit bis Himmelfahrt nutzen und auf unsere Sammlung im Herzen achten. Eine stillere Zeit, als ich eigentlich dachte. Die Herausforderung im Glauben ist nach Jesu Tod größer als vorher, als er noch Mensch war. Leiden wir nicht oft unter der Jüngerkrankheit? Jeder prüfe sich selbst, es gibt keinen anderen in diesem irdischen Leben, der das für einen tun kann. Ich wünsche dir viel innere Sammlung, die allen Anfechtungen widersteht,
Mit österlichen Grüßen
Deborrah

Samstag, 30. März 2013

Wo ist Jesus am Karsamstag?


Lieber Luther,
Ich hatte dir ja schon geschrieben, dass die Karwoche eine Woche ist, die mich immer besonders schlaucht. Entschuldige bitte, wenn ich dich mit Briefen zudecke, wobei ich dir gar nicht so viele Briefe schreiben kann, wie ich eigentlich müsste, so viel spukt mir im Kopf herum.
Ich stelle dir heute eine Frage, über die du vielleicht auf den ersten Blick perplex bist. Was ist eigentlich am Karsamstag passiert? Wo war Jesus? Die Bibel gibt hierzu ohne weiteres Nachdenken keine offensichtliche Antwort. Predigten stehen ja am Karsamstag heutzutage nicht mehr auf dem Tagesplan, so kann man sich über die Frage hinwegschummeln und ich muss selbst eine Antwort finden.
Greifen wir das Matthäusevangelium auf. Die Antwort ergibt sich, indem wir uns in den Schmerz Jesu hineinfallen lassen, in die letzte Minute vor seinem körperlichen Tod.
Die Welt verfinsterte sich in dem Maße, indem sie sich in Jesus verfinsterte, das Erdenlicht sich aus ihm zurückzog. Sein körperliches Leben war zu Ende, gedemütigt, hilflos, zerschunden, nackt hing er am Kreuz, körperlich vollkommen ausgeliefert. Bevor sich der Mantel seines barmherzigen Vaters um ihn legte und ihn deckte, schrie er aus tiefster Seele: Eli,Eli, lama asabathani?
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Kein Erbarmen, keine Menschlichkeit unterm Kreuz? Mein Gott, mein Gott, graust es dir nicht vor deiner Schöpfung, deinem ungöttlichem Ebenbild, warum lieferst du mich so aus? Mein Gott, wieso? So hör mich doch, ich bin dein Sohn! Siehst du denn mein Leid nicht, hörst du nicht, wie meine Seele weint?
Der Schmerz über dieses Gericht und diesen göttlichen Ratschluss entriss seiner Seele das letzte Entsetzen über Gottes Schöpfung. Ein göttlicher Aufschrei, der die Welt und die Seelen derer, die noch nicht ganz abgestumpft waren, erbeben ließ. Ein Schrei, der die Welt in ihren Grundfesten erzittern ließ. Die Felsen zerrissen, die Gräber taten sich auf, "und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen." (Matth 27, 52). Nichts war mehr wie vorher.
Die bei Jesu Tod aus den Gräbern stiegen, waren diejenigen, die das Land der Verheißung nur aus der Ferne gesehen hatten, aber glaubten, dass sie nur Gäste und Fremdlinge auf der Erde sind. "Denn dieses solches sagen, geben zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen" (Hebr 11, 13).
Jesu Schrei hat sie aus den Gräbern geweckt, denn mit Jesus war es nun möglich in die ersehnte Stadt der Verheißung zu gelangen, Jesus hat mit seinem Schrei das Siegel aufgebrochen, das Tor stand nun offen. "Darum schämt sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet" (Hebr 11,16).
In diesen Worten liegt die ganze Tragik Gottes: Es gibt einen Teil seiner Schöpfung, der sein Wohlgefallen hat. Über den anderen Teil schämt er sich vor sich selber. Er schämt sich für seine eigene Schöpfung, er schämt sich wohl auch vor seinem Sohn. Seine aus dem Ruder gelaufene Schöpfung hat Jesu Leiden notwendig gemacht. Jesu scheitern und Ohnmacht war Gottes scheitern und Ohnmacht seiner tauben Schöpfung gegenüber.
Gott hat Jesu Schrei gehört. Er hat alles zusammenfallen lassen, was nicht in seine Stadt gehört. Er hat "mir ein Rohr gegeben, einem Stecken gleich" und sprach, stehe auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten" (Offenb 11,1). Das Maß war der Stecken des Kreuzes. Der Vorhang des Tempels zerteilte sich. Auf der einen Seite waren und sind diejenigen, die sich unter und hinter dem Stecken versammelten, auf der anderen Seite waren und sind diejenigen, die Gott nicht zu seinem Volk zählte und zählt.
Diejenigen aber, die auf der Nichtglaubensseite waren, und die auf hohle Felsen bauten, deren Fundamente zerrissen in tausend Teile. Um insbesondere diese zu retten, ist Jesus gekommen. Er ist zur Rettung der Schöpfung gesandt, nicht zu deren Vernichtung. Gott will seine gesamte Schöpfung retten, nicht nur einen Teil.
Und so sammelte Jesus die zerborstenen Teile in der Zeit zwischen seinem körperlichen Tod und seiner Auferstehung ein, nahm diese Sündenlast auf die Schulter, trug sie vor Gott und bat um Vergebung dieser Sündenlast. Der Heilland trug die zerborstene, die widerborstige Schöpfung nach Hause und machte sie damit heil.
Diejenigen Teile der Schöpfung, die er tragen musste, konnten selber nicht gehen. Sie waren blind, krank, Krüppel an Leib und Seele. Er versöhnte mit diesem Tun Gott wieder mit seiner eigenen Schöpfung. Jesus hat durch seinen Tod uns – all diejenigen, die jenseits des Glaubensvorhangs sind – die göttliche Vergebung erwirkt.
Erst nachdem er diese Last von den Menschen und vor Gott getragen hat, war die Welt versöhnt, konnte Gott verzeihen und uns wieder als Kinder annehmen. Jesus konnte erst auferstehen, als er sich von der menschlichen Sündenlast entlastet hatte. Mit diesem Sündenpaket auf der Schulter war eine Auferstehung nicht möglich.
Lieber Luther, das ist so etwas wie das Missing Link zwischen Tod und Auferstehung Jesu, aber ein für uns entscheidendes. An sich dachte ich, der Karsamstag sei ein furchtbarer, weil gottloser Tag, da Jesus tot und noch nicht auferstanden war. Aber ich muss jetzt feststellen, dass es ganz und gar nicht so ist, es ist das Gegenteil. Es ist der Tag, der uns entsündigt, an dem Jesus unsere Sünden für uns vor Gott trägt und sie dort endgültig für alle Zeit und Ewigkeit für uns ablädt.
Das ist der göttliche Sterbe-Akt Jesu hinter der Vergebung der Sünden. Damit dies möglich ist, ist Jesu Tod notwendig. Gott mag schon im Alten Testament keine Menschenopfer, schon gar nicht das seines Sohnes. Isaak musste auch nicht sterben. Jesus musste sterben, weil er nur sterbend unsere Sünden in einem einmaligen Akt vor Gott tragen und für sie einstehen konnte. Jesus musste sterben, damit unsere Sünden sterben können, um dies auch für uns zu ermöglichen. Jesus hat bei Gott einen Platz für unsere Sünden geschaffen.
Adam und Eva hat Gott wegen ihres Ungehorsams aus dem Paradies der Unschuld verwiesen. Mit Jesus hat er uns wieder das Tor geöffnet. Mit Jesus schließt sich der Kreis zur Schöpfungsgeschichte, Jesus entschuldet uns wieder und bringt uns wieder unschuldig zu Gott.
Heißt das, dass wir die Generalabsolution haben für alle Sünden, die wir getan haben und tun werden? Nein, das heißt es nicht. Solange wir auf der falschen Seite des Vorhangs stehen und nicht in einem willentlichen, bereuenden Akt im Leben oder im Sterben auf die richtige Seite wechseln, bleibt der Platz bei Gott für uns offen, aber unbesetzt.
Lieber Luther, da bleibt mir fast die Luft weg. Karsamstag, der bedrohliche Tag ohne Jesus, ist ein Tag voller Jesus. Salopp ausgedrückt erleichtert er sein Reisegepäck für die letzte Reise vor der Auferstehung, bevor er endgültig wieder ganz eins wird mit seinem Vater.
Gut, dass ich mich damit auseinandergesetzt habe. Dennoch, verwundert bin ich schon über das Resultat, allerdings auch nicht das erste Mal. Damit ist mir auch schon klar, über was ich an Ostern nachdenken muss.
Danke für dein offenes Ohr und
herzliche Grüße
Deborrah

Freitag, 29. März 2013

Stabat Mater - Marias Schmerz


Lieber Luther,
obwohl Marienverehrung ja nicht gerade evangelisch ist, sollte das Stabat Mater auch in der evangelischen Kirche einen Platz haben. Vielleicht kennst du es ja auch als alter Mönch. Es ist so um 1200/1300 entstanden, bevor die Kirchen sich teilten. Es ist sozusagen eine gemeinsame Wurzel.
Es sei allen Müttern und Vätern zugedacht, die ein Kind verloren haben, auch dir. Sie kennen den Seelenschmerz, den das verursacht und können mit Maria mitfühlen und mitweinen und umgekehrt. Der Schmerz findet im „Stabat Mater“ eine Heimat. Maria ist in diesem Schmerz unsere Schwester und eine Mutter, zu der wir unseren Schmerz tragen können. Sie weiß, von was wir reden, und sie weiß, wie bedürftig wir in unserem Schmerz sind – auch nach langer Zeit.
Stabat mater dolorosa
Iuxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius.
Cuius animam gementem,
Contristatam et dolentem
Pertransivit gladius.
O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti!
Quae maerebat et dolebat,
Pia Mater, dum videbat
Nati poenas inclyti.
Quis est homo qui non fleret,
Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum Filio?
Pro peccatis suae gentis
Vidit Iesum in tormentis
Et flagellis subditum.
Vidit suum dulcem natum
Morientem desolatum,
Dum emisit spiritum.
Eia mater, fons amoris,
Me sentire vim doloris
Fac, ut tecum lugeam.
Fac, ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum,
Ut sibi complaceam.
Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.
Tui nati vulnerati
Tam dignati pro me pati,
Poenas mecum divide!
Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero.
Iuxta crucem tecum stare
Ac me tibi sociare
In planctu desidero.
Virgo virginum praeclara,
Mihi iam non sis amara:
Fac me tecum plangere.
Fac ut portem Christi mortem,
Passionis fac consortem,
Et plagas recolere.
Fac me plagis vulnerari,
Cruce hac inebriari
Et cruore Filii,
Flammis urar ne succensus,
Per te Virgo, sim defensus
In die iudicii.
Fac me cruce custodiri,
Morte Christi praemuniri,
Confoveri gratia.
Quando corpus morietur,
Fac ut animae donetur
Paradisi gloria.
Lieber Luther, ich glaube, auch der Schmerz über all das Geschehene, für das es keine Worte gibt, muss einen Ort haben, auch ihn muss man durchleben, ihn nicht abprallen, sondern durch einen durchfließen lassen. Das Wasser der Tränen dieses Schmerzes hat heilende Wirkung auf unsere Wunden, wenn auch Meere durchfließen müssen, bis die stärksten Schmerzen nachlassen.
Ohne dem Schmerz und dem Leid seine Zeit und seinen Raum zu geben, gleich zum Halleluja überzugehen, geht nicht. Jesus ist erst am 3.Tag auferstanden. Schmerz und Leid ist notwendig, um zum Ostermorgen zu gelangen. So halten wir diesen Schmerz aus in der Hoffnung, dass irgendwann der Ostermorgen kommt. Dass dieser kommt, sei ein Osterwunsch für all diejenigen, die es betrifft.
Hier geht es zum deutschen Text.
Gergorianisch in Latein: